Die ersten Wahlen nach dem Krieg fanden in Berlin vor genau 80 Jahren statt. Für die SED war es eine krachende Niederlage. Heute ist sie die stärkste Kraft der Stadt – und die einzige Partei von damals, die zugelegt hat. Was ist da passiert zwischendurch?
picture alliance / Daniel Lakomski | Daniel Lakomski
20. September 2026, kurz nach 18.00 Uhr. Auf der Großbildleinwand erscheint die erste Wahlprognose. Der Saal explodiert förmlich.
Die „Linke“ liegt vorn. Weit vorn. Spitzenkandidatin Elif Eralp holt ihren Wahlkreis im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit 50,4 Prozent – direkt, ohne Umweg, sogar mit absoluter Mehrheit. Am Ende steht die Partei bei 25,7 Prozent. Platz eins.
Es ist das erste Mal, dass die umbenannte SED in ganz Berlin bei Landtagswahlen vorne liegt. Beim ersten Mal, als sie in ganz Berlin zu Wahlen angetreten ist, sah das ganz anders aus.
Erste Wahl
20. Oktober 1946. Berlin ist ein Trümmerfeld. Die Rote Armee im Osten und die Soldaten der Alliierten in den Westsektoren stehen überall in den Straßen. Den Alltag beherrscht die Lebensmittelkarte. Zum ersten Mal seit 1932 dürfen die Berliner frei und geheim wählen.
Für 44 Jahre wird es auch das letzte Mal sein, dass sie es gemeinsam tun.
Die SED geht ins Rennen mit allem, was eine Besatzungsmacht ihrer Lieblingspartei mitgeben kann. Das Programm: Sozialisierung der Industrie – übersetzt: Enteignung. Wenige Monate zuvor hatten die Sowjets die Sozialdemokraten der „Ostzone“ in die Zwangsehe mit der KPD gepresst. Die Berliner Sozialdemokraten in den Westsektoren verweigerten sich. In ihrer Urabstimmung sagten mehr als 80 Prozent „Nein“.
Die Wahllokale waren zwölf Stunden geöffnet. Um 20.00 Uhr begann die Auszählung. Die Telefone funktionierten nicht, deshalb brachten Schwimmer (!) die in wasserdichten Beuteln verschlossenen Wahlresultate zum anderen Spree-Ufer. Von dort aus wurden sie dem zentralen Wahlvorstand übermittelt. Das Ergebnis war binnen weniger Stunden nach Wahlschluss bekannt – so rechtzeitig, dass die Zeitung „Tagesspiegel“ schon im Morgengrauen des 21. Oktober 1946 ein Extrablatt auslieferte: „Berlin hat entschieden – Die Antwort des Volkes”.
Zum Vergleich: Das vorläufige Ergebnis des Jahres 2026 sollte der Landeswahlleiter gegen 01.30 Uhr nachts verkünden. Ohne Telefon, mit Schwimmern und zwischen Trümmern dauerte es 1946 also nicht wesentlich länger als heute.
Rotes Berlin
Das Ergebnis von damals dürfte den meisten heutigen Politikern die Tränen in die Augen treiben.
• SPD: 48,7 Prozent
• CDU: 22,2 Prozent
• SED: 19,8 Prozent
• LDP: 9,3 Prozent
Moskaus Kunstpartei holt also nur Platz drei. In Kreuzberg ist es noch ärger: Da kommt die SPD sogar auf 56,4 Prozent. Die SED erreicht nur genau 15 Prozent.
Die Sowjets lernen an diesem Abend ihre Lektion, und sie lernen sie gründlich. Frei gewählt wird die SED nicht. Also wird im Osten nicht mehr frei gewählt. Fortan regiert die Einheitsliste mit 99 Prozent.
Links, aber nicht sozialistisch
Berlin war schon 1946 eine linke Stadt. SPD und SED zusammen kamen auf 68,5 Prozent der Stimmen – mehr als zwei Drittel. Das bürgerliche Lager aus CDU und LDP war mit 31,5 Prozent weniger als halb so groß.
Das ist die Ausgangslage. Seit 80 Jahren.
Doch die linke Mehrheit in Berlin von 1946 kannte einen Unterschied, den ihre Urenkel vergessen haben. Die SPD war die härteste antikommunistische Kraft in der Stadt und im ganzen Land: Kurt Schumacher, Ernst Reuter, Louise Schröder – diese Sozialdemokraten wussten, was eine Diktatur ist, weil sie gerade eine überlebt hatten. Sozialdemokrat sein hieß 1946 in Berlin: gegen die SED sein. Mit dem Stimmzettel, mit dem Körper, mit allem.
Kassensturz nach 80 Jahren
Spulen wir vor. September 2026, dieselbe Stadt, dieselben Parteien. Aber ganz andere Zahlen.
Die SPD
Sie erreicht gerade noch 12,1 Prozent. Das ist das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte bei einer Wahl zum Abgeordnetenhaus. Minus 36,6 Prozentpunkte gegenüber 1946. Drei Viertel ihrer Wählerschaft sind verdampft. Das einzig Große an der Partei von Ernst Reuter in Berlin ist ihre Vergangenheit.
Die FDP
Die Nachfolgerin der LDP, dümpelt mit erbärmlichen 2,5 Prozent knapp über der statistischen Wahrnehmbarkeitsschwelle. Der politische Liberalismus ist in der Hauptstadt der Republik parlamentarisch tot. Ein Nachruf erübrigt sich, es merkt ohnehin niemand.
Die CDU
Sie holt 18,8 Prozent. Achtzig Jahre Wiederaufbau, Luftbrücke, Wirtschaftswunder, Mauerfall, Wiedervereinigung – und die Berliner Union steht schlechter da als direkt nach dem Krieg. Ihr Spitzenkandidat Stefan Evers verliert sogar sein Direktmandat.
Und die SED?
Mit neuem Namen, aber verblüffend ähnlichem Programm (Enteignungen) erreicht sie 25,7 Prozent. Das ist ein Plus von 5,9 Prozentpunkten. Sie ist die einzige Partei, die schon 1946 auf dem Wahlzettel stand – und heute stärker ist als damals.
Die Partei, die die Berliner vor 80 Jahren mit Schimpf und Schande davongejagt haben, ist die einzige, die das Rennen über acht Jahrzehnte gewonnen hat.
Linke Mehrheit schmilzt
Jetzt kommt die Pointe, die in keinem öffentlich-rechtlichen Wahlstudio erzählt wird: Das linke Lager im traditionell linken Berlin insgesamt ist geschrumpft. Massiv sogar.
Die SED-„Linke“ (25,7 Prozent), die Grünen (14,3 Prozent), die SPD (12,1 Prozent) und das BSW (4,7 Prozent) kommen zusammen auf 56,8 Prozent der Wählerstimmen. Im Jahr 1946 hatten SPD und SED zusammen, wir erinnern uns, noch 68,5 Prozent geholt. Das sind minus 11,7 Prozentpunkte.
Das rechte Lager aus CDU und AfD kommt, zusammen mit den Restbeständen der FDP, auf 37,6 Prozent. Vor 80 Jahren erreichte das bürgerliche Berlin nur 31,5 Prozent.
Die Stadt ist heute weniger links als in der Stunde null.
Die Verschiebungen kommen nicht von den „Altparteien“: SPD, CDU und FDP haben alle verloren. Gewachsen ist allein die SED. Die Umschichtung erfolgt über neue Parteien: Rechts die AfD, links die Grünen und das BSW – eine Abspaltung der umbenannten SED, Fleisch von ihrem Fleische, mit Sahra Wagenknecht als Galionsfigur, die ihre politische Laufbahn einst in der SED begann.
Der entscheidende Unterschied zu 1946 ist dieser: Damals war die SED im linken Lager die kleinste Partei. Heute ist sie dort mit Abstand die stärkste Kraft.
Sozialisierung, die zweite
Was haben die Berliner da eigentlich gewählt? In Wahrheit: nichts Neues.
Die SED wollte 1946 die großen Industriebetriebe sozialisieren. Die umbenannte SED will 2026 die großen Wohnungsbaugesellschaften enteignen. Zum Enteignen ist ansonsten auch nicht mehr viel da: Industrie, die sich „sozialisieren“ ließe, hat Berlin ohnehin kaum noch. Die Stadt hängt am Tropf des „Finanzkraftausgleichs“ der Bundesländer.
Bayern zahlt, Kreuzberg gibt aus.
Das Programm ist erstaunlich stabil geblieben. Enteignung als Lösung, der Staat als Vermieter, der Unternehmer als Verdächtiger. 1946 war es eine Partei, hinter der sowjetische Panzer standen – und die Berliner sagten mit großer Mehrheit „Nein“. 2026 stehen Israel-Hasser, Islamisten und kriminelle Clans hinter ihr – und die Berliner sagen „Ja“.
Die Partei hat sich gar nicht so sehr verändert. Verändert hat sich das Publikum. Viele Wähler der umbenannten SED waren 1989 noch nicht geboren. Die Mauer kennen sie nur als Souvenir-Stein aus dem Museumsshop.
Die Reaktionen der selbsternannten Leitmedien sind Ausdruck einer bedrückenden Geschichtslosigkeit. Eine totalitäre Partei, die nie aufgelöst wurde, sondern nur den Namen gewechselt hat, gewinnt die Wahlen in der Hauptstadt – und das Feuilleton gratuliert zur jungen, frischen, sympathischen Spitzenkandidatin.
„Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Der Satz ist von Heinrich Heine. Das war ein linker Dichter, aber auch das weiß heute ja keiner mehr.
Die neue Mauer
Paradoxerweise ist das sogenannte bürgerliche Lager in Berlin heute größer als vor 80 Jahren. CDU und AfD kommen zusammen auf 35,1 Prozent der Stimmen.
Aber das bringt gar nichts, denn die Brandmauer steht. Sie ist das einzige Bauwerk, das die Berliner Christdemokraten in den vergangenen Jahren termingerecht fertiggestellt haben.
„Linke“, Grüne und SPD dagegen haben im Abgeordnetenhaus (also im Berliner Landesparlament) einen komfortablen Vorsprung. Weil BSW und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde zerschellt sind, reichen 52,1 Prozent der Stimmen für knapp 60 Prozent der Sitze. Das Lager schrumpft zwar historisch, regiert die Stadt aber dafür umso radikaler.
Berlin ist heute weniger links als 1946. Gleichzeitig ist das linke Berlin so links wie noch nie.


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Kommunisten, Islam & Clan´s.
Ich hoffe, dass Berlin zu einem richtigen, sichtbaren, greifbaren Shit-Hole wird, damit die geriatrischen, satten „Stammwähler“ aufwachen und begreifen können, wohin die Reise geht.
Den Bayern würde ich empfehlen, den Länderausgleich zu verweigern.
Kommt doch, ohne den Söder-Kasperl, nach Österreich.
Gemeinsam, ihr ohne Berlin, wir ohne Wien, können es besser.
Was da zwischendurch passiert ist? Dreissig Jahre Neoliberalismus.
Hochinteressant und eine hervorragende Analyse. Nur etwas fehlt, nämlich in welchen Stadtbezirken ist nun die Linke wirklich richtig stark vertreten und wo demgegenüber die einzige konservative Kraft, die AfD. Wenn ich mich richtig erinnere dann ist die AfD im Osten ! Der Stadt die stärkste Kraft, die Linken plus Grüne und SPD im Westen der Stadt. Ds hätte ergänzend auch dargestellt werden sollen!