Gunther Schnabl: China wird USA nicht den Rang ablaufen

Im Interview mit der NZZ gibt der Ökonom Gunther Schnabl wichtige Hinweise auf die sich herauskristallisierende neue Ordnung der Welt. Seine These: China wird die USA nicht überflügeln; Europa bleibt lediglich die Statistenrolle.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Daniel Torok/White House

Gunther Schnabl zählt zu einer seltenen Ökonomen-Gattung in Deutschland. Der Direktor des Flossbach von Storch Research Institute und Hochschullehrer aus Leipzig folgt den verschütteten Prinzipien des Ordoliberalismus: stabiles Geld, ein gegebener marktwirtschaftlicher Handlungsrahmen – aus der Sicht Schnabls entscheiden auf lange Sicht jene Gesellschaften das Rennen, denen es gelingt, den Staat an die Leine zu legen, ihn auf eine Schiedsrichterfunktion zu begrenzen und die Kräfte der Marktwirtschaft im Sinne der Wohlstandsmehrung wirken zu lassen.

Es ist daher von hohem Wert, den Ausführungen eines ordoliberalen deutschen Ökonomen zu folgen, der ohne ideologische Krümmung auf die Rolle seiner Heimat und der Europäischen Union in einer zunehmend bipolaren Welt, aufgeteilt zwischen den USA und China, blickt.

Im Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung zog Schnabl die großen Linien, die sich unter der hektisch aufgewühlten Medienoberfläche abzeichnen. Der fundamentale Konflikt unserer Zeit, das Ringen zwischen den USA und China um globale Dominanz, scheint entschieden, folgt man Schnabls Lageeinschätzung. Er sehe das Narrativ, dass China den USA den Rang abliefe, durchaus nicht. Die Vorherrschaft der USA basiere im Wesentlichen auf vier Säulen: dem Dollar als Weltleitwährung, der Fähigkeit zur Finanzierung hoher Staats- und Militärausgaben, der starken marktwirtschaftlichen Ordnung sowie der hochentwickelten freien Finanzmärkte.

Vor dem Sturm
USA und China teilen die Welt neu auf – Europa bleibt außen vor
Schnabl hat recht: Die Prinzipien wirtschaftlicher Freiheit spielen in den USA nach dem Intermezzo der sehr europäisch angehauchten Administration von Joe Biden wieder eine größere Rolle. Trump setzt auf Deregulierung der Energiemärkte, auf Steuersenkung für die Mittelschicht, aber vor allem auch auf den Einsatz des amerikanischen Militärs, das die Vormachtstellung der USA untermauert. Einerlei, ob im Falle des Booms von US-Dollar-Stablecoins, der zunehmenden Kontrolle maritimer Flaschenhälse wie dem Panamakanal oder der noch umkämpften Straße von Hormus oder auch bei der Erschließung seltener Erden auf Grönland: Die USA melden sich mit harter Hand auf der Weltbühne zurück.

Binnenökonomisch wirkt der freie Kapitalmarkt der USA wie ein Magnet auf internationales Kapital. Ein regelrechter Investment-Boom befeuert derzeit die Privatwirtschaft in Nordamerika. Im ersten Quartal des laufenden Jahres stieg das Investitionsvolumen um über 10 Prozent, angetrieben durch den KI-Boom und den damit verbundenen massiven Ausbau der Energieinfrastruktur. Die USA stehen vermutlich erst am Beginn eines neuen Konjunkturzyklus, der der Regierung in Washington vor den wichtigen Midterm-Wahlen im November Rückenwind verleihen dürfte.

Auf der anderen Seite dieser zunehmend bipolaren Welt, in der wir uns als Europäer fragen müssen, ob nun alles über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, wachsen allerdings Sorgenfalten. Peking kämpft seit einigen Jahren mit wachsender Kapitalflucht. Die Ökonomie im Reich der Mitte leidet unter demografischem Druck und unter massiven Kapitalfehlsteuerungen im Immobiliensektor, muss aber dennoch ihren enormen Kapitalbedarf beim Aufbau immenser Energiekapazitäten decken. Etwa eine Billion US-Dollar flossen im vergangenen Jahr aus der chinesischen Wirtschaft ab – der größte jährliche Kapitalabfluss seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2006.

KULTURELLER HINTERGRUND TAIWAN KONFLIKT
Warum Deutschland den Taiwan-China-Konflikt nicht versteht
Chinas politische Führung antwortet auf die Kapitalflucht mit zunehmenden Kapitalverkehrskontrollen. Neben der komplett regulierten heimischen Währung Yuan ist dies ein weiteres Indiz dafür, dass man sehr guten Grund hat, sich nicht mit einem völlig geöffneten Kapitalmarkt in den Wettbewerb mit den USA zu begeben. Welche ökonomischen Leichen liegen noch im Keller der chinesischen Führung, dass Peking so defensiv agiert? Schnabl würde wohl darauf hinweisen, dass freie Kapitalmärkte und unregulierte Devisenmärkte als ein unmissverständliches Zeichen innerer Stärke zu interpretieren sind. Unfreiwillig sendet China also ein Signal: Man wähnt sich noch meilenweit davon entfernt, selbstbewusst und ohne Manipulation der eigenen Kapitalmärkte in den Wettbewerb mit Washington zu treten.

Apropos Kapitalverkehrskontrollen: In der Eurozone laufen die Vorbereitungen zur Einführung des digitalen Euro auf Hochtouren. Mit dem Euro-CBDC würde die EU eine digitale Mauer errichten, um Kapitalflucht per Knopfdruck unterbinden zu können. Jedoch weiß man in Peking, Brüssel und Berlin sehr wohl, dass die unmittelbare Einführung eines solchen Vehikels eine regelrechte Kapitalstampede auslösen würde. Man hält sich vorerst bedeckt, errichtet diese digitale Mauer Schicht für Schicht und täuscht die Öffentlichkeit über den wahren Hintergrund des digitalen Euro mit allerlei rhetorischem Zauberwerk hinweg. Für die EU-Europäer sieht Gunther Schnabl nicht nur aufgrund der Energieabhängigkeit und des Kapitalabflusses lediglich eine Statistenrolle auf dem internationalen Schachbrett der Macht.

Vor dem Sturm
Deutschland wird zwischen China und USA zerrieben: Bringen Sie Ihr Geld in Sicherheit
Explodierende Staatsschulden, viel zu hohe Abgabenbelastungen und völlig überreguliert – lange würden sich die Bürger die zunehmende Deindustrialisierung und Gängelung durch die Politik nicht mehr mit ansehen, meint Schnabl. Der Verfall der ökonomischen Bedeutung Europas ist unbestreitbar: Seit der Jahrtausendwende geht es im Vergleich zu anderen Regionen der Welt bergab. Von einst 25 Prozent schrumpfte der Anteil der Euro-Ökonomie an der globalen Wirtschaft auf heute nur noch knappe 17 Prozent zusammen.

Aus der Sicht Schnabls ergibt sich für die europäische Politik ein klarer Handlungszwang: Brüssel wäre gut beraten, den Prinzipien amerikanischer Freiheit zu folgen und nicht dem falschen Zauber repressiverer Systeme wie denen Chinas oder Russlands auf den Leim zu gehen. Wollten wir tatsächlich noch mit den USA mithalten, bräuchten wir eine stabilitätsorientierte Geldpolitik, eine drastische Kürzung der Staatsausgaben sowie umfassende Deregulierung, um das Chaos und die massiven Wettbewerbsnachteile der europäischen Industrie aus dem Weg zu räumen. Investitionsentscheidungen gehörten in die Hände der Unternehmen, so Schnabl, der die grün-planwirtschaftliche Wirtschaftspolitik der EU und der deutschen Bundesregierung im Zentrum des politisch-ökonomischen Verfalls Europas sieht.

Die manische Klimaorientierung der Europäer hat fatale ökonomische Konsequenzen. Lagen die Ökonomien der EU und der USA im Jahr 2008 noch nahezu gleichauf, so ist die amerikanische Wirtschaft den Europäern inzwischen enteilt. Das Bruttoinlandsprodukt der USA bringt es auf 30 Billionen US-Dollar, die Europäer hinken mit 20 Billionen Lichtjahre hinterher. Schnabls unmissverständliche Kritik am politischen Kurs der EU und Deutschlands ist mehr als berechtigt und sollte die Widerstandskräfte des liberal-konservativen Lagers endlich einen. Vielleicht sollten diese Kräfte überhaupt erst einmal wachgerüttelt werden. Aber wie dem auch sei: Die Zeit des Schweigens im Angesicht der wirtschaftlichen Misere scheint zumindest in der akademischen Elite langsam aber sicher vorüber zu sein.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 29 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

29 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
ralf12
3 Stunden her

Von den 4 Säulen (dem Dollar als Weltleitwährung, der Fähigkeit zur Finanzierung hoher Staats- und Militärausgaben, der starken marktwirtschaftlichen Ordnung sowie der hochentwickelten freien Finanzmärkte.) verabschieden sich die ersten Beiden gerade. Dadurch, dass die USA den Dollar als Druckmittel gegen andere Staaten mißbrauchten, wurden und werden Alternativen gesucht und gefunden. Der Anfang ist das Ende des Öldollars und der zwischenstaatliche Handel des globalen Südens auf Basis Yuan, Rubel oder anderer nationaler Währungen. In dem Moment, in dem diese Alternativen richtig greifen, verlieren die USA auch die Kraft, die gewaltigen Staats- und Millitärausgaben zu schultern. Die stehen nämlich in keinem Verhältnis… Mehr

Teiresias
1 Stunde her

Das Problem der USA ist, daß sie mit ca. 40bio Schulden faktisch bankrott sind und derzeit versuchen, ihre Militärmacht zur Schuldenbekämpfung einzusetzen. Die erklärte Strategie nennt sich „Energy Dominance“. Sie versuchen, China mit unter falschem Vorwand geführten Kriegen (z.B. Venezuela/Vorwand: Drogenschmuggel) von Rohstoffen abzukoppeln. Dabei haben sie einen aberwitzigen Nachteil in der Industrieproduktion auszugleichen (China: 109mio Industriearbeitsplätze, USA 36mio, Europa: 52mio). Die sogenannte Stärke der USA ist eine auf Pump finanzierte Militärmacht, die nicht über die Produktionskapazitäten für einen längeren Krieg verfügt. Sie verballern Raketen und Granaten deutlich schneller, als sie selbige nachproduzieren können. Sie stecken in einem Mehrfrontenkrieg Ukraine/Iran,… Mehr

Last edited 1 Stunde her by Teiresias
Kuno.2
2 Stunden her

Die Frage ob China den USA den Rang ablaufen wird stellt in den USA niemand. Weil das irrelevant ist. Die Frage lautet vielmehr: kann China den USA den Rang ablaufen!

hk-meyer
3 Stunden her

Es ist doch immer wieder faszinierend bzw. amüsant, wie die bloße Erwähnung der USA diverse Altlinke (oder Altrechte?) zu schriftlichen Ergüssen von anti-amerikanischen bzw. anti-kapitalistischen Klischees veranlaßt. Ob das auch jemand liest? Man weiß es nicht ….

Digenis Akritas
4 Stunden her

Die USA überzeugen nicht mehr so wie früher! Die militärische Stärke ist voller Schwächen. Hinzu kommen innenpolitische wie demografische Probleme und…wer kommt nach Trump? Sicher, sie sind freier als Europa und wer was kann, ist dort noch gut aufgehoben. Sicher auch: China ist eine Supermacht ohne nennenswerte Kampferfahrung, militärisch ein unbeschriebenes Blatt.

Punti
4 Stunden her

Und könnte man diese starke Absenkung der Staatsausgaben für einen Minderbemittelten wie mich bitte einmal anhand der Finanzierungssalden der Sektoren VGR darstellen? Dann verstehe ich es vielleicht auch.

Schwabenwilli
5 Stunden her

Es wird immer nur über Kapitalflucht oder Investitionen gesprochen.
Was ist mit der unkontrollierten Migration aus islamischen Ländern deren Menschen ein völlig anderes Werte, Moral und Leistungsverständnis mitbringen.
Das ist die Voraussetzung für eine prosperierende Wirtschaft. Kein Wunder das China dem ablehnend gegenüber steht. Unabhängig davon hat China wirklich andere Probleme als Bspw die USA und das Hippie Europa.

Konradin
5 Stunden her

Ob der Artikel Wunschdenken ist, wird die nahe Zukunft zeigen. China ist nach nahezu allen internationalen Studien in sämtlichen Hochtechnologie-Branchen weltweit führend. Einzig Halbleiter/Microchips sowie die Finanzmärkte werden (noch) von den USA dominiert. Aber auch hier steuern China bzw. die BRICS-Staaten gegen. Eigene Finanz- und Zahlungsverkehrssysteme abseits der US-/westlichen Dominanz sind im Entstehen und wurden zum Teil bereits erfolgreich etabliert. Just heute schrieb die „Welt“: „Chinas Auslandsinvestitionen sind weit umfangreicher als bisher gedacht, zeigt eine aktuelle Studie“ Das Militär China, insbesondere die Marine, wachsen rasant, quantitativ wie qualitativ. Die Anzahl der Atomsprengköpfe nähert sich rasant US-amerikanischen bzw. russischen Größenordnungen. China… Mehr

Sidon
2 Stunden her
Antworten an  Konradin

Es sind nicht nur die hochentwickelten freien Finanzmärkte der USA, die den Wettbewerbsvorteil gegenüber China bewirken, sondern das freiheitliche Denken und Handeln der Amerikaner in Gesellschaft und Wirtschaft im allgemeinen. Freie Individuen sind im Endeffekt Kollektiven immer überlegen. China ist eine kollektivistische Gesellschaft, die auf Kontrolle baut.

Konradin
1 Stunde her
Antworten an  Sidon

Offensichtlich ist China sehr erfolgreich. Vor 30 Jahren war es noch ein Entwicklungsland. Heute in nahezu allen Branchen technologisch weltweit führend – deutlich vor EUropa, teils vor den USA. Und das ohne „freies Denken“? Nur mit der Kodak-Kamera auf Ausstellungen und Messen? I´m not convinced, lieber Mitforist. Die müde Geschichte von den Chinesen und den Ameisen bzw. von den Borg (Chinesen) und der Enterprise/United Federation of Planet (USA) greift eher zu kurz. Das kommt mehr aus den Pentagon-gesponserten Propagandaskripten Hollywoods oder kulturanthropologisch getriggerter Feuilletons verunsicherter Systemintellektueller in EUropa. Ganz einfach: Follow-the-money: Hedgefonds-managende Multimilliardäre wie David Tepper (24 Mrd. schwer) &… Mehr

Michael Palusch
6 Stunden her

Wirft Europa Explodierende Staatsschulden… vor, aber preist die USA über den grünen Klee! Die Realität sieht so aus (https://www.gold.de/staatsverschuldung-usa/#staatsverschuldung-usa-entwicklung): Staatsverschuldung USA: 39 Billionen $ Staatschuldenquote USA: 125% Staatsverschuldung Deutschland: 2,7 Billionen € Staatsschuldenquote Deutschland: 63,5% Allein für Zinsen zahlen die USA pro Jahr über 1 Billion $. Hinzu kommt, und das spiegelt sich im Schuldenwachstum wieder, dass die USA für ihr Militär pro Jahr noch einmal etwa den gleichen Betrag ausgeben. Nur zur Erinnerung: Militärausgaben sind Staatskonsum. Eine „Säule“ der Vorherrschaft der USA ist die …Fähigkeit zur Finanzierung hoher Staats- und Militärausgaben Für Europa und Deutschland ist jedoch die drastische… Mehr

Last edited 6 Stunden her by Michael Palusch
Peter Pascht
6 Stunden her

Seine These? China wird die USA nicht überflügeln; Europa bleibt lediglich die Statistenrolle.
Das ist keine These,
sondern eine schlichte banale Festellung der Realität der Fakten.
EU – eine Chimäre aus Deutschland – um ihr „Nazi“ Trauma zu beruhigen.
Engländer kein Interesse – Franzosen National Chauvinismus
Das was China heute im fortgeschrittenen Industriesektor ausmacht,
ist gestohlene Technologie. – viel eigene Substanz steckst da nicht drin.
KfZ – von den Deutschen – habe selber ganze Produktionslinien und Produkte nach Indien und China verlagert
Mikro-Chip – von den Franzosen, usw.
Aber alles nur mit billigem kommunistischen Niveau nachgebaut –
Qualität Null.

Thomas
4 Stunden her
Antworten an  Peter Pascht

Der Kuka Verkauf nach China ist ein trauriges Beispiel des deutschen Irrwegs.

Johny
2 Stunden her
Antworten an  Peter Pascht

Sagen Sie mal, welcher Staat hat noch nie fremde Erfindungen/ Technologie für seine Zwecke verwertet und weiterentwickelt? Die Deutschen u.a. die englische Dampfmaschine & Teslas Wechselstrom, die Amis waren mit der Nutzung von Brain Drain schon immer an der Spitze. Wernhers von Braun Raketentechnik und alles, was sie im Deutschen Patentamt 45 vorgefunden haben, wurde geholt. Jeder kopiert von anderen ab, schon immer!

littlepaullittle
6 Stunden her

Europa hinkt im BIP den USA nach: 20 Bio USD versus 30 Bio USD
…..
Bei 450 Mio Einwohnern in Europa versus 350 Mio Einwohnern in USA.
Wir füttern viele durch.