Industrieaufträge brechen weiter ein

Auch im April setzt sich die katastrophale Entwicklung der deutschen Industrie fort. Der Auftragseingang geht in die Knie, Industrievertreter schieben den Nahost-Konflikt als Begründung vor. So kommen wir in diesem Land nicht mehr weiter.

IMAGO / Westend61

Ganz gleich, welche Kreditsummen Friedrich Merz und sein Finanzminister Lars Klingbeil aktivieren mögen: Es gelingt ihnen nicht einmal mehr, ein konjunkturelles Strohfeuer in der deutschen Industrie zu zünden. So schwer wiegt der Schaden, den Klima- und Energiepolitik sowie Überbürokratisierung den einst am Weltmarkt so erfolgreichen deutschen Betrieben zugefügt haben.

Monat für Monat ist es das gleiche Schauspiel: Die Kernsektoren der deutschen Industrie melden trotz massiver Investitionen des Staates in den Rüstungssektor verheerende Zahlen. Im April las sich der Auftragseingang der deutschen Industrie erneut wie eine wirtschaftliche Horrorshow. Unterm Strich steht ein gesamter Rückgang bei den Industrieaufträgen im Vergleich zum März um 3,8 Prozent.

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Die Detailbetrachtung der April-Werte offenbart die strukturelle Tiefe der anhaltenden Krise: Besonders unter Druck steht weiterhin der Automobilsektor mit einem Rückgang von 5,3 Prozent, der Bereich der Elektrowirtschaft mit -16,3 Prozent sowie der Maschinenbau mit -7,4 Prozent. Der Auftragseingang sank dabei in sämtlichen Kategorien: bei den Konsumgütern um 6,7 Prozent, bei den Vorleistungen um 4,4 Prozent und im Bereich der Investitionsgüter um 2,9 Prozent. Der Auslandsauftragseingang fiel um -4,2 Prozent, getrieben vor allem durch einen Einbruch aus dem Euroraum um -11,1 Prozent, während Aufträge aus Nicht-Euro-Ländern leicht um +0,8 Prozent zulegen konnten. Die Inlandsnachfrage sank um -2,9 Prozent.

Die Krise der deutschen Industrie wird seit dem Jahr 2018 immer sichtbarer. Seitdem stagniert die Arbeitsproduktivität, inzwischen ist sie sogar leicht rückläufig. In Kernsektoren wie der Chemie ist die Produktion seither teilweise um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Das entspricht einer ökonomischen Depression und keinem lehrbuchartigen Konjunkturverlauf.

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Es ist bemerkenswert, dass selbst Vertreter der deutschen Wirtschaft wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag angesichts dieser dramatischen Zahlen noch immer versuchen, die wahren Hintergründe zu verschleiern. So vertrat auch in diesem Fall der DIHK-Ökonom Jupp Zenzen die Auffassung, der Rückgang der Industrie sei eine Folge des anhaltenden Nahostkonflikts. Die Preissteigerungen bei Öl und Gas sowie die damit einhergehende Unsicherheit dämpften die Konjunktur in der Industrie, so Zenzen mit Blick auf die aktuellen Zahlen.

Was er verschweigt: Die gegenwärtigen Probleme sind hausgemacht. Sie haben nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Preiseffekt infolge der Sperrung der Straße von Hormus zu tun, deren Auswirkung auf die Energiepreise bislang begrenzt blieb. In Wahrheit scheut die deutsche Funktionärsebene den Konflikt mit Politik und Medien und hält krampfhaft an einem politischen Status quo fest, der nur allzu oft mit Subventionen und staatlichen Hilfszahlungen einhergeht.

Wie irreführend der Verweis auf die Iran-Krise tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt, der seit dem Jahr 2018 unter massivem Druck geraten ist. Seit dem Spitzenjahr der Industrie unmittelbar vor den Corona-Lockdowns strichen die Firmen in diesem zentralen Sektor der deutschen Wirtschaft 341.000 Arbeitsplätze zusammen. Und dieser Trend hat bis heute nicht nachgelassen. Auch in diesem Jahr werden wieder Zehntausende von Industriejobs aus Deutschland auf andere Standorte in der Welt, vorzugsweise die Vereinigten Staaten, verlagert.

Die Folgen reichen weit über den Verlust einzelner Arbeitsplätze hinaus. Mit jedem verlagerten Entwicklungszentrum und jedem geschlossenen Werk geht produktives Wissen verloren, das kaum noch zu ersetzen ist.

Aus dem anhaltenden Brain Drain ergibt sich der Verlust von Ingenieurswissen – ein unabschätzbarer Schaden, der eines Tages dazu führen wird, dass es möglicherweise am Know-how fehlt, wenn sich die Gesellschaft auf den Weg zurück zur wirtschaftlichen Vernunft machen sollte. Bereits jetzt ist es kaum noch möglich, Großprojekte wie den Berliner Flughafen BER oder den Stuttgarter Bahnhof Stuttgart 21 auf eine Weise auszuführen, die weder die öffentlichen Haushalte überstrapaziert noch im Anschluss an die Arbeiten zu anhaltenden Problemen und Reparaturarbeiten führt.

Deutschlands industrieller Abstieg schreitet dabei mit wachsender Geschwindigkeit voran. Der Ökonom Thorsten Polleit berechnet zur Visualisierung des entstehenden ökonomischen Schadens in regelmäßigen Abständen die Abweichung der deutschen Industrieproduktion vom ursprünglich etablierten Wachstumspfad. Aktuelle Auswertungen zeigen eine Lücke von rund 25 Prozent gegenüber dem hypothetischen Produktionspfad, der sich ohne die strukturellen Belastungen der Energie- und Standortpolitik fortgesetzt hätte.

Deutschland ist zum toxischsten Wirtschaftsstandort unter den großen Wirtschaftsnationen mutiert. Die Firmen, das zeigte die Nettoinvestitionsquote schon zum Jahreswechsel, ziehen ihr Geld ab und erhalten nicht einmal mehr den bestehenden Kapitalbestand. Im Vergleich zur Jahrtausendwende fehlen über drei Prozent des am BIP gemessenen Investitionsvolumens der Privatwirtschaft, also etwa 140 Milliarden Euro im Jahr. Eine Debatte über die Rolle des Staates, der mit seinem massiven Schuldenprogramm und seinen andauernden Interventionen die Privatwirtschaft regelrecht aus dem Markt drängt, wird in Deutschland auf allen Ebenen der Gesellschaft verweigert. Doch liegt eben hier der Schlüssel zum Verständnis der Krise.

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Kommentare ( 19 )

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Andreas Bitz
1 Monat her

Wichtig und verdienstvoll, auf die planmäßig vollzogene Deindustrialisierung hinzuweisen. Haben Sie Daten um den Zustand und Niedergang im Handwerk, Handel etc. zu dokumentieren? Hier spielt sich eine Tragödie ab…

Axel Fachtan
1 Monat her

Der Plan der Politik ist die völlige Deindustrialisierung und Ausplünderung Deutschlands und der Deutschen. Dieser Plan wird jetzt verwirklicht. Das ist kein „Absturz“, sondern das selbstdefinierte Ziel. Selbstverständlich geht es so weiter und es muss auch so weiter gehen. Der Industrietod und die Verelendung der europäischen Massen ist komplett einprogrammiert. Die Leute verstehen es nur noch nicht vollständig. Weil sie es nicht „wir zerstören und verarmen Deutschland und Europa“ nennen, sondern „Energiewende“. Sie sagen auch nicht „Sterbedatum“, sondern „Klimaneutralität“. Sogar das Furzen von Kühen wird schon besteuert, um die Welt zu retten. Sterbedaten von Wirtschaft Industriestaat und Sozialstaat in Europa… Mehr

Rechts_ist_angesagt
1 Monat her

In wenigen Jahren ist ganz Deutschland auf dem wirtschaftlichen Ddr-Niveau. Wir schaffen das! Dass viele Leistungsfähige und -bereite fliehen, gab es dort auch schon. Es wurde eine Mauer -mit Schießbefehl – errichtet. Wie wird es die BRD machen? Wollen wir, dass sich die Geschichte wiederholt?

Last edited 1 Monat her by Rechts_ist_angesagt
H. Hoffmeister
1 Monat her

Der wirtschaftliche Zustand in D, EU und fast der gesamten westlichen Hemisphäre ist in Lehrbüchern der VWL/BWL nicht erfasst. Die Weltvermögens- und Kapitalbilanz besteht zu einem größer werdenen Teil aus immateriellen Werten – Aktien, Anleihen, etc – und meist entsprechenden Schulden. Der materielle Vermögensanteil – Gebäude, Grundstücke, Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge – nimmt relativ dazu ab. Diese Konstellation ist in Anbetracht einer Boomer-Generation, die ihre immateriellen Assets nun im Ruhestand – zumindest teilweise – deinvestieren und in materiellen Konsum umwandeln wird, schwer einzuschätzen. Im besten Fall wird das massive inflationäre Entwicklungen einleiten, im worst case zum Kollaps des Weltfinanzsystems führen. Gepaart… Mehr

Nibelung
1 Monat her

Mit dem russischen und iranischen Krieg hat unser wirtschaftlicher Verfall relativ wenig zu tun, außer der Tatsache, daß sich Resourcen verknappen können und Liefertermine in Verzug geraten, durch die Blockadehaltung der Iraner, die es bewußt als Machtinstrument einsetzen, um darüber ihrem Mißmut Ausdruck zu verleihen. Die wirtschaftliche Entwicklung, gerade in Hinsicht auf unseren Export, von dem wir hochgradig abhängig sind hat was mit der Entwicklung unserer internationalen Konkurrenten zu tun, die uns viele Geschäftsfelder streitig machen, was unseren Absatz schmälert und im internen europäischen Geschäft nicht ausgeglichen werden kann und damit sitzen wir zwischen den Stühlen, denn wer eine Politik… Mehr

Apfelmann
1 Monat her

Das die Industrieaufträge weniger werden ist strukturell bedingt und logisch. Die Chinesen sind eben nun mal ebenbürtig, vielleicht sogar besser in unserer alten Paradedisziplin. Das muss man anerkennen. Der deutsche Platzhirschstatus ist ein für alle mal weg. Wer hier noch künstlich investieren will, reitet ein totes Pferd. Die Amis hanen es uns vorgemacht, seit Jahren kommen hier die neuen großen Player nicht mehr aus der Industrie. Google, Apple, Amazon, Palantir, die ganzen großen KI-Buden. Die haben einfach eine neue Branche belegt. Das sollten wir genauso tun. Der „alte“ Maschinenbau und Autoindustrie werden in D den Bach runtergehen. Da haben wir… Mehr

Milton Friedman
1 Monat her

So schwer es Linken und Rechten Putin Derangement Syndrom Betroffenen auf die Laune drückt, so offensichtlich ist es: Wir erleben das Gegenteil des Schröderschen Wachstums, als dass EEG noch nicht so destruktiv wirken konnte (weil gerade erst verabschiedet) und günstige Energie aus Russland floss. Der wichtigste Hebel für unsere Industrie, für das verarbeitende Gewerbe, sind die Energiepreise. Wir haben es mittlerweile selbst für Industriestrom zu einem der teuersten Standorte der Welt geschafft. Ohne günstige Energie keine weltmarktfähigen Preise, ohne die wiederum kein Exportüberschuss, ohne den wiederum kein Sozialstaat. Ohne verarbeitendes Gewerbe keine Aufstiegsleiter ohne Akademischen Titel. Und wem dies immer… Mehr

Flik Flak
1 Monat her
Antworten an  Milton Friedman

Eine exportorientierte Industrienation kann auf Dauer nicht erfolgreich sein, wenn Energie, Regulierung und Standortkosten deutlich höher sind als bei ihren wichtigsten Wettbewerbern. So ist das Leben, so ist es eben.

jwe
1 Monat her

Wir werden Klimaneutral, schneller als gedacht! Ein dreifach hoch auf unsere Regierung!

Donostia
1 Monat her

Die Zulieferer für Maschinen zur Herstellung von Verbrenner-Motorteilen gehen reihenweise kaputt. Sollte irgendwann wieder die Entwicklung neuer Verbrennermotoren aufgenommen werden, dann werden diese Firmen fehlen. Wahrscheinlich muss man dann Maschinen aus China oder den USA kaufen. Noch wahrscheinlicher ist, dass in Deutschland gar keine Motoren entwickelt werden, weil die Entwickler die es könnten gar nicht mehr da sind. Ich schätze das wars für Deutschland.

Last edited 1 Monat her by Donostia
Alf
1 Monat her

Es ist bemerkenswert, dass selbst Vertreter der deutschen Wirtschaft wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag angesichts dieser dramatischen Zahlen noch immer versuchen, die wahren Hintergründe zu verschleiern.
Es sind die Klatschhasen in Politik und Wirtschaft, die für den Untergang Deutschlands verantwortlich sind.
Die Koalition der Wahlverlierer will nicht abtreten, denn sie weiß, nie wieder gewählt zu werden.
Das politische Unvermögen ist unbeschreiblich.