Köln: Die Verwahrlosung der Innenstädte

Weder die offene Drogenszene noch die allgemeine Verwahrlosung des öffentlichen Raums beeinträchtigen das Selbstbewusstsein der Kölner. Doch mittlerweile geben viele Geschäftsinhaber auf, womit sich der Niedergang der Innenstadt beschleunigt. Auch ein renommierter Rewe-Markt steht vor der Schließung.

picture alliance/dpa | Horst Galuschka
Symbolbild

„Der Dom ist großartig!“, betont der Besucher aus dem Ausland pflichtschuldigst und wahrheitsgemäß. Der unsichere Blick verrät die inständige Hoffnung, dass sich der Gastgeber mit dieser Aussage zufriedengeben möge, damit man sich keinen weiteren lobenden Satz über die Rheinmetropole abringen muss.

Denn sobald sich der Blick von den Domtürmen abwendet, bleibt von den Erwartungen, die Touristen hegen, wenig übrig. Schon der kurze Weg von den Gleisen des Hauptbahnhofs zur Domplatte gerät zur olfaktorischen Herausforderung. Der Gestank von Urin ist allgegenwärtig, und wer großes Pech hat, wird Zeuge, wie sich Obdachlose in einem Winkel hinhocken, um sich zu erleichtern.

Offene Drogenszene

Die Schneise der Verwahrlosung zieht sich vom Hauptbahnhof vorbei am WDR-Funkhaus, wo man von den miserablen Zuständen nichts mitzubekommen scheint, Richtung Süden und Südwesten durch einst glänzende Einkaufsstraßen bis zum Neumarkt und darüber hinaus.

Zu allen Tageszeiten trifft man hier auf Drogenabhängige, die umherwanken, manche betteln, andere werden unvermittelt aggressiv, schreien und gestikulieren wild herum. Zerlumpte und verdreckte Obdachlose streifen umher auf der Suche nach einer noch nutzbaren Zigarettenkippe oder einer halbleeren Bierflasche.

Nicht gerade ein attraktives Umfeld, um Kunden anzulocken: Die Innenstadt ist von Leerstand geplagt, Billig-Läden und Pop-Up-Stores prägen das Stadtbild und verdrängen Boutiquen und gehobene Ketten.

Geschäftsinhaber erwägt Abwanderung

In diesem Umfeld ist der Rewe Richrath in der Kölner Opernpassage eine wohltuende Oase: gut sortiert, qualitativ hochwertige – und entsprechend teure – Waren, liebevoll und sorgsam arrangiert. Vieles stammt aus kleinen regionalen Betrieben. Das gastronomische Angebot ist nicht elitär, aber fein. Ein Lebensmittelgeschäft in nobler Lage, das sich perfekt einfügen würde zwischen WDR und Oper.

Doch für den Betreiber des Supermarktes sind die Zustände nicht mehr tragbar. Unter anderem gegenüber dem Magazin „Lebensmittel Praxis“ lässt Lutz Richrath verlauten, dass er erwägt, den Mietvertrag nicht zu verlängern und auf den Stadtrand auszuweichen.

Denn die Kriminalitäts- und Drogenszene, die sich am Neumarkt angesiedelt hat, breitet sich zusehends aus und nimmt mittlerweile auch die U-Bahnstation Appellhofplatz in Mitleidenschaft. Die liegt nur wenige Schritte von Richraths Geschäft entfernt. Gegenüber der Kölnischen Rundschau beklagt er, dass die Ladendiebstähle ein „bedenkliches Ausmaß“ angenommen hätten, die Kundentoiletten musste er schließen, „weil die Süchtigen sich dort ansonsten ihren Schuss setzen“.

Behördliche Schikanen und Baustellenchaos

Auch die Stadt Köln selbst tut ihr Äußerstes, um Unternehmer wie Richrath in die Knie zu zwingen: Als die Filiale 2014 eröffnet wurde, da hieß es noch, dass die Sanierung des Kölner Opernhauses bis 2015 abgeschlossen sein würde. Tatsächlich besteht die Beeinträchtigung des Standorts durch die Großbaustelle bis heute: Nach vierzehn Jahren Bauzeit soll die Oper nun im September 2026 wiedereröffnet werden. Auf der Homepage der Oper findet sich ein kafkaesk absurder Zeitstrahl, der den Fortschritt, oder besser gesagt die Stagnation der Sanierung dokumentiert, inklusive des rasanten Anstiegs des notwendigen Budgets.

Wahrscheinlich um diesen zu kompensieren, verfiel die Stadt darauf, statt den Umbau voranzutreiben, lieber den Rewe-Betreiber Richrath zu schikanieren. Der musste mehrfach hohe Ordnungsstrafen zahlen, weil seine Außengastronomie einen Fluchtweg des Opernhauses versperre – ein Fluchtweg, der seit 2012 nicht mehr genutzt wird, weil der Spielbetrieb aufgrund der Baustelle stillgelegt ist.

Hinzu gesellt sich das allgemeine logistische Chaos: Nach den Römern waren die letzten, die in Köln stadtplanerisch sinnvoll und effizient gebaut haben, die Preußen – ohne die wäre übrigens auch der Dom immer noch nicht fertig. Wer mit dem Auto in die Innenstadt will, wird durch verwirrende, häufig wechselnde und schlecht oder gar nicht ausgeschilderte Verkehrsführung gequält, ebenso wie durch bewusst herbeigeführten Mangel an Parkplätzen und entsprechend horrende Gebühren.

Immer mehr Autospuren müssen Fahrradwegen weichen, zweispurige Hauptverkehrsadern werden in 30er Zonen umgewandelt. Die letzte großartige Idee war, eine Hauptstraße unterhalb des Doms für den Autoverkehr zu sperren – und damit unter anderem ein großes Parkhaus vom Verkehr abzuschneiden. Seit 2023 läuft dieser „Verkehrsversuch“, unbeeindruckt von Protesten gegen derlei logistischen Unsinn. Es sei „fast schneller“, vom Kölner Westen nach Düsseldorf zu gelangen als in die Innenstadt, moniert Richrath. Das ist wohlwollend – man kann davon ausgehen, dass dies an einem Samstagnachmittag nicht nur „fast“, sondern tatsächlich der Fall ist. Wer wiederum den ÖPNV wählt, muss mit ausfallenden und verspäteten Bahnen rechnen, deren Verdreckungsgrad ekelerregend ist.

Richrath will nun abwarten, ob mit der Wiedereröffnung der Oper Besserung eintritt – ansonsten wird mit seinem Rewe-Markt einer der Lichtblicke in der Kölner Innenstadt abwandern.

Das Selbstbewusstsein der Kölner wird auch das nicht erschüttern. Im Gegenteil. Man hält sich sogar für fähig, olympische Spiele auszurichten, an der Spitze einer ganzen Reihe von Kommunen im Rheinland und Ruhrgebiet. Eine sonderbare Mischung aus Hybris und Verdrängungstaktik: Anstatt Großbaustellen, die allesamt teils unter jahrelangen Verzögerungen leiden, zügig zum Abschluss zu bringen, träumt man lieber von einem weiteren Großprojekt, das noch deutlich komplexer ausfallen würde. Wie Gäste aus aller Herren Länder dann auf die heruntergekommene Innenstadt reagieren würden, fragt man sich wohlweislich nicht. Die werden sich schon integrieren und sich das Rheinische Grundgesetz zu eigen machen: Lääve un lääve losse. Das bedeutet eben auch, äußerste Verwahrlosung hinzunehmen.

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