Marco Rubios Rede auf der Athener Pnyx schoss wie ein Lichtfunke in die europäische Schwärze. In der Wiege der Demokratie stritt der Amerikaner leidenschaftlich für die Rückkehr europäischer Werte, für Aufklärung und individuelle Würde. Ein wohltuender Kontrast zum anhaltenden Kampf europäischer Staatschefs gegen die Freiheit der Rede.
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Parrhesia – so lautet das altgriechische Wort für die Freiheit der Rede. Sie war eine kulturgeschichtliche Errungenschaft des blühenden Stadtstaates Athen im fünften vorchristlichen Jahrhundert. Ein Streit mit Worten, bei dem jeder sein Argument öffentlich vorträgt und das Überlegene schließlich obsiegt – ein intellektueller Ringkampf ohne Scheu vor der Gegenrede oder vor Kritik. Parrhesia bedeutete das Aufblühen einer republikanischen Streitkultur, die aus der Würde des Einzelnen die gemeinsame Sache aller Bürger machte: Der republikanische Geist erwacht.
Doch auch sie, die Königsdisziplin der Freisinnigkeit, ist fragil – ähnlich wie die Athener Polis des Perikles, des Kleisthenes und der großen Tragödiendichter. Im zerstörerischen Vernichtungskrieg mit den kulturneidischen Nachbarn erlosch die Kraftzelle des europäischen Geistes. Die Flamme wanderte weiter nach Rom. Was blieb, war das Erbe der freien Rede. Das Feuer unserer Zivilisation.
Doch Friedrich Merz ist beileibe nicht der einzige Antagonist der individuellen Würde und der Redefreiheit. Sein gescheiterter Kollege in Paris dürfte ihm im Kampf gegen die Redefreiheit jederzeit zur Seite stehen. Emmanuel Macron bezeichnete in einer Ansprache Ende September in Madrid das Prinzip des amerikanischen Free Speech als das schiere Gegenteil von Redefreiheit. Freiheit brauche gemeinsame Regeln und müsse die Rechte anderer achten, so Macron. Selbstverständlich sieht sich Emmanuel Macron ganz persönlich als oberster Richter und Wächter über Moral, die Rede, über die Volksmoral und die Redefreiheit – der kleine Zensor von Paris.
Parrhesia?
Hier ist der Geist Lenins der Ideengeber und nicht die reine Seele der attischen Hochkultur. Zensur, das Primat des Parteienstaates oder gar Polizeistaat und Repression sind kulturelle Verfallssymptome. Sie sind alles, aber kein Ausweis innerer Stärke und Kraft. Europa ist zum Sinnbild dieses ästhetischen und ökonomischen Verfalls geworden. Der Kampf politischer Kräfte gegen die Würde des Individuums, gegen die Souveränität einer freisinnigen Bürgerschaft, ist der Kampf unserer Zeit.
Dass der amerikanische Außenminister Marco Rubio den europäischen Freisinnigen zur Seite springen würde, ausgerechnet an jenem heiligsten Ort, der Geburtsstätte der freien Rede einer Bürgerschaft, nämlich auf dem Athener Pnyx-Hügel, wirkt wie ein aufleuchtender Blitz im europäischen Nebel. Rubio war am 7. Oktober im Rahmen eines offiziellen Griechenlandbesuchs nach Athen gekommen, bei dem auch die strategische Partnerschaft zwischen den USA und Griechenland sowie Fragen der Verteidigung, Energie und Migration auf der Agenda standen. Doch seine Rede auf dem Pnyx-Hügel ging weit über die bilateralen Beziehungen hinaus. Sie war ein Appell an den Westen, sich seiner kulturellen Wurzeln und seiner zivilisatorischen Kraft zu besinnen.
Rubio blieb nicht bei der Demokratiegeschichte stehen. Seine Rede zeichnete den Kulturhorizont Europas nach: seine Geschichte, die wertvollen Errungenschaften des europäischen Geistes – von der griechisch-römischen Antike über die abstrakte Rechtsprechung und die Demokratie bis hin zum christlichen Humanismus und zur Aufklärung. Für Rubio ist es die größte Kulturgeschichte der Menschheit.
Dem europäischen Kleingeist dürfte vor allem das von Rubio wiederbelebte Wort des Nationalen übel aufgestoßen sein. Das Wort „Nationalismus“, so Rubio, sei mit der Zeit zum Schimpfwort geworden. Der Westen habe seine Denkmäler niedergerissen, seine eigene Geschichte verurteilt und seinen Kindern beigebracht, sich für ihre Länder zu schämen. Rubio sprach von einer Zivilisation, die ihren Stolz verlor, ihre Industrie auslagerte und immer mehr Souveränität an ferne Bürokratien abgab. Eine treffende, traurige Diagnose – aber längst kein Grund für einen kulturellen Suizid, möchte man hinzufügen.
Das Migrationschaos, das von der amerikanischen Administration immer wieder angesprochen wird, ist so etwas wie der Kulminationspunkt dieser kulturellen Selbstzerfleischung, dieser Entwurzelung. Friedrich Nietzsche brachte sie mit seinem Imperativ „Gott ist tot“ auf den Punkt. Damit verknüpfte sich die Frage, was man an die Stelle dieses großen kulturgeschichtlichen Gestells des europäischen Christentums setzen werde, wenn Ethik und Moral einmal daniederliegen.
Aus Rubios Rede lassen sich wichtige Empfehlungen entnehmen: Eine Rückkehr zum Europa der Vaterländer ist das Gebot der Stunde. Auch eine Abkehr vom Bürokratismus, die Hinwendung zur Marktwirtschaft, zum Individualprinzip und zur Eigenverantwortung – Rubio beschreibt das Rahmenwerk, das den souveränen Bürger ausmacht. Für ihn ist es der allzuständige Staat, der überwunden werden müsse. Ihm schwebt eine Gemeinschaft individueller Souveräne vor, die für Mut, Pflicht und Treue zum eigenen Wort stehen. Das sind für Rubio Tugenden, die an die Stelle des Kollektivismus treten müssen.
Selbstverständlich sollte man einen Punkt nicht außer Acht lassen: Bei allem Symbolismus war Athen – wie alle Gesellschaften dieser Zeit – eine Sklavenhaltergesellschaft, in der auch Frauen von der politischen Partizipation ausgeschlossen waren. Nichtsdestoweniger schmälert das keineswegs den kulturellen Gigantenschritt, den die athenische Polis ihrer Zeit in die Zukunft wagte: das Abenteuer, das eigene Gemeinwesen von einer Tyrannis in eine wenigstens partielle Form gleichberechtigter Bürger zu verwandeln.
Dass sich der Geist des freien Bürgers entwickeln konnte, war die zivilisatorische kambrische Explosion, aus der später das moderne Europa hervorgehen konnte.
Zum Abschluss seiner Rede bat Rubio die Europäer, aus ihrem Schlaf zu erwachen und das Feuer neu zu entfachen, das einst die Griechen entzündeten. Dieses Feuer brenne dort, wo Bürger frei sprechen, einander widersprechen und gemeinsam entscheiden können, was aus ihrem Erbe und der Kultur in ihrer Zukunft werden soll.
Eine beeindruckende, eine bewegende Rede des US-Außenministers. Verbündete in Washington, die sich des gemeinsamen europäisch-amerikanischen Kulturerbes bewusst sind, wären von unschätzbarem Wert. Vielleicht wäre Rubio tatsächlich ein würdiger Verteidiger der westlichen Kultur, seines Humanismus – einer, der das alte europäische Feuer wieder entfachen kann.
Zudem wäre es tragisch mit anzusehen, wenn die schrille islamo-sozialistische Plattform der Demokratischen Partei, angeführt von New Yorks Bürgermeister-Clown Zoran Mamdani, die zarten Pflanzen des amerikanischen Comebacks so brutal aus dem Boden risse, wie es die Kommunisten der SED-Nachfolger in Berlin gerade versuchen.




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