#allesdichtmachen-Initiator Brüggemann und Boris Palmer als Unpersonen

Der Regisseur Dietrich Brüggemann empfand sich stets als der klassischen Linken zugehörig – dennoch oder vielleicht gerade deswegen kritisiert er den Lockdown scharf, sagt er. Gerade als Linker, der an seinen Idealen festhalte.

IMAGO / Eibner

Dietrich Brüggemann gibt nur noch ausgewählten Medien Interviews. Die Welle des Hasses auf die Aktion #Allesdichtmachen, die er mit initiierte, scheint ihn geschockt zu haben. „Ich war selber immer Links“, erklärt der Regisseur im Interview mit dem Journalisten Marcel Malachowski von der Seite buchkomplizen.

Brüggemanns letztes Stück trägt dem Rechnung: Der 2021 ausgestrahlte „Tatort: Das ist unser Haus“ widmet sich den Themen Rassismus, Arm/Reich-Segregation und Vorurteilen. Eigentlich ziemlich „Woke“. Doch das half ihm offenbar nicht angesichts des Sturm, der gegen ihn losbrach. „Ich war am Anfang wirklich sprachlos, was über uns hereinbrach. Aber ich schaue mir das seit Jahren an und bin sprachlos.“ Die Linke sei immer „diktatorischer und autoritärer“ geworden.

Das offenbarte sich erst jüngst wieder, dieses Mal gegen Paul Brandenburg, der oft als einer der „Hintermänner“ der Schauspieler-Aktion bezeichnet wird. Eine Mitarbeiterin der SPD-Bundestagsfraktion hat durch einen Brief darauf hingewirkt, dass der Teststation von Brandenburg durch den Vermieter gekündigt wurde. In diesem Schreiben führt sie aus: „Ich und sicherlich auch die anderen Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses möchten nicht mit einem Demokratiegefährder unter einem Dach leben.“ Brandenburg entgegnete in einem offenen Brief an die SPD-Bundestagsfraktion: „Wahrheitswidrig und ohne Beleg verbreitet Frau Weyand die Behauptung, ich sei ‚Antidemokrat‘ und ‚Demokratiefeind‘. Diese Anschuldigung stützt sie auf einen kürzlich erschienenen Artikel des Tagesspiegels, dessen Falschbehauptungen und Unterstellungen sie sich ungeprüft zu eigen macht. Frau Weyand verbindet ihre Aufforderung an meinen Vermieter mit der Drohung, die übrigen Mieter des Hauses in der Husemannstraße aufwiegeln zu wollen. Unter diesem Druck kündigte der Vermieter mir heute.“ 

Regisseur Dietrich Brüggemann steht trotzdem weiter zu seiner Aktion: Vielleicht nicht trotz, sondern gerade wegen solcher überbordenden Reaktionen seiner Gegner, die er auf Twitter als „irgendwie ein bißchen faschistoid“ bezeichnete. „Der Groschen fällt langsam, und die eigentliche Botschaft der Filme sickert erst allmählich ein: Gutsituierte, gutaussehende, medial bekannte Testimonials verkaufen dem Volk den Lockdown als etwas Nettes und Harmloses.“ Und weiter: „Die Leute machen am Ende trotzdem mehr oder weniger, was sie wollen. Und das Virus macht auch, was es will. Politiker sollten hier ihre Machtlosigkeit bekennen, und dann könnten wir als Gesellschaft gemeinsam über einen fundamental anderen Ansatz nachdenken.“ Der Ansatz „Ich, die Regierung, sage Dir, dem Volk, was Du zu tun hast“, sei nach einem Jahr Pandemie nicht mehr angemessen, meint Brüggemann.

Jan Josef Liefers, Heike Makatsch & Co.
"Alles dicht machen!": Schauspieler proben satirischen Aufstand gegen die Corona-Politik
Ob er sich dadurch nicht zum „Partner“ der „Querdenker“ mache, wird er gefragt. „Ich kann Ihnen nicht sagen, warum die „Querdenker“ irgendwas machen oder nicht machen“, antwortet er. „Ich weiß leider nicht, wer das ist. Und mir ist auch nicht klar, warum ich immer über diesen unklaren Kampfbegriff reden muss (…) Der Tunnelblick, mit dem fast die gesamte Medienwelt aus ihrer privilegierten Position den immer härteren Lockdown fordert und diese Seite komplett ausblendet, erscheint mir als das viel größere Problem.“ Da bringe auch die Dämonisierung des Gegners nichts: Laut repräsentativen Umfragen fänden 30% der Deutschen die Aktion gut bis sehr gut. „Wenn das wirklich 25 Millionen Neonazis sind, dann kann man nur noch auswandern.“

An diesem Wochenende können Brüggemann und die an der #allesdichtmachen-Aktion beteiligten Künstler wohl wieder etwas Ausspannen – der Staffelstab der Empörung ging über Jens Lehmann und Dennis Aogo nun direkt an Boris Palmer weiter, aufgrund dessen gestrigen Äußerungen in Social Media der Landesparteitag der Grünen in Baden-Württemberg nun ein Parteiausschlussverfahren beschlossen hat.

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Kommentare ( 70 )

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A. Loeffler
5 Monate her

ÖR-Medienschaffende wie dieser Hr. Brüggemann sind dafür verantwortlich, dass der Tatort seit Jahren ungenießbar ist. Selber „immer links gewesen“ und „woke“ Tatorte drehen, damit macht er aus jedem Vorurteil gegen die ARD ein Faktum. Dass so jemanden nun der cancel-Hass trifft, ist schon interessant.

Petra Horn
5 Monate her
Antworten an  A. Loeffler

Die Revolution frißt ihre Kinder.
Unaufhaltsame Selbstradikalisierung bis das letzte Verstandesfünkchen ausgebrannt ist.

dobbi
5 Monate her

Hat Palmer sein Buch schon fertig? Oder entsteht das letzte Kapitel grad in Echtzeit?;;)
Ich würds gerne lesen…
Genug von Hebeln versteht er ja, um der Empörungsmechanik der versnobten Hipstersekte in Olivcamouflage ordentlich Schwung zu geben.
„Generation Beleidigt“ ist m.E. zu sanft: Es entwuchert dem www eine weltweite Lynchmobkultur, die längst ihre Gedankenblasen verlassen hat, um narzisstischen Hass und rohe Gewalt in blutige Taten umzusetzen.
Hüpfen bei Palmer (auch) schon die ersten Verkleideten aus pädagogischen Gründen vor seinem Haus?

Last edited 5 Monate her by dobbi
Felix-Schmidt
5 Monate her

Klasse! Entnazifizierung endlich auch bei den Grünen! Mit Palmer wird der letzte Grüne mit Verstand zum Teufel gejagt.

Fred Katz
5 Monate her

Brüggemann ist doch gar nicht der Initiator! Das hat er immer wieder betont! Den Initiator kennt keiner!

LadyGrilka55
5 Monate her
Antworten an  Fred Katz

Ist doch auch egal, wer der Initiator war. Wichtig ist nur, dass Herr Brüggemann zu den viel zu wenigen Leuten gehört, die zu ihrer Überzeugung stehen und nicht für jeden dämlichen Shitstorm umfallen.

Last edited 5 Monate her by LadyGrilka55
Petra Horn
5 Monate her
Antworten an  LadyGrilka55

Nun hat sich die moraline Hysterisierung, für die er selbst am Fundament gearbeitet hat, gegen ihn gewandt.
Mit Eiferern kann man nie mithalten, es treten immer neuere noch radikalere auf.

Dorothee
5 Monate her

… auch ich – und viele andere hier im Forum – waren mal „links“. Ich empfinde es als ein Zeichen von wirklicher Dummheit, Verbohrtheit, Verstrahltheit, kognitiver Dissonanz usf., wenn man das gesamte Scheitern der Linken/Grünen in wirklich allen, ALLEN Punkten zwar klar analysiert, aber es nicht schafft, sich aus den pc-korrekten Hirngespinsten der Jugendtage zu lösen und zu sagen: „Ich bin intellektuell gereift. Ich bin erfahren. Ich beobachte seit Jahrzehnten sehr aufmerksam, was läuft. Ich bin daher kein Linker mehr. Ich folge dieser kranken Ideologie nicht mehr“.

Regina Lange
5 Monate her
Antworten an  Dorothee

Wohl wahr! Auch ich habe mich als junger Mensch diesen Irrungen hingegeben. Als die Grünen das erste Mal in den Bundestag kamen, taten sie das auch mit meiner Stimme (Asche auf mein Haupt). Mit dem Alter kam der Verstand und man mußte sich mit den Realitäten des Lebens auseinandersetzen. Man blickt einfach durch und lässt sich nicht mehr so leicht blenden. Der Realismus kriegt die Oberhand und das ist gut so. Klappt halt nicht bei jedem!

LadyGrilka55
5 Monate her
Antworten an  Regina Lange

Wenn wir schon beim Outen sind: Auch ich war mal links. Aber es ist m.E. diesbezüglich sehr viel dran an Churchills Ausspruch: „Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch Sozialist ist, hat kein Hirn.“ In der Zeit zwischen Mitte der 80er- und Mitte der 90er-Jahre (also in den 10 Jahren rund um meinen 40. Geburtstag) begannen mir die politisch-korrekten Moralisierer zunehmend auf die Nerven zu gehen. Dazu kamen erste unangenehme Erlebnisse mit muslimischen Neubürgern, deren Herrenmenschengebaren und Respektlosigkeit mir ebensosehr auf den Wecker gingen. Beides zusammen hat wohl meine nachhaltige Abkehr von den… Mehr

Last edited 5 Monate her by LadyGrilka55
w.k.
5 Monate her

Hoffentlich, Brüggemanns Erfahrung ausreicht, um nicht mehr linker zu sein.

bfwied
5 Monate her

Wo hat er denn seine Augen gehabt, dass er sich immer als links verstanden hat? Ich selbst bin schon vor über 30 Jahren aus der SPD ausgetreten, nachdem ich recht jung eingetreten war, als immer mehr Leute sich meldeten, die keine Ahnung von irgendwas hatten, aber sehr wissend auftraten. Schon vor 35 Jahren konnte man die Entwicklung sehen. Das Gutmenschentum, das dauernde Helfen-wollen, die Schuldübernahme für etwas, das nie stattgefunden hatte, die Schuldübernahme z. B. für das Misslingen der Entwicklung in Namibia, die Forderungen für den Zugang zu akademischen Studiengängen ohne Leistungsnachweise – jeder soll studieren dürfen -, das ständige… Mehr

Frankpx
5 Monate her
Antworten an  bfwied

Perfekt, sehr gut kommentiert!

prague
5 Monate her

Spätestens jetzt, wird niemand sagen können “ Wir wussten von NICHTS“.

Michael Mueller nicht Berlins OB
5 Monate her

Das ist erst der Anfang, die Gutmenschen werden sich immer weiter selbst zerfleischen, auch in Fragen der Eurorettung, Klimareligion, sowie „Flüchtlings“-politik. Leztere wird zu einer Atomisierung und Tribalisierung der Gesellschaft führen, womit auch Linke nicht einverstanden sein werden. Man könnte Mitleid mit Brüggemann haben, hält sich bei mir aber in Grenzen.

Oliver Koenig
5 Monate her

Die Grünen sind eifrig dabei, ihr noch etwas konservatives Feigenblatt zu entfernen, dass Wähler, die noch einigermaßen normal denken, halten sollte. Jetzt stehen sie bald nackt da. Gut so.