Deutschland – Raum ohne Volk

Früher gab es mal Deutsche, die im nach ihnen benannten Land wohnten. Doch irgendwie wurden sie ersetzt von einem Volk namens Menschen: Was die Wahlprogramme der Parteien über ihr Weltbild und ihre Ziele aussagen.

© Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

„Deutschland? Aber wo liegt es?“, fragten 1797, als das alte Reich zu Ende ging, Goethe und Schiller. Heute ist das keine Frage: Es gibt den Staat Bundesrepublik Deutschland mit geographisch eindeutigen Grenzen. Sein Staatsvolk, die Deutschen, ist allerdings aus dem herrschenden politischen Diskurs verschwunden.

Der Name Deutschland  kommt in den Wahlprogrammen der im Bundestag vertretenen Parteien häufig vor, jedoch mit unterschiedlicher Bewertung. Für die CDU/CSU handelt es sich um ein  Hochwertwort: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, lautet der Titel ihres Programms, und der Text liest sich, literarisch gesehen, streckenweise wie ein „Länderlob“. Deutschland sei in vielen Bereichen Weltmeister, ob nun als „Kulturnation“ oder „Wirtschaftsstandort“, und habe den Höhepunkt seiner Geschichte erreicht: „Heute leben wir im schönsten und besten Deutschland, das wir je hatten“.

Bei der SPD klingt das Länderlob verhaltener, aber dennoch deutlich: „Deutschland ist ein stabiles Land“, ja „ein starkes Land“, kurz: „unser Land“. Die LINKE vermeidet dieses umgreifende unser: Deutschland ist für sie  „ein Land, in dem viele Menschen arm sind“ und „eines von vier Ländern mit den meisten Millionärinnen und Millionären“. Die GRÜNEN lassen sich auf ein Länderlob noch nicht ein, wünschen es aber für die Zukunft: „Wir wollen Deutschland zum ökologischen Spitzenreiter machen“.

Deutschlands Bewohner heißen im allgemeinen Sprachgebrauch Deutsche. Die vier Parteien umgehen dieses Wort, es kommt auf 550 Seiten Text  nur fünfmal vor: Dreimal bei CDU/CSU, je einmal bei SPD und GRÜNEN. Die LINKE verwendet den Volksnamen Deutsche nicht, aber viermal eine Untergruppe: die Ostdeutschen. 

Statt Deutsche werden in den Wahlprogrammen die Bewohner Deutschlands Menschen genannt: Bei den LINKEN fast durchgängig, bei den drei anderen Parteien hauptsächlich, neben Bürgern (CDU/CSU), Bürgerinnen und Bürger (SPD) und Bürger*innen (GRÜNE). Deutschland ist also parteiübergreifend  „Menschland“ und mehr oder weniger „Bürgerland“.

Sprache spiegelt Denken
SPD-Regierungsprogramm - Ohne Deutsche
Ein Ethnologe, der aufgrund der vier Wahlprogramme untersuchen müsste, wer die „Deutschen“ sind, käme zu folgendem Ergebnis: Eine Völkerschaft, die ursprünglich  Deutschland  besiedelt habe, dann durch das Volk der Menschen überschichtet wurde und heute als ethnische Minderheit fortbesteht: Einerseits außerhalb Deutschlands (die SPD will deshalb „für Deutsche im Ausland“ die Ausübung des Wahlrechts erleichtern), andererseits in Deutschland, wo noch der Stamm der Ostdeutschen ansässig sei. Allerdings unter unwürdigen Lebensbedingungen, weshalb die LINKE fordert, hierzu eine Enquêtekommission des Bundestags einzusetzen und „endlich mit den Benachteiligungen für Ostdeutsche Schluss [zu] machen“.

Das Schicksal begünstigte übrigens die Deutschen nicht: „Flucht kennen viele Deutsche aus ihrer Familiengeschichte“ (GRÜNE); „Millionen Deutsche sind aufgrund von Flucht und Vertreibung […] innerhalb Deutschlands zu- und umgezogen“ (CDU/CSU). Aber das ist Geschichte, die Geschichte der alten Deutschen. Könnte die Zukunft nicht in den neuen Deutschen liegen? „Zu unserem Land gehören alte und neue Deutsche“, meint die CDU/CSU. Vielleicht bringen diese neuen Deutschen den Volksnamen Deutsche(r) mehr als fünfmal in die Wahlprogramme 2021.

PS.: Empirisch gesehen folgen die Wahlprogramme der ethnischen Wirklichkeit: Je nach Zählweise weist heute ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung Migrationshintergrund auf, wie es neudeutsch heißt. Viele davon sind zwar im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit; aber offensichtlich reicht dies nicht, um „deutsch“ im Sinne der Verfasser von Wahlprogrammen zu sein, weswegen sie nicht als Deutsche angesprochen werden, sondern nur als „Menschen“. Das sagt viel aus über die als gescheitert unterstellte  Integration dieser Zuwanderer. Oder ist es so, dass die Parteien sich für alle Menschen innerhalb der deutschen Grenzen zuständig fühlen, völlig unterschiedslos? Also für alle, „die da sind“, wie es die Bundeskanzlerin so entwaffnend formuliert hat? Nur: Wer ist dann das Staatsvolk, wer darf überhaupt wählen, wessen Interessen vertreten die Politiker? Gibt es auch eine „Partei der Deutschen“, also eine Interessenvertretung dieser nur noch als historischer Restbestand zu begreifenden Gruppe? Wie groß ist die?

Aber vermutlich ist das zu kompliziert gedacht. Die Verfasser von Wahlprogrammen stellen sich solche Fragen nicht. Sie bewegen sich im Unbestimmten, bleiben vage, unbewußt ungenau. Damit drücken sie doch etwas sehr deutsches aus: Die Unsicherheit über die eigene Identität.

Helmut Berschin ist Professor em. für Romanische Sprachwissenschaft.

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Kommentare

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  • Red Lope

    Mir fiel schon vor Jahren auf, dass Medien und Politik, wenn es um Innereuropäisches ging, immer seltener von den einzelnen Ländern und Staaten, sondern von „Regionen“ sprachen…
    Ist ja klar – wenn das Ziel ein EU-Zentralstaat ist, werden aus einzelnen souveränen Staaten unsouveräne, folkloristische Regionen von allenfalls ökonomischer Bedeutung. Staatsgrenzen stören da nur.
    Wir sehen hier, dass uns eine „neue Realität“ wie Falschgeld untergejubelt wurde, ohne dass wir dazu gefragt oder das Thema offen diskutiert worden wäre. Und es geht hier um hoheitliche Fragen!
    Das Interessante ist außerdem, dass das schon vor Jahren so gehandhabt wurde. Ich vermute, dass das kein Zufall ist. Das Wording der „Eliten“ ist nie ein Zufall, vor allem, wenn es so gleichmäßig geschieht.
    So gehe ich auch davon aus, dass das Verschwindenlassen der „Deutschen“ kein Zufall ist.

  • Westen

    Sicherlich erklärt das die Motivation von Links-Grün, die immer noch nicht bzw. nie kapieren werden, dass man Menschen nicht züchten kann. Im größeren Maßstab betrachtet, z.B. was die EU bzw. Geldgeber in den USA motivieren könnte, diese Zerstörung voranzutreiben, verstehe ich das Ganze nicht. Selbst wenn man in einigen Jahren den EU- Superstaat ausrufen wird (eventuell unterstützt von Muezzinrufen, sehr wahrscheinlich sogar…), wird dieser so wenig produktiv bzw. regierbar sein wie die Länder, aus denen die Migranten hereinströmen.n Vielleicht die einzige und beste Erklärung: Dummheit.

  • Martin Lederer

    Es gab doch schon Anträge, dass durch „DER BEVÖLKERUNG“ zu ersetzen. Und in NRW haben ALLE Parteien dafür gestimmt, den Bezug zum „deutschen Volk“ schon durch den Bezug zur „Bevölkerung von NRW“ zu ersetzen.

  • Doro

    Was wird aus Deutschland, wenn es keine „Deutschen“ mehr gibt, die für all die Mensch*innen in diesem Land arbeiten? Suchen sich die Menschen dann ein neues Menschenland, in dem die dortigen Ureinwohner*innen für sie arbeiten?