Kibbuz: Geld statt Sozialismus

Wie der Sozialismus scheitert zeigen nicht nur der Ostblock und die DDR. Er scheitert auch im Labor - im israelischen Kibbuz, einer freiwilligen sozialistischen Gründung. Ein entscheidender Erosionsfaktor der Kibbuzidee war absurderweise der ökonomische Erfolg.

In der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Satelliten einschließlich der DDR ist der erzwungene Sozialismus gescheitert. Doch auch der freie Sozialismus funktioniert nicht. Selbst nicht unter idealen Bedingungen. Der Beweis ist längst erbracht: in Israel.

Beeinflusst von den Ideen Karl von Marx, Moses Hess und Leo Tolstoj gründeten zionistische Sozialisten und Idealisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der damaligen osmanischen Provinz Syrien-Palästina Kibbuzim, das heißt sozialistische Gemeinschaftssiedlungen. Das Prinzip war Freiheit durch die Abschaffung des Privateigentums. Aller Besitz gehörte der Gemeinschaft. Im Gegensatz zum leninistischen Marxismus setzten die israelischen Sozialisten auf Freiwilligkeit. Die Rolle einer allmächtigen Kommunistischen Partei als Avantgarde des Proletariats war der Kibbuz-Bewegung fremd.

Diese Freiwilligkeit war lange das Erfolgsgeheimnis der Kibbuzim – allerdings auch ihre Schwachstelle. Denn die Bereitschaft, seinen gesamten privaten Besitz freiwillig der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen und für immer darauf zu verzichten, war auf Dauer nur bei einer Minderheit vorhanden. Anfangs, in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, vor der Gründung des Staates Israel 1948, erschien die Idee des freiwilligen Kollektivs manch einem verlockend. Dafür gab es drei Gründe:

  • Das Gros der jüdischen Einwanderer waren junge Schwärmer. Viele waren von sozialistischen Ideen beeinflusst.
  • Der Großteil der Immigranten war arm. Sie hatten wenig zu verlieren. Da versprach das Kollektiv des Kibbuz Sicherheit und Geborgenheit.
  • Als Landwirtschaftssiedlungen boten die Kibbuzim ihren Mitgliedern zumindest eine Grundversorgung mit Nahrungsmitteln.

Trotz der aufgeführten Vorteile konnten sich 1950 nur 8 Prozent der Israelis für ein Leben im Kibbuz entscheiden. Obgleich damals und in den folgenden Jahren aufgrund der immensen Zuwanderung große Armut im Lande herrschte, sank der Anteil der Kibbuzniks (der Bewohner der Kollektivsiedlungen) stetig. Und das, obgleich die Kibbuzim in den 50er Jahren das Machtzentrum Israels waren. Ein Drittel der Parlamentsmitglieder und knapp die Hälfte der Regierung gehörten einem Kibbuz an. Ebenso die Hälfte der Armeeführung, der Kampfpiloten sowie ein Großteil der Gewerkschaftsspitzen, die damals die größte Unternehmensgruppe des Landes war.

Um die Israelis von den Vorzügen des Kibbuzlebens zu überzeugen, gab der siebzigjährige Premierminister David Ben Gurion 1954 sein Amt auf und wurde pressewirksam Mitglied in dem neu gegründeten Wüstenkibbuz Sde Boker. Allerdings behielt Ben Gurion seine Stadtwohnung in Tel Aviv bei – was gegen die Kibbuzidee verstieß. Doch manche waren stets gleicher als gleich. Daher kehrte Ben Gurion im folgenden Jahr wieder in die Stadt zurück und übernahm bald wieder seine Regierungsämter.

Die Faszination für den Kibbuz nahm langsam, doch stetig ab. Es begann mit einem entscheidenden familiären Phänomen: den Kinderhäusern des Kibbuz. Kinder kamen wenige Monate nach Geburt in eine spezielle Herberge. Lediglich eine Stunde vor dem Schlafengehen durften die Eltern sie zu sich nehmen. Die Trennung von ihren Kindern empfanden immer mehr Kibbuzniks als unmenschlich. So beschlossen die Kibbuz-Vollversammlungen, dass die Kinder bei ihren Eltern wohnen sollten. Das Gemeinschaftsgefühl nahm ab.

Ein entscheidender Erosionsfaktor der Kibbuzidee war absurderweise der ökonomische Erfolg sowie die Veränderung der heimischen Volkswirtschaft. Da die Kibbuzim ihren Mitgliedern keine Gehälter zahlten, aber Außenhandel trieben, erzielten sie zunehmend Überschüsse. Diese investierten sie in die Modernisierung und Industrialisierung der Kollektivdörfer. Auf diese Weise erzielten die Kibbuzim erheblichen Mehrwert. Ihr Geld verdienten die Kollektivdörfer fortan vor allem mit ihrer Industrie. Die meisten Kibbuzniks aber blieben in der Landwirtschaft tätig, die aufgrund der Umstrukturierung kaum noch Gewinn abwarf. Sie betrieben Beschäftigungstherapie. Für ihre Industriebetriebe mussten sich die Kibbuzim fortan Lohnarbeiter auf dem freien Markt suchen. Die Kibbuzniks, die sich als selbstbestimmte Genossen einer freien sozialistischen Gesellschaft verstanden, hatten sich in wenigen Jahren in Arbeitgeber verwandelt, die dank ihrer Beschäftigten Gewinnmaximierung betrieben.

In der sich entwickelnden Wohlstandsgesellschaft wuchsen die Begehrlichkeiten. Die Kibbuzniks wollten Anteil am zunehmenden Vermögen ihrer Siedlungen haben. Man strebte nach Privatautos, Elektronik und Geld. Erstmals wurden Gehälter und damit Bargeld ausgezahlt. Das war faktisch das Ende des freien sozialistischen Kollektivs. Bald begehrten die Kibbuzniks auch das Eigentum an ihren Wohnungen und Häusern.

Der entscheidende Punkt ist die Selbstverantwortung des Menschen. Ich habe erlebt, wie in einem Kibbuz die Vollversammlung eine Staffelung der Gehälter auf das Vierfache des Grundeinkommens beschloss. Obgleich ihr Einkommen auf dem Spiel stand, blieben die meisten Kibbuzniks, die einer einfachen Tätigkeit nachgingen, der Abstimmung fern. So konnte sich die Minderheit der Manager mit ihren „kapitalistischen“ Vorstellungen durchsetzen.

In Israel gibt es noch immer mehr als 250 Kibbuzim. Sie gewähren ihren Mitgliedern soziale Sicherheit vom Kindergarten bis zur Altenbetreuung. Doch ansonsten haben die Kibbuzim den Wandel der Gesellschaft und Volkswirtschaft mitgemacht. Sie haben Reichtum angehäuft, und streben nach Geld und Luxus wie alle anderen. Das überzeugt immer weniger Israelis. Heute leben nur noch 1,5 Prozent im Kibbuz im vermeintlich freien sozialistischen Kollektiv.

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