Dass die Commerzbank mit der Dresdner Bank zu einer Art Sparkasse von Berliner Gnaden schrumpft, ist keine Gottesstrafe, sondern auch Folge unfassbaren Missmanagements, das in der Krise nur jeder Tarnung beraubt wird. Und dass die einstmals stolze Deutsche Bank eben doch indirekt mit Staatsknete gepäppelt werden muss, macht Josef Ackermann zur tragischen Figur, die Richtiges wollte und nur Falsches konnte – das kommt davon, wenn man mit der Wahrheit umgeht wie der Metzger mit feinster Salami: nur hauchdünne Scheiben von der dicken Schuldenwurst absäbelt und jedes Quartal ein paar mehr Milliardärchen zugeben muss, in treuherzig gespielter Unschuld und garniert mit viel Schönrednerei. Da schmilzt die Glaubwürdigkeit, das eigentliche Kernkapital des Bankiers.

VON Roland Tichy | Sa, 17. Januar 2009

Nein, es war alles kein schlechter Traum. Hinterm Weihnachtsbaum und Kerzenschein taucht nun das Gesicht der Krise wieder auf. Nichts mehr mit Durchatmen und der Illusion, dass alles nicht so schlimm kommen möge. Politik und Unternehmen können nichts auf die lange Bank schieben. Jetzt ist die Stunde der Krisenmanager, jetzt wird sich zeigen, wer Mut, Weitblick, Entscheidungs- und Führungsfähigkeit hat.

VON Roland Tichy | Sa, 3. Januar 2009

Das Jahr 2008 wird als das Jahr der vielen Nullen in die Geschichte eingehen: Mit 200 Milliarden Dollar für die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac hat die Finanzkrise angefangen, teuer zu werden; für 480 Milliarden Euro hat die Bundesregierung den Bankenschirm aufgespannt; 1,4 Billionen an Bankgarantien wurden dann in New York fällig – ob Dollar oder Euro spielt bei so viel Nullen keine Rolle; in Brüssel flossen 200 Milliarden in ein europäisches Konjunkturprogramm, wobei schon jetzt klar ist: Das war nur die erste Rate.

VON Roland Tichy | Fr, 19. Dezember 2008

Die globale Ökonomie kommt mir zurzeit vor wie ein gigantischer Luftballon, aus dem die Luft entweicht – pffffffffffffftt.

Schrumpelig wird die Welt, und sie schrumpft. Besonders schnell verfällt ein an sich kleines Land, nämlich Deutschland – schon allein deshalb, weil es sich zunächst selbst aufgebläht hat, indem es fast die Hälfte seiner Produkte exportiert. Jetzt also – pfffffffffffft – fährt unser Wohlstand dahin, weil die weltweite Nachfrage nach Maschinen und Autos verfällt.

VON Roland Tichy | Sa, 13. Dezember 2008

Ein Opel fährt vor, aus dem die Herren von Daimler und BMW klettern und artig um Schirme bitten wie Cabriofahrer im Schneesturm. Schon fordern die energieintensiven Branchen der Chemie-, Metall-, Stahl-, Glas-, Baustoff- und Papierindustrie Schutzschirme gegen Milliardenbelastungen der europäischen Umweltpolitik. Noch jemand ohne? Anstellen zur Schirmausgabe vor dem Kanzleramt, nicht drängeln! Kaum je war der Staat so mächtig, die Bundeskanzlerin als Schirmherrin so umworben, die Wirtschaft so kleinlaut. Marktwirtschaft war gestern.

VON Roland Tichy | Sa, 6. Dezember 2008

Geiz ist ja schon eine ganze Weile geil in Deutschland; jetzt droht die Geizgeilheit zum Dauerzustand zu werden. Alles wird heute billiger und morgen noch billiger. Was Marketingstrategen bisher in immer neue Werbeslogans fassen mussten, geht jetzt fast automatisch, quasi naturgesetzlich vonstatten: Alles muss raus, alles wird billiger. Deflation nennen Ökonomen so einen Preisverfall quer durch den Warenkorb.

VON Roland Tichy | Sa, 29. November 2008

Kanzlerin und Finanzminister konnten sich gegenseitig auf die Schultern klopfen und hintenrum um die besten Startplätze für den nächsten Bundestagswahlkampf rangeln.

Ausgeträumt! Heute steht Deutschland in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Für die, die es nicht mehr wissen: Auch die Titanic ist nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg noch eine ganze Weile weitergeschwommen. Und die Bordkapelle hat fröhlich weitergespielt, bis zum Untergang. Vorgespielte gute Laune mag Panik verhindern, aber sie kann den Untergang nicht verhindern.

VON Roland Tichy | Sa, 22. November 2008

Wenn zwei sich einigen, freut sich der Dritte: Der Staat ist eigentlicher Gewinner der laufenden Tarifrunde, in der jetzt die Metaller mit 4,2 Prozent die Latte für alle Industriezweige ziemlich hoch gelegt haben. Finanzamt und Sozialkassen kassieren von rund 1900 Euro Lohnerhöhung je nach Steuerklasse für einen gut verdienenden Facharbeiter zwischen 800 und 1000 Euro im Jahr ab.

VON Roland Tichy | Sa, 15. November 2008

Wir kriegen verbilligte Styroporplatten für die Hausmauer und die Amerikaner Barack Obama. Unterschiedlicher könnte Politik nicht sein: hierzulande ein mickriges Konjunkturprogrämmlein, dessen visionärster Bestandteil, die Subventionierung Strom sparender Kühlschränke, dann doch nicht verwirklicht wird. Drüben wird schon die Wahl eines neuen, jugendlich wirkenden Präsidenten als historisches Ereignis empfunden – inklusive seines Programms, das aus vier Buchstaben besteht, die allerdings eine riesenhafte Bedeutung ergeben: „Hope“ – Hoffnung, der Traum vom besseren Morgen. Die Amerikaner glauben an die Rettung der Welt durch Autosuggestion, die Deutschen durch Pfandflaschen.

VON Roland Tichy | Sa, 8. November 2008

Passanten auf der Straße diskutieren, ob eine holländische Direktbank genauso gefährlich ist wie die Zinsschnäppchenklitsche aus Island, deren Namen wir vor sechs Monaten zum ersten Mal gelesen haben: Die Folgen der Finanzkrise sind in der Wirklichkeit angekommen. Moderne Krisen haben eine lange Vorlaufzeit. Sie sind sinnlich unverstehbar, man kann sie nicht anfassen. Die Klimaerwärmung ist auch unverstehbar, daher die gewagt konstruierten Bilder von Eisbären auf schmelzendem Eis.

VON Roland Tichy | Sa, 1. November 2008

Gerade haben die Staaten die Banken vor dem Bankrott gerettet, da geht das Wort vom Staatsbankrott um. Island, naja, winzig, Pakistan klingt schon bedrohlicher, Ungarn sehr nah, und Russland gilt als echte Gefahr. Deutschland hat die größten und bittersten Erfahrungen damit, wie es ist, wenn die Staatsschulden die Fähigkeit übersteigen, diese noch zu tilgen oder die Zinsen zu bezahlen. 1923 war das Reich wegen Kriegsschulden und Reparationen bankrott und radierte mit seinen Schulden auch die gesamte Ersparnis seiner Bürger mittels einer Hyperinflation aus.

VON Roland Tichy | Sa, 25. Oktober 2008

Es war die Bundeskanzlerin, die nach anfänglichem Zögern beherzt weiteren Schaden abgewendet hat. Das Versagen der Finanzindustrie aber hat die gesamte Wirtschaft blamiert und Deutschland in der ewigen Auseinandersetzung zwischen Staat und Wirtschaft, zwischen Freiheit und Bevormundung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Reformen, Neoliberalismus, freie Märkte, Privatisierung – das sind keine realistischen Konzepte mehr, sondern Schimpfworte. Im Wahlkampf, der längst begonnen hat, werden die Argumente der Wirtschaft in Hohngelächter untergehen. Es ist ja auch kaum zu verstehen, warum der Bundeshaushalt erst über schmerzhafte Einschnitte im Sozialbereich mühsam saniert werden muss – und dann die 100 Milliarden ratzfatz ausgegeben werden.

VON Roland Tichy | Fr, 17. Oktober 2008

Das Milliarden-Loch für unsere Steuergelder trat bei der Hypo-Tochter Depfa auf – aber weil die in Irland residiert, haben die Aufseher der Bonner Blindenanstalt schon gleich gar nichts ahnen dürfen, sagt das Bundesfinanzministerium, während die BaFin behauptet, das Ministerium ständig vor der sich zuspitzenden Liquiditätskrise gewarnt und die Hypo verwarnt zu haben.

VON Roland Tichy | Fr, 10. Oktober 2008

1. Die Weltwirtschaftskrise wiederholt sich nicht. Anders als in den berüchtigten Zwanzigerjahren pumpen die Zentralbanken Geld ohne Begrenzung in die Wirtschaft. Damit wird erfolgreich verhindert, dass die Finanzierung immer weiterer Unternehmen zusammenbricht. In Deutschland herrscht besondere Angst, weil hier die Weltwirtschaftskrise letztlich mit zu Hitlers Machtergreifung und in den Krieg führte. Aber damals litt Deutschland unter den Folgen des Ersten Weltkriegs und der Reparationsleistungen. Heute ist Deutschland ein starkes Wirtschaftsland und kann damit fertig werden.

VON Roland Tichy | Sa, 4. Oktober 2008

Versetzen Sie sich mal ein Jahr zurück: Nehmen wir an, Sie hätten damals Ihrem Bankberater folgendes vorgeschlagen: „Verkaufen Sie alle Zertifikate, weil die Bank pleite geht, die dahinter steckt. Beschaffen Sie mir dafür Goldmünzen, aber die lege ich nicht in Ihr Schließfach, da komme ich vielleicht auch nicht mehr dran, sondern vergrabe die zu Hause im Keller. Ach ja, und überweisen Sie jeweils ein Drittel meines Kontoguthabens an Bank B und ein weiteres Drittel an Bank C, ein Drittel bleibt bei Euch. Eine von Euch Banken wird schon durchkommen.“

VON Roland Tichy | Di, 30. September 2008

Eigentlich müssen wir der Staatsbank KfW dankbar sein. Sie hat zwar unser öffentliches Vermögen um 320 Millionen Euro dadurch geschmälert, dass ihre Vorstände im Wochenende weilten und Montag frühmorgens vor Dienstantritt automatisch Geld an die Pleite-Lehman-Bank überwiesen wurde. Überzeugender kann der Beweis nicht geführt werden, dass zwar private Banken skandalös versagt haben – aber staatliche Banken nicht die Alternative sind.

VON Roland Tichy | Sa, 27. September 2008

Viele haben das Problem der Folgen einer Finanzkrise immer wieder verharmlost; so Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der dreimal Entspannung vorhersagte. Die Krise hat sich aber von Monat zu Monat verschlimmert. Droht jetzt sogar eine Weltwirtschaftskrise?

VON Roland Tichy | Sa, 20. September 2008

Er war der Star der Deutschen und ihrer Medien im Sommer: Barack Obama. Der in Hawaii geborene Sohn eines farbigen Kenianers und einer Weißen steht für die moderne Weltgesellschaft. Seine Biografie hat er zum Programm gemacht. Wie nie zuvor wurde Privates zur politischen Botschaft.

VON Roland Tichy | Sa, 13. September 2008

Eigentlich hat die große Koalition nur ein einziges Problem ausgeklammert: Ob Kernkraftwerke nun doch länger laufen dürfen, als im Ausstiegsbeschluss festgelegt – darüber sind SPD und Union so zerstritten, dass sie diese Frage in dieser Legislaturperiode nicht mehr anpacken wollen.

VON Roland Tichy | Sa, 6. September 2008

Vielleicht lesen Sie bald folgenden Warnhinweis in großen, fetten Buchstaben: „Was Ihnen Ihre Bank gerade empfiehlt, kann Sie, Ihr Unternehmen und sogar die Volkswirtschaft ruinieren. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie aber keinesfalls Ihre Bank, die hat nämlich keine Ahnung.“ Eine Art Beipackzettel wie bei Kopfschmerztabletten, der künftig Bankkunden und Unternehmen vor den neuesten Errungenschaften der Banken warnen soll – das fordern die Chefs der Großbanken Goldman Sachs Lehman Brothers, JP Morgan Chase, BNP Paribas, Bank of America, Merrill Lynch in einem Memorandum an US-Finanzminister Hank Paulson.

VON Roland Tichy | Sa, 30. August 2008