Eine brandneue Studie belegt ein drastisch erhöhtes Suizidrisiko in den grünen Berufen. Dort nehmen sich die Menschen dreimal häufiger das Leben als sonst. Wir treiben nicht nur unsere Höfe in den Tod, sondern auch unsere Bauern.
picture alliance / Jens Niering | Jens Niering
In Bayern ist bekanntlich vieles anders. Manches ist auch tatsächlich besser. Der Freistaat ist das einzige Bundesland, das sich die Mühe macht, die Selbstmordraten mit Berufen zu verknüpfen. Das ist zwar keine schöne statistische Arbeit, aber sie ist enorm erhellend.
Es braucht einen Podcast mit Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer in dieser Woche, damit eine bedrückende Studie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird. Der CSU-Politiker erwähnt in dem Gespräch, dass die Suizidrate bei Landwirten dreimal höher ist als im Rest der Bevölkerung.
Faktor drei. Das ist Wahnsinn.
Tod auf dem Hof
Jede Woche bringt sich in Bayern ein Mensch aus dem Umfeld der Landwirtschaft um.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst von 2017 bis 2024 insgesamt 463 Selbstmorde in den sogenannten „grünen Berufen“. Im Schnitt sind es etwa 58 im Jahr, im schlimmsten Jahr sind es 81.
Die Studie erfasst auch Gärtner, Forstleute und Fischer. Die genaue Abgrenzung der Berufsgruppen ist schwierig, deshalb haben die Wissenschaftler verschiedene Unsicherheitsfaktoren mit eingerechnet. Das macht es kaum besser: Selbst bei der vorsichtigsten Rechnung liegt die Suizidrate in den grünen Berufen mindestens 50 Prozent über dem allgemeinen Bevölkerungsschnitt.
Landwirtschaft am Limit
Die Ursachen hat die Studie nicht untersucht, doch sie liegen auf der Hand.
Minister Rainer erinnert daran, dass jeder dritte Landwirt Liquiditätsprobleme hat. Branchenberater berichten regelmäßig von schweren persönlichen Krisen bei Bauern wegen der Bedrohung der betrieblichen Existenz und wegen Überlastung. Das trifft vor allem kleine und mittlere tierhaltende Betriebe. Österreichische Bauern nennen in Befragungen regelmäßig die Bürokratie als größte Belastung, dicht gefolgt von der Agrarpolitik und Preisschwankungen.
Politik ist kein unabwendbares Naturereignis. Die Abschaffung des Agrardiesels hatte vor zwei Jahren die größten Bauernproteste seit Jahrzehnten ausgelöst. Berlin gab nach. Brüssel nicht: Die EU erhebt seit Januar den CO2-Zoll CBAM auf alle Dünger, dazu Sonderzölle auf russische Dünger. Das sind seit Juli etwa 60 Euro je Tonne, bis 2028 sollen es bis zu 430 Euro je Tonne werden. Das hat die Produktion vor allem für Ackerbaubetriebe verteuert, Dünger machen dort 15 bis 30 Prozent der sogenannten Inputkosten aus. Nur ein Beispiel von vielen.
Papierflut
Wenn die Bauern sich nicht selbst umbringen, dann werden sie vorher von der Bürokratie erstickt.
Allein die bundesrechtlichen Informationspflichten kosten die Land- und Forstwirtschaft 418 Millionen Euro im Jahr. In nur zehn Jahren sind die Kosten dafür um die Hälfte gestiegen. In Bayern sitzen 51 Prozent der Haupterwerbslandwirte mindestens vier Stunden pro Woche am Schreibtisch. Neun von zehn Bauern berichten von chronischer Angst vor Dokumentationsfehlern. Seit 2026 gelten umfassendere Pflanzenschutz-Aufzeichnungen, ab 2027 elektronisch lesbar, dazu neue Vorschriften zur sogenannten Schadnagerbekämpfung. Der Bauernverband klagt völlig zurecht: Hinter jedem Landwirt stehen drei Kontrolleure.
Durch den Wolf gedreht
„Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser.“
Bei uns wollen natur- und landwirtschaftsferne Städter den Bauern vorschreiben, wie sie auf den Feldern und Weiden die Nahrungsmittel herzustellen haben, die dieselben natur- und landwirtschaftsfernen Städter dann im Supermarkt kaufen (und sich über den Preis beschweren).
Wer das Prinzip in Reinform besichtigen will, studiert den Herdenschutz.
Der soll Kühe, Schafe und Ziegen – und übrigens auch Pferde – davor bewahren, vom Wolf aufgefressen zu werden. Leider klappt das kaum, weil diejenigen, die die Vorschriften machen, weder etwas von Nutztieren verstehen noch von Wölfen. Der Wolf ist bekanntlich ein friedliebendes Kuscheltier und des Menschen bester Freund. Deshalb sollen die Landwirte ihn auch nicht erlegen oder von Jägern erlegen lassen, wenn er wieder mal ein paar Dutzend Schafe, Kühe oder auch Pferde gerissen hat.
Die Vorschriften sind hanebüchen weltfremd. Auf den Almen kann man auf mindestens einem Drittel aller Flächen überhaupt keinen Zaun aufstellen. Bayern fördert Herdenschutzhunde nur mit anerkannter Eignungsprüfung und Nachweis der Haftpflichtversicherung. Kosten: etwa 5.000 Euro je Hund. Förderhöchstbetrag: 3.000 Euro je Hund. Futter, Tierarzt und sonstige Versicherungen zahlt der Halter, also der Landwirt.
Im vergangenen Jahr zählt die bundesweite Statistik 3.783 gerissene, verletzte oder vermisste Nutztiere. Das sind fünfmal so viele wie 2015.
Große Strukturen, tote Höfe
Im Jahr 2024 gab es bei uns 255.000 landwirtschaftliche Betriebe. Das waren 31.800 weniger als 2014. Bei den Schweinehaltern waren es im vergangenen Jahr 15.220 Betriebe – ein Minus von 41 Prozent in zehn Jahren. Eine Studie der DZ-Bank erwartet 2040 nur noch knapp 100.000 Höfe.
Gut 15 Prozent der Betriebe bewirtschaften knapp 64 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland. Die Wachstumsschwelle steigt Jahr für Jahr. Jede Auflage trifft den kleinen Hof härter, denn der große kann sich die Verwaltung eher leisten. Im Zweifel stellt er halt einen Sachbearbeiter ein. Der kleine Hof geht pleite.
Brüssel und Berlin verlangen von den Bauern immer mehr Papier. Sie sagen „Struktur“ – und meinen „Konzern“. Der Familienbetrieb ist aus der Gleichung längst gestrichen.
Autos gegen Rindfleisch
EU-Zarin Ursula von der Leyen hat es irgendwie geschafft, das hochumstrittene Mercosur-Abkommen durchzudrücken. Mit den südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gibt es jetzt eine begrenzte Freihandelszone.
Für die EU-Landwirte bedeutet es existenzbedrohende Konkurrenz. Die Mercosur-Staaten dürfen jetzt 99.000 Tonnen Rindfleisch zu 7,5 Prozent Zoll liefern; dazu 180.000 Tonnen Geflügel zollfrei; dazu Zucker und Ethanol. Alles aus Staaten, die viel günstiger produzieren können: weil sie viel weniger Bürokratie haben, viel niedrigere Löhne, viel weniger Tierschutz.
So läuft es bei jedem Abkommen, das die EU aushandelt: Maschinenbauer und Auto-Exporteure gewinnen Märkte. Die Landwirte bekommen neue Billig-Wettbewerber.
Geiz ist ungeil
Das Elend unserer Bauern hat noch einen anderen Schuldigen: den Verbraucher.
Die Deutschen zahlen für ihre Lebensmittel im Supermarkt weniger als fast alle Nachbarn. Das weltweit tätige Marktforschungsinstitut Circana hat die internationalen Lebenshaltungskosten verglichen. Der standardisierte Lebensmittel-Warenkorb mit 32 Produkten kostet in Deutschland 72 Euro. In Frankreich sind es 105 Euro. Im Durchschnitt von sechs Ländern kostet er 83 Euro. Kein einziges Produkt war in Deutschland am teuersten. Österreicher, Dänen, Iren und Schweden zahlen mehr, Schweizer sogar um rund 50 Prozent.
Nahrungsmittel machen bei uns 11,1 Prozent der Konsumausgaben aus. In Osteuropa sind es 20 bis 25 Prozent. Frankreich schützt seine Erzeuger: Mindestaufschlag von zehn Prozent, Rabatte höchstens um ein Drittel.Wir zahlen für unsere Lebensmittel viel zu wenig.
Der französische Gemüsekonzern Bonduelle vertreibt auf seinem Heimatmarkt in Frankreich zahlreiche sehr hochwertige Premium-Produkte. Während die normale Bonduelle-Dose meist zwischen 1,50 Euro und 3,00 Euro kostet, liegen die Feinkost-Produkte zwischen 5,00 Euro und 8,00 Euro pro Dose. Die Franzosen sind bereit, für beste Qualität bei Lebensmitteln auch einen hohen Preis zu zahlen. Die Deutschen nicht.
Deshalb hat Bonduelle schon vor Jahren entschieden, seine höherwertigen Produkte bei uns erst gar nicht anzubieten. Die fatale Geiz-ist-geil-Mentalität verhindert, dass wir in unseren Supermärkten bestimmte Top-Lebensmittel überhaupt nur zu Gesicht bekommen.
Kein freies Land ohne freie Bauern
Ein Land, das seine Teller nicht selbst füllen kann, kann am Ende auch keine eigene Politik machen. Wer von Lieferanten lebt, gehorcht Lieferanten.
Bei Obst decken wir nur noch 18 Prozent unseres Bedarfs selbst, bei Gemüse auch nur 40 Prozent. In fast allen wichtigen Produktbereichen verlieren wir kontinuierlich Anteile an der EU-Erzeugung. Breit gestreute kleine und mittlere Höfe sind ein Sicherheitsnetz, das keine Hafenblockade, kein Krieg und kein Konzernkonkurs zerreißen kann. Wir zerreißen dieses Netz. Deutschland gibt seine bäuerliche Eigenständigkeit und seine dezentrale Lebensmittelversorgung preis – und nennt das auch noch stolz „Strukturwandel“. In Wahrheit tauschen wir Souveränität gegen Skaleneffekte.
Deutschland treibt seine Bauern in die Verzweiflung. Die Verzweiflung ist längst in der Selbstmordstatistik angekommen. Was uns unser Irrweg kostet, werden wir erst merken, wenn es zu spät ist. Den Preis zahlt am Ende nämlich nicht der Bauernhof. Den Preis zahlt die Stadt. In der Stadt wächst kein Weizen, dort steht kein Stall, und dort gibt es keine Weideflächen. Die Stadt hat nichts außer Schreibtischen und Lieferketten.
Wenn eine dumme und kurzsichtige Politik dafür sorgt, dass die Lieferketten reißen – dann schlägt es dort zuerst und am härtesten ein, wo diese Politik gemacht wird.
Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.





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Woran das liegt , müsste man genau untersuchen. Betriebsumstellungen mit enorm hohen Kosten , von Experten empfohlen , sich aber dann nicht rechnen und und und . Da gibt es viele Möglichkeiten und Gründe.
Gibt es auch in Indien , als Süssgetränkekonzerne anfingen dort das Wasser Abzugraben.
Also nix neues .
Das tut mir sehr leid zu lesen. Hätte ich nicht gedacht. Ich schätze die Bauern sehr und finde ihre Verteufelung durch manche Zeitgenossen als Bodenvergifter absolut skandalös. Die Bauern wurden Jahrelang schlechtgeredet, ignoriert und belächelt. Bitte bleibt stark. Sollen doch die verantwortlichen Politiker sich umbringen. Es sind übrigens diesselben, welche Suizidhilfe toll finden. Na dann.