SPD: Es geht um die Größe der Niederlage

Die SPD tritt den geordneten Marsch in die Niederlage an, in der die Verluste so gering gehalten werden wie möglich. Um dazu ihre treuen Mitglieder und Anhänger in eine gute Stimmung zu versetzen, dafür ist Schulz in der Tat die bessere Wahl.

Screenshot ZDF

Claus Kleber zeigte uns gestern im Heute Journal den Kamerablick von Reuters von außen ins Beratungszimmer der SPD. Der Anchor-Man des ZDF erklärte, Sigmar Gabriel habe seinen Genossen mit den dort gezeigten Umfrage-Charts erläutert, warum er für Martin Schulz Platz mache (alle folgenden Bilder Snapshots ZDF).

Was Kleber und seiner Redaktion nicht auffiel oder nicht wichtig genug war: Nur 43 Prozent der demoskopischen SPD-Wähler (zur Zeit zwischen 20 und 23 Prozent der Befragten) wollten Gabriel als Kanzler direkt wählen, wenn sie könnten, aber 63 Prozent Schulz.

Von den unterschiedlichen Chancen eines Kanzlerkandidaten Gabriel oder Schulz, unter den verbleibenden 77 bis 80 Prozent der Wähler so viele zu gewinnen, dass es für eine Mehrheit „in welcher Konstellation auch immer“ (O-Ton Schulz, bei dem Oppermann sichtbar zusammenzuckte) reichte, sprach Kleber nicht. Statt dessen fragte er SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, wie die SPD, nunmehr mit dem Kandidanten Martin Schulz, die Differenz zur Union von 15 Prozent aufholen wolle.

Ich unterstelle, dass Frau Barley erleichtert realisierte, dass Herr Kleber die Brisanz der Umfrage-Charts nicht erkannte oder ignorierte. Die Differenz zwischen den Umfrageziffern von SPD und Union entscheidet ja nicht über die Führung der nächsten Bundesregierung. Das tut die Frage, wer mit wem zusammen eine Mehrheit zustande bringt. Wer eins und eins zusammenzählen kann, weiß, eine der bisher üblicherweise genannten Koalitionsvarianten werden der SPD nicht zur Verfügung stehen. Frau Barleys Bemerkung, das werde die erste Bundestagswahl ohne Koalitionsaussagen, stimmt nicht: Bis 1969 brauchte es auf Bundesebene keine, weil bis dahin Union plus FDP selbstredend war, wenn es der Union nicht zur alleinigen Mehrheit reichte.

Richtig hingegen war zweifellos die Kleber’sche Beobachtung, unglücklich sähe Frau Barley nicht aus. Wer lange genug in einem Parteihauptquartier gearbeitet hat, versteht das nur zu gut. Nichts ist schlimmer als eine sich hinziehende Hängepartie. Nun herrscht Klarheit im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Nun wissen Frau Barley und ihre Mitstreiter, womit sie umzugehen haben. Man kann von den Handelnden in der SPD-Spitze nicht verlangen zu sagen, was sich mir beim Anblick der Charts aufdrängte: Die SPD peilt nicht an, Angela Merkel durch Martin Schulz als Bundeskanzler abzulösen, sondern mit Martin Schulz weniger SPD-Wähler zu verlieren als mit Sigmar Gabriel. Diese strategische Einsicht und Konsequenz passt auch zu meinem Bild vom wohl einzigen Strategen hinter Sigmar Gabriel und in der SPD: Matthias Machnig.

Die SPD tritt – bewusst und/oder unbewusst – den geordneten Marsch in die Niederlage an, in der die Verluste so gering gehalten werden wie möglich. Um dazu ihre treuen Mitglieder und Anhänger in eine gute Stimmung zu versetzen, dafür ist Schulz in der Tat die bessere Personenwahl. Den eigenen Verein aus der Lethargie der vergangenen Monate zu reißen, ist nötig und legitim. Was Lisa Caspari gestern auf ZEIT online über eine Reaktion in der SPD schrieb, gilt noch viel mehr für die Mehrzahl von Medien, die Schulz nun geradezu hochjubeln:

„Führende Genossen warnen daher vor zu viel Euphorie. ‚Euphorie? Ist das nicht der entrückte Glückszustand kurz vor dem Komplettzusammenbruch?‘, fragt einer scherzhaft. ‚Das wünsche ich meiner Partei definitiv nicht.'“

Wer der SPD Gutes will, wünscht ihr das Gelingen des geordneten Marsches in die Opposition. Das Leben in der Opposition ist keine Garantie für eine wirkliche Erneuerung. Aber die Existenz als Beiboot einer weiteren Merkel-Regierung ist die Garantie für das weitere Schrumpfen der einstigen Volkspartei – quantitativ wie qualitativ.

Eine Leserin kommentierte gestern auf Tichys Einblick:

„Mich wundert es sehr, dass man (also in diesem Falle Gabriel) so einfach sagen kann: ‚Ich mache das Außenministerium, Frank-Walter Steinmeier wird ja Bundespräsident.‘ Fast wortgleich hat das Gabriel gestern so vor der Presse gesagt. Warum geht das so einfach?“

Was das für das Bild der Bürger von Parteien und Demokratie bedeutet, darüber lohnt das Nachdenken.

Bei Markus Lanz lande ich selten. Gestern sorgte die Konstellation der Gäste für interessante Beobachtungen. Von Christian Krug, Chefredakteur des Stern, erfuhren wir, dass er mit Sigmar Gabriel über seine Pläne seit November im Gespräch war.

Sympathisch, Krug interessierte sich für die Motive des Menschen Gabriel mehr als für die üblichen Schwatzthemen, denen die Mehrzahl der Journalisten nur zu gerne am Dorfbrunnen nachspürt. Wie lange die laufenden Gespräche von Krug mit Gabriel vertraulich blieben, Respekt.

Mit Worten beantwortete Ralf Stegner nicht, ob er „sauer“ (Lanz) war, weil er (wie wohl die ganze SPD-Führung) von Gabriels Entschluss durch den Stern erfuhr. Doch körpersprachlich beantwortete er die Frage von Lanz klar mit Ja.

Was das eigentlich über das Innenleben von Parteien sage, dass sich die Mitglieder der Führung so wenig Vertrauen entgegenbringen, wollte Lanz wissen, Krug nickte vielsagend. Ob er später mit seiner spontanen Antwort noch zufrieden war, weiß ich nicht, jedenfalls sagte Stegner im Twitterformat: Es gäbe ja keine Sitzungen der Präsidien von CDU und SPD mehr, aus denen heraus nicht Informationen nach draußen getwittert würden. So viel Ehrlichkeit ist nicht oft. Danke, Herr Stegner.

Sigmar Gabriel hätte sich einem unkalkulierbarem Prozess ausgesetzt, wenn er sich mit seinen Präsidiumskollegen beraten hätte, wie sich das der Bürger aufgrund des Heile-Welt-Bildes aus dem Unterrichtsfach Politik vorstellt. Kein wirklich neues, aber verschärft wesentliches Detail der Parteienwirklichkeit.

Ganz ins Wanken kam dieses Heile-Welt-Politik-Bild von Markus Lanz selbst, als ihm die Lady in der Runde erklärte, dass Donald Trump die Wahl mit „Moral“ gewonnen habe, mit Werten. Lanz: Trump und Moral? Tja, Herr Lanz, es gibt nicht die eine „richtige“ Moral. Linguistin Elisabeth Wehling sagte, Trump habe nicht zuletzt deshalb gewonnen, „weil er eine Kampagne gefahren hat, die hoch moralisch war.“

Authentisch vertretene Werte würden Wahlen entscheiden, nicht Wahlprogramme. Da haben Deutschlands Politiker und Medien noch viel zu lernen. Etwas später sprach Frau Wehling von einem „progressiven Patriotismus“ als Gegenmodell zu Trumps erzkonservativem Patriotismus. Na, das wäre doch ein gutes Thema für eine Runde, die darüber ernsthaft diskutiert: besser nicht bei Lanz.

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