Von „Dixie“ Dörner und Jürgen „Sparbier“ bis „Schieber-Meister BFC“

Die 60 Jahre alte Bundesliga war auch das Vorbild vieler Fans jenseits der Mauer. Doch die höchste Spielklasse der DDR bot ihren Fußballanhängern teilweise auch Weltniveau für wenig Eintrittsgeld und brachte zudem kernige Spielertypen hervor. 42 Jahre gab es die DDR-Oberliga.

IMAGO / Kicker/Eissner
Die Matchwinner Jürgen Sparwasser (li.) und Erich Hamann (beide DDR) verlassen zufrieden das Volksparkstadion – Hamann hatte Sparwassers Tor mit einer mustergültigen Flanke eingeleitet, 22. Juni 1974

Wir feiern 60 Jahre Bundesliga. Der östliche Teil Deutschlands wird dabei meist wieder einmal vergessen. Nein, nicht bei Tichys Einblick, denn wir erinnern an die DDR-Oberliga mit ihren Legenden Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, Joachim „Strich“ Streich, Eberhard „Matz“ Vogel, Jürgen Sparwasser, Jürgen Croy oder Hans-Jürgen „Hansi“ Kreische. 42 Jahre konnte die DDR-Oberliga von 1949 bis 1991 ihren Fans Fußball anbieten. Neben einiger Historie erzählen wir hier noch ein paar bemerkenswerte Geschichten. Es gibt im weiteren Verlauf aber keine Garantie auf Vollständigkeit. Denn im Fußball existieren daheim zu viele Experten, deren Wissen schier unerschöpflich ist. Da kann der Kolumnist nicht mit jedem Detail mithalten. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Sicher war die später gegründete Bundesliga im Westen immer auch Brennpunkt der Fußballfans im Osten und das große Vorbild. Die „Sportschau“ gehörte samstags neben „Sport aktuell“ zum Pflichttermin, zumindest wer Westfernsehen hatte. Doch die Oberliga, Liga und Bezirksliga in der DDR bot vielen Menschen das Heimatkolorit, die Verbundenheit mit ihrer Stadt und den Spielern aus ihrer Region – im Grunde wie in Westdeutschland auch.

Das alles ist heute durch den internationalen Spielerhandel von Fußball-Legionären inzwischen für dreistellige Millionensummen – siehe Harry Kane und der FC Bayern München – völlig verloren gegangen. Einheimische Nachwuchsspieler bekommen heute bei den Top-Profiklubs kaum noch eine Entwicklungschance, weil fremde Spieler teuer, aber schneller einzukaufen sind.

Seinerzeit bildeten die Trainer in der DDR von ganz unten, nach ganz oben, zum Teil hervorragende Spieler aus. Sie hätten locker im Bundesligaspielbetrieb Karriere gemacht, wenn sie dort hätten spielen dürfen, wie die Zeit nach dem Mauerfall 1989 zum Beispiel mit Europameister und Weltpokalsieger Matthias Sammer beweist.

Aber zunächst zur Historie: „Die DDR-Oberliga war im Fußballspielbetrieb der DDR die höchste Spielklasse und ermittelte den DDR-Meister. Sie begann 1949 als Oberliga des Deutschen Sportausschusses (DS-Liga) und endete 1991 als Oberliga des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV-Oberliga)“, so steht es zusammengefasst bei Wikipedia.

Allerdings startete die Oberliga anders als in der Bundesrepublik nicht erst regional, sondern gleich landesübergreifend von Kap Arkona bis zum Fichtelberg. Obendrein existierte die höchste Spielklasse länger als ihr Land. Nach zwei Zonen-Meisterschaften im Osten rollte der Ball ab September 1949 erstmals in einer DDR-Liga – sogar einige Wochen bevor der Staat am 7. Oktober offiziell gegründet wurde. Danach firmierte die Spielklasse unter Oberliga.

Laut Kicker wurden 182 Oberliga-Spiele in der Premieren-Spielzeit 1949/50 von durchschnittlich 10.096 Zuschauern besucht, pro Partie fielen 3,67 Tore – nie war die DDR-Oberliga so torreich wie in ihren ersten zwei Jahren.

Der erste DDR-Meister hieß 1950 ZSG Horch Zwickau

In der gerade abgelaufenen Drittligasaison 2022/23 musste der FSV Zwickau in die Regionalliga absteigen. Dabei waren die Westsachsen in der Saison 1949/50 einst erster DDR-Meister. Die Automobilwerker traten damals als ZSG Horch Zwickau an, später BSG Motor Zwickau und BSG Sachsenring Zwickau. Zwickaus berühmter Torhüter Jürgen Croy war so gut, dass er selbst als Mitglied einer Betriebssportgemeinschaft des Trabantwerks und nicht als eines der staatlichen Leistungszentren in der DDR-Nationalmannschaft spielen durfte.

1954 beginnen die DDR-Sportfunktionäre nämlich mit der Bildung von Sportclubs als Fußball-Leistungszentren, deren Prozess bis in die Mitte der sechziger Jahre reicht. Es sollte folgende Klubs geben, die den Regierenden sicher und tauglich für den internationalen Bereich erschienen. Unter der Obhut von Polizei, Staatsicherheit und Armee traten die SG Dynamo Dresden, der BFC Dynamo Berlin und FC Vorwärts Frankfurt/Oder an. Hinzu kamen die Klubs vom FC Carl Zeiss Jena, 1. FC Magdeburg, 1. FC Lok Leipzig, FC Karl-Marx-Stadt, FC Rot-Weiß Erfurt, FC Hansa Rostock und HFC Chemie (Halle). Der 1. FC Union Berlin gehörte zunächst zur Eilte dazu.

Die staatliche Förderung dieser Fußballclubs als alleinige Leistungszentren führte durch eine Umsetzung des Fußballbeschlusses des Deutschen Fußballverbandes (DFV) der DDR von 1970, zu einer politisch gewollten Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Fußball-Oberliga.

Kultklubs wie die Betriebssportgemeinschaften Chemie Leipzig (DDR-Meister 1951/1964), Sachsenring Zwickau (DDR-Meister 1950), Wismut Aue (DDR-Meister 1956/1957/1959), Stahl Brandenburg, Stahl Riesa, Energie Cottbus oder später der in Ungnade gefallene 1. FC Union Berlin wurden so über Nacht noch mehr benachteiligt als bisher. Sie fristeten künftig den Status von Ausbildungsstätten für Spieler der DDR-Vorzeigeklubs, deren Kicker dann auch schon mal einen Wartburg, Lada oder Trabant sehr viel schneller bekamen als die zehn bis 15 Jahre wartende Bevölkerung.

Hierzu nur ein Beispiel: Chemie Leipzigs Toptalent Frank Baum musste die BSG 1967 zum 1. FC Lok „delegieren“ – so hieß die politisch gewollte Abordnung. Hier durchlief Baum bis zur Juniorenmannschaft alle Nachwuchsteams des staatlichen Konkurrenzklubs, doch Lok hatte zunächst keine Verwendung. Also kehrte Baum 1974 zu Chemie zurück. Die BSG stieg mit Starmittelfeldspieler Baum wieder in die Oberliga auf und spielte so gut, dass sie ihn 1978 erneut zu Lok „delegieren“ musste. Baum avancierte dann dort zum Auswahlspieler der U21, Olympia- und Nationalmannschaft der DDR. Mit der BSG wäre ihm das nicht ermöglicht worden. Eine Ausnahme bildete Sachsenrings Super-Torhüter Jürgen Croy, der für die DDR-Mannschaft unverzichtbar war. Zudem durfte auch Wismut Aue mit Stürmer Harald Mothes und Torhüter Jörg Weißflog ein paar Mal einen Auswahlspieler stellen. Womöglich gibt es noch andere Beispiele, aber sie blieben die Ausnahme.

Oberliga-Rekordspieler bleibt Stürmer Eberhard „Matz“ Vogel, der 440-mal für Karl-Marx-Stadt und Jena auf den Platz lief. Aber kein DDR-Kicker traf mit 229 Toren so oft wie Magdeburgs Joachim „Strich“ Streich, der 1975 von Rostock an die Elbe zum Europacupsieger 1. FCM geholt wurde.

Magdeburg war übrigens erster und einziger Eurocupgewinner der DDR. Am 8. Mai 1974 gewann der 1. FCM in Rotterdam den Europapokal der Pokalsieger gegen den hochfavorisierten AC Mailand mit 2:0. Für die Presse war es ein Duell zwischen David und Goliath. Das Publikum in Rotterdam zeigte sich hingegen kaum interessiert. Lediglich 5.000 Zuschauer verloren sich im weiten Rund des „de Kuip“ – ein absoluter Minusrekord für Finals in der Europapokal-Historie. Den DDR-Pokalsieger durften nur 350 staatlich ausgesuchte „FCM-Anhänger“ begleiten, darunter die Besatzungen von fünf Handelsschiffen, die zufällig in Rotterdam lagen, egal ob Fußballexperte oder nicht.

Dixies legendärer Dresdner Kreisel im Rudolf-Harbig-Stadion

Zum legendären Oberliga-Spieler brachte es jedoch Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner von Dynamo Dresden, der den berüchtigten „Dresdner Kreisel“ als Libero elegant antrieb. Die Sachsen spielten zu ihrer Hoch-Zeit in den siebziger Jahren den mit Abstand besten Oberliga-Fußball.

Ebenso legendär und ein Politikum war am 7. November 1973 das Achtelfinale im Europokal der Landesmeister gegen den FC Bayern München, das in Dresden torreich mit 3:3 ausging. Das Hinspiel hatten die Bayern jedoch mit 4:3 gewonnen. Es fielen also 13 gesamtdeutsche Tore in zwei Partien, die insgesamt Bayern mit 7:6 für sich und das Viertelfinale entschied.

Fast 20 Jahre lang schnürte Dörner seine Fußballschuhe für Dynamo Dresden, wo er zur Vereinsikone aufstieg, und fünfmal Meister sowie viermal Pokalsieger wurde und als Libero 392 Punktspiele bestritt. Fußballexperten ernannten den Rasenballkünstler zum „Beckenbauer des Ostens“. Für die DDR-Nationalmannschaft lief Dörner exakt 100-mal auf. Er gewann 1976 mit der Olympia-Auswahl die Goldmedaille. Dixie starb im Januar 2022 mit 70 Jahren.

Die Fuwo (Fußballwoche) für 50 Pfennig war der Kicker des Ostens und montags an den Kiosken oft ausverkauft. Dixie Dörner (Dresden) und Paul Seguin (Magdeburg) sind hier auf dem Titel. Foto: © Olaf Opitz

Berüchtigter Rekord- und Serienmeister war zum Leidwesen vieler DDR-Fußballfans zwischen 1979 und 1988 zehnmal hintereinander der als Stasi-Klub verschriene und nachweislich bevorzugte BFC Dynamo aus Berlin.

Skandalös war beispielsweise das Oberligaspiel des 1. FC Lok Leipzig gegen den damaligen Tabellenführer BFC am 22. März 1986 im Leipziger Bruno-Plache-Stadion von Probstheida. Lok führte bis in die vierte Minute der Nachspielzeit – die gab es für den BFC immer reichlich – mit 1:0, als Schiedsrichter Bernd Stumpf nach einem Allerweltszweikampf einen „Schand-Elfmeter“ für den Stasiklub verhängte. Dadurch schieden die Leipziger acht Spieltage vor Schluss mit sechs Punkten Rückstand und Rang fünf praktisch aus dem Titelkampf aus. Der Skandal erregte die Fans umso mehr, weil die Messestädter wider Erwarten dem alten und neuen „Schieber-Meister BFC“ (Fanruf) bis zum Saisonende noch bis auf zwei Zähler herankamen. Die Loksche hat man, aus Sicht der blau-gelben Fans, so um die Meisterschaft geprellt.

Das Aufstiegswunder Chemie Böhlen in der DDR-Oberliga

Ein Underdog jedoch brachte einst die DDR-Fußballwelt in den 42 Jahren ins Staunen. Im Frühjahr 1977 stieg überraschend die kleine BSG Chemie Böhlen in die DDR-Oberliga auf. Garant dafür war ihr Torjäger Klaus Havenstein. In der Saison 1977/78 gewann Havenstein sogar auf Anhieb die Oberliga-Torjägerkrone mit 15 Treffern, die zum überraschenden Klassenerhalt der Süd-Leipziger beitrugen. Im folgenden Jahr reichten seine 10 Tore und die Leistungen seiner Mannschaftskameraden eines Trägerbetriebs der Chemie-Industrie dann nicht mehr zum Verbleib in der Oberliga aus.

Der Autor erinnert sich hier an seine Zeit im Fanblock von Chemie Leipzig, die Stadt-BSG verlor den Aufstieg gegen Böhlen. Im Stadion an der Jahnbaude johlten die Chemie-Fans: „Böhlen, Böhlen, die Messer sind gewetzt, die Fahnen werd’n zerfetzt!“ Klingt brutal, war aber nicht so ernst gemeint. Damals ging es um Fahnen und keinesfalls um Messer gegen Menschen, wie es heute leider immer öfter üblich ist. Die Fangesänge im Stadion wurden ja auch als Ventil geduldet, damit die Werktätigen ihren Sozialismusfrust einmal etwas loswerden konnten, um am Montag wieder an ihrem Arbeitsplatz, dem Kampfplatz für den Frieden zu erscheinen. Brot und Spiele halt wie im alten Rom und heute ja wieder.

Dennoch blieb die Oberliga vielen Fans aus der Ex-DDR meist in schöner Erinnerung. Preiswert war ein Stadionbesuch damals allemal. Laut meinen Erinnerungen zahlten wir lange Zeit als Schüler bis 14 Jahre den Endverbraucherpreis (EVP) von 0,25 Mark, ab 14 Jahre 0,45 Mark, Erwachsene 1,10 Mark und ein Sitzplatz gab es für Erwachsene schon für 1,60 Mark. Kämpferischer Fußball, Bockwurst mit Senf und Brot für 85 Pfennig. Vor dem Stadion in der Gartenkneipe ein kleines Helles für 48, Pils für 56 Pfennig oder „Thälmannbrause“ (rote Limo) für’n Groschen. Was wollte man mehr?

„Merchandising“ mit Trikots gab es so gut wie nicht, bestenfalls ein paar Wimpel, Anstecknadeln oder Klubaufnäher für die Studentenkutte. Fanschals häkelten Oma oder Mutti. Achja, und richtige Einlasskontrollen am Stadion waren auch nicht angesagt. Die Polizei beobachtete zwar gerne Gästefans, doch viel wichtiger schien ihr die Bewachung der Schiedsrichterautos wie das von Adolf Prokop. Der hörte für seine umstrittenen Entscheidungen aus dem Fanblock: „Schiri, wir wissen, wo Dein Auto steht.“ Wie wir heute wissen, war er Offizier im besonderen Einsatz (OibE) des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Fans erkannten ihn schnell als BFC-Schiedsrichter, der während seiner Amtszeit in der DDR-Oberliga (1969–1988) oft seine Parteilichkeit für den Stasiklub auf dem Platz zur Schau stellte.

Oberliga besiegte 1974 Bundesliga in Hamburg mit 1:0

Wenn wir jetzt schon im Bereich der Anekdoten auflaufen, dann dürfen wir das legendäre Aufeinandertreffen von West und Ost, BRD und DDR oder Bundesliga gegen Oberliga zur Fußballweltmeisterschaft 1974 nicht vergessen. Der Fußballgott meinte es mit Deutschland seinerzeit gut. Reicht euch die Hände ist besser als schießt aufeinander – von Bällen natürlich abgesehen. Er loste beide deutschen Staaten in die WM-Gruppe I mit Chile und Australien.

Am 22. Juni 1974 verwandelte in der 77. Minute Jürgen Sparwasser vom 1. FC Magdeburg nach einem Diagonalpass gegen den haushohen Favoriten eiskalt zum 1:0. Die DDR besiegte damit den Klassenfeind. Diese Niederlage traf das Selbstvertrauen der Bundeskicker hart, keiner hatte ernsthaft mit einem Sieg der Mannschaft von drüben gerechnet. Aber der Osten war hier gespalten, die einen freuten sich, andere waren über Idole aus dem Westen enttäuscht. Ausgerechnet die DDR erspielte sich den Gruppensieg.

Viele ahnten es und nach dem Mauerfall war es klar. Die Spieler des DFV standen unter strengster Beobachtung von Stasi-Chef Erich Mielke (SED). Er erteilte zuvor den Befehl zur „Aktion Leder“, der Abwerbungsversuche ebenso verhindern sollte wie politische Provokationen gegen die DDR-Fußballer. Der Druck hielt die Oberliga-Kicker jedoch nicht davon ab, guten Fußball zu spielen. In der Zwischenrunde kam dann gegen Brasilien, Holland und Argentinien allerdings das Aus.

Dennoch war das 1:0 von Hamburg eine ziemliche Blamage für den Bundesliga-Fußball. Ost-Zwerg schlägt den West-Riesen. Obendrein sorgte westliches Unwissen dann noch jahrelang für Spott im anderen Deutschland. Am Abend des Spiels schauten viele DDR-Bürger – außer Raum Dresden – die ARD. Es lief die Rudi-Carrell-Show und der Siegtorschütze Sparwasser flimmerte damals aus westlicher Unwissenheit als „Sparbier“ über den Äther. Dieser Versprecher entwickelte sich im Osten schnell zum Running Gag.

Doch im Grunde hat die Oberliga-Auswahl Beckenbauer, Maier, Netzer und Co. erst geweckt, um am Ende im Münchner Olympiastadion gegen Erzfeind Holland mit 2:1 noch verdient den zweiten Weltmeistertitel zu gewinnen. Auch die große Mehrheit der Fußballfans jenseits der Mauer jubelte wie der Autor am sonntäglichen 7. Juli mit seinem Vater lauthals mit. Ein unvergesslicher Tag.

Nach so viel WM-Freude kehrte wieder Oberliga-Alltag ein. Legendär waren für uns Anti-Fans des BFC die Auswärtsrufe in Berlin, die Stasi-Chef Erich Mielke mit Hut auf seiner Tribüne im Cantianstadion am Prenzlauer Berg entgegenschallten und richtig wütend machten. Etwas puristisch: „Wein-Rot-Weiße – Ost-Berliner Sch…“, oder treffender: „Willst Du in die BRD, melde Dich beim BFC!“

Was war passiert? Ausgerechnet Spieler des DDR-Serienmeisters von Ehrenpräsident Mielke suchten oft den Fluchtpunkt BRD. Die BFC-Stars Falko Götz und Dirk Schlegel nutzen am 2. November 1983 bei einem Einkaufsbummel durch Belgrad die Gelegenheit zur Flucht in den Westen. Schon im Frühjahr 1979 flüchtete Defensivspieler Lutz Eigendorf vom BFC in die Bundesrepublik. Am 5. März 1983 kam der DDR-Flüchtling und Braunschweiger Fußballprofi alkoholisiert bei einem Autounfall zu Tode. Experten glauben an einen Mord der Stasi. Der NDR hatte dazu unter dem Titel „Lutz Eigendorf: Tod eines ‚Republikflüchtlings‘“ ausführlich recherchiert.

Doch die Oberliga hatte auch eine unglaubliche Fanbasis jenseits der Staatsklubs, bei denen das Gefühl nach Freiheit im Stadion gesucht wurde. So sang man zum Beispiel beim zweimaligen DDR-Meister Chemie Leipzig (1951/1964), ein früherer Arbeiterverein, bei gutem Spiel gerne: „Liverpool, Liverpool, Chemie spielt heut’ wie Liverpool!“ Und aus deutscher Verbundenheit schallte es von Stehblock, Dammsitz und Tribüne wie ein Mann: „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher!“ Heute sind im Georg-Schwarz-Sportpark solche Traditionsrufe gefährlich, Linksradikale bedrohen alte Chemie-Fans auf der Tribüne sofort für solche Bekenntnisse.

Verbunden waren die Chemiefans zu DDR-Zeiten eng mit dem 1. FC Union Berlin aus Berlin-Köpenick, ebenfalls ein früherer Arbeiterverein. „Union und Chemie – Sympathie“, sang man gemeinsam aus Verbundenheit gegen die Staatsklubs. An der Wuhlheide ist bis heute der alte Schlachtruf zu hören: „Und niemals vergessen – Eisern Union, Eisern Union!“ Und wer hätte vor über 33 Jahren gedacht, dass Union einmal in der Champions League spielen würde.

Im Ostseestadion schlossen sich die Tore der Oberliga

Nach der deutschen Einheit im Sommer 1991, die besten Spieler Ostdeutschlands wie Andreas Thom, Matthias Sammer oder Ulf Kirsten hatten die Bundesligisten längst abgeworben, löste die Geschichte die DDR-Oberliga nach 41 Meisterschaften, 8.046 Spielen und 24.200 Toren vor 32 Jahren auf.

Schon im Januar 1990 wechselte Andreas Thom als erster Spieler aus der DDR-Oberliga ganz legal und für eine Ablösesumme von 2,5 Millionen D-Mark von BFC Dynamo Berlin zu Bayer Leverkusen. Abgeworben von Leverkusens Manager Reiner „Calli“ Calmund.

Für die Oberliga endete der letzte Titelkampf am 25. Mai 1991 mit dem Sieger FC Hansa Rostock – als die DDR schon nicht mehr existierte. Der Tabellenführer von der Küste kassierte zwar daheim im Rostocker Ostseestadion gegen den 1. FC Lok Leipzig mit 1:4 die höchste Saisonniederlage. Dafür hieß der letzte DDR-Meister – nach der Wiedervereinigung – zur Freude vieler Fußballanhänger nicht mehr BFC Dynamo, sondern FC Hansa. Ein versöhnlicher Abschluss.


Lesen Sie aus unserer Serie 60 Jahre Bundesliga >>>

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Kommentare ( 14 )

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MagicDude
10 Monate her

Kleine Korrektur betreffs „Tal der Ahnungslosen“: In Dresden sah man wohl „West-Fernsehen“, aber nur in den höhergelegenen Stadtteilen, nicht im Talkessel. Auch empfing man WF in den höhergelegenen Vororten. Aus einem solchen stamme ich. Rockpalast, Loreley und Bundesliga kenne ich aus dieser Zeit. Im Übrigen kam im WF filmmäßig mehr oder weniger der gleiche Müll wie in der Zone. Ausser man wollte sich politisch informieren, waren die Unterschiede marginal. Was viele nicht wissen, ist der Fakt, dass man auch in der östlichen Hälfte Mecklenburgs (ungefähr ab der Müritz) kein WF empfangen konnte. Also Rügen, Usedom, Stralsund, Greifswald, Anklam etc. waren… Mehr

X1
10 Monate her

Der Fußball in der DDR ist gut geeignet um die Zustände in der Politik der DDR zu verstehen. Hier wurden auch politische Kämpfe ausgefochten und spiegelten sich politische Tendenzen wider. Vieles davon hätte einen eigenen Artikel verdient, z.B. die Rolle von Union Berlin als Antisystem-Kultverein, die Rivalität zwischen BFC Dynamo und Dynamo Dresden (Stasi gegen Bürger, Berlin gegen Sachsen, obwohl Dynamo selbst ein „Stasi“-Verein war), das Schicksal von Fußballern nach versuchter Republikflucht, insbesondere potentieller Stars wie Matthias Müller und Gerd Weber in Dresden. Interessant wäre auch warum der Ostblock es im Fußball im Unterschied zu anderen Sportarten nicht geschafft hat… Mehr

dubium
10 Monate her

Ja, Peter Ducke, der “schwarze Peter” der Oberliga aus Jena. Ein hervorragender Stürmer, wenn man ihn gelassen hat. Nach Barcelona wäre er nicht gegangen, wegen der Sprache.

Wilhelm Roepke
10 Monate her

Ach ist das schön zu lesen.

Biskaborn
10 Monate her

Danke für diesen spannenden und informativen Abriss zur Geschichte der DDR Oberliga!

Vallis Blog
10 Monate her

Der Armeesportklub FC Vorwärts war übrigens bis 1968 in Berlin angesiedelt und ging erst danach nach Frankfurt an der Oder.

Fieselsteinchen
10 Monate her

In unserer Klasse war Dynamo Dresden DIE Mannschaft und am Montag wurde alles x-mal „durchgekaut“, selbst mir als Nicht-Fußballfan sind Namen wie Ralf Minge, Hans-Uwe Pilz, Döschner und Torsten Gütschow noch im Gedächtnis. Kein Vergleich zu den zusammengekauften und mundzuhaltenden Spielern der Gegenwart!

Joerg.F
10 Monate her

Lieber Herr Opitz, danke für diesen unterhaltsamen und informativen Beitrag. Besonders an der Stelle >>>Aber der Osten war hier gespalten, die einen freuten sich, andere waren über Idole aus dem Westen enttäuscht. <<< musste ich schmunzeln. Diese Spaltung ging bei uns mitten durch die Familie. Während meine Eltern das Ostsystem und mit ihm auch den Systemsport verachteten, blieb die tägliche Propaganda in der Schule bei meinem Bruder und mir nicht ohne Folgen. Wir feierten den Sieg der DDR-Nationalmannschaft ausgelassen. Die Ironie der Geschichte war, dass die größte Trophäe dieses Spiels, ein Fußballbild aus der Sprengelschokolade vom Klassenfeind, mit der Abbildung von… Mehr

Halkrah
10 Monate her
Antworten an  Joerg.F

Ja, als es „Impfen mit Dynamo“ hieß, wars vorbei mit „Nur die SGD“. Aber ganz generell ist Fußball für mich erledigt. Habe das Interesse verloren, als es diese Spiele in leeren Stadien gab und – noch schlimmer – Pappattrappen von Zuschauern platziert wurden. Die Fußballbegeisterung kam nicht mehr zurück. Die Spaltung kann ich auch bestätigen. Irgendwann spielte mal Belgien in der DDR. Da haben wir uns aus der DDR-Flagge eine belgische gebastelt. Das ging recht flott. Wir saßen dann aber recht friedlich vereint neben den Fans der DDR-Mannschaft, waren ja auch alle DDR-Bürger. Zur Nationalmannschaft der DDR habe ich nie… Mehr

Marco Mahlmann
10 Monate her

In der Bundesliga werden seit jeher Bremen und Dortmund bevorzugt; da muß man die Meisterschaften von Dynamo Berlin nicht so skandalisieren. Politisch festgesetzte Preise auf lächerlichem Niveau mögen ja dem Schüler mit schmalem Taschengeld zupaß kommen, fünfzig Jahre später taugen sie aber nicht mehr für verklärte Erinnerungen und ostalgische Überhöhungen, zumal damals im Westen die Wurst kaufkraftbereinigt auch nicht viel teurer war und dabei einen echten Marktpreis darstellte. Der DDR-Fußball war weder auf Weltniveau, noch war der WM-Titel der Bundesrepublik 1974 verdient. Es halten sich überdies hartnäckig Gerüchte, daß die Bundesrepublik absichtlich verloren hat — als gutes Zeichen an die… Mehr

Halkrah
10 Monate her
Antworten an  Marco Mahlmann

Es geht doch nur auf den ersten Blick um die sportliche Seite bei der Bevorzugung des BFC. Das war der Stasiklub. Jeder ihm verholfene Sieg zeigte die Willkür des Staates. Jeder Schmähgesang dagegen war ein Schmähgesang gegen das System und seine Bonzen. Die Erinnerung an ein billiges Bier ist eben nur eine Erinnerung. Da ist keine Verklärung impliziert. Auch wir Ostdeutschen, die zufällig in ein Land hineingeboren wurden mit einer Mauer drumherum, haben ein Leben, eine Vergangenheit, eine Erinnerung. Und mir stößt das auf, dass bei deutschen Jubiläen dieser Teil oft weggelassen wird. Für mich fühlt es sich an, als… Mehr

Michael M.
10 Monate her
Antworten an  Marco Mahlmann

Wie bitte, Dortmund wird bevorzugt?
Ah ja, eine echt steile These (von Bremen ganz zu schweigen, außer unter Rehhagel lief da doch auch nie recht viel zusammen). Bleibt lediglich die Frage offen, warum dann sowenig dabei herum gekommen ist, aber ok, wer zu doof ist sein letztes Heimspiel zu gewinnen der wird halt auf ewig zweiter Sieger ( das ist übrigens auch der erste Verlierer ?) sein bzw. bleiben.

Biskaborn
10 Monate her
Antworten an  Marco Mahlmann

Was Sie da schreiben entbehrt leider jeglicher Grundlagen und Realitäten!

Hutten
10 Monate her

Unvergessen ist auch, wie Jürgen Sparwasser mit seinem FC Magdeburg 1977 mit drei Toren Schalke 04 aus dem UEFA-Pokal kickte. Sparwasser war Weltklasse!