Fake-Nuss: Nein, Covid-19 ist nicht die Haupttodesursache in Europa

Ausgerechnet in einer Rede gegen „alternative Fakten“ und „Verschwörungsmythen“ blamiert sich der Grünen-Politiker Belit Onay mit einer massiven Falschaussage über Corona-Tote. Der NDR verdrehte seine Behauptung dann noch weiter.

IMAGO / localpic
Oberbürgermeister Belit Onay bei den Kommunalwahlen 2021 in Hannover

Öffentliche Demonstrationen für Faktentreue fanden in Deutschland bisher selten statt. Am 14. Januar versammelten sich in Hannover etwa 2.500 Leute zu einer „Mahnwache für Zusammenhalt in der Corona-Pandemie“, offenbar konzipiert als eine Art offizielle Kundgebung gegen die landesweiten Demonstrationen von Corona-Maßnahmenkritikern. Die Veranstaltung, an der auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) teilnahmen, richtete sich laut NDR „gegen die Verharmlosung der Corona-Pandemie und entsprechende Verschwörungsmythen“.

Zu der „Mahnwache für Solidarität, Zusammenhalt und Demokratie“ hatten die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers, der Freundeskreis Hannover, der Deutsche Gewerkschaftsbund und das Bündnis „bunt statt braun“ aufgerufen. Onay widmete seine Ansprache speziell dem Kampf gegen Falschbehauptungen. Die Gesellschaft müsse sich ernsthaft Sorgen machen, wenn Menschen den Bezug zur Realität verlören und sogenannten alternativen Fakten mehr Glauben schenkten als der Wissenschaft. „Meinungen müssen und können wir aushalten“, so der Grünen-Politiker, „falsche Fakten allerdings nicht.“

Ausgerechnet in dieser Rede stellte Onay dann allerdings eine gravierend falsche Behauptung zu Corona auf: „Fakt ist, dass mehr als 115.000 Menschen allein in Deutschland an Corona gestorben sind. Das macht fassungslos, und vor allem macht das traurig. In Europa ist Corona die Todesursache Nummer eins.“

Screenshot: NDR

Der NDR, der breit und sehr wohlwollend über die Kundgebung gegen Alternativfakten berichtete, behauptete in einem ersten Beitrag fälschlich, Onay hätte Corona als Todesursache Nummer eins in Deutschland bezeichnet. Später korrigierte sich die ARD-Anstalt in einer redaktionellen Anmerkung: „Richtig ist, dass Onay Corona als häufigste Todesursache in Europa bezeichnet hat und sich dabei auf eine Studie der WHO bezog.“

Screenshot: NDR-Beitrag

Nur stimmt Onays Behauptung weder für Deutschland noch für Europa. Und eine entsprechende „Studie der WHO“, aus der sich Corona als Todesursache Nummer eins in Europa ergeben würde, existiert auch nicht.

Da der Grünen-Politiker die korrekte Zahl von bisher insgesamt 115.000 Menschen in Deutschland genannt hatte, die 2020 und 2021 entweder ursächlich an Covid-19 oder zumindest mit einem positiven Testergebnis gestorben waren, dürfte bei Kundgebungsteilnehmern zumindest der Eindruck entstanden sein, die Aussage zu der „Todesursache Nummer eins“ treffe auch für Deutschland zu. Eine Aufgliederung nach einzelnen Todesursachen für 2021 liegt noch nicht vor. Wohl aber für 2020.

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes starben in diesem ersten Corona-Jahr bundesweit insgesamt 985.572 Menschen. Davon erlagen 338.001 einer Herz-Kreislauf-Erkrankung – in den meisten westlichen Ländern die tatsächliche Todesursache Nummer eins. An zweiter Stelle folgten 239.600 Krebstote, den dritten großen Block mit 61.300 bilden Todesfälle durch Erkrankung der Atemwege. In diese Kategorie fallen als Teilmenge die 39.758 Corona-Toten des Jahres 2020 – also an und mit Covid-19 Verstorbene.

Von der bis heute in Deutschland immer noch fehlenden Unterscheidung zwischen dem ursächlichen Tod an den Symptomen der Viruserkrankung und den Patienten mit einer Covid-19-Diagnose, die aber an einer anderen Ursache starben, einmal abgesehen, lag Corona also im Jahr 2020 in Deutschland auf Platz drei der Todesursachen. Allerdings sind die Abstände zwischen den Gruppen gewaltig: Herz-Kreislauferkrankungen waren für 34 Prozent aller Todesfälle ursächlich – Corona insgesamt für gut 4 Prozent. Auch für 2021 sind wesentliche Änderungen dieser Größenverhältnisse nicht zu erwarten.

Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen dominieren die Todesstatistik in den allermeisten europäischen Ländern bei Weitem – weswegen Onays Behauptung auch für den Kontinent nicht stimmt. Was bemüht er überhaupt als Quelle? Der NDR nennt in seinem Bericht eine Meldung der Evangelischen Nachrichtenagentur epd und die ominöse Studie der WHO – wobei die epd in ihrer Meldung nur die WHO zitiert, und das auch nur vage. In Wirklichkeit existiert keine entsprechende „WHO-Studie“, sondern nur eine Pressemitteilung des WHO-Regionalbüros Kopenhagen vom 23. November 2021, in der die Behauptung von Corona als „Todesursache Nummer eins“ auftaucht.

Allerdings bezieht sich diese Aussage nicht auf den gesamten zeitlichen Verlauf von Corona, also von Anfang 2020 bis Ende 2021, sondern auf ein nicht näher definiertes „derzeit“ – was eine Woche, mehrere Monate oder einen anderen Zeitraum umfassen kann. Und die WHO-Presseveröffentlichung spricht auch nicht von „Europa“, sondern von einer deutlich größeren Region, nämlich Europa und Mittelasien, ein Gebiet, zu dem die Organisation insgesamt 53 Staaten zählt. Die Zahl der Covid-19-Toten in dieser Großregion beziffert die Pressemitteilung auf insgesamt 1,5 Millionen.

Screenshot: WHO / Europa

Möglicherweise gab es in diesem Gebiet tatsächlich einen kurzen Zeitraum, in dem die an und mit Corona Verstorbenen an der Spitze der Todesartenstatistik lagen. Da der Zeitraum nicht genannt wird, lässt sich die Aussage nicht überprüfen. Wahrscheinlich ist das allerdings nicht, jedenfalls nicht für eine größere Zeitspanne. Und es trifft mit Sicherheit weder für die EU noch für Europa in den Corona-Jahren 2020 und 2021 zu. Seine falsche Behauptung hatte Onay aber ausdrücklich für Europa aufgestellt.

Die Zahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der resultierenden Todesfälle bleibt generell für einzelne Länder weitgehend stabil. Große Zahlenschwankungen von Jahr zu Jahr gibt es nicht. Nach den Angaben der Dachorganisation „European Heart Network“, einem Zusammenschluss von Organisationen und Stiftungen zur Bekämpfung von Kreislaufkrankheiten, sterben pro Jahr in Europa etwa 3,9 Millionen und in der EU mehr als 1,8 Millionen Menschen an kardiovaskulären Erkrankungen. Nach Angaben der Organisation machen letal verlaufende Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa 45 Prozent und in der EU 37 Prozent aller Todesfälle aus (Deutschland liegt also mit 34 Prozent nur leicht unter dem EU-Durchschnitt). Der Fachorganisation zufolge sind kardiovaskuläre Erkrankungen in der Mehrheit der europäischen Länder Todesursache Nummer eins: Für Männer in allen europäischen Staaten mit der Ausnahme von 12, für Frauen überall mit der Ausnahme von zwei Ländern.

Die entsprechenden Gesamtzahlen für die EU liegen zwar nur für Vor-Corona-Zeiten vor, aber die decken sich mit den Angaben des „European Heart Network“: 1,68 Millionen Herz-Kreislauf-Tote EU-weit für 2016, und 1,7 Millionen für 2017. Nichts spricht dafür, dass diese Daten für 2020 und 2021 in der EU drastisch geringer ausgefallen sein sollten.

Vor allem nennt das „European Heart Network“ allein für Europa eine deutlich höhere Zahl von Herz-Kreislauf-Toten – 3,9 Millionen jährlich – als das WHO-Regionalbüro Kopenhagen für die gesamte Corona-Zeit 2020 und 2021 und eine Region von 53 Staaten: In der Pressemitteilung ist, siehe oben, von 1,5 Millionen Corona-Toten für Europa und Mittelasien insgesamt die Rede.

Kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs führen die Todesursachenstatistik mit so weitem Abstand in fast allen Ländern dieser Region an, dass Corona als Todesursache Nummer eins selbst für einen Zeitraum wie ein Quartal oder ein halbes Jahr völlig unplausibel selbst für die Großregion Europa und Mittelasien erscheint. Und auch für die Welt insgesamt. Die weltweite Krebsstatistik für 2020, veröffentlicht in der National Library of Medicine, gibt eine Gesamtzahl von 10 Millionen Krebstoten an. Die Gesamtzahl der Covid-Toten über den Pandemieverlauf, also von Anfang 2020 bis zur Gegenwart, beträgt laut Johns Hopkins University weltweit 5.337.995 (Stand 16. Januar 2022). Auch hier übersteigt also schon eine einzelne der Haupttodesursachen die Zahl der Corona-Opfer global sehr deutlich.

Für die Jahre 2020 und erst recht 2021 existieren noch keine EU-weiten und europaweiten Aufschlüsselungen nach einzelnen Todesarten. Für einige Länder allerdings schon. Und auch diese Zahlen bestätigen das Bild: Corona – immer mit dem Abschlag, dass die Zahl nicht nur die ursächlich an Covid Verstorbenen erfasst – lag wie in Deutschland auch anderswo auf Platz drei der Statistik, und zwar mit deutlicher Distanz zu den führenden Todesarten. Für Frankreich gibt es eine 2020er Auswertung bei dem Portal Statista. In dem Land, das gerade 2020 im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung deutlich mehr Corona-Verstorbene zu verzeichnen hatte als Deutschland, steht die Virus-Erkrankung hinter den Krebstoten und den an Herz-Kreislauf-Erkrankungen Verstorbenen ebenfalls an dritter Stelle in der Statistik.

Screenshot: Statista

Es gibt auch hier keinen Grund zu der Annahme, dass sich diese Proportion für 2021 gravierend ändert.

Sehr aktuelles Zahlenmaterial bietet das britische Office for national Statistics für England und Wales, und zwar für den November 2021. Sie richtet sich nach der diagnostizierten Krankheit zum Todeszeitpunkt, weshalb auf Platz eins der Todesursachen Alzheimer und Demenz liegen. Platz zwei nehmen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein, auch hier liegt an dritter Stelle mit deutlichem Abstand Covid-19. Anderes Land also, eine etwas andere Zählweise, ein anderer Zeitraum – aber grundsätzlich genau das gleiche Bild wie in Deutschland und Frankreich. Die Aufschlüsselung für England und Wales enthält außerdem noch einen Vergleich der aktuellen Zahlen mit dem Fünfjahres-Durchschnitt der Todesursachen (ausgenommen natürlich Corona). An dem Vergleich lässt sich gut ablesen, wie stabil die Haupttodesursachen auch im Verlauf mehrerer Jahre bleiben.

Die Zahlen zeigen durchweg, dass es sich bei Covid-19 um eine ernstzunehmende Erkrankung handelt. Um das zu belegen, hätte Onay einfach nur korrekt darstellen müssen, dass es sich bisher in Europa um die Todesursache Nummer drei handelt. Mit seiner maßlosen Übertreibung tat er selbst aber genau das, was er denjenigen vorwirft, die seiner Meinung nach alternative Fakten verbreiten.

Fazit: Ausgerechnet auf einer Kundgebung gegen falsche Fakten zu Corona blamiert sich der Grünen-Politiker Belit Onay mit einer massiven Falschaussage über Corona-Tote; der NDR verschlimmerte seine verdrehte Behauptung dann noch durch eine weitere Verzerrung. Bis jetzt korrigierte sich Onay nicht. Auch nach der Kundgebung zeigte er sich hoch zufrieden mit seiner Rede.

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Kommentare ( 29 )

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luxlimbus
4 Monate her

Der Knabe erinnert mich an die „behelmten“ Fotografen, auf den Spaziergängen/Demos gegen die Impfpflicht, der Lügen-Presse. Gefangen in den Narrativen der unhinterfragten, eigenen Blase.

Orlando M.
4 Monate her

Da passt die heutige Umfrage der Bildzeitung bei den Gesundheitsministerien gut ins Bild. Nach den Angaben der Ministerien sind bis zu 29% der offiziellen Corona-Toten nicht an Corona verstorben.
Da die Angabe von den Ministerien selber kommt und nicht von den pösen Indy-Medien, kann man da gewiss noch einige Prozent draufrechnen.

Mausi
4 Monate her

Was auffällt, es gibt überhaupt keinen natürlichen Tod. Mein Vater wird auch an Alzheimer/Demenz versterben. Aber in Wahrheit ist es ein Sterben mit Alzheimer/Demenz. Todesursache ist das natürloche Ende des Lebens.

Und was auch auffällt, wie kann die WHO eine „Pressemitteilung“ rausgeben, von der sie doch wissen muss, dass sie missbraucht wird?

Last edited 4 Monate her by Mausi
Jens Frisch
4 Monate her

Wenn man sich den tweet vom Hannoveraner Bürgermeister anschaut, kann man konstatieren: @argonerd hat ihn ganz allein zur Strecke gebracht!

November Man
4 Monate her

Von den Grünen ist man solche Falschaussagen gewohnt.
In einem Land, in dem es untersagt ist die angeblichen Corona-Toten auf die vorliegende Todesursache zu untersuchen um die tatsächliche Todesursache zu verheimlichen und zu verschleiern, sollte man solche unbewiesene Behauptungen unterlassen.
Aus Amerika sind Untersuchungen bekannt, nach denen von den vorgeblichen Coronatoten gerade mal ca. 6% wirklich an Corona verstorben sind.
Grüne? Nein Danke! Lügen haben kurze Beine.  

luxlimbus
4 Monate her

Gäbe es so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit, wären jetzt Amtsenthebung und Hausdurchsuchung bei dem verantwortungslosen Herren angesagt. Aber die woke Bourgeosie verschont einander. Was für hässliche Zeiten!

Elli M
4 Monate her

Wer diesem *** auch nur zuhört, dem ist nicht mehr zu helfen.
Zu Beginn der sog Krise hatte er sich erstmal ewig in seiner Elternzeit verpieselt, statt den hannöverschen Unternehmern und allen schwer Betroffenen zur Seite zu stehen. Man mußte ihn quasi ins Rathaus schleifen. Aber von dort kommt sowieso nur sinnfreier, steuergeldverplempernder Huschnusch, Hauptsache, Hannover wird autofrei. Die Blase, in der solche Leute leben, reicht von hier bis nach Meppen und besteht sowieso nur aus (sSelbst-)Lügen). Der Typ ist eine Abrißbirne, aber wie gewählt …

RMPetersen
4 Monate her

Weder wird ein Grünen-Politiker für Falschaussagen um Entschuldigung bitten noch wird der NDR (oder sonst ein Öff.-Rechtlicher) aufhören, Fakemedlungen zu verteidigen.

Das würde nämlich „die Bevölkerung verunsichern“ (- Innenminister de Maizière 2015) bzw. „den Falschen in die Hände spielen (- zeitlos).

Monostatos
4 Monate her

In dieser Aufzählung fehlen die bedauernswerten Menschen, die den erklecklichen Fehlleistungen der Mediziner – z.B. aufgrund aggressiver Zwangsbeatmung seitens verantwortungsloser Intensivmediziner – Jahr für Jahr zum Opfer fallen. M.W. nimmt das als Todesursache Platz drei ein.

Monostatos
4 Monate her

Gibt es von Sozialisten irgendetwas Anderes als grobe Lügen? Die Grünen sind eine linksextremistische Kaderpartei, die mittels jahrzehntelanger Panikmache die Bevölkerung manipulieren. Wer sie wählt, verrät den Frieden, die Umwelt und die Gesellschaft.