Wie man der CDU mit einem Klick 18,6% schenkt

Jan-Hendrik Meier nimmt an zwei Online-Umfragen teil und weiht uns in seine Erkenntnisse ein. Eine qualifizierte Einführung in die Geheimnisse der Demoskopie und ihrer Anwender.

Es ist Montag, 20:00 Uhr. Die Tagesschau beginnt. Ich habe gerade noch an zwei Sonntagsfragen teilgenommen. Normalerweise habe ich Besseres zu tun, als mich den Telefoninterviews von Allensbach, Forsa, Emnid und Co. zu stellen. Auch ich bin noch nie an einem einzelnen Tag gleich von zweien dieser Institute angerufen worden und ich dränge mich ihnen nicht als Testperson auf. Mit anderen Worten: Ich habe andere Hobbys.

Wie ich trotzdem dazu komme, an zwei Sonntagsfragen gleichzeitig teilzunehmen? Online natürlich! Denn heute sind die beiden Onlineausgaben von Focus und Spiegel gleichzeitig auf die kreative Idee gekommen, ihre Leser zu fragen: „Was würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“ Natürlich ist sofort meine Neugier geweckt und ich nehme mich noch im selben Moment der Herausforderung an, beide Fragen zu beantworten. Würden beide Umfragen die gleichen Ergebnisse liefern? Würden beim Spiegel, dem ich frech unterstelle, eine eher „linke“ Klientel anzusprechen, andere Ergebnisse herauskommen als beim Focus, dem ich eine eher konservative Leserschaft zutraue? Würde das Ergebnis meinen persönlichen Präferenzen entsprechen?

Skurriles und Erwartetes

Überrascht bin ich von beiden Ergebnissen allemal. Besonders skurril jedoch mutet jenes beim Focus an. So führt zu diesem Zeitpunkt bei insgesamt 20.395 abgegebenen Stimmen die AfD mit 71% der Stimmen. Mit einem durchaus beachtlichen Abstand dahinter folgen die CDU/CSU mit 9%, dann die FDP mit 8%, die Linke mit 3%, die SPD mit 2% und die Grünen mit 1%. Lediglich 3% der Teilnehmer entscheiden sich für eine andere Partei und weitere 3% geben an, nicht wählen zu gehen. Da mag jedem AfD-Anhänger das Herz höher schlagen, aber bleiben wir realistisch! Trotz des doch recht merkwürdigen Ergebnisses nutzt die AfD genau diese Umfrage, um wenig später damit Eigenwerbung auf ihrer Facebook-Seite zu machen.

Bei den genannten Zahlen verwundert es nicht, dass die Ergebnisse des Spiegels deutlich abweichen, vielleicht auch deshalb, weil die hier durchgeführte Umfrage wohl schon einige Tage läuft. So führt beim Spiegel bei insgesamt 463.227 Stimmen die CDU/CSU mit 35,2%, gefolgt von der SPD mit 20,3%. Im dichten Mittelfeld landen die AfD mit 13,9%, die Grünen mit 10,0% und die Linke mit 9,9%. Die FDP erhält 6,1% und die anderen Parteien 4,6%. Dieses Ergebnis entspricht eher meinen Erwartungen, wenn auch vielleicht nicht meinen persönlichen Präferenzen. Mir drängt sich sofort der Verdacht auf, dass mindestens eine der beiden Umfragen gehörig an der Realität vorbeigeht.

Während die Umfrage des Focus erkennbar von dessen Onlineteam mit Boardmitteln der Programmierkunst selbsterstellt ist, greift Spiegel Online auf ein Meinungsforschungsinstitut namens Civey mit Sitz in Berlin zurück. Dabei handelt es sich um ein erst vor zwei Jahren von Oliver Serfling, Professor für Wirtschaftspolitik und Entwicklungsökonomik an der Hochschule Rhein-Waal, gegründetes Startup, das sich auf Online-Meinungsumfragen spezialisiert hat. Eine Anzeige der Ergebnisse erhalte ich erst, nachdem ich mich unter Angabe von Mailadresse, Postleitzahl, Geschlecht und Geburtsjahr registriert habe. Und noch eine weitere Besonderheit weist die Umfrage von Spiegel/Civey auf:

Feine Rohdaten

Es ist möglich, die Rohdaten einzusehen, also jene Daten, die unverfälscht zeigen, was durch die Teilnehmer der Umfrage abgestimmt wurde. Und diese Rohdaten, die von klassischen Instituten wie ein Betriebsgeheimnis gehütet werden, halten sogleich die nächste Überraschung für mich bereit: So führt – selbstverständlich bei gleicher Anzahl abgegebener Stimmen – die AfD mit 28,3%, gefolgt von der CDU/CSU mit 18,4%. Auch hier ist das Mittelfeld dicht gedrängt. So erhält die SPD 13,7%, die Grünen 12,1%, die Linken 11,6%, die FDP 11,5% und die anderen Parteien 4,4%.

Nun, da hat sich doch zwischen den Rohdaten und den als „repräsentativ“ bezeichneten Ergebnisse einiges getan. Die Ergebnisse von CDU/CSU und SPD haben sich beinahe verdoppelt, diejenigen von AfD und FDP grob halbiert. Lediglich Grüne und Linke dürfen halbwegs in der Nähe ihrer Rohdatenergebnisse verweilen. Zwischen den Rohdatenergebnissen und den „repräsentativen“ Ergebnissen der CDU/CSU liegen 18,6%! Sieg und Untergang – nur einen Click voneinander entfernt!

Da ich nicht zu Verschwörungstheorien neige, versuche ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum ist Civey nun der Meinung, dass aus den genannten Rohdaten obiges Ergebnis herausgelesen werden kann? Darauf deutet das kleine Wörtchen „repräsentativ“ hin. Repräsentativ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Umfrageteilnehmer die gleiche soziodemografische Zusammensetzung aufweisen sollen wie die wahlberechtigte Gesamtbevölkerung. Studierende in den Sozialwissenschaften lernen bereits in den ersten Wochen ihres Studiums, dass repräsentative Umfragen gar nicht möglich sind. Beispielsweise führen Telefonumfragen zwischen 08:00 Uhr und 18:00 Uhr dazu, dass kaum Berufstätige befragt werden können. Fragebogenumfragen in Einkaufzentren führen dazu, dass Geringverdiener, die sich einen Einkauf dort nicht leisten können, nicht erfasst werden und der Rückgriff auf deutschsprachige Befrager schließt die Teilnahme derjenigen, die noch nicht so lange in Deutschland leben, quasi aus.

Gewichtung

Statistiker wären nicht Statistiker, wenn sie nicht eine Lösung für diese Problematik bereithielten. Nach genauem Lesen der Angaben zur Umfrage und dem Wälzen etwas sperriger mathematischer Formeln bin ich klüger: Das Geheimnis liegt in der sogenannten „geschichteten Stichprobe“ oder „Quotenstichprobe“. Der Trick dabei liegt darin, neben der Wahlpräferenz noch weitere soziodemographische Daten abzufragen, wie in meinem Falle Alter, Geschlecht und Postleitzahl. Nehmen nun beispielsweise an der Umfrage deutlich mehr Männer als Frauen teil, so kann dies korrigiert werden, indem man die Stimmen der weiblichen Teilnehmer bei der Auswertung höher gewichtet, sodass das Ergebnis jenem entspricht, das bei einer ausgewogenen Teilnahme von Männern und Frauen herausgekommen wäre. Gleiches ist auch mit dem Alter und dem Wohnort möglich und in der Meinungsforschung üblich.

Die häufig geäußerte Meinung, eine Umfrage würde allein dadurch repräsentativ, indem man möglichst viele Menschen befragt, gehört in das Reich der Märchen. Wahr daran ist, dass der Einfluss des Zufalls durch eine hohe Anzahl von Befragten gemindert werden kann. Greift man nämlich völlig blindlings zehn beliebige Menschen an der Bushaltestelle auf und befragt diese nach ihrer Wahlpräferenz, so ist vermutlich jedem sofort klar, dass diese Umfrage weitestgehend erratische Ergebnisse hervorbringen dürfte. In diesem Fall gäbe es sogar eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit, dass alle aufgegriffenen Personen zufällig die gleiche Partei wählen. Ein Ergebnis, mit dem sich jedes Meinungsforschungsinstitut bis auf die Knochen blamieren würde. Erhöht man hingegen die Anzahl der blindlings herausgegriffenen Personen, so nimmt dieser Zufallsfehler ab. Aus diesem Grund hat sich in der Demoskopie, also der Meinungsforschung, die Zahl von mindestens 1.000 Personen als Qualitätsstandard durchgesetzt. Zufallsergebnisse sind bei dieser Anzahl an befragten Personen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Die in letzter Zeit übliche Angabe von Fehlerintervallen bei Umfrageergebnissen bezieht sich dabei ausschließlich auf den Zufallsfehler. Andere Fehlerquellen werden in die Berechnung nicht einbezogen und können auch gar nicht erfasst werden.

Systematische Falscherhebung

Viel problematischer als der Zufallsfehler ist das bereits angesprochene Problem der verzerrten Stichprobe, also die systematische Falscherhebung der Daten. Selbst, wenn man alle Regeln der statistischen Kunst einhält und über 1.000 Personen zu ihrer Wahlpräferenz befragt, so würde die Umfrage andere Ergebnisse liefern, je nachdem, ob man sie im Hamburger Schanzenviertel oder im Villenviertel von Blankenese durchführt. Das Ergebnis wäre systematisch verzerrt. Auch zwischen der üblichen Telefonbefragung und der nur noch von Allensbach präferierten Haustürbefragung würden sich Unterschiede ergeben. Und selbst im Rahmen von Telefonbefragungen macht es einen Unterschied, ob auf dem Festnetzapparat oder dem Mobiltelefon angerufen wird. All diese Fehler lassen sich unglücklicherweise statistisch nicht greifen, denn es gibt sehr viele soziodemographische Faktoren, die mit der Wahlentscheidung einhergehen können. Der Statistiker kennt gar nicht alle und kann sie auch unmöglich in Gänze erfragen und auswerten. Wer würde denn noch an der Spiegel/Civey-Umfrage teilnehmen, würde er womöglich nach seinem Gehalt oder nach seiner sexuellen Orientierung befragt?

Schweigeverzerrung

Letzteres führt zu einem weiteren Problem, nämlich zur Antwortverweigerung, im Statistiker-Jargon „Schweigeverzerrung“ genannt. Gemeint ist natürlich die Tendenz, eine bestimmte Parteienpräferenz nicht offenlegen zu wollen, weder gegenüber dem Befrager, noch gegenüber andern Personen, die möglicherweise gerade zugegen sind. Gerade im aktuellen politischen Umfeld kann die Stigmatisierung der AfD und anderer politischer Parteien zu einer erheblichen Verzerrung führen. Auch eine schlichte Falschaussage, also eine Lüge, hinsichtlich der Parteienpräferenz wäre denkbar. Gut zu beobachten war dies am Wahlabend der gleichzeitigen Landtagswahlen von Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt im März letzten Jahres. Hier konnte im Laufe des Abends beobachtet werden, wie die Ergebnisse der AfD zwischen der 18-Uhr-Prognose und dem amtlichem Endergebnis kontinuierlich weiter stiegen. Der Grund hierfür liegt darin, dass die 18-Uhr-Prognose auf einer Nachwahlbefragung basiert, bei der die Wähler am Wahltag – womöglich im Beisein ihrer Familien und Nachbarn – nach der gleichtägigen Wahlentscheidung befragt werden. Im Laufe des Wahlabends werden sodann Wahlkreis für Wahlkreis die Nachwahlbefragungen durch die eintrudelnden Ergebnisse in den Wahlkreisen ersetzt. Die Schweigeverzerrung löste sich sukzessive auf.

Gibt es nun manipulativen Spielraum in der Demoskopie? Insbesondere im Zusammenhang mit der Person von Manfred Güllner, dem Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Instituts, wird diese Frage immer wieder gestellt. Güllner ist SPD-Mitglied und in der öffentlichen Diskussion nicht gerade zurückhaltend. Die seitens des Forsa-Instituts im Rahmen des von RTL und Stern veröffentlichten Wahltrends erwecken leicht den Eindruck, stets etwas extremer und linkslastiger zu sein als diejenigen anderer Institute. INSA-Chef Hermann Binkert hingegen wird eine Nähe zur AfD nachgesagt. Ist dies der Grund dafür, dass die Zahlen von INSA stets die AfD etwas besser sehen als alle anderen Institute? Und kann die Forschungsgruppe Wahlen, die ja bekanntlich Kanzlerin Angela Merkel berät, Zahlen veröffentlichen, die womöglich die Strategie der Kanzlerin als falsch erkennen lassen? Oder wäre hierdurch möglicherweise der nächste Folgeauftrag aus dem Kanzleramt gefährdet?

Manipulierbar? Ja.

Mit Hinblick auf die statistische Methodik muss die Frage nach der Manipulierbarkeit mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Der Meinungsforscher hat durch die Korrektur der Stichprobe viele Strippen in der Hand, mit denen sich das Ergebnis in die eine oder andere Richtung steuern lässt. Ob es tatsächlich zu Manipulationen kommt, steht auf einem anderen Blatt, denn auch der Ruf eines Meinungsforschungsinstituts würde unter zu starker Manipulation leiden. Letztlich kann am Wahlabend jedermann öffentlich sehen, welches Institut mit seiner Prognose richtig lag und welches falsch.

Aber wie verhält es sich nun mit den beiden Onlineumfragen von Focus und  Spiegel? Eine Repräsentativität in den Rohdaten kann auch hier in beiden Fällen kaum gegeben sein. Denn auch wenn sich die Unterschiede in der Internetnutzung zunehmend egalisieren, so ist der typische Internetnutzer eben immer noch jünger, öfter männlich und häufiger städtisch geprägt als der Durchschnittsdeutsche. Und selbst wenn der übliche Internetnutzer für die Gesamtgesellschaft repräsentativ wäre, so ist noch lange nicht sicher, dass er auch in dieser Zusammensetzung an den entsprechenden Onlineumfragen teilnimmt. Es ist sogar wahrscheinlicher, dass sich gerade Personen beteiligen, die ein politisches Signal senden wollen, während andere Internetnutzer eine solche Möglichkeit eher lethargisch ignorieren. Damit wären Onlineumfragen in der Regel zugunsten der Opposition verzerrt. Wie Spiegel/Civey hiermit umgeht, wird trotz Offenlegung der Rohdaten deren Geheimnis bleiben.

Wie verhält sich nun der Focus, der ja offensichtlich etwas blauäugig die Rohdaten unbearbeitet belassen hat? Bereits wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Umfrage war diese bereits wieder von der Seite des Focus verschwunden. Sie wurde am nächsten Tag durch eine andere ersetzt, bei der nun die in letzter Zeit immer häufiger anzutreffende „Tachonadel“ als Auswahlinstrument zum Einsatz kam. Offensichtlich wurde Manipulation von außen befürchtet und daher ein etwas besser programmiertes Mittel verwendet. Die Abstimmung ging von vorne los und es änderte sich … nichts.

Prof. Dr. Jan-Hendrik Meier ist Professor für ABWL und Kostenmanagement im Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Kiel.

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Kommentare ( 4 )

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Seitdem man weiß dass Manipulationen bisher viele Jahre durch die Rohdaten kamen, wird zwar eifrig der Bürger weiter befragt, aber die Rohdaten werden nun verheimlicht! ich schlage vor, immer artig was falsches angeben, und bei der Wahl das Wählen, was die nicht wissen sollen. nur so kann man die der Lügen überführen, gell?

mein Vater regte sich schon vor 50 Jahren über Wahlmanipulationen auf. seitdem beobachte ich das Politische geschehen und stelle fest, es ist alles beim Alten geblieben, mit den Computern geht das halt schneller und rotzfrecher! und die hinterfozigkeit ist auf dem Höhepunkt angelangt.

Das sah Mark Twain völlig anders: „Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist der Zeitpunkt gekommen, sich zu besinnen.“

Ich denke, daß durchaus auch einige andere so denken.

Ihre Formulierung durchaus auch einige ist völlig richtig. Aber meist sind es nicht einige, die Wahlen entscheiden sondern die Mehrheit……..