Europa. Großes Kino. Ein zynischer Abgesang.

Hat nicht jede Generation ihr Anrecht auf den ganz großen Fehler, über den spätere Generationen dann den Kopf schütteln? Oder sind wir satt nach 70 Jahre Freiheit, Wohlstand und Frieden - der übermütige Esel geht aufs Eis? Provokante Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft.

© Spencer Platt/Getty Images

Ist es nicht großartig? Endlich einmal ein Ereignis von weltgeschichtlicher Dimension. Der Zerfall und Untergang einer Gesellschaft und ihrer Kultur. Und wir sind live dabei. Man wird sich noch viele Generationen später kopfschüttelnd an uns erinnern und sich fragen: „Was haben die sich nur dabei gedacht?“. Aber wir, die mit der Gnade der frühen Geburt, die über Fünfzigjährigen heute, die endlich wissen, was die Menschen beim letzten historischen Großereignis, dem 2. Weltkrieg, gedacht haben, nämlich gar nichts, – wir kennen das Geheimnis, wie man blinden Auges Geschichte schreibt.

Ich gebe zu, ich wurde langsam etwas ungeduldig. Hat nicht jede Generation das Recht auf einen historischen Mega-Event? Auf eine Katastrophe mit Zerfall und Gewalt? Sollte nicht jeder einmal in seinem Leben Zeuge werden, wie der große Reset-Knopf gedrückt wird, wie bisher für die Ewigkeit Gedachtes zerfällt und menschlicher Vermessenheit eine weitere, harte Lektion erteilt wird? Einmal  erleben, wie die Karten neu gemischt werden und mit Abenteuerlust und Angst darauf warten, welches Blatt einem nun zugeteilt wird? Wir Deutschen, die nach 1945 unverdienter Weise ein Full House zugeteilt bekamen, können allerdings kaum darauf hoffen, dass wir diesmal wieder so viel Glück haben. Egal!

Über 70 Jahre Frieden in diesem Land, Wachstumstaumel und Wohlstandeuphorie, das hält doch kein Mensch aus. Da wird es Zeit, etwas zu zündeln und dem Schicksal nachzuhelfen. Das Erreichte ist stets selbstverständlich, es zu schützen und zu bewahren unnötig, wenn die Versprechungen am Horizont locken. So wie heute, so fing es immer an.

Die Worte meines Vaters, mahnend an mein kindliches Ohr gerichtet, „Dir geht es wohl zu gut“ oder „Dir juckt wohl das Fell?“, – sie gelten nicht nur für nassforsche Individuen, sondern für ganze Gesellschaften oder Kulturen! Wer hätte das gedacht?

Mein Vater hatte was erlebt. Die Kämpfe in Italien oder später im finnischen Karelien, die amerikanische Kriegsgefangenschaft, immer besorgt, dass das eintätowierte Blutgruppensymbol, das die Zugehörigkeit zur SS verriet, nicht auffiel, oder die Hamsterfahrten und den Kohlenklau von fahrenden Zügen nach dem Krieg.

Oder mein Großvater. Im ersten Weltkrieg auf einem Hilfskreuzer seiner Majestät im Golf von Aden von den Briten aufgebracht. Kriegsgefangenschaft in Indien. Für einen Jungen damals ein wahrhaft exotisches und unvergessliches Abenteuer.

Selbst die Erzählungen meiner Großmutter mütterlicherseits, die ihr Rheuma stets darauf zurückführte, dass sie mit meiner damals 9-jährigen Mutter an der Hand, dauernd zum Bunker laufen musste, hatte etwas Erregendes.

Leider sind Kriege ja dank der Atomwaffen etwas aus der Mode gekommen. Aber umso faszinierender ist es, zu erleben, wie ein Staat, eine Gesellschaft, quasi nach innen implodiert. Dabei ist es simple Physik. Es bedarf stets nicht nachlassender Kräfte von innen, die einen Gegendruck aufbauen, die bewahren und schützen. Lassen diese nach, ist die Implosion unvermeidbar.

Und diese Kräfte gibt es nicht mehr. Zu lange hieß es: höher, schneller, weiter. Übermut, wohin man blickte, naive Zuversicht, dass es hinter der nächsten Kurve noch schöner, noch besser wird. Wie langweilig, das Erreichte bewahren zu wollen. Die D-Mark, eine der härtesten Währungen der Welt: hinfort damit. Eine weltweit einmalige Infrastruktur und beispielhafte Verkehrswege: eine Selbstverständlichkeit, die ewig hält. 12.000 marode Brücken in  diesem Land zeugen von der Ignoranz und Dummheit der Verantwortlichen. Ebenso wie allerorten zerfallende Schulen, augenfälliges Zeichen für das Zerbröseln eines Bildungssystems, um das uns mal die Welt beneidete. Man könnte endlos fortfahren mit der Bestandsaufnahme dieser verwahrlosten Republik. Die Bundeswehr: eine Lachnummer. Die Industrie: Anschluss an die Weltspitze in fast allen Zukunftstechnologien verloren. Großprojekte wie der Berliner Flughafen: eine göttliche Komödie. Energiewende: schlicht verzockt. Staatsfinanzen oder Renten: ein Desaster.

Seltsam: Wir leisten uns Heerscharen teurer Politiker und Bürokraten, aber für das Gemeinwesen ist scheinbar keiner verantwortlich. Stattdessen hören wir permanent Entschuldigungen und heuchlerische Erklärungen. Ganz vorne: Die Weltwirtschaft, die Globalisierung. Oder die EU, die in Brüssel. Oder die anderen Parteien. Wenn die nicht wären, ja, dann würden, dann könnten wir. Und dann tun sie das, was sie am besten können: sie fordern und fordern. Vom wem eigentlich? Das weiß keiner so genau.

Es ist ein erbärmlicher Affentanz, dessen Zeuge wir tagtäglich werden. Aber das reicht natürlich nicht für einen historischen Untergang mit Pauken und Trompeten. Allenfalls für eine mittelgroße Wirtschaftskrise. Damit wird uns die Nachwelt nicht Erinnerung behalten. Da braucht es schon etwas Epochales und Beispielloses. Das Kopfschütteln und die Fassungslosigkeit nachfolgender Generation muss man sich hart verdienen.

Zwei Millionen aufgenommene Flüchtlinge 2015, – das ist mal eine Hausnummer, über die sich die Welt noch lange den Kopf zerbrechen wird. Die üblichen Entschuldigungen wie Bequemlichkeit oder Ignoranz greifen da nicht mehr. Da muss mehr dahinter stecken. Hier kann man sie fast spüren, die Überdrüssigkeit einer dekadenten Gesellschaft, den latenten Willen zum Untergang, der sich noch einmal in einem infantilen Freudentaumel Luft macht. Fast hört man wieder die Begeisterungsschreie von 1914 oder 1939, als man loszog, alles leichtfertig zu riskieren und der eigenen Vernichtung höhnisch entgegenlachte. Heute heißt es nicht mehr „Für Volk und Vaterland“, sondern „Refugees welcome“.

Aber wir vergessen nicht: Heute ist es keine Explosion, die uns den Garaus machen wird, sondern eine Implosion. Da gelten andere Regeln, will man Erfolg haben. Die Horden junger, vorwiegend männlicher und muslimischer Migranten sind schon einmal eine wirkungsvolle Zutat. Und es sieht nicht so aus, als würde der Strom der Einwanderer versiegen. Manche munkeln, halb Nordafrika säße bereits auf gepackten Koffern, um sich von den zu Schleppern und Transporteuren verkommenen Grenzschützern sicher nach Europa geleiten zu lassen.

Längst fragt keiner mehr, wer da eigentlich kommt. Viel zu langsam macht sich die Angst breit in der Bevölkerung, die Angst vor brutaler Gewalt, Tritten gegen den Kopf, Antanzen, Begrapschen in Schwimmbädern oder einem größeren Terroranschlag extremer Islamisten, die zu Hunderten ins Land strömen. Und diese Angst ist mehr als berechtigt, wie der aufmerksame Bürger versteckten Hinweisen in den Medien entnehmen kann. „Südländisches Aussehen“ oder „dunkle Hautfarbe“ heißt es in den Meldungen über alltägliche Abscheulichkeiten. Erst langsam erscheinen Kriminalstatistiken, die ein schonungsloses Bild der Lage zeichnen. Mehr noch als unter den Gewalttaten leidet die Bevölkerung unter dem Gefühl der Ohnmacht und daran, dass sich kaum ein Politiker für ihre Ängste zu interessieren scheint.

Während in den Medien und Talkshows immer noch darüber spekuliert wird, ob der Islam zu Deutschland gehört, oder nicht, während feinsinnig unterschieden wird zwischen Islam, politischem Islam und Islamisten, kursieren im Internet längst detaillierte Analysen weltweiter Befragungen, nach denen die Mehrzahl der Muslime die menschenverachtende Scharia staatlich durchsetzen will. Und in diesen absurden Theater Bundesrepublik pochen Islamverbände auf das Grundgesetz, wenn sie demokratische Parteien diffamieren. Ein Irrenhaus, in dem die Presse als Vierte Gewalt längst die Glaubwürdigkeit und ihre Funktion eingebüßt hat.

Aber reicht das? Einen Anstieg der Kriminalität oder kleinere Unruhen in NoGo-Areas, etwa bei den Schwarzenunruhen in den USA der Sechziger, gab es doch schon öfter. Das ist noch lange kein Garant für ein historisches Desaster. Dazu braucht es mehr. Aber das sieht gut aus in diesem Land und in Westeuropa.

Eine wirkungsvolle, alles zerstörende Implosion muss im innersten Kern des Körpers beginnen. Sie muss gewissermaßen den gesellschaftlichen Grundkonsens, das Urvertrauen der Bürger in den Staat und die soziale Matrix zerstören. Sie muss die Haftkräfte eines gemeinsamen Wertesystems, und sei es auch noch so informell, auflösen. Dann, ja dann ist der Zerfall nicht mehr aufzuhalten.

Ich bin mehr als optimistisch, denn wir sind auf dem besten Weg. Die Kernspaltung ist bereits gelungen. Am deutlichsten konnte man das bei den jüngsten Wahlen in Österreich beobachten. Jemand formulierte es treffend: 100 Prozent der Österreicher halten 50 Prozent der Österreicher für Trottel. Wie weit zurück liegen die Zeiten, als Ralf Dahrendorf mit der Formulierung „Der zwanglose Zwang des besseren Arguments“, das Hohelied auf den gesellschaftlichen Diskurs sang. Argumente haben ausgedient. Heute stehen sich verhärtete Fronten unversöhnlicher moralischer Positionen gegenüber.

Unerbittlich tobt der Kampf in den Social Media. Und der Staat gießt beständig Öl ins Feuer. Er fördert Bespitzelung und Diffamierung und hetzt gegen große Teile der Bevölkerung. 100 Millionen Euro hat er für den Kampf gegen Rechts bereit gestellt und unterstützt unter anderem Antifa-Gruppen, die mit großer Gewalt gegen die eigenen Polizeikräfte vorgehen. Wie verkommen kann eine Gesellschaft noch sein?

Aber was rede ich? Gesellschaft? Komplett fragmentiert. Eine Orientierung ist schon nicht mehr möglich. Vieles, was gestern unmöglich erschien, ist bereits traurige Realität. Mögen Null- oder Negativzinsen mit ihren noch nicht absehbaren katastrophalen Folgen ein sichtbares Symbol für die „Umkehr aller Werte“ sein, so wiegt die Unberechenbarkeit von Haltungen weit schwerer. Sie verunsichert nachhaltig und schafft der Anarchie Raum. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass die CDU sich anschickt, grüner als die Grünen zu werden? Wer konnte sich Tierschützer vorstellen, die angesichts der grausamen Halal-Schlachtung schweigen. Wer vermochte sich Frauenrechtler vorzustellen, die nach zahlreichen Übergriffen überwiegend muslimischer Täter, Verständnis für die Täter fordern. Und wer hätte gedacht, dass Kirchenfürsten angesichts brutaler Verfolgung ihrer Gläubigen durch Muslims im Nahen Osten und sogar in deutschen Asylantenheimen nicht etwa um Unterstützung für die drangsalierten Christen bitten, sondern um mehr Verständnis für Muslims?

Man kann es schon knistern hören, im Kern dieser Gesellschaft und des Staates. Die Auflösung der zentralen Strukturen ist nicht mehr weit. Es hat wenig mehr als zwei Jahrzehnte linksgrünen Kulturrelativismus und naiver Sorglosigkeit der Bürger gebraucht, um das zu erreichen. Nichts ist mehr gesetzt. Nicht mal das Geschlecht eines Menschen.

Groß ist die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, nur notdürftig als Desinteresse getarnt. Und so ist sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht, die Kaste der Priester mit ihren nicht hinterfragbaren Dogmen der Alternativlosigkeit. Sie spucken auf das Grab Ralf Dahrtendorfs und auf unsere Träume einer Gesellschaft, die auf Vernunft, Wissenschaft und demokratischem Diskurs gegründet ist. Es spielt keine Rolle, ob ihre Dogmen linker, grüner, islamischer oder rechtsradikaler Provenienz sind. Sie tauchen stets in Scharen dann auf, wenn das Ende nicht mehr weit ist. Und sie finden Gehör bei ihren verunsicherten und mitunter verblödeten Anhängern. Als wollten sie sich gegenseitig überbieten, postulieren sie immer absurdere Thesen. Dabei sind sie sich im Wesen gleich: Sie sind die Feinde der Freiheit. Und letztlich sind sie alle die Feinde eines Friedens, der sie überflüssig machen würde.

Die Zeichen stehen also gut, dass ich im Alter noch einmal Zeuge einer radikalen, gesellschaftlichen Umwälzung werde, die in die Geschichtsbücher eingeht. Mein Großvater und mein Vater hatten ihren Krieg und ich werde meine Implosion erleben, die wahrscheinlich ganz Westeuropa erfasst. Wie wird das auf dem Höhepunkt sein? Ich stelle es mir ein wenig wie in Syrien vor. Unterschiedliche religiös motivierte Horden, Warlords unterschiedlicher Ethnien, Rockerbanden, echte Nazis und schlichte Patrioten und Bürgerwehren werden gegeneinander und gegen Reste offizieller Kräfte im Kampf liegen. Letztere werden natürlich vorrangig damit beschäftigt ein, die Safe Zones, urbane Großräume zu sichern. Dort werden sich Reste der Wirtschaft konzentrieren. Die NoGo-Areas werden sich selbst überlassen bleiben. Deutschland – ein failed State. Großes Kino.

Wird man etwas daraus für die Zukunft lernen? Es wäre wünschenswert. Etwa, dass ein funktionierendes Gemeinwesen ein kostbares und verletzliches Gut ist, das man schützen und pflegen muss. Dass man die Besten damit beauftragen sollte und nicht gewissenlose Karrieristen. Dass man wachsam gegenüber Priestern und Dogmatikern sein muss und sich wehren sollte, wenn die erst mal von Fröschen oder Bäumen predigen. Und vielleicht wird man begreifen, dass eine Kultur, ähnlich einem biologischen Organismus eine Art Immunsystem besitzt, das fremde kulturelle DNA erst einmal abkapselt, um die eigene Kultur, das Rückgrat jeder Gesellschaft zu schützen. Wenn dieses Immunsystem selbst durch Ideologen und Kulturrelativierer infiziert ist, ist alles zu spät.

Ich hoffe allerdings, dass die Menschen nicht zu viel lernen, damit meine Enkel auch noch ihre historischen Momente erleben werden. Eigentlich bin ich da recht optimistisch. Jetzt bin allerdings erst einmal ich dran.

Dirk Schmidt ist Kommunikationsberater.

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Kommentare

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  • Jon Schnee

    Der Artikel ist gut. Nutzt aber nichts. Der, der warnt vor grossem Unheil ist isoliert. Der, der den Menschen sagt es kommen goldene Zeiten, ist der Held. Der, der die Revolution anführt, für die richtige Sache, bekommt seine Statue 300 Jahre später und wird in Sagen und Gedichte gehuldigt. Aber nicht in Deutschland. Da sagt der Michel, wie blöd muss man sein, sein Leben zu opfern. Wann hatte Deutschland seine letzten grossen Helden? Immer. Wer redet über sie? Keiner.

  • Jon Schnee

    Gebt dem Land Kardiologen, Gynäkologen, Geologen und mehr, es wird blühen. Man gebe ihm Ideologen und Dämagogen in grosser Zahl und es versinkt im Chaos

  • Doktor No

    Phantastisch!!
    Sie bringen die derzeitige Lage derart exakt auf den Punkt, dass dem nichts mehr hinzufügen ist.

    Na ja vielleicht doch eine Szene, die ich gerade am Bahnübergang in der Kleinstadt, in der ich noch wohne, gesehen habe:
    Die Schranke geht hoch und mir entgegen kommt ein junger Schwarzafrikaner auf flottem Fahrrad. Er selber nicht weniger flott gekleidet, neuste Klamotten, schicker Haarschnitt, alles bestens, er selbst lässig, entspannt, gut gelaunt……
    ihm folgt ein deutscher junger Mann, etwa im selber Alter, im Blaumann, offensichtlich (der Uhrzeit gemäß) auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, abgemattet, abgekämpft, verschwitzt……
    Wer findet den Unterschied??