Bei Lanz: Weichspülen mit Olaf Lies

Lanz als 2-in-1-Shampoo. Journalist Frederik Pleitgen sorgt mit Fakten für den Waschgang. Dann folgt der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies mit einer ziemlich dünnen Pflegespülung: Er will uns weismachen, dass die bis in die Haarspitzen leidende deutsche Wirtschaft eigentlich ganz tollen Halt hat. Von Brunhilde Plog

Screenprint: ZDF / Markus Lanz

Selten war eine Lanz-Sendung derart sauber zweigeteilt. Eine Hälfte der Sendung klare Fakten, die zweite Hälfte kaum mehr als Durchhalteparolen und Erzählungen fernab der Realität. Größer könnten die Kontraste zwischen den Gästen kaum sein.

Frederik Pleitgen gehört stets zu den stärkeren Journalisten-Gästen bei Lanz. Auch heute liefert der CNN-Korrespondent den harten, faktenbasierten Teil: Über Russland berichtet er aus eigenem Erleben. Er erzählt von den ukrainischen Angriffen auf Moskau, wie schlecht er die Stimmung in der Bevölkerung plötzlich wahrnimmt, nachdem der Krieg wohl doch nicht so schnell enden wird, wie Putin es seinem Volk versprochen hat. Pleitgen berichtet von Selenskyjs Drohnen, die in immer größerer Stückzahl Russland attackieren und mittlerweile sogar weit entfernte Ziele wie Perm erreichen, das satte zweieinhalb Flugstunden östlich von Moskau im Ural liegt.

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Selbst an der Front sei die Ukraine plötzlich überraschend stark. Russische Soldaten würden mittlerweile auf Unmengen ukrainischer Drohnen treffen. Pleitgen: „Die rennen dagegen an, und da sind nur Maschinen auf der anderen Seite.“

Auch Pleitgens Einordnung des Irankriegs klingt schlüssig. Die USA könnten noch so lange bombardieren, die islamische Republik werde mit minimalem Aufwand die Straße von Hormus weiterhin kontrollieren und jederzeit blockieren können. Am Ende werde nur ein dauerhaftes und stabiles Abkommen mit den Mullahs diesen Konflikt beenden können.

So weit der „Waschgang“ – sauber, international und selbst recherchiert. Kommen wir zum Conditioner und damit zu Olaf Lies (SPD), der krampfhaft versucht, aus dünnem, sprödem Haar eine üppige Farrah-Fawcett-Friese zu zaubern (für die Jüngeren: Einfach mal „Drei Engel für Charlie“ googeln). Der Lies-„Conditioner“ soll das Haar glätten, damit es schön liegt, doch er ignoriert die eigentlichen Ursachen für den Spliss (hohe Energiepreise, Bürokratie, Steuern, Regulierungswut etc.).

Es geht um den Standort Deutschland, die Autoindustrie im Allgemeinen und die VW-Krise im Speziellen. Niedersachsen ist stark von Volkswagen abhängig, daher setzt Landesvater Lies auf seine klassische Beschwichtigungsrhetorik. Wenn Volkswagen jetzt, wie gerade geschehen, auf einen Schlag 20 neue Modelle vorstelle, die alle in China entwickelt, gebaut und nur dort verkauft werden, so ist das für Lies nicht nur ein Problem, sondern vor allem eine Chance. Man müsse die neuen „Herausforderungen annehmen“, man müsse „Innovationen vorantreiben“ und könne „gemeinsam stark sein“.

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„Wenn alles in China stattfindet, was hat VW in Niedersachsen dann noch davon?“, fragt Lanz. Lies versucht konkret zu werden, doch seine Vision klingt allzu phantastisch. VW könne die in China entwickelten Modelle ja für Deutschland „lokalisieren und hier produzieren“. Man müsse versuchen, das Ganze „rüberzutransformieren“. Damit meint er offenbar all das, was gerade erst nach China transformiert wurde, weil Energiekosten, Verbrenner-Aus-An-Hin-und-Her und all die Klima-Knebel und Luftsteuern unser Land langsam zur automobilen No-Go-Area machen.

Doch glaubt man Olaf Lies, dann ist das alles halb so wild, dann steht Deutschland geradezu vor einem ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung. Er redet wie ein Unternehmensberater kurz nach der letzten Kokslinie. Entscheidend sei, dass „wir es wieder schaffen, uns unterzuhaken“, posaunt er mit stolzgeschwellter Brust. „Wir brauchen so ein Zusammenraufen in Deutschland.“ Seine Euphorie wirkt geradezu verzweifelt.

Lanz fasst zusammen: „Sie geben gerade hier den Therapeuten, das wissen Sie.“

Journalistin Kertin Münstermann (Rheinische Post) wirft ein, dass aber trotzdem „die Arbeitsplätze in Deutschland weg“ seien. „Das sind sie eben nicht“, entgegnet Lies. Er wirft noch die neue Batteriefabrik in Salzgitter in die Waagschale. Ziel sei es, dass die Speichertechnik hier gebaut werde und nicht in China. Dazu noch eine paar Spritzer Weichspüler: „Wir können ja nicht überholen, ohne einzuholen“ und „Wir müssen wieder Lust haben, erfolgreich zu sein.“ Lies ist voll in seinem Element. Es glitscht und glibbert aufs Vortrefflichste, her mit dem Föhn!

Den hat Jörg Wuttke. Man könne ja chinesische Ingenieure abwerben und nach Deutschland holen, sagt der China-Experte, denn „die leben gern hier.“ 27 Jahre war er BASF-Repräsentant in China, hat Merkel und Merz beraten. Heute Abend hält er sich mit allzu informativen Beiträgen erfolgreich zurück. Trumps Besuch in China sei „viel Donner, kein Regen“, zu Putins Besuch bei Xi Jinping sagt er „Ein Wolf erkennt einen Wolf. Die sind sich schon sehr ähnlich.“ Genüsslich gibt Wuttke die jüngsten Verschwörungstheorien aus Washington zum Besten, wo er derzeit als Unternehmensberater schafft. Etwa jene, dass Trump das jüngste Attentat wohl selbst inszeniert habe, um endlich seinen neuen Ballsaal zu bekommen.

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Und Deutschlands China-Strategie? Das Wort Strategie sei „an sich schon überbewertet“, ätzt Münstermann. Mehr noch: Egal, ob Merz oder Klingbeil hingeflogen seien, „herausgekommen ist: nichts.“ Ihr Urteil ist vernichtend: „Es hat zu nichts geführt. Es gibt keine China-Strategie der Bundesregierung.“ Noch dramatischer sieht sie das deutsch-amerikanische Verhältnis: „In der deutschen Regierung ist man mittlerweile an dem Punkt, wo man die Kanäle nicht mehr hat.“

Bei einem Thema ist sich die Runde einig: die Reaktion auf Putins Vorschlag, Altkanzler Gerhard Schröder als Vermittler im Ukrainekrieg einzusetzen. Dass Deutschland und Europa dies sofort und kategorisch abgelehnt haben, findet Lanz empörend. Man hätte sofort zusammen mit Brüssel und der Ukraine eine Strategie entwickeln müssen. „Darüber hätte man zumindest mal nachdenken können. Stattdessen nur Ablehnung.“ Lies ist sich sicher, Schröder „hätte Verantwortung übernommen“ und sein Bestes gegeben – „da hab’ ich überhaupt keinen Zweifel dran.“ Pleitgen würde sich etwas mehr Fingerspitzengefühl wünschen. Man solle sich doch freuen, dass Putin überhaupt jemanden vorschlägt, sagt er, und „etwas mehr diplomatisches Geschick“ würde Deutschland „gut zu Gesicht stehen“.

„Das war einfach schlicht diplomatisch dumm“, sagt Mustermann, und Wuttke ergänzt: „Schröder abzuschießen, war sicherlich insensitiv“.

Insensitiv? Seltsames Wort. Passt also perfekt zu diesem seltsamen Shampoo-Abend.

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