Politikjournalist und Roman-Autor? Wolfgang Herles kann beides. Mit seinem neuesten Roman „Poseidons Zorn“ erzählt er nicht nur eine Geschichte – er hält seiner eigenen Generation den Spiegel vor.
Die Boomer haben einen schlechten Ruf. Sie sind die geburtenstarken Jahrgänge der Wirtschaftswunderzeit. Jetzt wird ihnen vorgeworfen, als „große Abkassierer“ das Land übernommen, die 68er-Revolution der Selbstbefreiung gefeiert zu haben und sie sollen die goldenen 30 Jahre dochgefeiert haben – Sex, Drugs and Rock’n`Roll. Das waren die glorreichen 30 Jahre der Boomer, „Les Trente Glorieuses“ nennen es die Franzosen. Von da an ging es bergab mit Wachstum wie Karriere; es folgte Frühverrentung und Beschimpfung durch die nachfolgende Generation. Die Welt schmilzt zusammen auf ein stattliches Segelboot; aber deutlich unterhalb dessen, was man Yacht nennen würde. Die Boomer hinterlassen allerdings ein Trümmerfeld aus politischem Versagen und Stillstand. Von den Fehlentscheidungen der Ära Kohl bis zum heutigen Agieren eines Friedrich Merz wird deutlich: Dieses System der damaligen Zeit ist am Ende, jetzt fehlen die Mittel – und doch sind ihre Pensionen fett und die Altersversorgung hoch.
Wolfgang Herles‘ neuer Roman ist das Porträt der Boomer – jener Generation der starken Nachkriegsjahrgänge, die heute für so vieles schuldig gesprochen werden. Eine nicht mehr ganz junge Frau lädt vier verflossene Liebhaber zu einem Segeltörn durch die Ägäis ein. Klingt nach einem modernen Krimi von Agatha Christie, ist aber von Wolfgang Herles.
Es ist auch eine ziemlich bescheuerte Idee, man ahnt: Das geht nicht gut aus. Es ist eine typische Boomer-Idee, die Schnappsidee der Generation der starken Nachkriegs-Geburtenjahrgänge. Am Anfang war das materielle Leben der Boomer ja noch etwas knapp; aber es wurde sehr schnell materiell besser ausgepolstert. Der Eintritt in das Berufsleben war gar nicht so einfach, wie man sich das heute vorstellt. zu viele standen draußen vor der Tür. Aber wer es schaffte, und irgendwie waren das fast alle, konnte sich noch den Lebenstraum erfüllen: Wunschberuf, Eigenheim, Pension, Rente, Alterseinkommen.
Und es war die Zeit der großen Libertinage, der 68er, der Aufmüpfigen, der Weltverbesserer. Aber man kommt halt langsam in die Jahre. Die Unruhe der Jugend reaktiviert sich zu einem letzten Aufbäumen im Alter. Man hat was, aber man ist niemand mehr. Ein aus dem Parlament geflogener Liberaler, ein Pilot im Ruhestand ohne Uniform und Kapitäns-Mütze, andere ohne klare Herkunft, aber durchaus wohlversorgt.
Tja, die Boomer sind das Schreckensbild heute. Bekanntlich hat die heutige Generation trotz ihrer geringen Kopfanzahl angeblich weniger Chancen, zahlt höhere Steuern und darf die Altersversorgung der Überzähligen finanzieren ohne Hoffnung auf angemessene eigene Bezüge.
So entsteht ein Generationenkonflikt. Die Boomer erfahren eine Ablehnung, wie sie ihrerseits zu häufig die eigene Elterngeneration abgelehnt haben. Ihre Freizügigkeit steht mittlerweile auf eher wackligen Beinen; rein biologisch betrachtet, nicht im Kopf. Da ist man immer noch bei Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Es fehlt nur noch der Boomer-Roman; denn es gibt ja ja reihenweise Werke über die „Generation Golf“ und die „Generation Z“; seltsam, die Nachgeborenen sind schon längst literarisch schubladisiert, die Golf-Fahrer aber noch nicht.
Der langjährige TE-Autor und frühere ZDF-Boomer Wolfgang Herles hat jetzt diesen Sommer-Krimi unter seinem Namen vorgelegt; bei früheren fiktionalen Werken nutzte er noch ein Pseudonym. Literatur und Journalist, das sind zwei Rollen, die nicht zusammenpassen: In der Literatur werden Fakten und Fiktionen zu einem stimmigen Bild verknüpft; im Journalismus? Auch. Aber erst, seit die Boomer abtreten. Früher, damals, in den Zeiten des kritischen Journalismus, wollte man noch trennen; wer erfindet ist Romancier, der Journalist reportiert. Aber das waren halt andere Zeiten. Herles überschreitet jetzt die von seiner Generation noch sorgsam behütete Grenze.
Herausgekommen ist der Boomer-Roman „Poseidons Rache“. Es ist ein Sittenbild einer Generation, die leichtfüßig den Nachkriegs-Boom Deutschlands durchlebt hat und jetzt in die große existenzielle Krise gerät: Das Alter. War es das jetzt? Was kommt noch? Die Dame inszeniert mit ihren Verflossenen den Rückblick; aber der Ausblick hat einen zeitlich begrenzten Horizont.
Es ist der Krimi einer Generation, die heftig diskutiert und reflektiert. Die Glücklicheren halten fest am Lebensmodell des „Anything Goes“, die weniger Glücklichen gehen über Bord und im Hafen liegt das Versorgungsschiff schon bereit für die Initiatorin der wahnwitzigen Unternehmung – mit schlimmen Folgen. Aber nicht für sie. Folgen, die übrigens verdrängt werden. Moral ist, was sich in dieser Generation am leichtesten hat biegen lassen zum eigenen Nutzen und Frommen.
So ist ein leichtfüssiger Sommerroman entstanden, der zur Lektüre verlockt – am Pool, oder wenn auf dem Segelboot oder der Yacht gerade Flaute herrscht und Ruhe zum Lesen.
Wolfgang Herles. Poseidons Zorn. Roman. LMV, Hardcover, 280 Seiten, 24,00 €.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Während Herr Herles als früher Boomer seit ich TE konsumiere immer noch der Bonner Republik, SEINER CDU und den Öffenlich-Verächtlichen Schundfunkern nachhängt, habe ich mich schon seit der Euro-Einführung komplett gedreht und sehe diesen Staat, dieses Regime als meinen persönlichen Feind an. Daher kann dieser soignierte, immer noch auf Staatskosten lebende (ist die ÖRR-Pension nicht vom Steuerzahler finanziert?) Herr über uns „Boomer“ herziehen, wie er will – derjenige, der nicht fähig war, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, ist ausschließlich ER. Die anderen seines Alters und jüngere (wie ich) mußten sich gezwungenermaßen, weil eben nicht gepampert, ziemlich zeitig anpassen.
„Es ist ein Sittenbild einer Generation, die leichtfüßig den Nachkriegs-Boom Deutschlands durchlebt hat und jetzt in die große existenzielle Krise gerät: Das Alter.“
Wer hat denn „leichtfüßig“ gelebt? Und was bedeutet das denn nun genau? Wie und was hätten die Boomer denn anders machen sollen, damit die nachfolgenden Generationen zufrieden sind? Muß nicht jede Generation mit den Gegebenheiten klarkommen und anpacken? So, wie es die Boomer getan haben?
Als “ unfreiwilliges“ Mitglied dieser Sammlung , 1953, hege ich den Verdacht, dass auch dieser Sammelbegriff die Realität nur höchst partiell abbildet. Was bereits mit der Zeitspanne zu tun hat, mit den sozialen Herkünften resp Erziehungsberechtugten und mit der Frage, Grossstadt oder Provinz. Neben einigen hier auch zutreffend erwähnten Gemeinsamkeiten, der Start war in Zeiten des Einstellungsstopps tatsächlich etwas schwierig, aber das Jammern darüber gering, die “ etwas eingeschränkten Chancen ohne 5000 Alternativen haben auch kaum jemanden interessiert, gingen nach meiner Beobachtung die Lebensentwürfe durchaus auch auseinander. Materiell und immateriell. Ob man schon deshalb von dem Boomer oder den Boomern… Mehr
Soll ich mich jetzt nicht mehr nur als Angehöriger meines Volkes, meines Geschlechts und meiner Ethnie, sondern auch noch als Angehöriger meiner Generation schuldig fühlen? Sorry, kommt alles zusammen nicht in die Tüte, jedenfalls nicht bei mir! Übrigens – falls eine jüngere Generation hier meinen sollte, dass ihre Nachfolger ihnen für die diversen Weltrettungen etc. eines Tages auf Knien danken werden: Den Zahn kann ich euch heute schon ziehen! It’s not gonna happen! Die werden euch eure Fehler – selbst solche, die ihr nicht mal gemacht habt – genau so mit Lust und Wucht und voller Verachtung um die Ohren… Mehr
Ja, auch ich habe die Vorgeneration kritisiert: wegen ihrer Verbote, Prüderie Konventionen usw.
Der Unterschied : heute neidet die Generation Erben, der Vorgeneration die Butter auf dem Brot. Noch nie wurde soviel Vermögen vererbt wie heute.
Gleichzeitig werden die Boomer doch allzu gerne „geschützt“ vor Corona, jetzt Hitzetod.
So scheinheilig wie heute war noch keine Generation.
Und : die Eltern machen nur einen Bruchteil der Erziehung aus, viel kommt von der Schule. Vor allem der Neid.
Ich wünsche allen Nichtboomern ein sehr langes Leben in der Zukunft, die sie heute gestalten
„Noch nie wurde soviel Vermögen vererbt wie heute.“
Ach so, deswegen stehen auf dem LIDL-Parkplatz immer so viele neue panzerähnliche Karossen rum.
Immer häufiger das magische „E“ als letztes Zeichen auf dem Kennzeichen-Blech.
Und die Erben und deren Kinder fahren plötzlich alle mit teueren E-Bikes durch die Gegend.
Ich bin mindesten zwei mal um die Erde geradelt, kilometermäßig. Dabei immer auf meinen leicht zu wartenden Drahteseln.
Hunderte platte Reifen geflickt und den Drahtesel nach Hause geschoben, wenn mal wieder die Kette gerissen war.
Offensichtlich bin ich irgendwo in den 1990ern steckengeblieben.
Aber ich lebe noch und mir geht es gut.
Mir geht dieses ständige Boomerbashing gegen den Strich – vor allem vom Oberboomer Herles!
Und vor allem sind längst nicht alle so, wie sie hier beschrieben werden. Von wegen Wunschberuf, Eigenheim und gute Altersversorgung, dass ich nicht lache.
Im Osten des Landes trifft das auf die wenigsten in dieser Generation zu.