CDU-Wirtschaftsrat fordert Sozialstaatsreform – und setzt bei Arbeitnehmern an

Der CDU-Wirtschaftsrat fordert eine ordnungspolitische Wende mit Steuersenkungen und spürbaren Kürzungen im Sozialetat. Doch handelt es sich bei dem Reformansatz um einen Angriff auf die Arbeitnehmer. Diese sollen auf Leistungen verzichten, um den Status quo des angeschlagenen Umverteilungssystems zu verteidigen.

picture alliance / Shotshop | marcus
Ein Vorschlag des CDU-Wirtschaftsrates: Zahnbehandlungen für gesetzlich Versicherte streichen

In Teilen der Union regt sich erstmals die vorsichtige Idee einer Konterbewegung gegen die jahrelange ideologische Regression ins links-grüne Milieu. Am Wochenende forderte auch der CDU-Wirtschaftsrat Reformen und präsentierte eine Agenda für Arbeitnehmer. Kern der Initiative soll eine Deckelung der Sozialabgaben sein.

Doch Vorsicht: Der Vorstoß ist eine Mogelpackung. Leistungsempfänger werden verschont, Beitragszahler um Leistungen betrogen. „Mehr als drei Millionen Arbeitslose sind ein unmissverständliches Signal, dass die Politik jetzt endlich alles tun muss, um das soziale Aufstiegsversprechen zu erneuern und Wachstumskräfte zu entfesseln“, forderte der Generalsekretär der Organisation, Wolfgang Steiger, in der Bild am Sonntag.

Das klingt vernünftig. Doch passt es nicht in den deutschen politischen Diskurs, der sich auf die bedingungslose Verteidigung des Wohlfahrtsstaates verengt hat. Zudem verschleiert Steiger den inhaltlichen Kern seiner Reformvorschläge. Anders gesagt: Der Wirtschaftsrat liefert denen Argumente, die Leistungskürzungen bei Arbeitnehmern fordern, um unter keinen Umständen jenen ans Leder zu gehen, die gar nichts leisten. Das entspricht ziemlich präzise der Regierungslinie.

Das Positive vorweg: Zu den Kernforderungen des Wirtschaftsrates zählt ein späteres Einsetzen des Spitzensteuersatzes ab 70.000 Euro Jahresbrutto, die Einführung eines automatischen Inflationsausgleichs bei der Einkommensteuer sowie die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Zudem soll die Körperschaftsteuer unmittelbar auf 25 Prozent abgesenkt werden. Das sind wünschenswerte Maßnahmen im Hochsteuerland Deutschland.

Doch kommen wir zu den eigentlichen Reformideen. Zunächst einmal soll das Arbeitslosengeld künftig grundsätzlich nur noch ein Jahr lang ausgezahlt werden, dann erfolgt die Abstufung innerhalb der Sozialkaskade. Wozu man künftig in ein Arbeitslosenversicherungssystem einzahlen soll, das einen dann schneller abstürzen lässt, kann wohl auch Steiger nicht erklären. Besonderer Aufreger im Kürzungsreigen: Zahnbehandlungen sollen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen werden. Unfassbar – eine offene Kampfansage an die Arbeitnehmer und das gesamte Versicherungsprinzip.

Unbestritten bleibt: Deutschland steht unter wirtschaftlichem Druck und muss seinen Wohlfahrtsstaat an die neuen ökonomischen Gegebenheiten anpassen.

Nach Jahren dramatisch fallender Industrieproduktion, unkontrollierter Armutszuwanderung und steigender Belastungen für das Sozialsystem verteilt sich das schrumpfende Bruttoinlandsprodukt auf immer mehr Köpfe. Die Folge: eine spürbare Armutsspirale, die sich nun auch in offiziellen Arbeitslosenzahlen von über drei Millionen niederschlägt. Da sind Reformen überfällig, keine Frage. Remigration? Ausgeschlossen. Hartes Grenzkontrollregime? Auf gar keinen Fall.

Um vor der Öffentlichkeit den Schein zu wahren und die Schwere des Problems zu verschleiern, wird ein erheblicher Teil der Arbeitslosigkeit in neue Beschäftigung im öffentlichen Dienst sowie in Kurzarbeit verschoben. Allein im vergangenen Jahr wuchs der öffentliche Dienst um 200.000 Mitarbeiter.

Erinnern Sie sich noch an die Worte von Bundeskanzler Friedrich Merz mit Blick auf die Überbürokratisierung des Landes? Um 25 Prozent sollten die Lasten für den Mittelstand reduziert werden, die aus dem Bürokratiewahnsinn entstehen. Acht Prozent des Personalbestands wollte man einsparen. Doch offenbar hat man die Wucht des ökonomischen Verfalls unterschätzt, den die grüne Transformation inzwischen losgetreten hat. Der öffentliche Dienst wird Schritt für Schritt zu einem mit Steuergeld subventionierten Ersatzarbeitsmarkt umfunktioniert.

Deutsche sollen mehr leisten

Für Bundeskanzler Friedrich Merz und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder stellt sich die ökonomische Lage im Land derweil ein wenig anders dar. Für beide ist es in erster Linie die Leistungsverweigerung der Deutschen, die letzten Endes wohl zur Krise führte. So muss man die von beiden wiederholt vorgetragene Forderung nach Ausweitung der Arbeitszeit wohl deuten.

Man fragt sich allerdings, woher die Arbeitsplätze kommen sollen, die der Staat durch seine Regulierungswut unter dem schlimmen Stern des Ökosozialismus systematisch eliminiert. Nirgendwo werden Unternehmen und Bürger so stark belastet wie am Standort Deutschland, der zusätzlich zur allgemeinen Bürokratie noch die Dreingabe einer veritablen Energiekrise zu verkraften hat.

Es passt schlicht nicht mehr zusammen, einerseits meritokratische Werte und Leistung vom Bürger einzufordern und zugleich die Ökonomie in eine grün-militärische Kommandowirtschaft mit wachsendem Sozialapparat umzubauen, wobei dann bei denen gespart werden soll, die das Ganze finanzieren.

Die stetige Erosionsarbeit dieser Politik enthüllt ihre Folgen sichtbar in der deutschen Industrie, die seit 2018 – je nach Sektor – zwischen 15 und 20 Prozent ihres Produktionsvolumens eingebüßt hat. Die gesamtwirtschaftliche Produktivität befindet sich im Rücklauf. Von privatwirtschaftlichen Investitionsinitiativen ist weit und breit nichts zu sehen. Unternehmen suchen das Weite und ziehen andere Standorte, wirtschaftsfreundlichere Regionen, dem Katastrophenregime Deutschlands vor.

Sozialpolitik der Marke Merz

Während der CDU-Wirtschaftsrat Kürzungen bei den Beitragszahlern fordert, führte die Regierungskoalition vor wenigen Wochen der Öffentlichkeit eindrucksvoll vor Augen, wie sie sich Reformarbeit am Weltsozialamt Deutschland konkret vorstellt – exemplarisch vorexerziert am Posten des Bürgergelds.

Das über 55 Milliarden Euro teure Bürgergeld wurde ohne substanzielle Kürzungen lediglich in Grundsicherung umetikettiert, obwohl ein großer Anteil an Migranten fließt. Die Umbenennung ändert nichts am Volumen der Ausgaben – der Effekt bleibt derselbe, das Weltsozialamt besteht fort. An das heiße Eisen der entgleisten Migrationsschwemme traut sich in der Berliner Blase niemand heran. Und die Arbeitnehmer im Land verfügen genauso wenig über politische Advokaten wie der gewerbliche Mittelstand – da lässt sich eine leichte Ernte einfahren.

Dass Friedrich Merz derweil bei seinem großen Projekt der Fortsetzung von Angela Merkels grüner Transformation angesichts der katastrophalen Entwicklung der öffentlichen Haushalte auf Zeit spielt, ist offensichtlich. Zeit bedeutet, wie so oft auch in diesem Falle, eine Menge Geld. Und soziale Gerechtigkeit sieht für den Kanzler und seine sozialdemokratischen Mitstreiter konkret so aus, dass man künftig den Erben von Familienunternehmen tiefer in die Tasche greift, die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer weiter in die Höhe schraubt und den absurden Klima-Ablasshandel über CO₂-Zertifikate auf die Spitze treibt.

Das politische Wieselwort der sozialen Gerechtigkeit kann jeder für sich aus eigener ethischer Perspektive interpretieren. Die Bundesregierung hat auf dieses Problem längst eine Antwort gefunden: Diejenigen, die ohnehin schon den Karren ziehen, bekommen einfach noch einige Steine zusätzlich aufgeladen.

Unterm Strich bleibt es dabei: Im Prinzip herrscht zwischen den Koalitionsparteien Einigkeit über den Kurs, einen immer weiter wachsenden deutschen Wohlfahrtsstaat zu betreiben, der inzwischen beinahe 32 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung für sich in Anspruch nimmt. Die dazugehörige Umverteilungsbürokratie, verstärkt durch die Migrationsindustrie und den Verwaltungsapparat der grünen Transformation, wird konsequent weiter ausgebaut.

Verkantete Debatte

Angesichts der Forderungen der Parteigranden Merz und Söder nach einer neuen Arbeitsmoral unter den Arbeitnehmern warnt der CDU-Arbeitnehmerflügel derweil vor einer Verzerrung der sozialpolitischen Debatte und einer generellen gesellschaftlichen Überhitzung. Doch auch die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) bleibt konkrete Reformvorschläge für das deutsche Sozialwesen schuldig.

Auf die Ergebnisse der von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) vorgelegten Sozialstaatskommission kann man getrost verzichten. Es handelt sich letztlich um ein schlichtes Weiter-so, garniert mit einigen Digitalisierungsphrasen und administrativen Vereinfachungen für Transfergeldempfänger, um möglichst reibungslos an die Zuwendungen zu gelangen. Niemand wagt sich daran, den gigantischen Umverteilungsapparat auch nur um ein Jota zu kürzen.

Dabei liegt die Lösung für das deutsche Problem auf der Hand: eine ordnungspolitische Wende zurück zur Marktwirtschaft, harte soziale Einschnitte für Leistungsverweigerer, die kurzfristig schmerzen, und die zwingend einhergehen müssen mit dem Ende der Politik der offenen Grenzen. Deutschland hat sich sichtbar übernommen, und der Titel des Moralweltmeisters wird die Bevölkerung nicht vom ökonomischen Abstiegspfad abbringen können.

Private Investitionen müssten her. Das gesamte Regulierungswerk der grünen Transformation gehört auf die Deponie gescheiterter politischer Machwerke, die am Ende nichts anderes hervorbringen als Günstlingswirtschaft, politische Machtakkumulation und eine breite Schneise ökonomischer Zerstörung.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 41 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

41 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Helfen.heilen.80
4 Tage her

Das Thema Zahnmedizin ist in dieser Gesellschaft ein neuralgischer Punkt, vermutlich auch wegen seiner sublimen Funktion eines individuellen Wohlstandsindikators. Soll hier dicke Luft erzeugt werden?
Soweit ich weiß liegen die Kosten dieses Sektors hinter denen der Ophthalmologie (Augen).
Ich fände es ungleich naheliegender bei Krankenkassenkosten zu privatisieren, die auf Selbstverschulden beruhen. Warum sollte jemand nicht selbst für eine Therapie aufkommen, wenn er ehemaliger Straftäter z.B. von sozialpsychologischen Therapeutenteams eine Sozialisierungstherapie und Anti-Aggressionstraining erhält? Sehe ich gar nicht ein, dass das von meinen Beiträgen mitbezahlt wird.

andreashofer
4 Tage her

An das heiße Eisen der entgleisten Migrationsschwemme traut sich in der Berliner Blase niemand heran“ Nein. Die Migrationsschwemme ist das wichtigste Eisen im Feuer, um den Sozialstaat abzubauen. Mehr Migranten = mehr Arbeit für die Arbeitnehmer = mehr private Vorsorge. Die Rente z.B. ist doch ein Billionenmarkt! Und das ist auch ein Grund für die Brandmauer: Dieser Billionenmarkt muss erschlossen werden und darf nicht durch ein staatlich organisiertes Sozialsystem versperrt werden!

yeager
5 Tage her

Mehr Steuern, weniger Leistungen seitens des Staats für diejenigen die diese Steuern entrichten. Und natürlich wird bei den Sozialausgaben genau da gespart, wo es gegen Arbeitnehmer geht.
Aber so lange diese Arbeitnehmer mehrheitlich weiter CDU, SPD oder anderen grün-linken Parteien ihre Stimme geben haben die auch nichts besseres verdient.

Mr.Bolp
5 Tage her

Das Rückgrat der Deutschen wird schon in der Schule gebrochen, wo sie mit linksgrünem Gedankengut von bewunderungsbedürftigen Lehrern infusioniert werden. Dementsprechend ist es folgerichtig dass die Deutschen jubeln, wenn sie auf Kosten ihrer Kinder und Enkelkinder das Sozialamt der ganzen Welt sein dürfen. Die Belastung kann glaube ich gar nicht groß genug sein. Außerdem will man ja Frieden im Land haben, und das Aggressionspotenzial von Teilen der neuen Mitbürger ist riesig. Wenn es keine Zuwendungen mehr gibt, könnte es schwierig werden. Wo ist die Selbstachtung der Deutschen eigentlich auf der Strecke geblieben?

Berlindiesel
5 Tage her

Wieso schreiben auf einmal bei TE so viele ehemalige Linke bei TE? Thurnes, Kolbe… wo sonst kann man sparen als bei den Leistungsempfängern? Meine Vorschläge: Keine Rente oder Pension mehr für Kinderlose, sondern nur noch ein Alterssozialgeld Vollständige Transparenz der Kassenleistungen, indem jeder gesetzlich Versicherte einen Kostenbescheid erhält, so wie bei privat Versicherten Keine kostenlose Arztversorgung für Ausländer, auch nicht aus der EU, auch nicht verkappt über die Notaufnahmen der Krankenhäuser Kein Kindergeld mehr an Ausländer für Kinder im Ausland Größere Operation für über 80jährige keine Kassenleistung mehr, sondern nur privat. Wer alt wird, muss dafür vorsorgen, entweder durch sparen… Mehr

andreashofer
4 Tage her
Antworten an  Berlindiesel

Keine Rente für Kinderlose? Gerne: Zahlen sie mir meine Rentenbeiträge zurück?

OJ
5 Tage her

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland 23. Mai 1949 regierten und regieren ausschließlich, ohne Ausnahme SPD und CDU/CSU.
RENTNER, mit Abstand die größte Wählergruppe, wählen seit Gründung der Bundesrepublik in der Masse SPD und CDU/CSU.
RENTNER sind in der Masse politisch und wirtschaftlich ungebildet.
RENTNER, in der Masse,
generieren ihre Informationen ausschließlich aus dem ÖRR (ARD/ZDF).
Jetzt raten sie mal, wer die Schuld an der ganzen Misere trägt❓
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es bei der nächsten Bundestagswahl Anfang 2029 genauso sein ❗
Machen sie das Kreuz einfach nur an der richtigen Stelle, es gibt nur eine richtige Stelle.

Axel Fachtan
5 Tage her

Dass der Sozialstaat zerstört ist hat damit zu tun, wie die Union seit 1994 gehandelt hat und wie sie weiter handelt. Es ist keine Laune der Natur, dass Deutschland implodiert. Sondern es ist die Folge der Politik der Union über Jahrzehnte. Jahrzehntelang hat die Union Deutschland systematisch und dauerhaft zerstört. Alle Substanz, die unsere Vorfahren und auch Ludwig Erhard Adenauer u.v.a.m. zwischen 1945 bis 1990 geschaffen haben, ist zerstört worden. Neues wächst hier nicht. Eine funktionierende Demokratie und ein funktionierender Sozialstaat setzen eine Mittelschicht und einen Mittelstand voraus, der gute Rahmenbedingungen hat. Die waren im Wesentlichen bis 1990 gegeben. Deutschland… Mehr

Edward S.
5 Tage her

So läuft das in einer Räterepublik.

OJ
5 Tage her

Liebe MEHRHEIT der Rentner , da sie seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland immer SPD und CD/CSU wählen, tragen sie die Verantwortung. Mit ihrer Stimmabgabe legitimieren sie die SPD und CDU/CSU in ihrem Sinne zu handeln. Damit haben sie sich für alle großen Probleme, welche die Politik geschaffen hat, verbürgt❗

GrafZahl04
5 Tage her

Ich stelle mir gerade Innenminister Herbert Reul vor, wenn die Neu Deutschen aufgrund von Leistungskürzungen so randalieren wie in französische Städte….
Ich finde es aber prima, dass solche Diskussionen vor Landtagswahlen aufkommen. Die Ohrfeige sollte hoffentlich als nur mehr wir haben verstanden die Folge haben.