Energiekosten bringen zahlreiche Betriebe in Insolvenzgefahr

Im Oktober 2022 wurden etwa 18 Prozent mehr Insolvenzen im Vergleich zum Vorjahresmonat angemeldet. Die Gründe sind vielfältig, im Wesentlichen gehen sie auf steigende Gas- und Strompreise zurück. Entlastungen der Regierung kommen für viele Betriebe zu spät oder gar nicht.

IMAGO / Michael Gstettenbauer
Protest-Plakat der Innungs-Bäcker wegen der Energiepreise am 16.11.2022 in Düsseldorf

Immer mehr Betriebe und Unternehmen sind angesichts explodierender Gas- und Strompreise existenziell bedroht. Die Zahl der beantragten Regelinsolvenzen in Deutschland ist nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Oktober 2022 um 18,4 Prozent gegenüber September 2022 gestiegen. Der tatsächliche Zeitpunkt des Insolvenzantrags liege jedoch in vielen Fällen annähernd drei Monate davor, heißt es in der Presseerklärung.

In jüngster Zeit berichteten wir über eine zunehmende Deindustrialisierung in Deutschland. Tatsächlich nimmt die Entwicklung weiter Fahrt auf.

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Der Spezial-Chemiekonzern Lanxess wird vorerst kein Geld mehr in die Erweiterung seiner deutschen Werke stecken. CEO Matthias Zachert warnte vor einer Deindustrialisierung der deutschen Chemie; „Wenn sich die Bedingungen hier nicht substanziell verbessern, werde die Produktion in andere Regionen der Welt abwandern.“ Lanxess fokussiere sich nun stärker auf die USA. Dort beobachte Zachert eine „Reindustrialisierung“, die wegen der vergleichsweise niedrigen Energiepreise dynamischer werde.

Bei der deutschen Rohaluminiumproduktion ist ein weiterer Rückgang zu verzeichnen. Die Aluminiumkonjunktur in Deutschland hat sich im dritten Quartal dieses Jahres erwartungsgemäß weiter abgekühlt. Mit einem Minus von einem Viertel (-25 Prozent) sank vor allem die Produktion von Rohaluminium im Vergleich zum Vorjahresquartal besonders deutlich. Aluminium Deutschland Präsident Rob van Gils: „Das vorherrschende Strompreisniveau lässt nach wie vor keine wirtschaftliche Produktion in Deutschland zu und zwingt die Betreiber der Aluminiumhütten, ihre Öfen nach und nach herunterzufahren. Ich habe große Sorge, ob dieser elementare Rohstoff am Standort Deutschland noch eine Zukunft hat.” Mithin gibt es Produktionseinschränkungen. Der Grund: die Energiepreise.

90 Mitarbeiter der Salzwedeler Baumkuchenbäckerei bangen um Arbeitsplätze: Über eine halbe Million Euro Mehrkosten für Strom, Gas und Rohstoffe drohen dem traditionsreichen Bäcker im Norden Sachsen-Anhalts. Bis zum Ende des Jahres 2022 habe man zwar Gewissheit über die Gaspreise für den Betrieb, sagte Geschäftsführerin Rosemarie Lehmann im Oktober dem MDR. Das schaffe etwas Planungssicherheit. Doch auch bei den Verpackungen und Rohstoffen stiegen die Preise seit geraumer Zeit. Schon jetzt koste das Kilo Baumkuchen aus der Salzwedeler Manufaktur 43 Euro. Die Preise bei Discountern liegen deutlich darunter.

Rund zwei Monate nachdem die Privatbrauerei Bischoff Insolvenz angemeldet hat wird der Betrieb bei dem Unternehmen aus Winnweiler bei Kaiserslautern nun komplett eingestellt, berichtete Focus-online. Der geschäftsführende Gesellschafter Sven Bischoff nannte als Ursachen für die Insolvenz unter anderem den Corona-Lockdown in der Gastronomie und die gestiegenen Energiepreise.

Erstmals seit zwei Jahren fallen die Umsätze der Chemieindustrie. Deutschlands drittgrößter Industriezweig fängt die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten mit höheren Preisen auf, berichtet das manager-magazin. Die Lage habe sich laut Chemieverband VCI in den Sommermonaten noch einmal verschlechtert. Wegen der stark gestiegenen Energiepreise drossele die deutsche Chemie- und Pharmabranche ihre Produktion immer weiter. Im dritten Quartal sei die Produktion im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 10 Prozent geschrumpft, teilte der Verband weiter mit. Allein die Chemieindustrie (ohne Pharma) produzierte 14 Prozent weniger.

PLEITEWELLE
Die Zahl der Firmenpleiten steigt weiter
„Der Chemiebranche stehen weitere dunkle Monate bevor“, so VCI-Präsident Markus Steilemann (52), der auch Vorstandschef beim Kunststoffkonzern Covestro ist. „Viele Unternehmen befinden sich mit ihrer Produktion in Deutschland bereits heute in einer äußerst dramatischen Lage, vor allem wegen der massiv gestiegenen Energiekosten.“ Stattdessen nimmt Covestro eine Produktionsanlage in Thailand in Betrieb. Vor allem der Mittelstand habe erhebliche Probleme beim Abschluss von Anschluss- oder Neuverträgen für auslaufende Strom- und Gasverträge. Der VCI forderte deshalb „breit wirkende Energiepreisbremsen, damit die Lage sich nicht noch weiter zuspitzt“.

Pleite nach 82 Jahren: Das deutsche Möbelhaus Hülsta ist insolvent. Durch die aktuelle Kaufzurückhaltung sei es nicht möglich, die Auftragszahlen der Möbelhäuser umzusetzen, welche ursprünglich geplant waren. Die steigenden Preise bezüglich der Energie und der Rohstoffe bereiteten zusätzliche Probleme bei dem Konzern, wie RUHR24 meldet.

Zum „Energiekostendämpfungsprogramm“ berichtete die Akademie Bergstraße Ende Oktober 2022: „Das in den Zuständigkeitsbereich von Wirtschafts- und Klimaschutz-Minister Robert Habeck fallende Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle lässt die Unternehmen Deutschlands am langen Arm verhungern. … Bisher wurden erst gut 42 Millionen Euro innerhalb eines halben Jahres ausgezahlt – aus einem Topf von satten 5.000 Millionen (5 Mrd.) Euro. Habecks Behörde überwies demnach erst 0,8 Prozent der (angeblich) zur Verfügung gestellten Mittel. Das ist die düstere Bilanz des Energiekostendämpfungsprogramms (EKDP) des Bundes.

Im April 2022 hatten Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) das Zuschussprogramm für die Industrie angekündigt. Seit Juli können Unternehmen Anträge einreichen. 1.247 haben das inzwischen getan, 269 von ihnen daraufhin aber erst einen Bescheid erhalten. Und davon wiederum hat nur ein Bruchteil die Hilfe ausgezahlt bekommen. Nach Darstellung von Wirtschaftsvertretern hat dies schon Unternehmen in die Insolvenz getrieben, was bei einer schnelleren Auszahlung der EKDP-Hilfen verhindert hätte werden können.

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Kommentare ( 55 )

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Michael M.
2 Monate her

Was schlagen Sie denn vor wie man sich als normaler Mitarbeiter der „gehobenen“ Gehaltsklasse (ab wann beginnt die in ihren Augen) in einem Großbetrieb wehren kann. Etwa mit Kündigung, da lachen die sich doch kaputt.
Wenn Sie die Vorstände der Konzerne meinen bin ich Janosch dabei, das ist allerdings nicht gehobene Gehaltsklasse sondern die Millionärsebene.

Last edited 2 Monate her by Michael M.
Klaus D
2 Monate her

Ist j a nicht nur hier so….In der Schweiz wächst die Sorge vor einer Stromknappheit und einem Winter-Blackout. Ein Verordnungsentwurf zur Strommangellage sieht starke Einschränkungen vor. Dazu zählen Fahrverbote für Elektroautos. https://www.express.de/nachhaltigkeit/mobilitaet-und-energie/energiekrise-schweiz-plant-fahrverbote-fuer-e-autos-375337

Michael Theren
2 Monate her

In einer normalen Welt, hätte man sich gefruit, daß die Ukraine wie auch immer „2014 pro-westlich“ wurde, aber man hätte ihr auf die Finger geschlagen , als sie begann ihre eigenen Leute zu töten, man hätte Minsk 2 umgesetzt und man würde weiter Gas und Öl aus Rußland zu sehr günstigen Preisen beziehen, was notwendig ist, um die hohen Sozialkosten auszugleichen und die Wirtschaft konkurrenzfähig zu halten, man hätte , aufgrund der zahlreichen Drohungen Nordstream durch die Marine geschützt usw. Alles hat man nicht getan…so dumm kann man nicht sein…

Wuehlmaus
2 Monate her

Salzwedler Baumkuchen? Habe mal in eine Rechnung von vor 2 Jahren geschaut. 50% Inflation, ist etwas viel für mich.

WandererX
2 Monate her
Antworten an  Wuehlmaus

Jede Betriebsunfähigkeit wird jetzt auf die Energiekosten geschoben: 43 Euro pro kg Baumkuchen – da müsste auch vierfache Stromkosten abgedeckt sein.
In Frankreich kostet das Bagette nur 96 Cent durchschnittlich und die Bäcker verdienen damit immer noch!

Nibelung
2 Monate her

Mein persönliches Mitleid hält sich in Grenzen, denn wer die wählt muß mit den Konsquenzen leben und das wird dann so mancher Liebhaber der deutschen Einheitspartei zu spüren bekommen, wenn ihm die Grundlage zu einem guten Leben entzogen wird, denn es gilt immer noch der alte Spruch, mitgefangen mit gehangen. Wer das Übel wählt wird Übel bekommen, das ist ein Naturgesetz und wenn man das nicht beachtet, aus welchen Gründen auch immer, dann wird man es zu spüren bekommen und solche Fehlentscheidungen kann sich eigentlich nur der wirklich Vermögende leisten, der Mittelstand wird damit am meisten gebeutelt und die gehen… Mehr

Phil
2 Monate her

Wer was anderes erwartet hatte und über die letzten 20 Jahre dieselbe Wirtschafts- und Unternehmerfeindliche Politik gewählt hat, hat nichts anderes verdient als pleite zu gehen. Der Kampf um den Industriestandort Deutschland bzw. Europa hat schon vor Jahrzehnten begonnen, bisher kam da wenig Widerspruch von Seiten der Industrie, was sicher damit zusammenhängen mag, dass man sich auf Kosten der Bürger ausgiebig am Subventionstöpfchen bedienen konnte und mit dem Energieschwindel über Jahre hinweg sensationelle Profite gemacht hat. Wenn man seine Seele an den Teufel verkauft, braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn er diese auch einfordern wird. Die „Energiewende“ ist… Mehr

Kampe
2 Monate her

Unserem Land würde nur ein Generalstreik vielleicht helfen. Ich gehe aber mal davon aus das die terroristische Vereinigung, die sich Grüne nennen plus den anderen Hofnarren dieser Regierung, diesen Aufstand komplett niederknüppeln würden. In deren Augen sind wir eh alle Faschisten,Querdenker usw. Gelinde gesagt , Und zum guten Schluß. Ein entwaffnetes Volk kann sich nicht wehren.

usalloch
2 Monate her
Antworten an  Kampe

Es muss keinen Generalstreik geben. Sollten die jungen Migranten feststellen, dass der versprochene Rosengarten sie weiterhin nicht gut beherbergt , werden sie auf die Straße gehen. Dann wird Deutschland erleben was Plünderern bedeutet. In anderen Ländern beginnt schon das warm laufen.Um dem vorzubeugen, sind doch die Maßnahmen einer frühzeitigen Einbürgerung in Szene gesetzt worden. Es. benötigt doch nur einige Tage Stromausfall um das Chaos ausbrechen zu lassen.

Hannibal Murkle
2 Monate her

Heute habe ich mitgekriegt, dass NRW einen Energienotstand ausruft – die Grün:innen in der Landesregierung wollen vermutlich nicht hören, wie sehr derer „Klimanotstände“ samt Klimagedöns zur prekären Lage beigetragen haben.

ersieesmussweg
2 Monate her

Es kommt so wie es kommen musste. Heimische Unternehmen wandern ab, ausländische Investoren kommen nicht mehr.
Die große Vorsitzende und ihre wenig begabten Nachfolger haben ganze Arbeit geleistet.
Wie sagte M. Honecker einst: Wir kommen wieder!

H. Hoffmeister
2 Monate her

Der Habeck ist ein pfiffiges Kerlchen. Da verspricht er der Industrie eine Energiekostenhilfe, die der Lindner schnell als Sondervermögen aus dem Hut zaubert und dann trödelt er solange mit der Auszahlung, dass die Betriebe pleite gehen (aka: ihre Produktion einstellen) und er den ganzen schönen Schotter in Klimaschutz und Migrantenalinentierung stecken kann. Wir haben den Mann unterschätzt.