Hamburg: Nord-Stream-Prozess stößt auf internationales Interesse

Der Gerichtsprozess um den angeklagten Ukrainer Serhij Kusnetzow zur Tatbeteiligung an der Sprengung von den Nord-Stream-Pipelines hat begonnen. Wie das Wall Street Journal und der Journalist Bojan Pancevski enthüllten, könnte die Tat durch ehemalige ukrainische Militärs ausgeführt worden sein.

picture alliance/dpa/dpa-Pool | Markus Scholz
Der Angeklagte Serhij Kusnetzow zwischen seinen Anwälten

Der Gerichtssaal beim Prozess vor dem Strafschutzsenat am Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg war voll. Außerordentlich hoch war auch das Interesse der internationalen Medien an der Eröffnung des Prozesses gegen Serhin Kusnetzow in Hamburg. Der Ukrainer ist angeklagt, Kopf jener Gruppe gewesen zu sein, die für die Sprengung der drei Nord-Stream-Pipelines tief unten am Grund der Ostsee verantwortlich gewesen ist.

Sprengung im September 2022
Nord-Stream: Bundesanwaltschaft erhebt Anklage
Laut Bundesanwaltschaft habe der ehemalige Angehörige ukrainischer Spezialkräfte am 8. September 2022 mit sechs Mittätern auf Rügen die Segelyacht „Andromeda“ für mehrere Wochen übernommen und dann Sprengsätze an den Pipelines befestigt. Die mit Gas unter hohem Druck befüllten Leitungen hat es dann zerrissen, gewaltige Gasmengen blubberten an die Oberfläche und sorgten für Bilder, die sich zuerst kaum jemand richtig erklären konnte. Von den insgesamt vier Leitungen wurden drei aufgerissen und zerstört, eine blieb vermutlich aufgrund eines Fehlers des Tauchteams intakt.

Lange Zeit schien es, als könne eine wesentliche Infrastruktur eines Landes im Wert von 17 Milliarden Euro angegriffen und zum großen Teil zerstört werden und kaum jemanden interessiert es. Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass in der Ostsee die Nord-Stream-Pipelines gesprengt wurden. Durch die floss preiswertes Gas aus Sibirien nach Deutschland, ein wesentlicher Baustein für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands. Von der Bundesregierung kam nichts, stattdessen flossen bald rund 100 Milliarden Euro in die Ukraine.

Anfrage an Bundesregierung
Bundesregierung erscheint uninteressiert an Nord-Stream-Aufklärung
Nun sind sie halt weg, so das Motto der erstaunlich schallgedämpften Reaktionen des politischen Berlins auf die seinerzeitigen spektakulären Enthüllungen des Wall Street Journals (WSJ) über die Hintergründe der Zerstörung der Pipelines. Hier handelt es sich immerhin um den größten Sabotageakt auf kritische Infrastruktur Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Früher wäre das ein Kriegsgrund gewesen.

Weltweit haben sowohl Sprengung als auch Aufdeckungen für Aufsehen gesorgt. Die ukrainische Regierung hat den Bericht schnell empört zurückgewiesen. Offizielle Vertreter bezeichneten die Anschuldigungen als absolute Provokation und Unsinn. Dagegen haben in Polen Regierungschef Tusk und Präsident Duda deutsche Kritik an angeblich unzureichender Ermittlungshilfe Polens zurückgewiesen. Tusk schrieb auf X – dem früheren Twitter: »An alle Initiatoren und Förderer von Nordstream eins und zwei: Das Einzige, was Sie heute tun sollten, ist sich zu entschuldigen und zu schweigen.« Polen hatte die Erdgaspipelines durch die Ostsee stets bekämpft. Russisches Gas wurde so außerhalb des polnischen Einflussbereiches vorbeigeleitet, Transitgebühren konnten so nicht kassiert werden.

Dänemark und Schweden haben die Ermittlungen in Sachen Sprengung der Pipelines indessen eingestellt. Deutsche Ermittler hatten nach Einschätzung des WSJ gründliche Arbeit geleistet, Dutzende potenzieller Zeugen befragt, den Meeresboden in der Nähe der Explosionsorte untersucht und riesige Datenmengen gesichtet, darunter digitale Kommunikation, Reiseunterlagen und Finanztransaktionen.

»Sie hatten einen Glücksfall«, so das WSJ. Denn bei der überstürzten Abreise aus Deutschland hatte die Sabotagetruppe es nicht mehr geschafft, die Yacht Andromeda zu reinigen und zu waschen. »Deutsche Kriminalbeamte konnten so Sprengstoffspuren, Fingerabdrücke und DNA-Proben der Besatzung finden«, wie das WSJ ausführt. Auch die gesamte Reiseroute des Bootes, das in Deutschland, Dänemark, Schweden und Polen anlegte, hatten die Ermittler rekonstruieren können. Von denen bekamen sie die E-Mails des ukrainischen Geschäftsmannes, der das Boot gemietet hatte. Denn US-Behörden hatten eine gerichtliche Anordnung beantragt, damit Google die Mails herausrückt. Dieser ukrainische Geschäftsmann hatte ab Mitte Mai 2022 eine Reihe von Bootsvermietern in Schweden und Deutschland kontaktiert.

Die Generalbundesanwaltschaft hatte bereits im Juni 2023 einen internationalen Haftbefehl gegen den ukrainischen Taucher Wolodymyr Z. erwirkt, der bei Warschau wohnen soll. Doch der tauchte unter und reiste vermutlich unbehelligt von Polen in die Ukraine. Die polnischen Behörden haben nicht reagiert; sie wiesen auf einen angeblichen formalen Fehler hin, nachdem die deutschen Behörden einen entsprechenden Eintrag in das Schengenregister versäumt hätten.

Serhin K. verweigert die Aussage. Denn, so die einfache Logik der Verteidiger: Der Angeklagte sei ehemaliger Angehöriger der ukrainische Streitkräfte und habe Rechte und Pflichten. Die Pflicht betrifft die Aussagengenehmigung. Seine beiden unmittelbaren Vorgesetzten hätten ihm keine Genehmigung zu einer Aussage erteilt weder gegenüber dem Gericht noch gegenüber seinen Verteidigern. Und da er sich nicht äußern kann, könne er sich nicht verteidigen, und wer sich nicht verteidigen könne, könne in einem Rechtsstaat auch nicht verurteilt werden. Würde er gegen die Pflicht verstoßen, drohten ihm in der Ukraine signifikante Strafen.

Allerdings: Wer die Aussage verweigert, kann nach deutschem Strafrecht dennoch verurteilt werden, wenn die Indizien klar sind, so ein Rechtsanwalt gegenüber TE. Diese Verteidigung allerdings ist politisch sehr riskant. Denn es könnte sich der Verdacht erhärten, daß er in staatlichem Auftrag unterwegs war. Das hätte wiederum für Deutschland einen unbezifferbar großen Schaden verursacht. Dabei überweist Deutschland weiterhin Milliardenbeträge nach Kiew, wobei noch nicht einmal klar ist, wohin diese genau fließen. Politisch dürfte dann einiges platzen. Berlin könnte dann nicht länger mit einem Mantel des Schweigens diesen ungeheuerlichen Angriff zukleistern, der gigantische Schäden in der Energieversorgung hervorgerufen hat.

Den vollständigen Fall hat der Wall Street Journal Korrespondent Bojan Pancevski dargestellt, über das wir mehrfach berichtet haben. Sein spannendes Buch können Sie im TE Buchshop erwerben:

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Andromeda: Die Spur der Nord-Stream-Saboteure – TE-Wecker am 12. Juli 2026

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