Terror!?! Wie Irrationalität und „repressive Pluralität“ Vielfalt zerstören

Je höher die Mobilität und die Mischung, desto größer die Uniformität. Welche Spezies auf dem Weg zur Uniformität übrig bleibt, ist zufällig, weil alle die gleiche Chance haben zu überleben.

Anlässlich der Anschläge von Paris und den geplanten europäischen Reaktionen diagnostiziert der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo eine Wiederkehr der „völligen Irrationalität“. Die sei gekennzeichnet durch „vernunftähnliche Verzierungen“, Statistiken, Schaubilder oder Daten, unter denen „eine Mischung aus Ressentiment und halbgarem Kalkül“ brodelt.

Lobo selbst macht in punkto Irrationalität keine Ausnahme, empfiehlt er doch die Nazikeule als probates Mittel der Diskussionsabkürzung. Aber gerade dadurch deckt sich seine Diagnose mit jener des Carl Schmitt, der Irrationalität definiert als „Glaube an Instinkt und Intuition, der jeden Glauben an Diskussion beseitigt“. Denn, wie Trotzky gegen Kautsky bemerkt haben soll: „Im Bewußtsein von Relativitäten findet man nicht den Mut, Gewalt anzuwenden und Blut zu vergießen“. Stehen wir also mit unserer rational-digitalen Wissens(technologie)gesellschaft unmittelbar vor einem Zeitalter der Irrationalität – einer Epoche der antagonistischen Gefühle und der Gewalt?

Tatsächlich beruht Rationalität auf Konvention und Berechenbarkeit – Rechnen bedeutet etymologisch nichts weiter als die Erzeugung von Ordnung und ihre Respektierung. Wenn aber Systeme erschüttert werden – wie beispielsweise in der mathematischen Grundlagenkrise -, dann verlieren systemische Rationalität, spezifische Verfahren, Funktionen, Institutionen und individuelle Identitäten ihre Bedeutung.

Psychische und physische Grenzen der Identität

Eine Erschütterung individueller Identität liegt beispielsweise bei schizophrenen Ich-Störungen bzw. Körperschema-Störungen vor, die eine Betroffene wie folgt schildert: „Alles dringt in mich ein, ich kann mich nicht mehr abschirmen, weiß nicht, wo ich aufhöre, bin ungeschützt, kann nicht mehr das Außen vom Innen unterscheiden, die Verbundenheit zu meinem Ich ist verloren gegangen, ich bin öffentliches Freiwild, da ich keine Schranke mehr zwischen mir und der Umwelt habe“.

Offensichtlich ist die Fähigkeit, sich abzugrenzen, psychisch und physisch überlebenswichtig. Zu diesem Ergebnis kommt auch Professor Erwin Frey, Spieltheoretiker und Physiker an der TU München. Ökosysteme können nur entstehen und überleben, wenn sie eine Vielzahl von Arten enthalten. Interaktionen zwischen den Individuen müssen dabei räumlich begrenzt sein, damit sich einzelne Bereiche unter einer bestimmten Subpopulation ausbilden, was zur stabilen Koexistenz aller Arten führt. Überschreitet allerdings die Mobilität einen gewissen Schwellenwert, ist die Biodiversität gefährdet oder geht sogar unter. Je höher die Mobilität und die Mischung, desto größer die Uniformität. Welche Spezies auf dem Weg zur Uniformität übrig bleibt, ist zufällig, weil alle die gleiche Chance haben zu überleben.

Zu viele Unterschiede sind genauso schädlich wie zu wenige Unterschiede

Diese „Weisheit“ ist basal. Denn am Anfang, so die Systemtheoretiker, steht der Unterschied, die Leitdifferenz – auf die Folgeinformationen, also Unterschiede, und Aktionen aufbauen. Der Meinung war auch der Linguist und Wortfeldforscher Jost Trier zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Auf Grenze und Zaun als materielle Unter-Scheidung verweist nicht nur der Innen und Außen konstituierende germanische „Mannring“ als Kultstätte und Arbeitszusammenschluss – was früher am Land auch noch „Maschinenring“ hieß. Sondern auch das „Paradies“, das sich vom altpersischen „pairidaeza“ für „Umzäunung“ ableitet und sich im indogermanischen „ghordo“/Garten wiederfindet. Und den wilden Wald von der Wirkungsstätte des Menschen trennt.

Da verwundert es nicht, dass auch „die Kultur“ vom Acker kommt. Das Wort Kultur leitet sich aus lateinisch „cultura“ gleich Bearbeitung, Bebauung ab. Kultur beschreibt mithin den Abstand des Menschen zur Natur und die Geschichte seiner Gemeinschaft in der Bewältigung der Natur. Eine spezifische Kultur ist dementsprechend charakterisiert durch grundlegende Denk- und Handlungsmuster, Werte und Ideale, die sich in Artefakten manifestieren, in Schriftstücken, Technologien, Kunst, aber auch im verbalen und nonverbalen Verhalten, Mythen und Witzen. Der homo sapiens kann sich als diejenige Gattung unter den Lebewesen definieren, die durch eine doppelte Erbschaft geprägt ist, insofern die „natürliche Sprache“, der bio-genetische Code, von einer „exosomatischen Sprache“, der kulturellen Tradition und den in ihr befindlichen Werteclustern, begleitet ist.

Die Gemeinschaft als sozialer Körper

Insofern findet sich auch die Kultur menschlicher Vergemeinschaftung in Struktur gebenden Bildern, Narrativen und Mythen, die Identität schaffen. Dazu gehört die antike Metapher des sozialen Körpers. In der Fabel des Erzählers Menenius Agrippa vom Magen und den Gliedern des Körpers (ca. 494 v. Chr.) stellen letztere (die römischen Plebejer) ihre Tätigkeit ein, um nicht mehr dem faulen Magen (Patrizier) dienen zu müssen. Dadurch aber, so Agrippa, würden sie selbst geschwächt – auf das Ganze käme es an. Eine Erkenntnis, in der sich die Angst vor einem Bürgerkrieg spiegelt, die wiederum auch für die Theoretiker des modernen Staates im 16. und 17. Jahrhundert leitend ist.

So schreibt beispielsweise Thomas Hobbes (1588-1679) den „Leviathan“. Das Cover des Buches zeigt den über weltliche und geistige Mächte herrschenden Souverän, dessen Körper aber aus allen Menschen besteht, die in einem imaginären Herrschaftsvertrag ihr Recht auf Gewalt dem Souverän übertragen. Die aus der Antike stammende Körper-Metaphorik wandert also auf dem Weg über die christliche Kirche in die juristischen Korporationslehren des Mittelalters und der frühen Neuzeit – und resultiert im „Leviathan“, dem „sterblichen Gott“ Staat.

Dabei ist die Kehrseite des homogenen, sozialen Köpers der zerstückelte Körper. Der liegt beispielsweise vor bei Königsmord und Hochverrat. Denn damit geht der den sozialen Körper einigende mystische Bestandteil verloren und somit Identität und Funktionalität des Ganzen. Die (Vier-)Teilung ist daher bis ins Europa des 19. Jahrhunderts – in China als „Lingchi“ bis ins 20. Jahrhundert – die (auch symbolische) Strafe für Königsmörder und „Störer“ des sozialen Körpers.

Die Eingrenzung körperlicher Gewalt im Parlamentarismus – oder auch nicht …

Die Gefahr des Bürgerkrieges in Form des nie endenden Kreislaufs der Fehde hat folgerichtig zur Einschränkung der kriegerischen Gewalt geführt. Die räumliche Zuweisung eines Schlachtfeldes beispielsweise geht auf die altnordische Tradition zurück, nach der der Kampfplatz mit Haselruten, genau wie der Platz des Zweikampfes und der des Gerichtes, abgesteckt wurde –  wieder findet sich der Zaun und die mit ihm verbundene Trennung zwischen „Kultur“ und „Wildheit“. Im christlichen Mittelalter sorgten dementsprechend „pax dei“ für eine räumliche und „treuga dei“ für eine zeitliche (nicht an Feiertagen oder am Wochenende) Eingrenzung der Fehde.

Letztlich ist auch der Parlamentarismus eine Einhegung körperlicher Gewaltformen. Hier wird nur noch mit Worten gekämpft bzw. gesprochen (franz. parlement). Wobei die Wirkungsmacht eines Parlamentes in der Regel zeitlich (Wahlen) und räumlich (Geltungsbereich) beschränkt ist. Die grundsätzliche Suspendierung der Gewalt während der Wahlakte, zwischen Souverän und Repräsentanten wie auch zwischen den Repräsentanten setzt Vertrauen in das System voraus. Ein Ergebnis gelingender Wiederholungen, die ebenso spezifische System-Funktionen und Rationalität schaffen. Die aber auch gefährdet sind, wenn sich das Parlament vom mehrheitlichen Wählerwillen verselbstständigt und insofern nicht mehr repräsentiert.

Nicht nur, dass 2013 netto nur etwa ein Drittel der Bevölkerung die Große Koalition ermächtigt hat. Auch aktuell ist der Bundestag nicht in der Lage ist, die Mehrheit des Wahlvolkes zu repräsentieren oder seine Sorgen Ernst zu nehmen. Diskussionen finden in Talkshows statt, in Hinterzimmern – aber nicht im Parlament oder mit dem Souverän, dem Staatsbürger. Die parlamentarische Opposition ist zu einem Simulacrum geworden, medial inszeniert und ohne Folgen. Eine große Opposition besteht zwar landesweit, ist aber landesweit auch nur außerparlamentarisch zu finden und wird mit allen moralischen und rechtlichen Mitteln bekämpft. Die Nicht-Repräsentation führt zu Identitäts-Krisen analog der Sentenz: Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich nicht sehe, was ich sage. Seine eigene Identitäts-Krise beschreibt Botho Strauss so: „Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche. Einer, der wie der entrückte Mönch von Heisterbach oder wie ein Deserteur sechzig Jahre nach Kriegsende sein Versteck verlässt und in ein Land zurückkehrt, das immer noch Deutschland heißt“.

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