Sieben Millionen Euro für sieben Kurzfilmchen: Für die Image-Kampagne „Boah, Bahn“ mit Anke Engelke hat die DB erst ein Vermögen ausgegeben – und wollte dann die Zahlen nicht rausrücken. Der Staatskonzern hat sich völlig verfahren.
screenshot/ DB
Vorab ist eine Erinnerung nötig: Die Deutsche Bahn ist ein Staatskonzern. Formal ist sie eine Aktiengesellschaft, kurz AG, doch das ist Rosstäuscherei. Der Bund ist Alleinaktionär. Er stellt alle gesetzlich für den Eigentümer vorgesehenen Aufsichtsräte und entscheidet damit auch allein über den Vorstand.
In Wahrheit ist die Deutsche Bahn eine als Privatunternehmen verkleidete Behörde. Das merken wir uns bitte kurz, es wird noch wichtig.
Sündhaft teure Imagewerbung
„Boah, Bahn“ heißt eine PR-Kampagne, die das Unternehmen vor vier Monaten vorgestellt hat. Es sind sieben Werbefilmchen, in denen TV-Komikerin Ange Engelke als „Zugchefin Tina“ mit typischen DB-Problemen wie Verspätungen und kaputten Kaffeemaschinen im Bordbistro kämpft.
Das Ganze soll selbstironisch sein und die DB trotz ihrer mittlerweile monumentalen Mängel irgendwie sympathisch rüberkommen lassen. Imagepflege nennt man das.
Dafür hat die Bahn viel Geld in die Hand genommen. Sehr viel Geld. Sehr, sehr viel Geld. So viel, dass den verantwortlichen Managern und ihren staatlichen Aufsehern wohl schon früh schwante, dass es deshalb Ärger geben könnte. Als gefragt wurde, wie teuer „Boah, Bahn“ denn eigentlich ist, taten der Konzern und das Verkehrsministerium alles, um die Kosten geheim zu halten.
Als ein Bundestagsabgeordneter im vergangenen Dezember wissen wollte, wie viel Geld für die PR-Kampagne geflossen ist, verweigerte Staatssekretär Ulrich Lange von der CSU die Antwort. Begründung: „Die Offenlegung der Information kann wirtschaftliche und finanzielle Nachteile für die DB AG zur Folge haben.“
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Ein Staatskonzern – der übrigens jedes Jahr viele Milliarden an Subventionen, also Steuergeld bekommt – verweigert einem gewählten Volksvertreter die Auskunft darüber, wie viel von diesem Steuergeld der Konzern für „Imagewerbung“ verpulvert. Und ein Staatssekretär deckt diesen Vertuschungsversuch.
Rausgekommen ist es jetzt aber doch. Die BILD-Zeitung hat gerade aufgedeckt: Sieben Millionen Euro zahlt die Bahn für die sieben Kurzfilmchen auf Instagram und YouTube in der Länge zwischen anderthalb und drei Minuten – plus einem „Bahnsong“ (02:34 Minuten).
Sieben Millionen.
Wer (wie ich) sein Leben lang mit TV- und Werbeproduktionen zu tun hatte, der weiß: Das ist Wahnsinn. Man kann nicht einfach nur sagen, dass das viel zu teuer ist. Das wäre grandios untertrieben. Für jeden, der sich auch nur halbwegs in der Branche und mit den aktuellen Produktionskosten auskennt, ist klar:
Das ist irgendwas zwischen unfassbarer Geldverschwendung und Korruption.
Viel Geld für die Werbung, kein Geld für die Kunden
Bei der Bahn sind völlig die Maßstäbe verrutscht, und das seit Jahrzenten.
Nun sind so manche der Meinung, dass Vorstände, wie Ex-Chef Hartmut Mehdorn oder Angela Merkels früherer Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, in der Führungsetage vor allem eine Un-Kultur der Minderleistung bei gleichzeitiger Top-Bezahlung etabliert haben.
Verlässlich instinktlos haut das heutige DB-Management eine vermeintlich lustige und galaktisch überteuerte Image-Kampagne zu genau derselben Zeit raus, als das Unternehmen die günstige Familienreservierung (5,50 Euro für die Sitzplätze der gesamten Familie) gestrichen hat.
Prioritäten. Vor wenigen Tagen wurde der Schaffner Serkan C. von einem Schwarzfahrer totgeprügelt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Fiedler rechnet mit dem Bahn-Management ab: „Angesichts der eklatanten Sicherheitsmängel bei der Deutschen Bahn ist es ein Skandal, dass der Vorstand so viele Millionen Euro für lustige Werbeclips ausgibt. Für dieses Geld hätten mindestens 100 zusätzliche Sicherheitskräfte ein Jahr lang bezahlt werden können.“
DB-Vorstand Michael Peterson, Chef des besonders oft verspäteten Fernverkehrs, lobt die Luxus-Filmchen mit Anke Engelke übrigens als „humorvolle Liebeserklärung an die Mitarbeiter“. Dieses Lob empfinden die Betroffenen allerdings als Hohn. Der Chef der Bahngewerkschaft EVG, Martin Burkert, fragt vielsagend, „ob nicht die Sanierung aller Pausenräume oder eine flächendeckende Ausstattung mit Bodycams die bessere Liebeserklärung gewesen wäre“.
Hände in Unschuld
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder von der CDU tut das, was alle Verkehrsminister vor ihm auch immer getan haben: Er schiebt alle Verantwortung auf die Bahn und lässt ausrichten: „Der Bereich Marketing obliegt allein dem operativen Geschäft der DB AG.“
An dieser Stelle erinnern wir uns: Die Bahn ist ein Staatskonzern. Wenn der zuständige Minister so tut, als habe er mit jedem neuen Desaster in dem Unternehmen doch gar nichts zu tun, dann ist das im günstigsten Fall eine billige Flucht aus der Verantwortung.
Im ungünstigsten Fall stellt sich die Frage, wozu man so einen Minister eigentlich braucht.
Was die DB mit Rückendeckung der Politik da tut, ist eine zynische Veralberung der Kunden. Millionen Passagiere hängen jeden Tag in veralteten und verspäteten Zügen fest (wenn die überhaupt fahren) – und die Bahn feiert ihre eigene Dysfunktionalität. Das ist ungefähr so, als würde eine Pizzeria damit werben, dass die Pizza immer kalt ist.
Der Kollege Timo Lokoschat hat dazu treffend bemerkt:
„Keine normale Firma könnte es sich leisten, das eigene Scheitern zur PR-Strategie zu machen. Die Bahn tut genau das. Weil sie ein Quasi-Monopol hat und sich sicher ist, dass wir trotzdem wiederkommen. Wie in einer toxischen Beziehung.“
Die Eisenbahn ist ein Transportmittel. Der Konzern DB ist ein Verkehrsbetrieb. Das ist seine Aufgabe: Menschen von hier nach dort zu bringen – und zwar verlässlich und sicher.
Das ist die einzige Aufgabe der DB. Und an der scheitert sie jeden Tag.
Züge bleiben mitten auf der Strecke stehen. Türen lassen sich nicht öffnen. Klimaanlagen fallen aus. Durchsagen brechen ab. Steckdosen funktionieren nur manchmal, Toiletten selten. Sitzplatzreservierungen werden nicht angezeigt, weil die Technik ausfällt. Wagen, für die man – kostenpflichtig! – einen Sitzplatz reserviert hatte, gibt es gar nicht.
Das System ist kaputt. Doch das Management geht nicht die Probleme an, sondern gibt viel Geld dafür aus, die einstürzende Bruchbude außen hübsch anzustreichen. Wenn ein Vorstand lieber Kurzfilmchen in Auftrag gibt, als sich ernsthaft um sein Produkt zu kümmern, ist er überflüssig.
Vielleicht ändert sich mit der neuen Bahn-Chefin Evelyn Palla ja aber tatsächlich etwas. Ihre Vorgänger hatten für „Boah, Bahn“ nämlich sogar noch eine zweite Staffel geplant, also noch mehr Kurzfilmchen für noch mehr Geld.
Palla hat das ganze Projekt jetzt gestoppt.


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