Vertraute Technologien gelten nur noch als große Gefahren

Eigentlich reichen eigentlich ein durchschnittliches schulisches Wissen in den Naturwissenschaften und etwas selbständiges Denken aus, um erkennen zu können, dass alle gegenwärtig auf unserer Erde lebenden Menschen dieses dekarbonisierte und voll erneuerbare Nimmerland nicht erleben werden, von dem die üblichen Verdächtigen unbeirrbar weiter reden.

Glücklicherweise hatten sich einstmals die Gegner der ersten Eisenbahn mit ihren Befürchtungen nicht durchsetzen können, der Mensch müsse sterben, wenn er mit mehr als 30 Stundenkilometern vorwärts bewegt würde – denn sonst gäbe es heute ja keine Eisenbahnen.

Der industrielle Gebrauch von fossilen Energieträgern seit Beginn der Industrialisierung hat im Gegenteil unser Gesundheitswesen, unsere individuelle Lebenserwartung, unseren Lebensstandard, die Verfügbarkeit und die Qualität von Lebensmitteln, das Transportwesen, die Kommunikation und die allgemein für jedermann verfügbaren Technologien revolutionär und nachhaltig verbessert.

Im Angesicht der geplanten Dekarbonisierung unserer Welt sollten wir also nicht vergessen, dass sich durch die Industrialisierung die durchschnittlich pro Kopf verfügbare Energiemenge vom 18 bis 24-fachen des menschlichen Grundbedarfs in vorindustriellen Zeiten auf das heute 70 bis 80-fache vervielfacht hat. Auch unsere statistische Lebenserwartung hat sich durch die Industrialisierung in etwa verdoppelt, und all das beruht zwingend auf der Nutzung fossiler Energieträger.

Wir können unser Leben nur vor tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahren schützen, wenn wir diese ganz aus unserm täglichen Leben verbannen, und das wird bis heute auch immer wieder versucht.

Und eine solche „Vorsorge“ wird üblicherweise sehr selektiv und weltanschaulich betrieben. Beispielsweise scheinen die schärfsten Raucherhasser offenbar alle Alkoholiker zu sein. Denn die EU schreibt zwecks paternalistischer Erziehung von „analphabetischen“ Bürgerinnen und Bürgern jenseits von 18 Jahren inzwischen Horrorbildchen auf Zigarettenpackungen vor, für alkoholhaltige Getränke aber gibt es keine entsprechende Warnung. Dabei reden sich unsere EU-Politiker ja nicht nur gerne an irgendwelchen Traumwelten besoffen, sondern es soll auch schon vorgekommen sein, dass einige von ihnen besoffen öffentliche Reden gehalten haben. Es wäre also durchaus angebracht, solche Horrorbildchen auch für EU-Champagnerflaschen vorzuschreiben, beispielsweise mit abschreckenden Bildchen von besoffen grinsenden EU-Politikern.

Tatsächlich hat jede Technologie auch ihre Gefahren und alle technischen Gefahren in unserem Lebensumfeld können wir gar nicht beseitigen, es sei denn, wir beamen uns in die Steinzeit zurück – und werden dort dann „ganz natürlich“ von einem Höhlenlöwen gefressen. Allein im Straßenverkehr starben 2010 in Deutschland 3.648 Menschen, und den könnte man rein theoretisch sogar noch verbieten. Dagegen gab es aber mehr als doppelt so viele Tote (7.533) durch Unfälle im Haushalt, und den kann man nun mal leider gar nicht verbieten.

Auf unseren Haushaltsgegenständen und –geräten fehlen also schon einmal all die bunten EU-Warnbildchen für Analphabeten. Aber dankenswerter Weise macht sich die EU-Bürokratie immerhin große Gedanken um den Stromverbrauch von Haushaltsstaubsaugern, deren Leistung per EU-Verordnung in Zukunft sogar noch weiter eingeschränkt werden soll.

Es bleibt hier aber einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass in Deutschland jährlich etwa ebenso viele Selbstmorde verübt werden, wie es insgesamt Opfer im Straßenverkehr und bei Haushaltsunfällen gibt. Wikipedia gibt für 2013 die Suizidrate für Deutschland mit 12,5 pro 100.000 Einwohner an, was dann etwa 10.000 Suizide ergibt.

Nein, einen EU-Warnaufkleber für alle EU-Bürger fordere ich hier ausdrücklich nicht, denn am Ende stehen hier individuelle Technologieängste gegen eine statistisch nahezu verdoppelte Lebenserwartung. Aber gerade die kleinste Gruppe, die der Verkehrsopfer, wird dann immer wieder als drängendes Argument für irgendwelche ideologisch verschärfenden Maßnahmen im Straßenverkehr herangezogen, ohne überhaupt einen direkten Beweis über die Wirksamkeit solcher Maßnahmen erbringen zu wollen oder zu können. Dabei gibt die WHO für das Jahr 2013 die durchschnittliche Sterberate im Straßenverkehr für ganz Europa mit 10,3 auf 100.000 Einwohner an.

Auf Deutschland bezogen bedeutet dieser europäische WHO-Durchschnittswert für 2013 dann theoretisch 8.240 Verkehrsopfer oder mehr als eine Verdoppelung gegenüber der tatsächlichen Opferzahl – und das bei immer noch (teilweise) freier Fahrt auf deutschen Autobahnen …

Es haben sich bei uns jetzt aber diejenigen durchgesetzt, die eine friedliche Nutzung der CO2-freien Kernenergie verdammen. Sie haben sich in einem solchen Umfang durchgesetzt, dass selbst unser sogenannter „Atommüll“, der weitgehend aus funktionsfähigem Kernbrennstoff besteht, „endgelagert“ werden muss. Und weil diese „Endlagerung“, die in Wahrheit nur eine Zwischenlagerung sein kann, über hunderte von Generationen andauern wird, drischt man publikumswirksam mit hoch moralischen Argumenten weiterhin auf diese unerwünschte Technologie und ihre Protagonisten ein.

Nach dem Atomausstieg bleibt der radioaktive Abfall
Mit dem Atommüll intelligent umgehen - ja bitte
Und deshalb wird auch eine bereits existierende, weiterentwickelte Reaktortechnologie zur radioaktiven Verbrennung unseres Atommülls, und zwar innerhalb eines Zeitraumes von wenigen Generationen, präventiv schon einmal ganz aus der gesellschaftlichen Diskussion über die „Atommüll-Problematik“ ausgeklammert. Ein selbsterlöschender Atomreaktor zur Erzeugung elektrischer Energie, der kein Druckgefäß benötigt und keinen „Atommüll“ hinterlässt, sondern sogar noch welchen „frisst“, wäre eigentlich ein genialer Wurf zur CO2-Vermeidung.

Aber haben Sie schon einmal irgendetwas vom Dual-Fluid Reaktor gehört? Hier können Sie sich bei Bedarf gerne darüber informieren: http://www.kaltesonne.de/klima-alchemie/, dort im 2. Teil, oder direkt beim Erfinder: http://festkoerper-kernphysik.de/dfr

Das eigentliche Problem mit der Atomkraft in unserem Land wird sich daher auch gar nicht lösen lassen. Denn wer will schon ein atomares Endlager direkt vor seiner eigenen Haustüre haben, wenn er bereits panische Angst vor Fracking irgendwo in weit entfernten Öl- oder Gaslagerstätten hat?

Wir haben uns hier in Deutschland zu einer zutiefst technophoben Wohlfühl- und Freizeitgesellschaft zurückentwickelt, in der die Verteufelung des Bekannten und der kindliche Glaube an das Unbekannte fröhliche Urstände feiern, aber unsere industrielle Wertschöpfung keine Rolle mehr zu spielen scheint.

Wenn es um bekannte konventionelle Technologien geht, spricht man in unserem Land nämlich nur noch von Problemen und Risiken. Bei den sogenannten „nachhaltigen“ Technologien zur vorgeblichen „Rettung des Weltklimas“ durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) nimmt man dagegen alle ökologischen und ökonomischen Auswüchse klaglos als gottgegeben hin, die Verschandelung unserer Kulturlandschaft, den hundertausendfachen Tod von Vögeln und Fledermäusen und die exorbitanten Subventionen, die uns dafür per Gesetz als indirekte Steuerlast direkt aus den Taschen gezogen werden – und das alles ohne irgendwelche EU-Warnhinweise mit bunten Horrorbildchen. Stattdessen sind bei der Umsetzung des EEG ungebremster Glaubenseifer und das „Prinzip Hoffnung“ Bürgerpflicht.

Man hofft kritiklos auf technologische Wunder, die dann im Irgendwann Berge versetzen und physikalische Gesetze sprengen sollen – wenn wir alle nur ganz fest daran glauben. Irgendwann wird es einmal in ganz Europa genügend Windkraftanlagen geben, um daraus einen ausreichenden und ständig konstanten Stromertrag zu erzielen, irgendwann wird es bezahlbare Speicher geben, um für windarme Zeiten Vorsorge treffen zu können und irgendwann einmal werden erneuerbare Energien viel billiger sein als die konventionell erzeugten. Aber wir haben ja Glaubensfreiheit und der Glaube stirbt bekanntlich zuletzt; man darf, man muss also immer weiter ganz fest daran glauben …

So werden dann auch immer wieder die Durchschnittspreise an der Strombörse in Leipzig als Beweis für den Erfolg des EEG genannt, den die „bösen“ Stromkonzerne einfach nicht an ihre Endkunden weitergeben wollen. Leider decken diese Durchschnittspreise aber nicht einmal die Selbstkosten der Energieerzeuger ab. Vielmehr ist darin auch der „Abfallstrom“ enthalten, der durch eine EEG-Überproduktion zu Zeiten geringen Stromverbrauchs erzeugt wird und der notfalls sogar kostenpflichtig ins Ausland „entsorgt“ werden muss. Das wirkliche Problem ist nämlich nicht der Kohlestrom, sondern die unvorhersehbare Produktion von Grünstrom; diese „nachhaltige“ EEG-Stromproduktion schwankt sehr viel stärker, als unsere Kohlekraftwerke ihre Stromerzeugung technologisch bedingt daran anpassen können.

Im Widerspruch zu diesen technischen Zwängen hatte der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin in einem Zwischenruf beim Streitgespräch mit Professor Fritz Vahrenholt am 30. November 2015 den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes die angebliche Krux der deutschen Energiewende folgendermaßen zu erklären versucht, Zitat, der Bezug ist in Klammern eingefügt:

Das Problem ist, dass wir die Überproduktion [beim Strom] haben, weil die Kohlekraftwerke schlicht und ergreifend nicht abgestellt werden!

(Quelle Phoenix: Unter den Linden spezial am 30.11.2015, Thema „Der Klimawandel – Das verdrängte Risiko?“, Sendezeit 22:15 Uhr, hier Minute 19:10)

Wir sind inzwischen ja auch intellektuell ein tief gespaltenes Land. Dabei reichen eigentlich ein durchschnittliches schulisches Wissen in den Naturwissenschaften und etwas selbständiges Denken aus, um erkennen zu können, dass alle gegenwärtig auf unserer Erde lebenden Menschen dieses dekarbonisierte und voll erneuerbare Nimmerland nimmermehr erleben werden. Auch ein Herr Trittin dürfte sicherlich ganz genau wissen, dass es im Falle eines Abschaltens unserer Kohlekraftwerke zu einem vollständigen Blackout in Deutschland, wenn nicht gar in ganz Mitteleuropa kommen würde. Eigentlich müsste es also heißen:

Das Problem ist, dass wir schlicht und ergreifend eine Überproduktion beim EEG-Strom haben und die Kohlekraftwerke trotzdem nicht abgestellt werden können, weil sonst alles zusammenbricht!

Bisher hat sich jedenfalls noch niemand getraut, mit einem „Veggieday“ für Kohlekraftwerke den Gegenbeweis anzutreten…

Zum Veggieday für KKWe: http://www.kaltesonne.de/aufgetaucht-aus-den-fluten-lang-vergessene-historische-fotos-lassen-pariser-uberschwemmung-in-anderem-licht-erscheinen/

Uli Weber ist Geophysiker und Publizist.

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