Leuchtturmprojekt der Marine gescheitert – Wann zieht der Verteidigungsminister die Reißleine?

Das mit einer niederländischen Werft betriebene Milliardenprojekt einer neuen Fregattenklasse 126 für die deutsche Marine ist auf Grund gelaufen. Darin liegt auch eine Chance.

picture alliance/dpa | Christian Charisius

Der Blick auf die Einsatzrealität der Marine ist alarmierend. Maritime Präsenz ist nicht nur in Nord- und Ostsee gefragt. Die europäischen NATO-Partner wollen sich intensiver um die Arktis einschließlich Grönland kümmern.

Deutschland wird trotz geschrumpfter Seestreitkräfte substanzielle Beiträge leisten müssen. Den aktuellen Ansprüchen genügende maritime Fähigkeiten sind militärisch notwendig und politisch unabdingbar – aber nicht in Sicht. Beispielsweise ist die in den 90er Jahren eingeführte Fregattenklasse 123 am Ende ihrer Lebenszeit. Ihre Ablösung ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit, um angesichts der Bedrohungslage halbwegs mithalten zu können.

Das seit 2020 betriebene Ersatzprojekt Fregatte 126 kommt jedoch nicht voran. Aufgelaufene Programmverzögerungen summieren sich auf bald vier Jahre, Zeit- und Finanzplan sind Makulatur. Es liegt der Eindruck nahe, dass die Forderungen der deutschen Marine von Anfang an unverträglich waren mit den Kompetenzen des beauftragten Werftenverbundes.

Das niederländische Schiffbauunternehmen Damen hatte es nicht mal geschafft, ihre komplexen Konstruktionsdaten den für die Produktion vorgesehenen deutschen Firmen zu übermitteln. Von wegen „Schnittstellenprobleme“, die ganze Konstruktion funktioniert nicht.

Ein Lehrstück militärischer und industriepolitischer Fehlsteuerung. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem sich der Bundestag mit der alternativen Beschaffung sog. MEKO-Fregatten befasste, soll nun der gordische Knoten gelöst worden sein. Der kritische Engpass der Datenübertragung im F 126-Projekt sei überwunden – heißt es.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Bremer NVL, ein Werftenverbund im norddeutschen Küstenraum, könne nun die Gesamtverantwortung übernehmen und die Produktion anfahren.

Die Fregatte 126 der Marine ist ein Lehrstück fehlgeleiteter Forderungen, politischer Selbsttäuschung und industriepolitischer Fehlsteuerung. Das Trauerspiel um das auf Grund gelaufene Projekt darf nicht weitergeführt werden in der vagen Hoffnung, dass es doch noch vorangehen werde.

Moderne Kriegsschiffe haben sich zu hochdifferenzierten IT-Plattformen entwickelt. Wenn Architektur, Software und Schnittstellen nicht Hand in Hand gehen, sind Projekte dieser Komplexität kaum in den Griff zu bekommen. Genau dies ist hier der Fall, das Projekt gehört beerdigt. Zumal es weitere Fragezeichen gibt, die an der Rationalität der F 126-Planung zweifeln lassen.

Überholte Auslegung

Nicht mal die vom deutschen Auftraggeber zu verantwortenden militärischen Bedarfsforderungen zur F 126 genügen heutigen Ansprüchen. Für knapp 10 Milliarden Euro wurden sechs vergleichsweise kampfschwache Schiffe konzipiert, bei deren Auslegung trotz imposanter Größe an entscheidenden Stellen gespart wurde.

Zwei Beispiele: Im Vergleich zu den lediglich 16 Lenkwaffenstartzellen verfügen Schiffe von Partnermarinen über eine bedeutend höhere Anzahl und damit mehr Kampfkraft. Sogar die für die U-Boot-Jagd entscheidenden Sonarbojen sind nur als Missionsmodule vorgesehen. Angesichts heutiger Unterwasser-Bedrohungen eine nicht hinnehmbare Einschränkung. Hauptsache, die Offiziersmesse ist repräsentativ ausgelegt möchte man sarkastisch anmerken.

Das Ganze ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck von mangelndem Realismus bei Planung und Vergabe. Das Projekt Fregatte 126 entspricht weder den heutigen Forderungen noch der absehbaren Bedrohungslage.

Dabei gibt es eine praktikable Alternative. Die von der Kieler TKMS (vormals ThyssenKrupp Marine Systems GmbH) konzipierten MEKO-Fregatten sind zwar kleiner, aber technisch ausgereift, im geplanten Zeitrahmen realisierbar und deutlich kosteneffizienter. Bereits für Ägypten gebaut, bergen sie kaum Entwicklungsrisiken und könnten – mit aktueller Sensorik und Wirkmitteln ausgerüstet – rasch zur Schließung bestehender Fähigkeitslücken beitragen.

Vor allem aber bringen sie etwas mit, was der Marine derzeit fehlt: Planbarkeit. Ein erstes Schiff kann bis 2029 geliefert werden. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages dem „Vorvertrag zur Absicherung der Terminschiene MEKO A-200 DEU“ zugestimmt hat.

Das Eingeständnis des Scheiterns verlangt Führungsstärke

Die deutsche Marine bevorzugt Presseberichten zufolge jedoch eine Doppelstrategie: Das Projekt F 126 soll weitergeführt und zugleich die MEKO-Fregatte beschafft werden.

Dass die parallele Einführung von zwei neuen Schiffstypen für Logistik, Personal und Ausbildung eine gewaltige Herausforderung darstellen würde, scheint die Beteiligten kalt zu lassen. Finanziell wäre eine Parallellösung zweifellos der teuerste Weg.

Neben den weit höheren Beschaffungskosten entstünden hohe Mehraufwendungen für doppelte Strukturen. Aber was solls scheint die Devise, die Betriebskosten der Bundeswehr laufen schon seit Jahren aus dem Ruder. Sollen sich doch künftige Verantwortungsträger drum kümmern, der Steuerzahler wird das schon irgendwie auf die Reihe kriegen (müssen).

Der notwendige Schritt: Abbruch des Vorhabens Fregatte 126

Politische Führung ist gefragt, das Lehrstück politischer Selbsttäuschung und industriepolitischer Fehlsteuerung Fregatte 126 der Marine zu beenden und nicht gutes Geld den in den Sand gesetzten zwei Milliarden hinterher zu werfen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius verwendet sich dem Vernehmen nach aber ebenfalls für dessen Weiterführung: „Wir geben die F 126 nicht auf, aber wir wollen einen zweigleisigen Ansatz verfolgen.“ Nur ja niemandem weh tun, Prinzip Hoffnung anwenden und Probleme schönreden scheint die Devise zu lauten.

Ausgerechnet dort, wo es auf nüchterne Planung, technologische Vernunft und strategische Klarheit ankommt, zeichnet sich ein Rückfall in alte Muster ab. Die endlichen Kapazitäten der Beschaffungsdienststellen wie auch der Schiffsbauindustrie sollen im Mehr von Immergleichem verplempert werden.

Dass Rheinmetall dabei ist, NVL zu übernehmen, ist in diesem Zusammenhang ein interessanter Nebenaspekt. Der politisch gewollt große, international konkurrenzfähige deutsche Rüstungskonzern soll wohl auch zur Konsolidierung der deutschen Werftenlandschaft beitragen. Ingenieurs- und Baukapazitäten als zentrale Herausforderung von Großprojekten sind aber nicht beliebig vermehrbar. Rheinmetall-Chef Papperger dürfte auch hier seine Finger im Spiel haben.
Geld ersetzt keine Strategie.

Führungsstärke besteht darin, ein Projekt zu stoppen, bevor es weiteren Schaden anrichtet. Dass der Abbruch von Vorhaben schmerzhaft ist und unangenehme Fragen aufwirft, ist unbestritten. Da greift man lieber noch tiefer in den Schuldentopf und verschiebt unangenehmes in die Zukunft. Mit der Lockerung haushaltspolitischer Fesseln zieht offenkundig neues Denken ein: Sicherheit scheint vor allem als Frage der Verfügbarkeit von Haushaltsmitteln betrachtet zu werden, ein systematischer Irrtum. Geld ersetzt keine Strategie. Es kompensiert nicht Fehlentscheidungen und setzt keine technischen Realitäten außer Kraft. Benötigt wird der Mut zum radikalen Schritt. Gebraucht wird ein Minister, der sich traut, das System zu häuten, nicht nur zu verwalten. Das ist Pistorius auch seiner Divise nach klarer Priorität für marktverfügbare Lösungen schuldig. Der Ball liegt im Spielfeld des Verteidigungsministers.

Die Welt dreht sich rasant, neue Bedrohungen verlangen neue Antworten
Parallel zur Beschaffung der MEKO-Fregatten müsste angesichts der rasanten technischen Entwicklung statt der Rettung gescheiterter Projekte endlich ein strategisches Grundproblem angegangen werden. Die von der Marine geplanten herkömmlichen Schiffskategorien erweisen sich zunehmend als fragwürdig. Die Verwundbarkeit milliardenteurer, immer noch größerer Kampfschiffe nimmt trotz aufwendiger Abwehrsysteme zu. Hyperschallwaffen, autonome Lenkflugkörper und vernetzte Drohnensysteme verändern grundlegend die Spielregeln auch auf See. Der Ukrainekrieg zeigt in allen Dimensionen, dass die Anzahl verfügbarer Einheiten, hohe Beweglichkeit und Vernetzung entscheidende Stellgrößen geworden sind. Wenige Hochwertziele stellen im Ernstfall einen strategischen Nachteil dar, deren Ausfall nicht kompensierbar ist.

Die Erfolge der Ukrainer gegen Putins Seestreitkräfte sind ein Leerstück für den Seekrieg der Zukunft. Große Pötte mit allem Klimbim wurden mit unbemannten Seedrohnen auf den Grund des Meeres geschickt. Die einstmals stolze Schwarzmeerflotte bleibt sicherheitshalber im Hafen vor Anker. Und selbst da ist sie nicht sicher, wie die erfolgreichen Angriffe ukrainischer U-Drohnen zeigen.
Die Zukunft ist unbemannt

Zwar wird an Fregatten und Korvetten vorerst kein Weg vorbeiführen. Große Schiffseinheiten oder gar Flugzeugträger sind zur Machtprojektion im Frieden und Spannungsfall zweifellos geeignet. Im heißen Schießkrieg könnte dies bei Einsatz modernster Kampfmittel rasch anders aussehen. An einer größeren Zahl unbemannter Schiffstypen mit autonomen Fähigkeiten dürfte künftig kein Weg vorbei gehen.

Parallel zur Beschaffung der MEKO-Fregatten und deren – hoffentlich – reibungslosen Zulauf könnte die unbemannte Zukunft ernsthaft angegangen werden. Das wäre ein zukunftsträchtiger Weg, anstelle weiteres gutes Geld und zehntausende Ingenieurstunden im gescheiterten Projekt F 126 zu versenken.
Entscheidend sollte der Blick nach vorn sein. Der moderne Seekrieg wird zunehmend durch unbemannte Systeme geprägt. Aufklärung, Minenkampf, Unterwasseroperationen bis zur U-Boot-Abwehr – all das lässt sich absehbar ohne Soldatenleben effizienter, günstiger und risikoärmer mit autonomen Plattformen lösen.

Die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Marinepersonal weisen ebenfalls in diese Richtung. Die deutsche U-Drohne „Greyshark“ zeigt beispielhaft, dass einzelne Fähigkeiten sogar hierzulande verfügbar sind. Derartige Systeme sind noch Ergänzung der bemannten Schifffahrt, dürften aber zum Kern künftiger Seestreitkräfte aufsteigen.

Verantwortung übernehmen und Reißleine ziehen

Am Ende führt kein Weg an der politischen Verantwortung vorbei. Verteidigungsminister Boris Pistorius muss entscheiden, ob er an einem aus dem Rahmen fallenden Prestigeprojekt festhält – oder ob er die Reißleine zieht. Es geht nicht um Symbolpolitik, sondern um benötigte Fähigkeiten, um Glaubwürdigkeit und den verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeld. Die Marine braucht nicht die Rettung eines aus der Zeit gefallenen Wünsch-dir-was-Projektes, sondern dringend mehr seegehende Einheiten. Die rasche Steigerung der militärischen Leistungsfähigkeit unserer Streitkräfte ist der Maßstab, nicht die Beliebtheitsscala von Spitzenpolitikern.

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Kommentare ( 2 )

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Klaus Uhltzscht
2 Stunden her

Vier Jahre Zeitverzögerung, das paßt doch in den Zeitplan!
Von allen Seiten höre ich 2029, 2029. 2029 soll der digitale Euro kommen, 2029 soll die Bundeswehr kriegstauglich sein, 2029 greift Putin an, 2029 soll das Gesetz zum Einsatz der Bundeswehr im Innern stehen. 2029 soll die AfD verboten sein.
2029 ist Bundestagswahl. Die muß auf alle Fälle mit Kriegsrecht und/oder Corona ode Beidem verschoben werden auf den Sankt-Nimmerleinstag.
Hat Selenski auch so gemacht.

Ohanse
2 Stunden her

Solange die Bundeswehr als so gescholtene „Parlamentsarmee“ betrieben wird, wird die persönliche Eitelkeit und Unfähigkeit der Politiker eine vernünftige Auftragserfüllung unmöglich machen. Die Politik kann ja nicht einmal einen klaren Auftrag für die Streitkräfte formulieren.

Last edited 2 Stunden her by Ohanse