Warum Berlinale und RBB nicht reformierbar sind

Die internationale wie auch die deutsche Kunst- und Kulturszene hat ein dramatisches Antisemitismus-Problem, das sich nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober nun auch prominent auf der Berlinale Bahn bricht. Warum Berlinale und RBB nicht mehr reformierbar sind, erklärt Klaus-Rüdiger Mai

Screenprint: 3sat

Eines haben ein Auslands- und ein Berlin-Mitte-Korrespondent gemeinsam: sie berichten über Gegenden und über Verhältnisse, die dem größten Teil des deutschen Publikums unbekannt sind.

Berlin Mitte: das meint mehr als den Stadtbezirk, das meint auch Prenzlauer Berg, wo selbst die Hunde einen Drei-Tage-Bart tragen, und auch Kreuzberg-Friedrichshain. Es ist Deutschlands exterritoriales Wokistan. Dort sind sie immer „mehr“ als andere, dort verachten sie den Mistgabel-Mob, dort leben die Chefs, der sich selbst demokratisch nennenden Parteien in größter Eintracht mit ihren Journalisten zusammen. Genau in diesen Breiten findet einmal im Jahr auch Berlinale-Land statt, neuerdings zärtlich und ein bisschen infantil „Zusammenland“ geheißen.

Mancher wird sich noch daran erinnern, dass die Berlinale früher ein aufregendes Filmfestival war, streitbar, immer etwas links, aber vor allem an Filmen interessiert. Jetzt ist die Berlinale nur noch die propagandistische Bewegbildabteilung der Kulturstaatministerin Roth. Wie unter ihrer Ägide die einst renommierte Kunstaustellung documenta zum Ausstellungsort für antisemitische Wimmelbildkunst geworden ist, so wurde nun die Berlinale zum Pro-Hamas-und Anti-Israel-Festival. Man kann Claudia Roth nicht vorwerfen, dass sie sich nicht treu bliebe. Grüne bekommen bekanntlich alles kaputt, was gut, teuer und edel; was Kunst, Kultur und Ökonomie war.

Die documenta steckt nach dem von Roth zu verantwortenden Antisemitismus-Skandal in einer tiefen Krise. Eigentlich kann man sie nur noch abwickeln. Und die Berlinale ist zur postmodernen Propagandashow verkommen. Selbst wohlwollende und eher linksliberal (was immer das sein soll) verortete Filmkritiker bedauern und bemängeln die künstlerische Belanglosigkeit des Festivals. Die Show, die Rissenbeck und Chatrian zu verantworten haben, rechtfertigen nicht die 10,7 Millionen Euro Steuergelder, die aus dem Haushalt der Kulturstaatsministerin zugeschossen werden, erst recht nicht die 2,2 Millionen Euro Steuergelder, die CDU und Roth aus grünem Jux noch einmal oben drauf gelegt hat, damit das Anti-Israel- und Pro-Hamas-Festival auch gelingen möge.

Als bester Dokumentarfilm wurde der Film „No Other Land“ geehrt, in dem es „um die Vertreibung von Palästinenserinnen und Palästinensern in den Dörfern von Masafer Yatta, südlich von Hebron im Westjordanland“, wie der RBB berichtet, geht. Solidarität mit Israel, eine Erinnerung daran, dass noch immer 130 Geiseln in den Händen der Hamas-Terroristen sind, sucht man allerdings unter den Berlinale-Leuten und den Gästen vergeblich. Stattdessen wird von der Jury und vom Publikum die Siegerehrung zu einer Anti-Israel- und Pro-Hamas-Veranstaltung umfunktioniert.

Der amerikanische Regisseur Ben Russel tritt mit Palästinenser-Tuch auf, schwafelt unwidersprochen vom Genozid, den Israel an den Palästinensern verübe und fühlt sich ungeheuer wichtig dabei: „Und natürlich stehen wir auch hier für das Leben und wir stehen gegen den Genozid und für einen Waffenstillstand in Solidarität mit all unseren Genossen.“ Aus dem Publikum fehlt natürlich nicht der inzwischen obligatorische „Free Palestine“-Ruf. Von der Jury hört man nichts über den Terror und über das Massaker vom 7. Oktober. Dafür spricht einer der Filmemacher, Basel Adra, während der Preisverleihung davon, dass „Zehntausend meines Volkes gerade in Gaza getötet werden“ und ein anderer Filmemacher spricht mit Blick auf Israel von „Besatzung“ und Apartheid“. Beiden spendet das Publikum euphorischen Applaus.

Frederik Schindler von der WELT empört sich völlig zu recht: „Wenn man Israel einen Genozid vorwirft, also die gezielte und planmäßige Verfolgung und Ermordung einer Bevölkerungsgruppe, wird einem auf der #Berlinale-Preisverleihung nicht widersprochen – man wird dort für diese bösartige und falsche Anschuldigung bejubelt.“ Und Ahmad Mansour kommentiert auf X: „In einer solchen Szene, die Juden und Israel pauschal als Unterdrücker, als Sinnbilder kolonialer Macht und als Verkörperungen eines angeblich verwerflichen Kapitalismus darstellt, sollte es nicht verwundern, dass die daraus hervorgehende ‚Kunst‘ eher als Brutstätte für Antisemitismus denn als Ausdruck kreativen Schaffens fungiert – und dies auch noch auf Kosten der Steuerzahler.“

Beschämend ist, dass wir alle durch unsere Zwangsgebühren diesen Film und diese Propaganda fördern, denn die 40.000 Euro für „No Other Land“ stammen vom Skandalsender RBB. Es existieren also 40.000 Gründe dafür, dass diese Berlin-Brandenburgische-Propaganda-Unit keinen Euro Gebührengelder mehr erhält. Doch so lange die Grünen in Berlin herrschen, denen sich auch immer stärker die Union unterordnet und Claudia Roth Kulturstaatsministerin ist, muss sich niemand im RBB Sorgen machen. Und damit das so bleibt, sendet der RBB eben so, wie der RBB eben sendet.

Der Tagesspiegel fragt mit Blick auf die Palästinenser-Tücher zu recht: „Aber, wo waren die Kippa-Träger auf der Bühne? Wo war die deutliche Kritik an der Terrororganisation Hamas? […] Wo war die klare Aufforderung, die noch immer festgehaltenen Geiseln freizulassen?“ Beschämend auch dies: Wir sind dabei zu vergessen, dass sich noch immer 130 Geiseln in den Händen der Hamas-Terroristen befinden. So gesehen existieren 130 Gründe, die Veruntreuung von über 10 Millionen Euro Steuergelder für ein früheres Filmfestival zu beenden.

Den Hauptpreis der Berlinale, den Goldenen Bären, erhält ebenfalls ein Dokumentarfilm, über dessen Auszeichnung selbst die wohlwollende Filmkritikerin der Süddeutschen Zeitung kritisch urteilt. Der Film heißt nach dem afrikanischen Königreich Dahomey, das sich dort befand, wo heute die Republik Benin ist. Und natürlich geht es darum, dass Kunst – diesmal aus dem Pariser Musée Quai Branly – nach Benin „rückgeführt“ wird. Dass der Begriff „Rückführung“ den Sachverhalt nicht trifft, wurde im Zusammenhang mit der Veruntreuung von sogenannten Beninbronzen durch die grünen Ministerinnen Baerbock und Roth bereits besprochen.

Um dem Dilemma, in einem Dokumentarfilm etwas dokumentieren zu müssen, sich idealerweise um die Wahrheit zu bemühen, zu entkommen, greift der „Dokumentarfilm“ auf fiktive Elemente zurück. Man filmt die Welt eben so, wie die Welt einem gefällt. Die hölzerne Statue des Dahomey-Königs Ghézo, einem der grausamsten Sklavenhändler Afrikas, der über 300.000 Dollar mit dem Sklavenhandel verdient haben soll und der zu Beginn der Trauerfeier für seinen portugiesischen Partner de Souza eine Jungen und ein Mädchen enthaupten ließ, räsoniert in seiner Transportkiste über seine Reise. Die Kritikerin der Süddeutschen bringt es lakonisch auf den Punkt: „Es geht, das ist leider sehr oft so bei Ehrungen dieser Art, bei diesem Sieg mehr um politischen Inhalt als um die Frage, ob ‚Dahomey‘ jetzt wirklich ein Höhepunkt der Filmkunst ist (ist er nicht). Es ist aber für den Wettbewerb, in dem er sich durchgesetzt hat, kein Kompliment, wenn man sagt: Es hätte schlimmer kommen können.“

Es geht also nicht um Kunst, sondern nur noch um Gesinnung und Haltung. Wenn es denn schon so ist, wäre es da nicht besser und vor allem ehrlicher, dass im nächsten Jahr die Berlinale von der Heinrich Böll Stiftung finanziert wird?

— Stephan Schorn (@schorn_stephan) February 25, 2024

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