„Die Kanzlerin ist alarmiert“

Was eine Überschrift über eine Zeitung aussagt und warum Katzenfreunde neoliberale Unmenschen sind. Andererseits aber das Programm SAUWOHL zu Fleisch von glücklichen Tieren führen soll. Roland Tichy und Fritz Goergen lasen Sonntagszeitungen für Sie.

„Die Kanzlerin ist alarmiert“. So lautet die Headline auf Seite 2 der Frankfurter Allgemeine SONNTAGSZEITUNG. Diese Überschrift ist wichtig, weil Zeichen wie eine Überschrift mehr aussagen als der nüchterne Sinngehalt eines Textes allein.

Ein wunderbares Beispiel dieser Art der Analyse bietet die FAS in einem der neuen Herrscherbilder, das Donald Trump in einer Suite mit Frau  (er sitzend, sie stehend) und Sohn (einen Stoff-Löwen reitend, im englischen Anzug) zeigen. Es ist ein neues Herrscherbild; es vereint uralte Botschaften (der Herrscher sitzt, formt die Hände zur Raute, die Beine übrigens auch) und will interpretiert werden. Es offenbart den Blick über seine Ländereien; irritierend ist dabei für den Kritiker die offenkundige Virilität und Ausstrahlung der jungen Frau mit den langen Beinen neben dem herrschenden, aber älteren Mann. In einer Zeit, in der immer häufige Bilder die Welt beherrschen ist das lesenswert. Dass Trump in der gesamten Zeitung Gegenstand von fünf Analyse-Stücken ist, ist nicht verkehrt. Er steht an der Schwelle zur Machtübernahme.

Freispruch für Neoliberale

Viel lernen wir nicht über Trump in der FAS, für sie ist und bleibt er ein „Troll“. Originalton. Am nächsten kommt ihm noch der Wirtschaftsteil; dort wird sein autoritäres Dirigieren der Wirtschaft kritisiert: Es hat wenig mit Marktwirtschaft zu tun. Im Kontext des liberalen Wirtschaftsteils ist das konsequent – Trump ist wirtschaftspolitisch kein Kapitalist. Manche werden unter ihm glänzende Geschäfte machen können, die Konsumenten werden höhere Preise bezahlen müssen. Es sind  Preise, deren Gegenwert in (teure) amerikanische Arbeitsplätze investiert werden oder schlicht in steigenden Trump-Profiten und der Ineffizienz staatlich gelenkter Wirtschaft versanden werden. Liberalismus und Neoliberalismus sind Trumps Sache ganz sicher nicht. Freispruch für die Neoliberalen – Trump ist keiner der ihren. Eher ein Sozialdemokrat oder ein Grüner, was seine Wirtschaftspolitik betrifft.

Da ist er wieder, der Trump-Witz: Eigentlich genau so möchte einer wie Sigmar Gabriel Wirtschaftspolitik machen: „Hey, Rewe und Edeka, stellt mal keine Verkäuferin aus, sind doch alle SPD-Wählerinnen! Hey, Thyssen, lass den Ofen an, wir kaufen dafür keinen Stahl mehr aus China. Schluss jetzt, Ihr Chinesen, mit Arbeitsplätze in Deutschland kaputt machen!“ (Hoffentlich lernt Sigi nicht twittern. Dann macht er uns endgültig den Trump)

Das ist es doch, was im rosa Deutschland eigentlich gewollt ist: Wirtschaftspolitik auf Zuruf, oder „Primat der Politik“, wie jene sagen, die anders als Trump 26 Semester Soziologie hinter sich haben, ehe sie in die Wirtschaftspolitik eintreten. Die größten Kritiker Trumps kriegen ihre Wünsche von ihm erfüllt.

Zum Herrscherbild der FAS passt die Trump-Story der WeLT AM SONNTAG: „Wo Geld nach Freiheit DUFTET“. Sie erinnert daran, dass die amerikanische Revolution von 1776 von reichen Männern gemacht wurde, von Millionären, die es satt hatten, von der britischen Krone gerupft zu werden – und obendrein Demokraten waren:

„Gemessen am damaligen Durchschnittseinkommen und am Bruttosozialprodukt der jungen Republik aber hätte der erste Präsident (George Washington) heute sogar 25 Milliarden Dollar besessen – das Fünffache dessen, was Donald Trump sein Eigeh nennt.“

Aber jetzt kommen wir zurück zur Headline „Die Kanzlerin ist alarmiert“. Oh mein Gott, möchte man neuamerikanisch ausrufen, so weit ist es schon gekommen? Die Kanzlerin alarmiert? Da muss ja Weiß-Gott-was-geschehen sein! Nichts wie hin! Wenn also die Frau, deren Hauptkönnen darin besteht, Chaos anzurichten, aber Beruhigung zu vermitteln, wenn also die Kanzlerin alarmiert ist, dann eilen alle Gutmeinenden und Gutwilligen herbei und versammeln sich um ihren Thron, um die Unruhestifter zu vertreiben.

FakeNews – die neue Zeitungsente

Und worüber ist die Kanzlerin alarmiert? Über Fake-News. Und gleich werden ein paar aufgezählt, und weil sie erkennbar keine Fake-News sind, sondern im Kern Tatsachen wiedergeben, erklärt uns der Autor: Fake-News sind so gefährlich „weil nicht alles falsch war“. Und deshalb brauchen wir ein „Abwehrzentrum gegen Desinformation“. Hier zeigt sich also der Sinn hinter dem Sinn der Überschrift: begierig löffelt der Autor die Weisheit in sich hinein, die ihm das Presseamt auftischt: Nicht mehr seinesgleichen vom Berufsstand Journalisten sollen zukünftig entscheiden über News, schon gar nicht die dummen Leser, sondern die Beamten des Wahrheitsministeriums.

Denn die Lage ist so ernst, dass sich unsere gute, brave, besorgte, alles lenkende Kanzlerin „alarmiert“ fühlt. Das können wir doch nicht zulassen. Mehr unbewusste Anwanzerei und Auslutscherei vorgekauter Regierungspropaganda ist kaum denkbar. Wer solche Sachen schreibt und titelt, braucht keine Angst vor dem Wahrheitsministerium haben; der bekommt seinen Freigabestempel schon vorab, so viel ist gewiss. Sonst wäre ja die Kanzlerin „alarmiert“.

Als die Kanzlerin sich als „alarmiert“ erklärte, wusste sie noch nichts vom bevorstehende Austritt ihrer Parteifreundind Erika Steinbach. Die WamS titelt: „Erika Steinbach verlässt die CDU und wirft Merkel Rechtsbruch vor“. Im Interview mit der Dissidentin begründet diese:

„Würde ich aktuell CDU wählen? Nein. Würde ich heutzutage gar in die CDU eintreten? Nein. Daraus kann ich nur die ehrliche Schlussfolgerung ziehen, die CDU zu verlassen.“

„Ein erheblicher Teil“ ihrer Wähler hadere mit der CDU genau so wie sie, diese Bürger würde sie mit ihrem Direktmandat bis zum Ende der Legislaturperiode vertreten. Daran ist auch wahr, dass Steinbach, speziell mit ihrer Klientel vom Bund der Vertriebenen der CDU mehr gebracht, als von ihr erhalten hat. Gar nicht hören wird Merkel mögen, dass nach Steinbach die AfD „Fleisch vom Fleisch der CDU“ sei.

Zur Veränderung der CDU sagt Steinbach in „Merkels Politik ist SCHÄDLICH für Deutschland“:

„Die Stärke unserer Programmatik waren drei programmatische Säulen: die liberale, die christlich-soziale und die konservative. Aber das konservative Element ist Schritt um Schritt gezielt marginalisiert, ja stigmatisiert worden. Aber gerade dieser Teil der CDU-Programmatik war in der Geschichte der Partei bisher ihr Alleinstellungsmerkmal … Zu Klausurtagungen unseres Fraktionsvorstandes, dem ich seit 2005 angehöre, wurden immer wieder Meinungsforscher eingeladen, die die auf Grundlage von ihnen erhobener Daten uns zu verdeutlichen hatten, dass die Vokabel ‚konservativ! so ‚out‘ sei, dass wir uns als CDU davon verabschieden sollten.“

Dass es auch anders, kritischer und dabei noch hintersinniger geht als bei der Unterwerfung der FAS unter das Wahrheitsministerium zeigt ihr Wirtschaftsteil, wo Marc Felix Serrao seziert, dass das Wunderkind Marissa Mayer von Google das strauchelnde Konglomerat Yahoo wohl nicht wird retten können. Er beschreibt fair die Herkules-Aufgabe, wie man früher gesagt hätte, oder die Unmöglichkeit. Dabei galt Marissa Mayer als Vorzeigefrau, als Beispiel für den Erfolg von Diversity.

„Diversity ist eine spezielle Form von Vielfalt. Sie hat nichts mit Dingen zu tun, auf die Menschen Einfluss haben, ihr fachliches Können etwa oder ihre Weltanschauung. Diversity bedeutet auch nicht Vielfalt des Alters oder der sozialen Herkunft.“

Sanft verspottet Serrao die Hoffnung, nur mehr Frauen allein könnten die Welt retten; Mayer ist jedenfalls nicht Angehörige einer besonders armen Minderheit, die Förderung braucht. Jedenfalls wird es nicht billiger mit Frauen an der Spitze, sie erhält für ihren viereinhalb Jahre dauernden Misserfolg 219 Millionen Dollar. Dagegen wirkt ja ein Martin Winterkorn schon wie ein Sozialfall, um so mehr, als dieser ja sogar eine Reihe ganz bemerkenswerter Erfolge vorzuzeigen hat, die viel Geld wert sind. Vielleicht sind alte, weiße Männer nicht viel besser, aber billiger?

Neoliberale morden Singvögel

Aber nehmen wir als Beispiel für wenig Hintersinn das „Leben“. Dort erfahren wir, dass Katzen Vögel töten – und nicht zu knapp. Zwar „gelten sie als Symbol für Freiheitsdrang und Stolz“, heißt es da. Aber wegen ihres Killerinstinkts müssten sie markiert werden, sterilisiert und eingeschläfert, zumindest eine Katzensteuer sollte erhoben werden.

Man muss kein Katzenfreund sein, um sich da nicht zu wundern – jetzt sind also die Katzen und ihre Freunde dran, zu Tode reguliert zu werden. Sie haben aber richtig gelesen:

„Katzen und ihre Halter sind ein neoliberaler Ausbund an Egoismus, Rücksichtslosigkeit und asozialem Verhalten.“

Der Neoliberalismus ist wirklich an allem Schuld. Gut, dass jetzt Trump damit aufräumt. Oder haben wir wieder was falsch verstanden?

Da ist es beruhigend, dass wir in der WamS erfahren – „SAUWOHL“ – , dass der deutsche Landwirtschaftsminister unter anderem mit Klimaanlagen im Stall, aber noch mehr vernünftig klingenden Maßnahmen dafür sorgen will, dass Fleisch künftig von glücklichen Tieren kommt. Wenigstens da können wir dann die Sau raus lassen. Noch ist nicht aller Hopfen und alles Malz verloren. Auch wenn Neoliberale Singvögel morden.

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Kommentare

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  • AlfredE

    Vielleicht war es nur ein Protest gegen Schweinefleisch … 😉

  • Henryke

    Ja, da fallen mir ganz wenige Länder ein:
    Kuba, Nordkorea…; na, gut , das sind jetzt ganz böse Beispiele;-)

  • Jonas Walter

    Die ganze Diskussion um die „Fake News“ wird den Niedergang der Mainstream-Medien weiter beschleunigen. Merken deren Verantwortliche das wirklich nicht?

  • Steuerzahler

    Eine Katze kann einem gesunden Vogel nichts anhaben. Deshalb versucht sie es nach einem oder zwei vergeblichen Versuchen im zarten Alter von ein paar Wochen auch gar nicht mehr, weil Katzen im Gegensatz zu manchem grünen Ideologen durchaus lernfähig sind. So weit mir bekannt ist, hat meine Katze in den letzten 10 Jahren eine fluguntaugliche Taube erlegt, deren Stunden wegen schadhafter Flügel ohnehin gezählt waren. Alle anderen Vögel waren schlicht zu flink für mein Haustier.

  • Steuerzahler

    Denken ist Glückssache, sagt der Volksmund. Leider scheint so mancher Redakteur am Sonntag nicht nur vom Glück verlassen zu sein, sondern auch von allen guten Geistern.