Die Versuchung Autokratie

Donald Trump fährt die männliche Variante des Crashkurses, den nur Dilettanten so radikal verfolgen wie im fernen Europa Angela Merkel. Der Unterschied ist stilistisch. Frauen schleichen ins Haus. Männer treten die Tür ein.

Die „Immunstörung“ der Demokratie ist die Stunde der Dilettanten. Auch Merkel begann als Dilettantin, sie berichtet selbst, dass sie sich zuvor nie für Politik interessiert habe. Auch Donald Trump stürmt als Dilettant auf die politische Weltbühne. Ob beide sich den publizierten Rollendiktaten fügen, die sie als Gegenspieler sehen wollen, wird sich zeigen. Auch die Opponenten gegen das System Merkel sind Dilettanten; der Gründer der AfD, Bernd Lucke ebenso wie seine Rivalin Frauke Petry, begannen nicht als Politprofis, sondern als Dilettanten.

Schon der Auftritt von Angela Merkel setzte das Zeichen: Parteien? Eigentlich verzichtbar. Gesetze? Revidierbar. Wert? Nur noch formelhaft, nutzbar. Sedativum für verspätete Bürgerherzen. Aber auch die Partei, bei der Merkel karrierehalber andockte, verspätete sich gewaltig mit der Erkenntnis, dass die Dilettantin auf dem Kanzlerthron eine Agenda durchzog, die den Markenkern der CDU zu Staub zerfallen ließ.

Donald Trump fährt die männliche Variante des Crashkurses, den nur Dilettanten so radikal verfolgen wie im fernen Europa die Kollegin Angela Merkel. Der Unterschied ist nur ein stilistischer. Frauen schleichen ins Haus. Männer treten die Tür ein.

Die Immunstörung Europas

Die Unbefangenheit der Dilettanten versetzt Berge, weil sie an die Rituale und Versprechen der Vorgänger auf den Gipfeln der Macht nicht mehr glauben. Nach dem Gipfelsturm gehört der Olymp zunächst ihnen, den Gegenspielern der Eliten von gestern. Die „Immunstörung“ Europas begann mit dem Patienten EURO, der mit Rechtsbrüchen und Gelddruckprogrammen nicht zu heilen ist. Seit die Kanzlerin von „unseren Werten“ spricht und den globalen Export „unseres Rechtssystems“ öffentlich auf ihre Agenda gesetzt hat, können wir wissen: Auch das mission statement zum Demokratieexport, das immer häufiger wiederholt wird, dient der Entkräftung aller alten Bekenntnisse: Die Inflation der Worte überspielt den Verlust an glaubhaften Taten. Werte? Normen? Recht? Ihre Hüterin, die Demokratie? Sie alle sind im Sprachbaukasten der Symbolpolitik angekommen, wo die Arglosigkeit der Bürger bedient wird.

Ein Visionär oder Narr am Hofe der Avantgardisten in Europa und USA, in Paris oder Budapest oder Warschau hätte die Kühnheit, zu den „alternative facts“ der Herrschenden die andere Hälfte der Wahrheit zu liefern – mit einer Totenklage auf die sterbende Demokratie.

Wo der „starke Staat“ zum Versprechen der politischen Führung wird, müssen Demokraten ihre Antwort geben: Stark kann der Staat nur sein, wenn er starke Bürger akzeptiert. Stark als Verbündeter eines Staates, der Gefährder unsere Freiheit zur Rechenschaft zieht, wird der Souverän, der Bürger, so lange sein, wie auch seine Gegenrede als Stärke geachtet wird.

Die Regeln für Erfolgspolitik verändern sich. Das Auseinanderfallen von Reden und Handeln der politischen Führung wird von den Bürgern langmütig geduldet. Auch die kunstvoll inszenierte Verspätung von Schuldeingeständnissen durch Politiker ermüdet und enttäuscht die kritischen Bürger: Ihre Gegenrede, so lernen sie, wird noch später publiziert werden als die entschleunigten Eingeständnisse der Politiker.

Die Entaktualisierung verstörender Ereignisse wie des Terroraktes im Weihnachtsmarkt in Berlin ist dennoch erfolgreich: Wer zornig und alarmiert war, ist nach Wochen der Nebelkerzen nur traurig und mutlos. Braucht der Staat entmutigte Bürger?

Von der Heldenrolle zum Antiheldenfach
Gegen die Bürger regieren
Die Regeln für erfolgreiche Politik verändern sich tatsächlich, wenn an immer mehr vertrauten Orten kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Der kometenhaft über dem deutschen Flüchtlingshimmel surfende Satz der Kanzlerin, Deutschland bleibt Deutschland, mit allem was uns lieb und teuer ist (eine Versuchung für Satiriker), überflog Denk- und Gefühlslandschaften, die Versandung und Versteppung zeigen. Wer in diesen Denk- und Gefühlslandschaften nicht gelebt hat, der hat kein Problem. Die Kanzlerin zum Beispiel. „Deutschland wird sich verändern“, sagte sie zu einem Zeitpunkt, als offenbar nur sie wusste, dass ein Tsunami die Gefühlslandschaften der Deutschen verwüsten würde.

Dass Gefühle die Wahl entscheiden, hat die Kanzlerin inzwischen als unbequeme Wahrheit in ihre Wahlkampfplanung aufgenommen. Der Mehrfachnutzen von Gefühlsmanagement wird ihren Wahlkampfstrategen bekannt sein. Gut, sich damit zu beschäftigen, denn: Auch Autokraten setzen auf die Gefühle und pfeifen auf die Gedanken ihrer Anhänger. Sie wissen, das jeder Gefühlssturm die Ratio an die Wand drückt. Für die deutsche Kanzlerin ist ein Wahlkampf um die Gefühle der Menschen nicht einfach. Sie weiß nämlich, dass sie für ihren „keep cool“-Habitus gewählt wird; ihre Wähler reagieren im Kühlraum Merkel ihre Gefühlsüberschüsse ab. Merkel wird gewählt, weil sie keine Bekenntnisse ablegt.

Nur im Glaubwürdigkeitsnotstand greift die Kanzlerin zu strategisch ausgefeilten Gefühls-Waffen, um ihr standing zu sichern: So nach der Grenzöffnung und quasi-Einladung an die Migranten der Welt; so auch mit der sehr riskanten Kondition, „nicht mehr mein Land“ sei ein Deutschland, das ihren autokratischen Machtanspruch als Alleinentscheiderin nicht mittrage. So sprechen Autokraten, und so sichern sie ihr Handeln ab.

Merkel ist mit ihrem cooling-Naturell ein Sonderfall. Wer unter ihr arbeitet, lernt es, Gefühle an die kurze Leine zu legen; es sei denn, sie passen ins Machtmodell der Chefin. Gefühlsaskese schadet dem Wettbewerb, das gilt auch für die Politik. Seit das Merkel-Jahrzehnt läuft, übernehmen die Medien freudig die Dienstleistungen, die in Politik und Kirche immer weniger karrierehungrige Nachwuchspolitiker wahrnehmen – um ihre Karriere störungsfrei zu halten. Die Bildmedien machen Quote mit Formaten, die eigens als Bühnen für Bekenntnisse entworfen wurden: die Talkshow ist die Ersatzkirche; hier steht der Beichtstuhl bereit. Die Regie wünscht Gefühlsausbrüche und tollkühne Bekenntnisse.

Auch wenn ein blasser Jungpolitiker nur neben dem emotionsstarken King des Talks sitzt, auch wenn der karrierebewusste Jüngling nur Repliken auf die frechen Bonmots der anderen Gäste liefert: Er macht seine persönliche Quote. Die allabendlich offenen Kathedralen der spätdemokratischen Gesellschaft sind die Fernsehstudios. Die zuverlässigen Multiplikatoren im online-Milieu spielen schon erregt an ihren I-Phones, während das säkulare Hochamt noch läuft.

Glaubwürdigkeitsnotstand

So arbeiten verschiedene Szenarien ohne Abstimmung mit der politischen Führung einander zu. Autokratische Entwicklungen in Europa sind fast allabendlich Thema der TV-Talks. Was man so oft und so erregt diskutiert, so glauben die Mitspieler, kann nicht hier, wo wir diskutierend kontrollieren, die Oberhand gewinnen. Die Talk-community mit ihren Redaktionen und die zirkulierende Gästeschar entdämonisieren aber auch, was Ängste auslöst. Sie analysieren mit dem Wohlwollen der intellektuellen Profis und fördern damit zweierlei: den Informationsstand der Zuschauer und die Gewöhnung an das Spektakuläre, die Soft-Dusche auf Feindbilder, denen wir uns entgegenstellen würden, wenn wir nicht so irrsinnig viel verstanden hätten.

Geht es nicht um Gegner, sondern um Feinde, wird im intellektuellen Entwarnungs-Konsens vieler Talks die Witterung für Angreifer geschwächt, denen wir auf jeden Fall unterlegen wären, wenn sie zu uns kämen. Unter der Softdusche beim routinierten Profi-Talk über gefährliche Aggressoren versagt unsere Witterung für unsere Selbstrettung: Die fight-or-flight-Entscheidung wird wegtrainiert. „Fliehen oder Kämpfen“, so wird plötzlich klar, ist für immer mehr Willkommens-Fans in Deutschland überhaupt keine Alternative mehr: Beides kommt nicht in Frage, so entscheiden sie. Auch die brutalere Variante der evolutionswissenschaftlich verifizierten Formel „fight or flight“, das humorvolle „have lunch or be lunch“ sei bei Bedrohung die Alternative, taugt wohl als Weckruf nicht mehr.

Ist es die „alternativlose“ Merkel-Regentschaft, die uns auch realiter die Alternativen geraubt hat? Dass wir das Denken in Optionen, in Handlungsmöglichkeiten aufgegeben haben, zeigen auch die alltäglichen Diskurse über personalpolitische Alternativen. „Es gibt ja keine Alternative“, so lautet der Standardsatz zum Wahljahr. Training ist alles, auch bei Denkgewohnheiten. Wer allein regieren will, muss nur häufig genug sagen: Es gibt keine Alternative. Merkel beschrieb auch schon vor Jahren den Kompromiss, den die Wähler einstweilen noch machen müssen, mit der Wegbeschreibung zu ihr: „Wenn Sie mich als Kanzlerin wollen, dann müssen Sie die CDU wählen“. So war es bisher. Was die Wähler bekamen, war aber ein Themenmix, den sie unter dem CDU-Label eigentlich nicht wählen wollten. So schwindet die Macht des Souveräns.

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