Der AfD-Skandal „Überkreuz-Anstellungen“ in Sachsen-Anhalt

Die AfD trat ebenso wie einst die Grünen mit dem Anspruch an, ganz anders zu sein als die alten Parteien, was bei der AfD ja der Name Alternative zum Ausdruck bringen sollte. Davon kann bei der AfD genau so wenig die Rede sein wie bei den Grünen. Wie Sachsen-Anhalt zeigt.

picture alliance / dts-Agentur | -

Zahlreiche Vorwürfe der Vetternwirtschaft machen die AfD Sachsen-Anhalt nervös, die den Sieg bei der Landtagswahl schon sicher in der Tasche glaubte. Abgeordnete stellten keine eigenen Familienmitglieder aus Steuergeldern als Mitarbeiter ein, das ist klar verboten, sondern gegenseitig die Verwandten von Kollegen – „Überkreuz-Anstellungen“. Das ist legal, aber nicht legitim – früher hätte man einfach gesagt unanständig.

Als solcher Missbrauch von Steuermitteln in Landtag, Bundestag und EU-Parlament werden in den Medien als aktuelle oder gewesenen Mitarbeiter über ein Dutzend Verwandte mit ihren Monatsbezügen zwischen fast 8.000 und 600 Euro genannt.

Tino Chrupalla räumt ein „Geschmäckle“ ein, betont aber die Rechtmäßigkeit und kündigt interne Überprüfungen an. In Sachsen-Anhalt wird parteintern kontrovers diskutiert bis zum Ausschlussverfahren gegen Jan Wenzel Schmidt, Ex-MdL, jetzt MdB wegen Untreue-Vorwürfen.

Die Landtagsverwaltung prüft die Vorgänge, von Gesetzesverschärfungen ist die Rede. AfD-Politiker wie Ulrich Siegmund verteidigen die Praxis, man brauche „vertrauenswürdiges Personal“. Kritiker sagen „Selbstbedienungsmentalität“ und „Steuergeld für die Familie“.

Die Affäre belastet die AfD kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in diesem September zweifellos und wird von ZDF Frontal, tagesschau, Zeit, Welt, MDR und Correctiv intensiv beleuchtet.

Dem langjährigen Beobachter ist das nicht neu. Die Beschäftigung von Familien-Angehörigen und Verwandten durchzieht die politische Landschaft, seitdem Abgeordnete auf Steuerzahlers Kosten Mitarbeiter anstellen dürfen. Wobei die Anstellung von Lebensgefährten, Geliebten und Freunden immer im Schatten blieb. Die eine Geliebte als Angestellte im Wahlkreis und die andere in Berlin, das ist nur menschelnd, nicht politisch.

Keine Entlastung oder Entschuldigung für die AfD ist es, muss aber gesagt werden. Wer nicht sowieso schon „Kontaktschuld“ auf sich geladen hat, ist gut beraten, sich dreimal zu überlegen, ob er das tut, indem er Mitarbeiter von AfD-Abgeordneten wird. Beruflichen Schaden für ihre Zukunft haben nur nicht mehr Berufstätige nicht zu befürchten. Was auch gesagt werden muss: „Überkreuz-Anstellungen“ machen die AfD nicht schlechter als die anderen Parteien. Die haben Verwandtes längst durch.

Bis zu 40 Prozent hat die AfD in Sachsen-Anhalt in Umfragen. Etliche sahen sich schon im nächsten Kabinett und konnten ihre Siegessicherheit nicht mehr verbergen. Andere, vor allem auch außerhalb von Sachsen-Anhalt, fürchten die Folgen einer AfD in der Regierung, die Schwächen, Radikalität und Machtkämpfe bloßlegte. In der Bundes-AfD schreckt nicht wenige eine erste AfD-Regierung in Magdeburg als Bild der AfD insgesamt. Sachsen-Anhalt hat auf Bundesebene einen schlechteren Ruf als andere Landesverbände. Alice Weidel, Tino Chrupalla und andere lassen so etwas natürlich nicht verlauten, fürchten aber das Risiko der Blamage durchaus.

Doch das sind Probleme der AfD, nicht des Beobachters. Der stellt als erstes fest, was er immer schon sagte. Die AfD trat ebenso wie einst die Grünen mit dem Anspruch an, ganz anders zu sein als die alten Parteien, was bei der AfD ja der Name Alternative zum Ausdruck bringen sollte. Davon kann bei der AfD genau so wenig die Rede sein wie bei den Grünen. Allerdings: Wer das „Anders-Sein“ hoch hängt muss sich daran messen lassen. Zweitens fragt sich der Beobachter, schaden die „Überkreuz-Anstellungen“ der AfD bei den Wahlabsichten? Nein.

Wer wählte AfD  oder will beim nächsten mal sein Kreuz bei ihr machen? Feste Anhänger sind eher unter als über der Hälfte. Die mehreren wählen AfD absichtsvoll gegen jene Parteien, die sie früher gewählt haben. Man wählt die AfD nicht, weil man sie liebt. Sondern weil man von den Alt-Parteien bitter enttäuscht ist. Und diese Enttäuschung bleibt. Unter den Erstwählern wächst die Zahl jener, die AfD gegen Rotgrünschwarzrot wählen. Das Motiv, AfD gegen den woken Zeitgeist, gegen den Sozialismus-Kommunismus 3.0 zu wählen, ist viel zu stark, um sich von „Überkreuz-Anstellungen“ und ähnlichem Charakterversagen abschrecken zu lassen. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt droht der AfD nur dann ein schlechteres Abschneiden als vorhergesagt, wenn sie sich selbst in einen Zustand zerlegt, der dann Anhänger wie strategisch-taktische Wahlberechtigte gleichermaßen abstößt.

Eine zynische Folge hat die ganze Chose in jedem Fall. Ich verrate nichts, denn die Gemeinten wissen das sehr genau. Wahlmanipulationen und -fälschungen müssen nicht groß erklärt werden. Mit dem Skandal „Überkreuz-Anstellungen“ lässt sich jede noch so krasse Veränderung im Wahlverhalten „erklären“.

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Kommentare ( 188 )

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usalloch
1 Monat her
  • Wenn es nach Herrn Fritz Goergen ginge, müsste demnächst seine Konkurrenz keinen Mitarbeiter einstellen dürfen, der nach Familie „riecht“. Sicher hätte er es lieber, wenn stattdessen die gerade angekommenen neuen Spezial-Fachkräfte den Job bekommen.
Dieter Rose
1 Monat her

Ich sage nur: Graichen-Clan.
0h, Ihr, die Ihr mit zweierlei Maß messt!
Darf es ein Anstellungsverbot für Familienmitglieder o.ä. geben. Finden Sie mal Angestellte für AfD-Leute, die sich vor Boykott und Schlimmerem nicht fürchten.

Judith Panther
1 Monat her
Antworten an  Dieter Rose

Im Gegensatz zur Graichen-Sippschaft ist die Jobvergabe des Herrn Siegmund so legal wie die des Richtlinienkompetenznetzwerktätigen mit eingearbeitetem Klingelbeutel für Steuergeld:
https://www.youtube.com/shorts/4r2X_KcSKyg

Last edited 1 Monat her by Judith Panther
Micky Maus
1 Monat her

Bei mir verstärkt sich immer mehr das Gefühl, dass TE nicht alle Beiträge veröffentlichen will oder darf? Wird hier auch schon zensiert?

Martin Buhr
1 Monat her

Die AFD kaempft mit dem Versuch , unterwandert , als auch damit , der Vetternwirtschaft beschuldigt zu werden . Sie wird sich vor beidem schuetzen muessen . Da ist das Verschmelzen von Grenzen unvermeidlich .

Gerro Medicus
1 Monat her

Tut mir leid, Herr Goergen, aber da muss ich Ihnen widersprechen. Nur weil die AfD in einem Punkt mal so handelt wie andere Parteien auch, ist das noch lange kein Grund, den Status Alternative anzuzweifeln. In vielen anderen, grundlegenden Punkten ist die AfD sehr wohl eine Alternative und zum Teil meilenweit von den Zielsetzungen der globalistisch agierenden Altparteien entfernt. Erstens: Die AfD wird von allen Seiten angefeindet, daher muss sie darauf achten, nicht Leute einzustellen, die gegen sie arbeiten. U-Boote anderer Parteien oder auch des VS gibt es ohnehin, bei der NPD hatten die das soweit übertrieben, dass ein Parteiverbotsverfahren… Mehr

Last edited 1 Monat her by Gerro Medicus
November Man
1 Monat her
Antworten an  Gerro Medicus

„Auch die Nazis kämpften gegen Hass und Hetze von rechts“
Damit wäre wohl zweifelsfrei erwiesen, dass National-Sozialisten keine Rechtsextreme, sondern ganz klar Linksextreme sind.  

Don Didi
1 Monat her
Antworten an  November Man

Hätte mich auch schwer gewundert, wenn eine Partei, die „sozialistisch“ und „Arbeiterpartei“ im Namen trägt, rechts anzusiedeln gewesen wäre.

WandererX
1 Monat her
Antworten an  Gerro Medicus

Doch, es ist ein Grund! Ihr DDR- Denken widert mich an.

Karl Schmidt
1 Monat her

Wenn die Anstellung von Familienangehörigen keine seltene Erscheinung ist, wird die Kampagne bald auf ihre Urheber zurückfallen, weil auch andere Parteien in den Blickpunkt rücken werden. Für die Bürger, deren Interesse ja ein funktionierender, dienender, kontrollierter und sachorientierter Staatsapparat ist, sind Parteien generell ein Übel, welchem man mit äußerstem Misstrauen begegnen muss. Sie schieben sich letztlich zwischen die Bürger und ihrem Werkzeug, denn nichts anderes sollte der Staat letztlich sein: ein Werkzeug in den Händen der Bürger, soweit es eben geht. Natürlich geht es bei der Kampagne nicht darum, einen Missstand zu beheben, sondern einen überfälligen Politikwechsel zu verhindern. Das… Mehr

November Man
1 Monat her

SPD Vetternwirtschaft in Perfektion: 300.000 Euro Jahresgehalt: SPD Antifa-Klingbeil gibt Chef-Posten bei Immobilien-Behörde an persönliche Freundin. Deutschland bekommt eine neue, hochbezahlte Immobilien-Chefin, die zufälligerweise Partei-Genossin und nach NIUS-Informationen auch persönliche Freundin von SPD-Finanzminister Lars Klingbeil ist. Ausgerechnet Klingbeils Finanzministerium hat die Rechts- und Fachaufsicht für die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) inne und gibt den Vorschlag ab, wer diesen Posten mit rund 300.000 Euro Jahresgehalt übernehmen soll.  

Malb
1 Monat her

Das Ganze hat nicht nur ein Gschmäckle – es ist ein Skandal. Noch „bin“ ich AfD-Wähler. Ich „werde“ AfD-Wähler gewesen sein, wenn solche Dinge nicht „sofort“ abgestellt werden. Von wegen, dass man kein Vertrauen zu fremden Mitarbeitern haben kann, ist kein überzeugendes Argument. Siegmund hat mich in meiner Meinung über ihn nicht enttäuscht. Nicht, dass ich so etwas Dummes von ihm erwartet hätte – aber als „tricky“ hatte ich ihn bereits eingeschätzt – und Trickypolitiker muss man im Auge behalten.

R.Baehr
1 Monat her

na da hat sich der Autor endlich einmal geoutet, gut so. Dachte ich mir schon des öfteren, das ihnen evt. die Energiepreise noch nicht hoch genug, der Zerstörungsdrang der jetzigen Regierung evt. noch nicht groß genug, und die Verlogenheit der derzeit herrschenden Klasse evt. noch zu wenig ist. Nur dann kann man sich zu so einem Beitrag hinreissen lassen. Das da dann „Überkreuzanstellungen“ ihr größtes Problem sind, verstehe ich jetzt. Bei uns in Bayern herrschen u. a. die Amigos schon seit Jahrzehnten, kann mich nicht daran erinnern das sie das schon einmal groß kritisiert haben. Der schwarze Filz in Bayern… Mehr

Last edited 1 Monat her by R.Baehr
GR
1 Monat her

Dann ist die AfD also eine ganz normale Partei? Jetzt können die Kartellparteien endlich mit ihr koallieren, weil sie auch nicht besser ist als sie selbst? Klingbeils Frau ist Vorsitzende einer NGO, die Geld vom Staat erhält. Ich würde sagen, die Altparteien sind mit der Korruption schon weiter.

jsdb
1 Monat her
Antworten an  GR

„… die Altparteien sind mit der Korruption schon weiter.“
Nein, die sind um ein Vielfaches weiter!