Kultur gibt’s ab sofort barriere- und diskriminierungsfrei

Der Text, den die künftigen Ampel-Koalitionäre zusammengeschustert haben, ist schon sprachlich das reine Grauen. Allein das Kapitel über „Kultur- und Medienpolitik“ ist für halbwegs gebildete Menschen kaum lesbar.

IMAGO / Fotostand
Die künftige Kulturstaatsministerin Claudia Roth

Für wen ist diese Fleißarbeit von 178 Seiten namens Koalitionsvertrag eigentlich gedacht? Für Juristen, Verwaltungsangestellte und blutleere Bürokraten, die Verlautbarungssprache gewohnt sein dürften? Ganz sicher nicht für den lebendigen oder gar „kreativen“ Bürger.

Allein das Kapitel über „Kultur- und Medienpolitik“ richtet sich vielleicht an GleichstellungsbeauftragtInnen und Diversity-Lobbyisten, aber nicht an halbwegs gebildete Menschen, die von Kultur mehr verstehen als in den Beutel passt.

„Wir stehen für eine diskriminierungsfreie Kultur- und Medienpolitik“, heißt es da etwa, und: „Wir wollen Kultur in ihrer Vielfalt als Staatsziel verankern und treten für Barrierefreiheit, Diversität, Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeit ein.“

Zeit zum Lesen
"Tichys Einblick" – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen
Wie soll man das verstehen? Kultur ist Staatsziel? Und nicht etwa die Äußerungsform von Musikern und Schriftstellern, Schauspielern, Fotografen und anderen? Und was heißt „diskriminierungsfrei“? Ab sofort keine ironielastigen Wortspiele mehr, weil sich dadurch irgend jemand beleidigt fühlen könnte? Schon etwas ältere und noch unzensierte Romane verbieten, in denen Indianerhäuptlinge vorkommen? Und wie verträgt sich das mit „Kultur in ihrer Vielfalt“? Überhaupt: Wie kann Kultur Staatsziel sein? Ist das so etwas wie „Kunst am Bau“?

Und was um Himmelswillen ist unter „Barrierefreiheit“ zu verstehen? Soll es nur noch Bücher geben, die Analphabeten nicht überfordern? Und müssen alle Bilder in den Museen und Galerien abgehängt werden, die komplizierter sind als Höhlenmalereien? Geschlechtergerechte Filme und Theateraufführungen? Nachhaltige deutsche Schlager – fremdsprachige Popmusik wäre ja nicht barrierefrei?

Oder verstehe ich diesen Slang einfach nicht, so als alte weiße Frau?

Ich weiß nicht, was es mit Kultur zu tun hat, wenn Jurys und Gremien künftig paritätisch und divers besetzt sein sollen. Bislang haben uns ausgerechnet unsere Politiker nicht gerade bewiesen, dass uns dadurch ein Qualitätsgewinn entsteht. Ich verstehe nicht, was „hybrid beschäftigte Kreative“ sein sollen und was „Green Culture“ aka „ökologische Transformation“ mit Kultur zu tun hat – es sei denn, die Autoren haben dabei an Voltaire gedacht, dessen Candide am Schluss seines Schmerzenswegs resigniert „Il faut cultiver son jardin“ sagt – man müsse sich angesichts des Elends der Welt auf die Pflege seines Gartens zurückziehen. Doch so viel Bildung hat niemand, der ein derart uninspiriertes Deutsch schreibt. 

Denn es wird nicht besser. Immerhin: Bibliotheken sollen auch sonntags öffnen dürfen und Kulturorte wie „Clubs und Livemusikstätten“ möchte man beim Schallschutz unterstützen – und bei der Nachhaltigkeit, was immer darunter in diesem Zusammenhang verstanden werden soll. Ich vermute mal: Worte wie „Nachhaltigkeit“ und „Barrierefreiheit“ wurden mit der Streubüchse über dieses Dokument irregeleiteten Gestaltungswillens geschüttet, damit sie oft genug vorkommen, auch da, wo sie nichts zu suchen haben.  

„Wir fördern den Aufbau eines Datenraums Kultur, der sparten- und länderübergreifend Zugang zu Kultur ermöglicht.“ Aha. Wir treffen uns nicht im Darkroom, sondern im Datenraum, wo wir gemeinnützigen E-Sport treiben. In Coronazeiten besonders empfehlenswert. 

Koalitionsvertrag der Ampel
Die Transformations-Koalition: Deutschland wird abgebaut
Und so staubtrocken unanschaulich geht es weiter. Natürlich werden zwischendrin ein paar alte Hits abgespielt, etwa der von der „Förderung unabhängiger Verlage, um die kulturelle Vielfalt auf dem Buchmarkt zu sichern“. Gibt es nicht schon jetzt genügend literaturpreisgeförderte Literatur, die keiner liest? Und wie bewahrt man „unser nationales Filmerbe“, das schon seit Jahren eher nicht davon profitiert, staatlich gefördert zu werden?

Doch verlassen wir dieses Trümmerfeld und gehen gleich hinüber zum Satzbaukasten „Medien“. „Freie und unabhängige Medien sind in einer Demokratie unverzichtbar. Dazu gehören private und öffentlich-rechtliche Medien. Sie sichern Pluralität und Vielfalt und müssen barrierefrei sein.“ Stufenlos und ebenerdig? Oder frei verfügbar, also in der digitalen Welt ohne Zahlschranke? Ach, wenn man’s nur wüsste.

Deutlich ist immerhin der Passus: „Wir bekämpfen Hassrede und Desinformation.“ Wenn Staat und Regierung darüber bestimmen sollen, wann es sich um „Hassrede und Desinformation“ handelt, nennt man das gemeinhin Zensur. Und die wäre im strikten Sinne besonders nachhaltig.

Allzu offen, frei und vielfältig soll Kultur eben doch nicht sein. Widerspenstig schon gar nicht, denn: „Die internationale Kulturpolitik ist die Dritte Säule unserer Außenpolitik, sie verbindet Gesellschaften, Kulturen und Menschen und ist unser Angebot für eine Werte- und Verantwortungsgemeinschaft in Europa und weltweit.“

Darunter machen sie es nicht, liebe Kulturschaffende! Zieht euch also schon einmal warm an, bevor ihr der Verantwortungsgemeinschaft beitretet, egal ob auf Plattdeutsch oder – ja, das steht da auch: im Plattenladen.

Da findet sich womöglich auch noch eine Antiquität aus dem Jahre 1971: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Ton, Steine, Scherben: „Radios laufen, Platten laufen, Filme laufen, TV’s laufen, Autos kaufen, Häuser kaufen, Möbel kaufen, Eisen kaufen. Wofür?“

Wofür? Dafür, dass Claudia Roth, die einstige Managerin dieser Musikkapelle die künftige Kulturoberste wird. Das wurde vor 50 Jahren so geplant.


Unterstützung
oder

Kommentare ( 51 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

51 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Ralf Poehling
1 Monat her

Ich bin zwar gerade nicht aktiv, aber immer noch Musiker.
Und als Musiker lasse ich mir von keinem dahergelaufenen Staatsapparat erzählen, welche Musik ich machen und welche Texte ich dazu schreiben darf.
Was irgendwer als „Hatespeech“ fehlinterpretieren will oder wer meint, ich müsse mit irgendwem zusammenspielen, um irgendeine verdammte Quote zu erfüllen, interessiert mich nicht.
Das alles hatten wir in der DDR.
Im Deutschland von heute hat das keinen Platz. Gar keinen.

Peter Pascht
1 Monat her

Kulturpolitikm hat mit Kultur eigentlich nichts zu tun.
Um deutsche Kultur geht es dabei gar nicht. Das ist ein öffentliches Missverständnis.
Sondern nur um Korruption und Netwerzk beim verprassen von Steuergeldern.
Es geht darum welche „Kulturstiftung“. „Kulturprojekt“. „Kulturvereine“ wird mit Steuergeldern gefördert, ganz nach ideologischer Gesinnung der Regierenden, denn es ist ja ihr Gelde dass sie verteilen, meinen sie.
viel „bunt“, giel black“, „viel alternativ“, viel „Muktikulti“, womit man sich in disem geistlosen und kulturlosen Kreisen wichtig tun kann.
Welche linksradfikale Stiftung und welches „linsradikale Kulturprojekt“ und welcher „multikultureller Verein“ bekommt Steuergelder, darum geht es bei Kulturpolitik.

Stephan M. Schulz
1 Monat her

Liebe Frau Stephan,
ihre Artikel liebe ich. Auch dieser ist wieder brillant.

Die spannende kulturelle Vielfältigkeit ist mit dem Sargnagel namens Roth wohl passè. Tristesse durch Wokeness und moralindurchtränkte politische Korrektheit drohen. Regimekonforme, aalglatte und überaus biegsame Akteure werden die Szene in den kommenden Jahren, schlimmstenfalls Jahrzehnten bestimmen. Mir macht das einfach nur Angst.

Das kulturelle wie auch das wirklich wahre L e b e n werden sich mehr und mehr im Untergrund abspielen. Auch das hatten wir schon…

Index
1 Monat her

„Wokeness“ — die sektenartige „Achtsamkeit“ von geltungssüchtigen Minderheitsterroristen — wird uns schon bald „achtsam“ an die Kandare nehmen …

Moses
1 Monat her

Fr. Roth als Staatsministerin. Eigentlich ist allein das ziemlich genug, um diese Regierung zu bewerten

Deutscher
1 Monat her

Wenn der Staat sich in die Kultur einmischt….

Das hatten wir in den lezten 100 Jahren schon zweimal.

Konservativer2
1 Monat her

Muß man nicht ganz lesen, diesen Passus des Koalitionsvertrages. Es geht um Propaganda, Umerziehung und Deutungshoheit. Das sehe und lese ich auch ohne Frau Roth zwangsweise jeden Tag.

Fiel auch meiner Frau gestern auf: zur besten Sendezeit Queeres statt Entspannendes. Ein Hoch auf die Konserve…

Juergen Schmidt
1 Monat her

Mit »barrierefreien Daten« ist sicher ein spezielles Datenformat gemeint, in der Publikationen vorliegen (können). Das ist zur Zeit eher Insiderwissen. Liegt z.B. eine Broschüre oder ein Heft oder Buch als PDF im Format PDF/UA vor, kann diese Datei auf speziellen Lesegeräten für z.B. Sehbehinderte »auf Knopfdruck« vorgelesen werden, oder Abschnitte daraus können Stück für Stück stark vergrößert oder in einem übersichtlichen Layout dargestellt werden. Das ist eigentlich eine sehr schöne Sache, die von der Fa. Adobe entwickelt wurde. Es gibt inzwischen einige öffentliche Stellen, z.B. Ministerien, die ihre Publikationen standardmäßig als PDF/UA online stellen (»barrierefrei«). ABER was den GRÜNEN hier… Mehr

Endlich Frei
1 Monat her

Habe einmal (zufällig) erlebt, wie Frau Roth zwecks Wahlkampf auf dem Münchner Marienplatz „einmarschiert“ ist – die hat ihre Klatscher und Jubler gleich selbst mitgebracht: Ein Schwarm Migranten, denen zuvor von irgend einer NGO Schilder in die Hand gedrückt wurden. Die meisten haben sie wahrscheinlich gar nicht verstanden, denn die wenigsten – das stellte sich schnell heraus – waren der deutschen Sprache mächtig.
Ich stelle mir das an ihrem neuen Arbeitsplatz ehrlich gesagt nicht viel anders vor. Und wetten, Sie tritt demnächst auch mal mit Kopftuch auf?

twsan
1 Monat her

Wobei die Teilhabe an dieser „Kultur“ aber nur denen vorbehalten ist, die in einem hypothetischen oder auch tatsächlichen Sozialpunktesystem positiv beleumundet sind.

Wobei da allein schon „eigenständige Köpfe – nicht einmal zwangsläufig Kritiker an Staat und Regierung – herausfallen.

Und „Ungeimpfte“ sind eigenständige Köpfe, wenn nicht sogar Kritiker, falls sie es wagen, sich zu artikulieren.

Deshalb soll ja auch „2G“ gelten und nicht „2G+“ (von 3G oder Abkehr vom G-Unsinn ganz zu schweigen) – weil es ja gerade nicht um die Volksgesundheit geht.
Als Vorgriff auf ein wie immer geartetes System von staatlich-sozialer Kontrolle.