Wie die FAZ aus einem Literaturfest eine Staatsbedrohung macht

Die Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle war überlaufen – trotz aller Gegenkampagnen. Das stellt Medien vor ein Problem: Wie sollen sie berichten, ohne den Erfolg der Veranstaltung einzugestehen? Ein angeblich bürgerliches Blatt bietet ein Meisterstück der Manipulation.

Foto: Maximilian Tichy

Nach der Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle am vergangenen Wochenende sollten zunächst die Fakten sprechen: Mehr als 6000 Besucher kamen zu dem Literaturfest, in der Messe drängten sich zeitweise so viele Besucher, dass die Organisatoren von Lese- und Diskussionsveranstaltungen Überfüllung meldeten. Zuweilen fanden Gäste nur auf dem Boden Platz. Als die Autorin Gloria von Thurn und Taxis ihr Buch „Lieber unerhört als ungehört“ signierte, reichte die Schlange der Leser durch die halbe Ausstellungshalle. Und ja: Auch am Kaffee- und Würstchen-Stand mussten sich Besucher etwas länger gedulden.

Das mit viel Medienunterunterstützung und mit Geld der staatlich finanzierten Amadeu-Antonio-Stiftung unterstützte linke Gegenfestival „Wir“ bekam auf seinen 35 Veranstaltungen an dem Buchmessewochenende gerade 1500 Besucher zusammen, obwohl es sich bei etlichen Programmpunkten um Gratis-Angebote handelte. Und vor dem Messegelände versammelten sich gerade einige Dutzend linke bis linksextreme „Gegendemonstranten“. Was machten die berichtenden alten Medien, die wochenlang das „Wir“-Festival beworben und die Buchmesse als „rechtsextrem“ gerahmt hatten, nun aus dieser Datenlage?

Halle
Buchmesse „Seitenwechsel“ feiert den Erfolg des Wortes
Zum einen können sie das Ereignis nicht ignorieren, von dem ihrer Meinung nach Gefahr für ganz Deutschland ausgeht. Schließlich meldete die „Frankfurter Rundschau“ schon vorab: „Das Who’s who der rechtsextremen Bücherszene trifft sich an diesem Wochenende in Sachsen-Anhalt.“ Die von den Jusos betriebene Webseite „Endstation rechts“ kündigte an: „Im Begleitprogramm tummeln sich ebenso altbekannte Rechte wie Alexander Wendt, Hans-Georg Maaßen, Vera Lengsfeld, Ulrich Vosgerau, Roland Tichy, Gloria von Thurn und Taxis und andere.“

Andererseits sollen die Leser der Qualitätsblätter so wenig wie möglich über den Inhalt der Podiumsgespräche und über die gezeigten Bücher erfahren. Die „Süddeutsche“ stellt sich der Aufgabe, indem sie den Text zu einem großen Teil mit Schilderungen der langen Würstchenschlange füllt. Auch den Mangel an Papierhandtüchern auf der Herrentoilette vermerkt das Blatt ausführlich. So kann man Andrang auch beschreiben. „Die rechte Buchmesse ‚Seitenwechsel‘ in Halle gerät zum logistischen Durcheinander. Auch Überraschungsgast Alexander Gauland kann die Besucher nicht mit der langen Schlange vor dem Würstchenstand versöhnen“, heißt es in dem Text. Von dem, was Gloria von Thurn und Taxis aus der Bühne sagt, zitiert Autor Bernhard Heckler nur Bruchstücke. Dafür beschreibt er die Kleidung des Journalisten Alexander Kissler von Nius, der die Autorin interviewt: „Rotes Hemd, blaue Krawatte, grauer Anzug.“

Nach der Kleidung sortiert er auch das Publikum: „Typ Jurist (Segelschuhe, Chinos, gefütterte Weste)“, „der Typ Hippie-Impfgegner“, „Typ Elektrotechniker“, aber auch „flamboyante und attraktive Gestalten“. Etwas viel Aufwand, um zu sagen, was ja aber nicht so direkt gesagt werden soll: ganz normales Messepublikum. In dieser Menge fiel der Journalist der ZEIT vermutlich etwas auf, der offenbar etwas anderes erwartet hatte: „Normalerweise denkt man vor einem Messebesuch nicht über seine Kleidung nach. Am Wochenende nun war ich auf der Buchmesse ‚Seitenwechsel‘ in Halle an der Saale. Ich ziehe eine grüne Bomberjacke an und eine Fred-Perry-Beanie.“ Er dürfte fast der einzige mit dieser Kluft gewesen sein.

Der „Tagesspiegel“ erlebte die Buchmesse so, „als hätte Hieronymus Bosch ein Wimmelbild der extremen Rechten gemalt“. MDR info, gewissermaßen der öffentlich-rechtliche Heimatsender, schickte seinen freien Mitarbeiter Thomas Datt auf die Messe, der seinen Eindruck so schilderte: „Szenetypische Kleidung war laut Datt eher die Ausnahme. Den Einschätzungen des Journalisten zufolge besuchten auffällig viele Frauen die Veranstaltung, mehr als bei herkömmlichen Szenetreffs oder Demonstrationen. Datts Fazit: ‚Rechtsextreme fühlten sich sicher. Für sie war es wie ein Heimspiel – nur, dass das Publikum nicht mehr nur aus ihren Kameraden bestand, sondern auch aus mittelalten, konservativen Ehepaaren.“ Wobei ungeklärt blieb, ob er den ZEIT-Kollegen in der Bomberjacke womöglich für einen szenetypischen Rechtsextremisten hielt.

Der einzige einigermaßen unvoreingenommene und beschreibende Artikel im Spektrum der herkömmlichen Medien erschien auf WELT online. Dort schrieb Autor Marc Reichwein: „Am Samstagmittag rockt Fürstin Gloria von Thurn und Taxis die Hauptbühne, vor der sich rund 200 Zuschauer versammelt haben, um Sätze wie ‚Die Linken schädigen unser Land‘ mit tosendem Applaus zu belohnen. Unlängst hat die Fürstin das Buch ‚Lieber unerhört als ungehört‘ veröffentlicht, und der Titel klingt wie ein Lebensgefühl, das Tausende Messegäste mitgebracht haben. ‚So viele Leute, das können sie ja nicht mehr leugnen‘, sagt eine Besucherin, und wer immer ‚sie‘ sein sollen – es klingt nach Genugtuung. Es kündet von der Erfahrung, sich von der öffentlichen und veröffentlichten Meinung nicht mehr hinreichend repräsentiert zu fühlen.“ Und: „Wer mit Besuchern spricht, sei es in der Catering-Schlange oder am S-Bahnsteig, bekommt mehr als einmal zu hören, dass viele Anwesende von den öffentlich-rechtlichen Medien enttäuscht sind, von der Politik, von tonangebenden linken Milieus, die Deutschland bis in die Ämter hinein beherrschen. Auch davon, dass viele Medien bestimmte Themen seit Jahren ungenügend adressieren.“

Buchmesse „SeitenWechsel“
Vorsicht, gefährliche Literatur
Das exakte Gegenteil dazu servierte FAZ-Autorin Julia Encke, eng verbandelt mit der Frankfurter Buchmesse. Sie war 2010 Vorsitzende der Jury des Deutschen Buchpreises; die Preisverleihung findet traditionell zur Frankfurter Buchmesse statt. Sie moderiert OPEN BOOKS, dem städtischen Lesefest zur Frankfurter Buchmesse oder tritt als Moderatorin/Panel-Gast auf; sogar die Eröffnung des Bistros bedarf ihrer goldenen Worte. Aber das erfahren die Leser der „Zeitung für Deutschland“ nicht.  Stattdessen bekommen sie ein bemerkenswertes Stück Meinungsmanipulation durch Weglassen geboten. Die Journalistin saß offenbar im Publikum des Podiumsgesprächs am Sonntagvormittag zwischen dem deutsch-schweizerischen Schriftsteller Thor Kunkel („Endstufe“) und dem Autor („Verachtung nach unten“) und TE-Journalisten Alexander Wendt. Beide sprachen über ihre Erinnerungen an den Mauerfall 1989. Encke zitiert Wendt ganz kurz mit den Worten, die Strukturen der Meinungslenkung seien heute im Gegensatz zur DDR „dezentraler“, lässt aber weg, welche Strukturen er überhaupt anspricht: die sogenannten „Meldestellen“ und staatlich finanzierte Plattformen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung.

Was Wendt danach sagt, kommt in ihrem Text gar nicht vor, nämlich: „Was die Bürgerlichen der Gesellschaft jetzt anbieten können, das ist: Normalität. Ein Diskussionsklima, in dem es wieder als normal gilt, dass es Rechte, Linke und alle Meinungsschattierungen dazwischen gibt.“ Warum diese Worte fehlen, zeigt sich gleich. Stattdessen schneidet sie zwei Sätze Kunkels aus dem Gespräch: „Nach dieser Messe werden wir die Linken alle wegfegen, dahin, wo sie hingehören, auf den Müllhaufen der Geschichte“, außerdem seine Bemerkung zur Forderung nach einem AfD-Verbot, die Linken „würden gar nicht daran denken, dass in naher Zukunft vielleicht sie verboten werden“. Er dreht also die „Gegen-rechts“- Kampagne rhetorisch einmal um.

Genau aus dieser Passage verfertigt sie ihr Urteil über die gesamte Veranstaltung der beiden Tage: „So ist diese Büchermesse ‚Seitenwechsel‘ vor allem eins: ein organisierter Angriff auf den Rechtsstaat unter dem Vorwand der Kultur.“ Der ‚Kampf gegen rechts“ und der Ruf nach einem AfD-Verbot gehört für die FAZ offenbar zu „unserer Demokratie“, aber schon das bloße Gedankenspiel eines Schriftstellers, diese Maßnahmen könnten sich in Zukunft vielleicht auch gegen das Linksspektrum richten, machen in den Augen der Autorin die gesamte Messe offenbar zu einer verfassungsfeindlichen Bewegung. Besser hätte sie Meinungsverengung des Kulturbetriebs gar nicht dokumentieren können, die überhaupt zur Gründung von „Seitenwechsel“ führte.


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Kommentare ( 115 )

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115 Comments
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Simplex
2 Monate her

Und daher durften die Antifanten-Paparatzis mit Teleobjektiv bewaffnet auf die Besucher am Haupteingang schiessen und die Bildchen womöglich in ihre Datenbank auf dem indymedia-Server hochladen, die dann auf die Proskriptionslisten gesetzt werden. Und die Polizei steht daneben und schützt alle ausserhalb der Halle vor dieser „Staatsbedrohung“……..
Und wenn die FAZ von „Staatsbedrohung“ bramabasiert, können diese Fotos nur zu Fahndungszwecken und der kommenden „großen Internierung“ dienen. So geht „wehrhafte Demokratie“ – so lebt man „unsere“ Demokratie.

Michaelis
2 Monate her

Bitte unbedingt MEHR von solchen Events – Deutschland BRAUCHT DAS!!!!

pcn
2 Monate her

Die FAZ Autorin Encke kann sich gar nicht mit einem ‚Super Mind‘, Alexander Wendt messen. Wer danach grübeln sollte, warum Deutschlands frühere „Vorzeigepresse“ und der Öffentlich-Rechtlichen so erbärmlich im Sumpf der Lügen, der bösartigen Unterstellungen und bewusster Diffamierungen untergeht, dann wird man in den Redaktionsstuben von diesen linksdrehenden Propagandablättern und Fernseh- und Rundfunksendern fündig. FAZ, ZEIT, der spiegel und wie sie da alle (noch) existieren und mehr oder weniger dahin dümpeln, wären schon längst pleite, wenn der linksgrüne Deutschen-Staat, aka Steuerzahler, nicht mit Abermillionen alimentieren würde.

hjberg
2 Monate her

Schade, dass Sie den überraschend erträglichen Bericht im 3sat Kulturmagazin nicht erwähnen. Das hätte der Objektivität Ihres Artikels nicht geschadet. „Wir“ sollten uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, winzige Schimmer der Hoffnung auf professionellen Journalismus in den Kartellmedien zu sehen und zu würdigen.

Michaelis
2 Monate her
Antworten an  hjberg

Sie können diesen Bericht ja hier verlinken. Bin gespannt.

Lars Baecker
2 Monate her

Ganz ehrlich, wenn man vor 20 Jahren, als die FAZ noch ein weitverbreitetes, honorige, konservatives Blatt war, darüber berichtet hätte, hätte ich es verstehen können. Aber warum schreibt man einen solchen Artikel über ein Blatt, das kaum noch jemand liest? Warum gibt man der FAZ ein Forum? Warum berichtet man nicht einfach über diese großartige Literaturveranstaltung? Sich ernsthaft mit einem Käseblatt wie der FAZ zu beschäftigen ist vertane Lebenszeit. Egal was da geschrieben wird.

kasimir
2 Monate her

Eine Buchmesse mit Potenzial! Leider hatten wir keine Zeit am vorigen Wochenende. Sollte sie nächstes Jahr wieder stattfinden, werden wir auch anreisen. Ich hoffe, dass die Messe von nun an jedes Jahr dort stattfinden kann. Auch eine Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und ein paar Bücher zu kaufen, die man ansonsten vielleicht gar nicht finden würde. Ich freue mich für Susanne Dagen, dass das ein so großer Erfolg wurde. Das hat sie sich wirklich verdient, eine logistische Meisterleistung, so etwas auf die Beine zu stellen. Dass sich nun FAZ und Co daran abarbeiten, sei es ihnen gegönnt :-)) Das ist… Mehr

Michaelis
2 Monate her
Antworten an  kasimir

Wo auch immer – auch ich werde unbedingt versuchen anzureisen!!!

Der Gnatz
2 Monate her

Im überschaubar langen Online-ARD-Bericht dazu habe ich zwanzig mal die Worte „Rechts“ und „Rechtsextrem“ gelesen. Das Neue Deutschland hätte das damals nicht so plump-plakativ gedruckt.

Und bei der „szenetypischen Kleidung“ musste ich lachen. Sie auch?

Kann sich ja nicht jede Gruppierung durch schwarze Klamotten und Maske im Gesicht uniformieren.

GefanzerterAloholiker
2 Monate her

Mercedes hatte YASA gekauft. Die liefern hunderte von kWh und massenweise Leistung pro kg Batterie. Geringes Gewicht, hohe Leistung. (“ YASA’s axial flux motor“). Problem ist die Kühlung, nicht seltene Erden, nicht die „Batterie“.  Achtung: keine deutschen Ingenieure mehr. Alle doof ? (Keine Ahnung.). Sondern Technik aus UK. Ist demnächst im AMG. Viel Spaß mit der Donnerkiste! (Hat heute schon 1000PS … bei 12,7kg …. die Leistung ist einstellbar . Die haben längst mal ein paar tausend PS gebaut. Die Messgröße ist kW/kg Aufwand . Und aktuell liegen die gerade noch unter 60. Ob die Reifen oder Bremsen oder überhaupt eine Karosse das… Mehr

Hanno Spiegel
2 Monate her

Da fährt die AA-Stiftung mit Stasi Frontfrau Anetta Kahane alle der alten DDR-Geschütze auf, und natürlich dem vielen Steuergeld der arbeitenden Wähler, und erhält die Antwort: Haut ab, haut ab, haut ab.

Martin Buhr
2 Monate her

Julia Encke erinnert mich an das Kriechen des Wuermes , waehrend dieser den Kurs der Sterne bedenkt . Wer hat da nur das Julchen geschickt , um Thor Kunkel und Alexander Wendt in der Oeffentlichkeit zu zerreissen , wenn nicht ihr aergster Feind ?