Söder poltert gegen Tirol und macht sich unbeliebt

Markus Söder hat die alte Feindschaft zwischen Bayern und Tirol wieder zum Leben erweckt. Was ihre Eignung als Trampeltiere der Diplomatie anlangt, sind Franke Söder und Bayer Seehofer doch von einem Stamm.

picture alliance / Sven Simon

Markus Söder hat es doch tatsächlich fertiggebracht, die alte Feindschaft zwischen Bayern und Tirol aufs „Allerschönste“ in allen Facetten der Vorurteile wieder zum Leben zu erwecken. Sind seine Äußerungen schon daneben – ein Ischgl ist genug, die Wiener Regierung macht es gut, aber die Tiroler lässt Ernsthaftigkeit vermissen – , ist sein Ton ganz und gar unangebracht. Aber solches Protzpoltern und solche Maßlosigkeit ist offensichtlich dieses Mittelfranken generelles Problem. In seinem geradezu hektischen Eifer, die „Härte“ seiner Kanzlerin zu übertreffen, ihr dabei zuvorzukommen, liegt es sicher außerhalb seines Wahrnehmungsvermögens, dass Merkel bei jeder negativen Reaktion auf Söder bei Bürgern und Medien in sich hineingrinst. Söder ist der heiße Kandidat in der langen Reihe der von Merkel gefällten Unionspolitiker, der sich selbst zu Fall bringt, indem er es übertreibt beim täglichen Wettlauf, die „härtere“ Merkel zu sein.

Der Professor der Wirtschaftsphilosophie und Mitglied der Leopoldina Michael Esfeld wirft Merkel, Söder und Co. Missbrauch der Wissenschaft vor: „Die Regierung hole … nur von jenen Wissenschaftlern Rat ein, die auch das sagen, was die Regierung hören will.“ Bei der politischen Entscheidung Lockdown dürfe sich die Politik nicht hinter der Wissenschaft verstecken und so tun, als würde diese das Leben von Bürgern, Wirtschaft und Gesellschaft lahmlegen.

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Der Widerstand gegen Söder kommt nun für ihn besonders unangenehm auch aus der eigenen Partei. Der Erdinger Landrat Martin Bayerstorfer, meldet merkur.de, will dringend Lockerungen auf Kreisebene. Sein Stellvertreter (auch CSU) verlangt Schulöffnungen »und wirft Söder öffentlich vor, „Kinder zu verachten“. Der Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß kritisiert die neue Zielmarke von 35 und die Haushalt-plus-eins-Kontaktlimits.« Die CSU München fordert Lockerungen, mehrere Kreisvorsitzende der Jungen Union, »früher nahe am Söder-Jubelclub, verbreiten im Netz offen Kritik. Einige berichten hinterher, von Söders Vertrauten schnell harsche SMS bekommen zu haben.«

Der bisher Regierungs-freundliche Merkur titelt: »In der „Söder-kratie“: Bayern droht der Corona-Kontrollstaat – und die einst stolze CSU nickt es ab«. Die Zusammenfassung des Kommentars von Chefredakteur Georg Anastasiadis lautet: »Die 50er-Inzidenz war gestern, und auch die 35 soll wohl nur ein Placebo sein. Markus Söder bastelt insgeheim an der No-Covid-Strategie. Ein Plan, der gruseln lässt.« Das gießt Öl ins glimmende CSU-Lager.

Wolfgang Hauskrecht berichtete von der No-Covid-Strategie des herrschsüchtigen Söder, da gruselt es wirklich:

„Zonen“? So soll das gehen:

»Zentrales Element ist das Einrichten von Zonen. Es gibt grüne und rote Zonen. In grünen Zonen können die Einschränkungen zurückgenommen werden, in roten Zonen bleiben sie. Die Zonen wären flexibel festlegbar – es könnte sich um Kommunen, Landkreise, aber auch um einzelne Wohnblöcke handeln. Um zur grünen Zone zu werden, darf es 14 Tage lang keine Neuinfektion unbekannten Ursprungs geben, also Corona-Fälle, die keiner schon entdeckten und isolierten Infektionskette zuzuordnen sind. Zudem muss die 7-Tage-Inzidenz unter zehn liegen.«

Wer so etwas ernsthaft will, käme an einem ausgewachsenen Polizeistaat nicht vorbei. Nicht nur aus anderen Bundesländern, auch aus Bayern selbst kommt da so viel Widerstand, das wird nicht Wirklichkeit. Aber dass Söder so etwas will, sagt viel über Söder. Ein Hort von Radikaldemokraten und strengen Anhängern der Herrschaft des Rechts war die CSU noch nie, aber der Freistaat war unter ihrer Führung Jahrzehnte das am besten verwaltete Bundesland. Söder wird allen drei Kriterien nicht gerecht.

Die Bayern selbst rufen nach Aufsperren und das täglich mehr. Nachdem zum Beispiel neue Corona-Schnelltests für den Hausgebrauch erfolgreich funktionieren, notiert der Bayerische Rundfunk, »fordern mehr und mehr Kommunen Bund und Länder zum Handeln auf: Eine Selbsttest-Offensive könne den Lockdown beenden.« Zuhause grumbelt es schon lange an vielen Orten, nun dringen Murren bis Zorn raus ins Freie.

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Wie Söder aus seiner Supersackgasse rauskommen will, fragte ein Kollege in der Redaktion. Einer wie Söder hat natürlich überhaupt kein Problem, morgen das Gegenteil von gestern zu vertreten und dabei so zu tun, als hätte er genau darauf schon immer hingearbeitet. Dieses Verfahren ist ja auch das seines Idols Merkel. Nur diese beherrscht die Kunst, sich immer so schwammig auszudrücken, das sie leichter entwischen kann.

Im Freistaat übersteht das Söder schon. Sollte sich die demoskopische Wetterlage nicht allzu radikal ändern, bleibt Söder auch in einer Regierung mit den Grünen im Amt. Aber das Rennen um die Kanzlerkandidatur der Union verliert er genau mit seiner „Söder-kratie“ von „Corona-Kontrollstaat“. Merkel grinst zusammen mit ihrem Küchenkabinett.

Währenddessen legt sich der Vorgänger von Söder, den nun wirklich niemand mehr ernst nimmt, verbal mit der EU an. Der Anlass: Die EU-Kommission wies die Bundesregierung angesichts deren wie eine Rundumverteidigung anmutenden Grenzschließungen zart und zurückhaltend darauf hin, dass es für Grenzkontrollen und -schließungen gemeinsame Regeln gäbe.

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Und oh Schreck: »“Die Furcht vor den Mutationen des Coronavirus ist verständlich”, sagte EU-Gesundheitskommissarin Kyriakides. “Aber trotzdem gilt die Wahrheit, dass sich das Virus nicht von geschlossenen Grenzen aufhalten lässt.” Genau. Diese einfache Lehre hatten alle EU-Staaten aus den Grenzschließungen im Frühjahr 2020 gezogen. Doch nun will sich das größte EU-Land darüber hinwegsetzen und gleich drei Mitgliedsstaaten – Österreich, Tschechien und die Slowakei – abriegeln.«

Lostineu.eu schreibt: »“Jetzt reicht’s!”, empörte sich Bundesinnenminister Seehofer. Die EU habe bei der Impfstoffbeschaffung “genug Fehler gemacht” und habe daher nicht das Recht, Berlin Lektionen zu erteilen.« In seiner Anwandlung von einstiger Löwenrolle hatte Seehofer wohl vergessen, wer die EU-Kommission im Sommer 2020 beauftragt hat, Impfstoffe zu beschaffen. Die EU hat sich unprofessionell und Lobby-getrieben um Impfstoffe gekümmert, wofür sie kein Mandat hat, statt den und das -Abkommen zu schützen, was ihre Aufgabe wäre, schreibt lostineu.eu Brüssel und Berlin ins Stammbuch. Birds of a feather flock together.

Der Standard beschreibt den Umgang der bayerischen Grenzpolizisten Söder und Seehofer mit Tirol und Tschechien so:

»Schon am Donnerstag hatte Söder Tirol zum „Mutationsland“ erklärt … Aus Tirol wie Tschechien dürfen derzeit nur noch Deutsche sowie Ausländer mit Wohnsitz und Aufenthaltserlaubnis in Deutschland einreisen. Ausnahmen gab es zunächst für Ärzte, Kranken- und Altenpfleger, Lkw-Fahrer und landwirtschaftliche Saisonkräfte … Am Sonntag schließlich gestand Söder Tiroler Pendlern bestimmte Ausnahmen zu. Demnach dürfen Pendler nach Deutschland einreisen, wenn sie gebraucht werden, um den Betrieb in systemrelevanten Branchen aufrechtzuerhalten.«

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Ich erinnere mich nicht, wann eine österreichische Regierung einen deutschen Botschafter zuletzt einbestellt hat. Dieses „Verdienst“ dürfen sich Söder und Merkel teilen. Vienna.at berichtet: »In einem Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Wien hat Österreich erneut gegen die von Deutschland am Sonntag eingeführten strikten Einreisekontrollen an der Grenze Tirol-Bayern protestiert … Die Grenzkontrollen stünden in einem „klaren Widerspruch zu den ‚lessons learned‘ des letzten Frühjahres … Wir sind alle dringend aufgefordert, die Fehler vom Frühjahr 2020 nicht zu wiederholen und die ohnehin stark geschwächte Wirtschaft noch weiter massiv zu behindern.«

Von Eingeweihten ist zu erfahren, dass Söder aus Tirol niemanden mehr reinlassen wollte und nur nachgab, weil Bayern auf die 22.000 Pendler aus Tschechien nicht verzichten konnte, während es die 9.600 Österreicher nicht zu brauchen glaubte. Was ihre Eignung als Trampeltiere der Diplomatie anlangt, sind Franke Söder und Bayer Seehofer doch von einem Stamm. In ihrer Rückzugsflexibilität auch, Söder lernt halt noch.

Dass Söder Tirol „Mutationsland“ nennt, werden die Tiroler nicht so bald vergessen, wie ich dem Mittelfranken aus persönlicher Kenntnis der Tiroler in Nord-, Süd- und Osttirol versichern darf. Dass aus dem polit-medialen Wien durchaus ähnliche Töne Tirol gegenüber erklangen wie aus München, sei nicht verschwiegen. Dass ein Teil dieser Ressentiments auch dem Reich von Nichtschifahrern versus Schifahrern entstammt und nicht alle aus dem Orbit „Mander s’ischt Zeit!“, ist klar. Aber wie viel von beidem ganz real ist, erlebe ich in dieser Zeit viel deutlicher, als ich vorher gedacht hätte. Dass ich in dieser Sache Partei bin und zwar gern, ist ebenso selbstverständlich wie unverschweigbar.

Markus Söder hat die alte Feindschaft Bayern gegen Tirol aufs „Allerschönste“ in allen Facetten der Vorurteile wieder zum Leben erweckt. Darauf einbilden sollte er sich nichts.

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Kommentare ( 89 )

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GMNW
7 Tage her

Das mag alles richtig sein, was da geschrieben steht! Jedoch wird mit keinem Wort erwähnt, dass der selbsternannte Enkel Söder von Franz-Josef Strauß unlängst die Grün*innen für regierungsfähig hält, sogar eine Koalition mit den Grün*innen im Bund für sehr gut möglich hält und die FDP diffamiert, diskreditiert und im Bund eine Koalition mit der FDP ausschließt! Corona hin oder her; da kann man immer gute Argumente pro und contra finden; es kommt nur auf die Perspektive an; aber ausgerechnet die Grün*innen für regierungsfähig zu erklären und sogar eine Bundesregierung mit den Grün*innen anstreben zu wollen, ist der Sündenfall an sich,… Mehr

erwin16
8 Tage her

Ich schmeiß ne Runde Chips….

rainer erich
8 Tage her

Soeder bedient wie jeder (Möchtegern) despot die niederen Instinkte und das Freund/Feindschema. Er, intellektuell und charakterlich gehandicapt, ist in den Schablonen des polutisch/medialen Mainstreams gefangen. Fuer oder gegen mich, gut oder böse und benötigt permanent (neue) Feindbilder zur Ablenkung und zur Stärkung seiner Feindabwehr. Nun ist es eben Tirol, irgendwann jemand Anderes. Die Ähnlichkeit mit seiner Meisterin sind nicht zufaellig, weil hier und da die gleichen Mechanismen bedient werden, die schon immer von Autokratin bedient wurden. Charakterliche Aehnlichkeiten kommen dazu, denn ohne diese waere die Anwendung der Mechanismen nicht moeglich, weil an den inneren Widerständen und Werten scheiternd. Beide verfuegen… Mehr

Karl R.
8 Tage her

Zur Wahrheit gehört aber auch dass auch die Österreichische Regierung in Wien eine innerösterreichisch Testpflicht von und nach Tirol seit letzten Freitag eingeführt hat, wegen der Virusmutationen. Also sind auch hier schon Barrieren aufgebaut worden.

Gabi T.
8 Tage her
Antworten an  Karl R.

Da haben Sie recht. Auch Kanzler Kurz und Gesundheitsminister Anschober stehen für ein hartes Coronaregime und haben Tirol quasi abgeriegelt. Somit ist keiner der Protagonisten besser als der andere.

Michael M.
7 Tage her
Antworten an  Karl R.

Ja klar, wer halbwegs informiert ist (ich empfehle Servus TV und insbesondere den Herrn Dr. Wegscheides) weiß das und die Herren Kurz und Angstschober sind eines ganz bestimmt nicht, in irgendeiner Form besser und oder vernünftiger als der Franke der sich in Bayern wie ein Bayer-Kini „aufmandelt“.

Olaf W1
8 Tage her

Söder ist und bleibt ein „Vollblutpolitiker“ – samt allen Eigenschaften, die das mit sich bringt: Exzellent lüg** (ich überlasse die Ausführungen dem geneigten Leser) – normal veranlagte Menschen tun sich in der Politik in Deutschland sichtlich schwer (es gibt nur eine Partei in D, die hauptsächlich aus „Normalen“ besteht und wird entsprechend behandelt) diese öffentlich nötigen Facetten hervor zu bringen und wie man sieht, ist Anstand und Taktgefühl sowie Logik und Sachverstand weder notwendig noch gewollt sondern wohl eher hinderlich. Wäre man in München bedacht, ruhig und unaufgeregt an die Sache heran gegangen und hätte nach einer gemeinsamen Lösung mit… Mehr

Onan der Barbar
8 Tage her

Per aspera ad Angela.
Söder weiß genau, was er tut. In einer Demokratie neuen Stils entscheidet schließlich nicht der Pöbel. Ende des Jahres wird er zur Rechten der Gottmuddi sitzen, zu richten die Sünder und zu beschimpfen die Bürger.

humerd
8 Tage her

Zum großen Lamenti der Automobillobbyisten über die Grenzkontrollen, – schließungen sind es nicht, fällt mir sofort der Mangel an Computerchipsein. Aufgrund dieses Mangels drosselten viele Autokonzerne ihre Produktion. Die Grenzkontrollen und „gefürchete“ Unterbrechung der Lieferkette ist doch ein Geschenk des Hummels auf dem Weg nach Entschädigungszahlungen aus Olaf Scholz Bazooka.
Thema Tirol: Österreich riegelt Tirol wegen hoher Infektionszahlen ab und lässt im Binnenland niemanden mehr unkontrolliert aus Tirol herumfahren, Deutschland aber soll?
Ich habe viele Freunde in Tirol, die ich schon länger nicht mehr treffen kann, weil Österreich das nicht will.
Ein wenig differenzierte Betrachtung tut Not.

RNRHCKL
8 Tage her

Rote und grüne Zonen? Die braucht man doch nicht einzuführen, die gibt’s doch schon lange. Rot-Grüne Zonen überall im Land, die vom Sozialismusvirus befallen sind und demokratische „Errungenschaften“ über Bord zu werfen bereit sind und gern auch mal Wahlergebnisse rückgängig machen.

Thorsten
8 Tage her

Eher als ob man den Klassenclown zum Klassensprecher gemacht hat.

Thorsten
8 Tage her

Thema Impfstoff: die französische Firma Sanofi schafft es auch 2022 nicht Impfstoff zu entwickeln. Totale Inkompetenz – typisch Europa.

Epouvantail du Neckar
8 Tage her
Antworten an  Thorsten

Dass eine genau benannte europäische Firma es angeblich „nicht schafft“ einen Impfstoff zu entwickeln, liegt wohl eher nicht an Europa-oder? Außerdem schreiben wir zunächst noch das Jahr 2021. Haben wir nicht zumindest zwei teilweise deutsche Firmen, die den Impfstoff bereits produzieren. Außerdem, was hat das mit den Grenzschließungen und Söder zu tun?

Ernst-Fr. Siebert
7 Tage her
Antworten an  Thorsten

Möglicherweise ist hier Kompetenz die Ursache. Die wollen ja später auch noch Medikamente verkaufen.