Der Mann, vor dem sich der Sensenmann fürchtete

Chuck Norris wurde einmal von einer Königskobra gebissen. Nach fünf Tagen qualvollen Leidens starb die Kobra. Nun ist der Meister des Roundhouse-Kicks selbst von uns gegangen. Oder besser gesagt: Er hat beschlossen zu gehen. Von Silvia Venturini

IMAGO / Photo News

Es gibt eine alte Internetweisheit, die besagt: Der Tod hatte einmal eine Nahtoderfahrung. Sie hieß Chuck Norris. Jahrzehntelang schien diese Behauptung empirisch belegt. Noch vor zehn Tagen, an seinem 86. Geburtstag, veröffentlichte Norris ein Video, in dem er einen Sparringspartner verprügelte und verkündete: „I don’t age. I level up.“ Am Donnerstag ist er auf Hawaii gestorben. Seine Familie teilte mit, er sei friedlich eingeschlafen, umgeben von seinen Liebsten. Man darf annehmen, dass der Sensenmann höflich angeklopft und um einen Termin gebeten hat.

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— NEXTA (@nexta_tv) March 20, 2026

Der Junge aus Oklahoma

Carlos Ray Norris wurde 1940 in Ryan, Oklahoma, geboren, als Sohn einer Hausfrau und eines Soldaten, den er später als Alkoholiker beschrieb. Arm, schüchtern, unsportlich. Man würde sagen: denkbar schlechte Voraussetzungen für eine Karriere als härtester Mann der Welt. Aber Chuck Norris machte keine Liegestütze, um fit zu werden. Er drückte die Erde nach unten.

Bei der Air Force in Südkorea lernte er Tang Soo Do, eine koreanische Kampfkunst, und fand damit seine Berufung. Nach seiner Rückkehr in die USA wurde er sechsmaliger Weltmeister im Mittelgewicht-Karate, ungeschlagen. Er eröffnete Kampfschulen, deren Klientel sich las wie das Who’s Who Hollywoods: Steve McQueen, Priscilla Presley, Bob Barker, die Osmonds. McQueen war es auch, der ihm riet, Schauspielunterricht zu nehmen. Der Rest ist Filmgeschichte. Oder besser: Fußgeschichte.

Der Roundhouse-Kick als Kunstform

1972 trat Norris gegen Bruce Lee im Kolosseum von Rom an, im Film „Way of the Dragon“. Lee gewann, aber Norris‘ haarige Brust und sein stoisches Streben machten Eindruck. In den Achtzigerjahren folgte eine Flut von Actionfilmen: „Missing in Action“, „The Delta Force“, „Code of Silence“, „Lone Wolf McQuade“. Die Titel klangen wie Bandnamen einer texanischen Biker-Gang, und die Plots waren meist so subtil wie ein Tritt ins Gesicht.

Norris perfektionierte den Roundhouse-Kick zu einer Kunstform. Er pflanzte die Ferse in den Magen des Gegners, drehte sich einmal, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, drehte sich noch einmal, um ihn endgültig zu erledigen. Seine Feinde sahen den Kick nie kommen. Fairerweise muss man sagen: Chuck Norris kann eine Drehtür zuschlagen.

Walker und das Internet

Als seine Filmkarriere in den Neunzigern abkühlte, wechselte Norris ins Fernsehen. „Walker, Texas Ranger“ lief von 1993 bis 2001, acht Staffeln lang, in denen Sergeant Cordell Walker das Verbrechen in Dallas mit alttestamentarischer Geradlinigkeit bekämpfte. Die Serie war kein Kritikerliebling, aber das spielte keine Rolle. Chuck Norris liest keine Rezensionen. Er starrt Kritiker an, bis sie ihre Meinung ändern.

Dann kam das Internet, und mit ihm die „Chuck Norris Facts“, jene absurden Übertreibungen seiner Fähigkeiten, die ihn zu einem Meme machten, bevor das Wort Meme existierte. Chuck Norris zählt nicht bis Unendlich. Er zählt bis Unendlich. Zweimal. Chuck Norris schläft nicht. Er wartet. Wenn der Boogeyman schlafen geht, schaut er unter sein Bett, ob Chuck Norris dort lauert.

Norris nahm es mit Humor. Er verstand, dass diese Witze keine Verspottung waren, sondern eine seltsame Form der Zuneigung. In einer Welt, die immer komplizierter wurde, verkörperte er etwas Einfaches: den Mann, der Probleme mit einem Tritt löst. Die Ironie war ihm nicht entgangen. „Mir ist bewusst, dass ‚Chuck Norris‘ so etwas wie eine mythische Figur ist“, sagte er einmal. Aber er wusste auch: Legenden fragt man nicht nach Erlaubnis.

 

Der Gläubige

Abseits der Leinwand war Norris ein Mann des Glaubens, konservativ, patriotisch, ein Unterstützer republikanischer Kandidaten. Er schrieb Bücher über christliche Werte und trainierte bis zuletzt, weil Disziplin für ihn keine Pflicht war, sondern Gebet. Texas ernannte ihn 2010 zum echten Texas Ranger, was nur konsequent war. Chuck Norris spielte keine Rollen. Die Rollen spielten Chuck Norris.

Seine Familie schrieb in ihrer Erklärung, er sei ein hingebungsvoller Ehemann gewesen, ein liebender Vater und Großvater, das Herz ihrer Familie. „Er lebte mit Glauben, mit einem Ziel vor Augen und mit unerschütterlicher Treue zu den Menschen, die er liebte.“ Wer ihn nur aus seinen Filmen kannte, mag überrascht sein. Aber vielleicht ist das die eigentliche Chuck-Norris-Tatsache: Hinter dem härtesten Mann der Welt verbarg sich ein Mensch, der seine Härte für andere einsetzte.

Das Ende, das keines ist

Chuck Norris ist mit 86 Jahren gestorben, zehn Tage nach seinem Geburtstag, auf Hawaii, wo er zuletzt lebte. Die Todesursache wurde nicht bekannt gegeben, aber Spekulationen sind müßig. Chuck Norris stirbt nicht. Er beschließt, woanders zu sein.

Das Internet wird weitermachen wie bisher. Die Witze werden bleiben, vielleicht sogar mehr werden, denn Chuck Norris hat den Tod nicht kennengelernt, er hat ihn nur kurz besucht, um ihm Manieren beizubringen. Und irgendwo in den unendlichen Weiten des digitalen Raums wird jemand schreiben: Chuck Norris ist nicht tot. Er ist nur ins nächste Level aufgestiegen.

Man wünscht sich, es wäre wahr.

 

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