Arabischer Frühling nach Saudi-Art?

Am Ende kann der Machtkampf zwischen dem wahabitischen Saudi-Arabien und dem islamistischen Iran zum Untergang beider autoritärer Systeme in Teheran und in Riad führen.

© Chip Somodevilla/Getty Images
Mohammed bin Salman escorted by U.S. Deputy Chief of Protocol Mark Walsh as they walk into in the White House on June 17, 2016 in Washington, DC

Vordergründig berichtet BILD von der Wiedereröffnung von Kinos in Saudi-Arabien nach 35 Jahren: „Anfang der 1980er-Jahre hatten die Kinos in Saudi-Arabien ihren Betrieb einstellen müssen. Grund war die Hinwendung zu einer restriktiven Auslegung des Islam in dem Königreich, die sich gegen Formen der öffentlichen Unterhaltung und der Begegnung von Männern und Frauen wandte.“

Natürlich kann niemand von uns wissen, was der saudische Kronprinz insgesamt vorhat. Bassam Tibi schreibt in der Basler Zeitung: „M.B.S. ist die internationale Abkürzung für den neuen, energetischen, auf orientalische Art und Weise an die Macht gekommenen Kronprinzen Muhammad bin Salman. Seit seinem Aufstieg zum Kronprinzen – durch Ablösung des bisherigen Thronfolgers Mohammed ibn Naif – ist eine bemerkenswerte Bewegung nicht nur in Saudiarabien zu verzeichnen, sondern in den ganzen Nahen Osten gekommen.“

Der Islamexperte legt dar, dass die deutschen Medien die Aktionen von M.B.S. als brutalen Machtkampf darstellen, während sie kein schlechtes Wort über den Iran verlieren. Dann verweist er auf die ganz andere Sicht in den USA, wo Thomas L. Friedman in der New York Times von seinem langen Besuch beim jungen Thronanwärter berichtet. Der 32-Jährige agiert auf der Grundlage von zweijährigen Ermittlungen zur Korruption in seinem Land, die sein Vater, der König, durchführen ließ und die mit 200 Namen schloss:

„Our country has suffered a lot from corruption from the 1980s until today. The calculation of our experts is that roughly 10 percent of all government spending was siphoned off by corruption each year, from the top levels to the bottom. Over the years the government launched more than one ‘war on corruption’ and they all failed. Why? Because they all started from the bottom up.“

Vor der Alleinherrschaft
Saudi-Arabien: Was Muhamad bin Salman vorhaben könnte
Zehn Prozent aller Staatsausgaben, fanden die Ermittler heraus, hat die institutionalisierte Korruption jedes Jahr seit den 1980ern gefressen. Aber alle Maßnahmen gegen sie blieben erfolglos, weil sie unten ansetzten. Deshalb setzte M.B.S. oben an und er kann vermelden, dass fast alle der Oberen mit den detaillierten Ergebnissen konfrontierten, zur Kooperation, Rückzahlung und Einordnung in die neue Politik einwilligten. Friedman sagt, wenn M.B.S. seine Ziele erreicht, wird das nicht nur die weniger fundamentalistischen Zeiten vor 1980 zurückbringen, sondern in die ganze arabische Welt ausstrahlen. Sicher sei da gar nichts, aber wünschen müsse man eine solche Entwicklung.

Tibi erklärt in seinem tiefschürfenden Beitrag, warum er den saudischen Wahabismus dem iranischen Islamismus grundsätzlich für unterlegen hält. Gerade deshalb sieht Tibi in den Öffnungsversuchen des Kronprinzen den Versuch, Saudi-Arabien in diesem wenig aussichtsreichen Machtkampf zwischen Teheran und Riad eine Zukunft zu sichern. Für möglich hält er auch wegen der Global Player im Mittleren und Nahen Osten jede Überraschung. Am Ende, kann ich mir vorstellen, endet der Machtkampf in dieser Region mit dem Untergang beider autoritärer Systeme – in Teheran und in Riad. Damit nun wieder wäre ich am meisten zufrieden.

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Nunja, der Fisch fäng am Kopf an zu stinken.. Das sehen wir ja gerade wie der bei uns (Autidiätenerhöhung; aber nicht bei HartzIV) Die Paarung Schattenwirtschaft / Kleptokratie ist ja nicht nur im Nahen Osten elementarer Bestandteil der Gesellschaften. Zu erwarten, dass das eine Hinwendung zum Rechtsstaat sei, halte ich für gewagt. In erster Linie sind die Ermittlungen ein super Werkzeug sich die bisherigen „Macher“ im traditionellen Sinn, gefügig zu machen. Das Ergebnis ist dann ein putineskes System, welches sich nur durch neue Repressalien erhalten kann. Der Alltag mag „lockerer“ erscheinen; in der Kürze der Wirksamkeit dieses Hebels kann man… Mehr

Von seinen Grundprinzipien ist der Islam nicht reformierbar. Alle Moslems die es bisher in der Geschichte versucht hatten wurden umgebracht oder „Bekehrt“.

Noch nie ist es der, natürlich größten Teils friedlichen Mehrheit der Moslems gelingen sich der gewalttätigen Minderheit zu wiedersetzen.
Der Islam wird deshalb irgendwann ein unrühmliches Ende finden, den es gibt immer einen der stärker, brutaler, schneller ist als hier die Rechtgläubigen Irren.

Wer dieser beiden Fanatiker Regime richtet eigentlich in Deutschland mehr Unheil an? Wie viel Öl-Millionen fließen denn nach Deutschland um den Islam hier auszubreiten? Oder bleibt Erdowahn die Nummer 1?

Die Richtung, die M.B.S. einschlägt, stimmt. Die islamische Welt war dereinst deutlich offener und weit weniger theokratisch als heute. Sollte es Saudi Arabien als Zentrum des sunnitischen Islams schaffen, hier zum Vorreiter zu werden, könnte dies durchaus etwas freibrechen. Zuerst würde man sich die Unterstützung des Westens sichern und damit nicht zuletzt die eigene Zukunft, denn das Konfliktpotential im Nahen Osten verteilt sich ja nicht nur auf Israel und seine Nachbarn, sondern insbesondere auch auf den Disput zwischen Sunniten und Schiiten. Sollten das Öl zudem in der Tat zu neige gehen, ist die von M.B.S. angestrebte Umstrukturierung bzw. Modernisierung der… Mehr

„..kann ich mir vorstellen, endet der Machtkampf in dieser Region mit dem Untergang beider autoritärer Systeme…“
Das kann man sich vorstellen, doch angesichts der Ergebnisse des von den westlichen Medien bejubelten „arabischen Frühlings“ mag ich mir das nicht wünschen. Die islamische Welt ist im Moment nur durch autokratische Systeme zu führen, alles andere führt, wie wirimmer wieder gesehen haben ins Chaos, mit verheerenden Folgen für die betroffene Bevölkerung!

Autoritäre Systeme werden in islamischen Gesellschaften höchstens durch tribalistische Systeme abgelöst, in denen gewalttätiges Chaos herrscht.

Das Problem ist die ideologische Fundierung des Islam, die zur Hirnwäsche all derer führt, die ihm von Geburt an ausgesetzt sind.

Saudi Arabien mag aufgrund seines als „Monarchie“ verpackten puren Tribalismus machtpolitisch gegenüber dem Iran unterlegen sein. Die eigentliche Polarisierung allerdings ist die zwischen Sunniten und Shiiten, die zumindest von Seiten der Shiiten apokalyptische Züge hat.

Die Sunniten wissen, was ihnen blüht, wenn der Iran als formalisiertes Machtzentrum der Shiiten über Atomwaffen verfügt.

Und der IS besteht aus Sunniten. Wie im Europa des 17. Jahrhunderts, geben sich beide Strömungen der selben Religion nix, wenn es um Rückwärtsgewandtheit geht.

Der Unterschied ist nur, dass man in Europa in das 17. Jahrhundert zurückschauen muss, während man im Nahen Osten das immer und überall sehen kann.

Wenn einem als einzigem Fluchtort vor iranischen Raketen die Wüste bleibt, sollte man sorgfältig darüber nachdenken, ob sich der „Machtkampf“ mit dem Iran auszahlt. Wer sich darauf verlässt, das einen die amerikanischen Patriots wirksam schützen, kann ganz schnell mit Zitronen handeln. Größenwahn war noch nie ein guter Ratgeber.

Das kommt darauf an, ob S.A. selbst oder durch Verbündete ebenfalls eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber dem Iran aufbauen kann.

Ihnen ist klar, dass „uns“ noch nicht einmal eine Wüste zur Flucht vor iranischen Raketen zur Verfügung stände. Was sollten wir für Konsequenzen daraus ziehen?

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