Baden-Württemberg: Wir können alles – außer wählen

Cem Özdemir wird Ministerpräsident im Südwesten. Er schlägt den CDU-Kandidaten Hagel und damit quasi eine jüngere Ausgabe des Bundeskanzlers. Das ist eine schlechte Nachricht für Friedrich Merz – aber auch für die Grünen.

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Cem Özdemir, der künftige Ministerpräsident in Baden-Württemberg, betritt nach den Ergebnissen die Bühne, Stuttgart, 08.03.2026

Mit schwierigen Partnerschaften kennt man sich im Südwesten aus.

Das Bundesland Baden-Württemberg selbst ist ja eine arrangierte Ehe: Die Alliierten wollten es so, die Badener und die Württemberger wollten es im Prinzip nicht, haben sich letztlich aber in das Unvermeidliche gefügt.

Die Regierung von Grünen und CDU ist jetzt auch keine Liebesheirat – anders als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein, wo beide Parteien wohl komplett geräuschlos einfach fusionieren könnten, ohne dass es so richtig auffiele.

Aber sie werden miteinander weitermachen. Das ist nach den Hochrechnungen um kurz nach 20.00 Uhr klar:

Grüne 30,4 %
CDU 29,4 %
AfD 18,6 %
SPD 5,6 %
FDP 4,4 %
„Linke“ 4,3 %
Sonstige 7,0 %

Mit anderen Worten:

  • Die Grünen werden die neue CDU.
  • Die CDU wird die neue SPD.
  • Die AfD wird die neue CDU.
Die CDU

Manuel Hagel wirkt wie der Musterschüler von Klassenlehrer Friedrich Merz.

Im Wahlkampf hat er seinen Ziehvater weitgehend kopiert: Voller Fokus auf die Wirtschaft – ansonsten hat er auf irgendwie auffällige oder gar spektakuläre politische Botschaften verzichtet. Das machte ihn blass. Auch da hat er sich an Merz orientiert.

Auch bei der Bundestagswahl hat die CDU letztlich schlechter abgeschnitten, als die Prognosen es vorhergesagt hatten – und, als der Parteivorsitzende es versprach. Es stellt sich schon die Frage: Kann die Union mit Friedrich Merz knappe Wahlen gewinnen? Ist der Bundeskanzler für seine Partei ein Zugpferd – oder eher ein Klotz am Bein?

Die Grünen

Cem Özdemir wirkt immer noch wie ein großer Junge. Aber der Mann ist mittlerweile 60 Jahre alt. Und er bemüht sich nach Kräften, nahtlos die Melodie weiterzuspielen, die Winfried Kretschmann 15 Jahre lang säuselte: Das Land ist wichtiger als die Partei – und viele lobende Worte für den Koalitionspartner CDU.

Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner inszeniert in den Interviews eine geradezu überschwängliche Freude. Aber man merkt ihr an, dass die nicht vollumfänglich ernst gemeint ist. Das ergibt auch durchaus Sinn. Denn Özdemirs Erfolg verschiebt die Kräfteverhältnisse bei den Grünen – und beschert ihnen absehbar inhaltliche Debatten, auf die die derzeitige Partei- und Fraktionsführung sehr sicher sehr gerne verzichtet hätte.

Vor allem: Mit welchem Kurs gewinnt man Wahlen?

Eher liberal-konservativ-ökologisch – wie Özdemir. Oder eher woke-links-sozialistisch – wie die Partei sich derzeit vor allem in größeren Städten präsentiert? Natürlich kann man Baden-Württemberg und, sagen wir, Berlin nicht eins zu eins vergleichen. Der Südwesten ist ein strukturell konservatives Bundesland mit viel Mittelstand, der wichtigen Auto-Industrie und den vielen entsprechenden Zulieferern.

Berlin ist viel heterogener, hat eine jüngere Bevölkerung und keinen relevanten Mittelstand. Aber in aktuellen Umfragen kommen die Grünen auch in der Bundeshauptstadt nicht richtig vom Fleck.

Und so darf sich die politische Konkurrenz schon jetzt darauf freuen, wie der strahlende Sieger Özdemir – die absehbar einzige Lichtfigur der gesamten Partei – künftig den absolut blassen Figuren in der Partei- und Fraktionsführung im Bund genussvoll in die inhaltliche Suppe spucken wird.

Die AfD

„Auch in Baden-Württemberg ist die Alternative für Deutschland jetzt eine Volkspartei.“

Tino Chrupalla, der Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, hat da einen validen Punkt. Seine Partei hat ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und vermutlich das bisher beste Ergebnis in einem westlichen Bundesland erzielt. Aber die als Ziel selbst ausgerufenen und angepeilten „20 Prozent plus“ wurden verfehlt.

Die AfD wird die größte Oppositionsfraktion in Baden-Württemberg sein – also das, was sie in mittlerweile fast allen anderen Landesparlamenten auch ist. Ihre Perspektive für Stuttgart hat sich nicht geändert.

Auch anderswo ändert sich die Perspektive für die Partei schon längere Zeit nicht. Überall wird sie bei Wahlen stärker und stärker. Aber nirgendwo kommt sie in die Nähe einer Regierungsbeteiligung. Dazu ist sie zum einen noch nirgendwo stark genug, zum anderen verhindert das die Brandmauer.

Und so wird sich auch die AfD irgendwann die Frage stellen müssen, wie lange sie ihre strategisch starre Lage beibehalten kann – oder besser: wie lange ihre Anhänger das mitmachen.

Die SPD

„Unsere Themen waren richtig.“

Das hat Generalsekretär Tim Klüssendorf zum peinlichen Desaster seiner Sozialdemokraten in Baden-Württemberg gesagt. Im Ernst. Ironiefrei. Ohne rot zu werden – also, jetzt äußerlich gemeint.

Die SPD, das wird mit jedem Tag deutlicher, will ums Verrecken nicht darüber nachdenken, ob es nicht gerade ihre politischen Inhalte sind, mit denen sie die Wähler vertreibt. Es ist eine Partei ohne jegliche politische Lernkurve.

Dadurch ist sie verdientermaßen auf dem Weg zu einer Splitterpartei. Jetzt sind es schon vier Bundesländer, in denen sie nicht nur nicht die Zehn-Prozent-Hürde überspringt – sondern in denen sie ganz knapp davor steht, aus den Parlamenten zu fliegen: Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen.

Dafür strahlt die Partei ganz viel menschliche Wärme aus. Zwinker-Smiley. Das Netteste, was Generalsekretär Klüssendorf über Andreas Stoch zu sagen wusste (den SPD-Spitzenkandidaten in Stuttgart), war: Er sei ein „verdienter Genosse“.

Das kann man wahlweise als vergiftetes Lob auffassen oder auch als maximale Distanzierung. Kurz danach ist Stoch von allen Ämtern zurückgetreten.

So geht das bei den solidarischen Genossen.

Die FDP

„Das ist bitter.“

Selbst für seinen Kommentar zur existenziell bedeutendsten Niederlage im Stammland des deutschen Liberalismus fiel Parteichef Christian Dürr nur die platteste aller Plattitüden ein.

Auch inhaltlich war von ihm keine Silbe Selbstkritik zu vernehmen. Stattdessen jammerte er über die „Zuspitzung“ im Wahlkampf zwischen CDU und Grünen.

Sagen wir es, wie es ist: Der FDP-Bundesvorsitzende hat ungewollt, aber eindrucksvoll gezeigt, weshalb seine Partei völlig zu recht von der politischen Landkarte der Bundesrepublik Deutschland verschwindet.

Adé, FDP. Der Abschied tut nicht weh.

Die Folgen

Eine Landtagswahl im Südwesten ist immer auch eine kleine Bundestagswahl.

Baden-Württemberg ist das drittgrößte Bundesland sowohl nach Einwohnern als auch nach Fläche als auch nach Wirtschaftskraft. BaWü hat die höchste Dichte an industriellen Weltmarktführern (und übrigens auch an Sterne-Köchen, aber das nur nebenbei).

In allen Parteien wird man sich deshalb viele Fragen stellen. Was könnte im Bund genauso gut oder schlecht laufen wie jetzt in BaWü? Wo gibt es politische Besonderheiten im Land, und wo lassen sich Dinge auf die ganze Republik übertragen?

In der CDU werden die Zweifel an der Methode Merz nicht kleiner. Den Grünen stehen neue Richtungskämpfe ins Haus. Die AfD sucht nach Bewegungsfreiheit. Die SPD muss sich zwischen politischem Überleben und Starrsinn entscheiden. Die FDP ist endgültig weg.

Im kommenden Jahr feiern Baden und Württemberg Diamantene Hochzeit. Dann gibt es das Bundesland 75 Jahre. Die Zwangsehe hat lange gehalten. Wie lange das grün-schwarze Bündnis hält, wird sich zeigen.

Das Zitat dieses Wahlabends stammt dann eindeutig von Phoenix-Reporterin Jeanette Klag. Sie verhedderte sich komplett im eigenen Sprachraum mit der überaus originellen Wortneuschöpfung:

„Länder-Chefs und Länderinnen-Chefs“.

Zumindest auf den woken öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist Verlass.

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Kommentare ( 100 )

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Boris G
5 Minuten her

Ich habe mir das Trielle im SWR der Spitzenkandidaten angeschaut. In unserer medialen Demokratie ist Telegenität wichtig, kann den entscheidenen Prozentpunkt für das höchste Amt im Land ausmachen. Cem Özdemir kam vor laufenden Kameras am besten weg: Groß, schlank, betont schwäbischer Dialekt und immer unaufgeregt konziliant. Mit 60 Jahren genau im richtigen Alter, um als „Landesvater“ durchzugehen (dass er sich von seiner Ehefrau, mit der er zwei gemeinsame Kinder hat, trennte und kürzlich eine 20 Jahre jüngere Journalistin aus fernen Landen heiratete – linke Wähler verzeihen so etwas). Manuel Hagel sieht zwar gut aus,ist ebenfalls groß, wirkt ein bisschen zu… Mehr

OJ
41 Minuten her

Der türkischstämmige Cem Özdemir ist jetzt Ministerpräsident.
Wer wird der nächste Bundeskanzler; Pierre Vogel❓

Ing. Mickl
59 Minuten her

im Land von Gottlieb Daimler, Carl Benz und Felix Wankel residiert nun ein anatolischstämmiger vegetarischer Politdarsteller…weiter abwärts geht es wohl nicht mehr

Riffelblech
1 Stunde her

Entweder die BaWü können nicht denken oder sie sind derartig in Grün verliebt das ihnen nicht mehr zu helfen ist .
Klimawandel – passe ; Energiewende- totes Pferd ,Automobilindustrie – sehr viel Optimismus nötig ,, Migration – steigt und steigt ,Usw
Und dann wählt die Bevölkerung in diesem Lande genau das was eigentlich schon erkaltet und stirbt ?
Unbegreiflich !

Peter Gramm
3 Stunden her

neben dem Palmer wird doch der Hunzinger auch irgendwo im Universum des Cem jetzt einen Job bekommen. Ein bisschen geht immer. Bei den Grünen so und so.

weihnachtsmann_frau_lein
3 Stunden her

I. In einem bundesland, das wie kein anderes am automobilbau (samt zulieferern) hängt, ist ein neuer gipfel der realitätsverleugnung bzw. der einstein’schen definition des wahnsinns erklommen worden … In der von der autoindustrieschlagseite besonders betroffenen stadt stuttgart gibt es einen wahlbezirk, in dem die grrrrr sage und schreibe knapp 48% geholt haben. Noch fragen? II. Die partei, deren protagonisten (wähler UND bonzen) lt. alfred tetzlaff zwar nicht dumm sind, aber pech beim denken haben, hat leider noch 0,6% zu viel pech habende gefunden … III. Eine mehrheit hat konservativ gewählt — das glauben unionswähler idR tatsächlich –, aber bekommt, wie… Mehr

maps
5 Stunden her

Das Problem sind nicht diese Versager! Das Problem ist die Mehrheit der (West-)Deutschen, sie sind dumm und irre. Wer es bis hierher immer noch nicht kapiert hat, der will es entweder so oder ist dumm und irre. Die Mehrheit wählt diese Versager und Zerstörer immer wieder. Keiner wird dazu gezwungen! Mit diesen Deutschen IST KEIN STAAT zu machen.

a.bayer
4 Stunden her
Antworten an  maps

Das Problem ist in der Tat die Mehrheit der Westdeutschen, insbesondere die Mehrheit der „gebildeten“ Mittelschichten. M.E. hat die Abneigung gegen die AfD eher soziale als politische Ursachen. Schon seit den 60ern gilt: Rechts gleich Proll. Mit diesem „sicheren“ Wissen im Gepäck sind die Sozis die Arbeiter erfolgreich losgeworden. Distinktion ist eine schwierig zu nehmende Hürde auf dem Weg zum politischen Verstand.

Haba Orwell
4 Stunden her
Antworten an  a.bayer

> Das Problem ist in der Tat die Mehrheit der Westdeutschen, insbesondere die Mehrheit der „gebildeten“ Mittelschichten.

Manche „Bildung“ verdient tatsächlich Ausführungszeichen – im Westen scheint Gender-Dingsbums und ähnliche Irrlehre zu überwiegen. Alles Zeugs, wo man ohne des logischen Denkens auskommt. Die Ergebnisse sieht man.

Ich vermute, die meisten Ingenieure mit Abstammung östlich der Elbe halten nix vom Ökosozialismus.

Apfelmann
4 Stunden her
Antworten an  maps

Ich würde nicht sagen das man als Westdeutscher dumm ist. Es ist auch eine Frage der ideologischen Ausrichtung. Bei den Ossis kommen Russlandfreundliche Parteien historisch gut an. In Westdeutschland ist mit solchen Positionen keine Wahl zu gewinnen.

Michael M.
2 Stunden her
Antworten an  Apfelmann

Jetzt kommt wieder eine mit den Russen daher 🤦‍♂️. Die interessieren mich einen Schei….ck (die Ukrainer übrigens genauso wenig), denn hierzulande geht die wirtschaftliche Basis verloren und ohne die ist bald Schicht im Schacht und dann wird’s hier erst so richtig ungemütlich.

Laurenz
2 Stunden her
Antworten an  Apfelmann

Das ist eine Wohlstands- & keine Bildungsfrage. Aber was soll man von Ihnen an Analyse & Erkenntnis schon erwarten?

Laurenz
2 Stunden her
Antworten an  maps

Nein, ist es nicht. Die Mehrheit der Bürger im Westen hat noch etwas zu verlieren & man ist zufrieden, wenn es bleibt, wie es ist. Es dauert daher noch, bis das Ländle wieder so arm ist, wie vor der industriellen Revolution.

verblichene Rose
1 Stunde her
Antworten an  maps

Entschuldigung, aber im sog. Osten gibt es Leute, die die Linken wählen. Wie muß man das denn interpretieren?

Krauti
5 Stunden her

Häuslebauer müssen ihren Status Quo erhalten, den sie mal vor langer Zeit durch gute Arbeit in einem Betrieb errungen haben. Damals war die CDU noch ziemlich konservativ und dem Wohle des Volkes verpflichtet. Der Verdienst ist heute noch sehr gut, sodass die bisherigen Mehrausgaben und Umweltausgaben nicht auffallen bei einem abbezahlten Haus. Die Grünen und die CDU werden aber daran arbeiten, dass das nicht mehr so sein wird.

Deutscher
5 Stunden her

Ob ⚫️🟢 oder 🟢⚫️ ist egal, denn ⚫️ und 🟢 sind in Ba-Wü eine Einheit. Jede Stimme für ⚫️ ist eine Stimme für 🟢.
Also: Entweder zwei von drei meiner Mitschwaben finden 🟢 gut, oder ein Teil davon weiß schlichtweg nicht, was zum Teufel er da in der Wahlkabine tut, wenn er für ⚫️ stimmt.

Nun, wie dem auch sei: Man muß es hinnehmen. Das ist eben Demokratie.

Michael M.
2 Stunden her
Antworten an  Deutscher

Ja klar ist das tatsächlich mal echte (nicht „unsere“ 😉) Demokratie und selbstverständlich muss man es hinnehmen, aber trotzdem muss man es nicht gut/toll finden.

Edwin Rosenstiel
7 Stunden her

Sehr sinnbildlich für Özdemir war sein Auftritt mit dem grünen E-Bike vor der Wahl: Hätte er seinen Hintern wenigstens auf ein muskelbetriebenes Rennrad gesetzt, und gezeigt, daß er einen Arsch in der Hose hat…aber so kommt er nur als Schwächling mit Hilfsmotor rüber, der nicht mal selbst radfahren kann. Aber die Wähler, die selbst genau so drauf sind, goutieren das und wählen ihn. Also haben sie es nicht besser verdient. Die werden es erst an dem Tag begreifen, wenn ihnen der Benz vor der Haustür, das Häusle und die Wärmepumpe weggenommen wird, und sie zum Islam konvertieren müssen, um weitervegetieren… Mehr