Die Odyssee eines „Corona-Flüchtlings“ nach China

Die 24 Millionen Metropole Shanghai hat nach über zwei Monaten mit „Covid-19“ zu leben gelernt und meldet inzwischen pro Tag weit weniger Neuinfizierte als der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen.

Mundschutz anziehen!“ ruft meine Frau, als wir den ICE in Richtung Frankfurter Flughafen besteigen. Es ist mein erstes Mal und fühlt sich stickig an. Die anderen Passagiere belächeln uns milde. Dann beschlägt durch den gewöhnungsbedürftigen Mundschutz auch noch meine Brille, als ich schließlich die Koffer aus dem Zug schleppe und wir uns auf den Weg zum Check-In-Schalter machen. Flugziel: Shanghai. Die 24 Millionen Metropole, die nach über zwei Monaten mit „Covid-19“ zu leben gelernt hat und inzwischen pro Tag weit weniger Neuinfizierte meldet als der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jene Good News ebenso viral gehen würden, so dass China mittlerweile sein Hauptaugenmerk auf „importierte Coronafälle“ (wie uns) richtet.

Entsprechend strikt sind die Sicherheitskontrollen am Gate, um überhaupt in das Flugzeug gelassen zu werden. Wie aus dem Nichts sitzen überall wartende Passagiere mit Mundschutz. Zwischen Gate und Flugzeug erwartet uns dann eine Sicherheitsschleuse – durchgeführt von der chinesischen Fluggesellschaft. Es sollte nicht die letzte gewesen sein. Zwei „Astronauten“ in Ganzkörperschutzbegleitung messen den Passagieren an der Stirn die Körpertemperatur und winken sie entweder durch oder weisen sie zurück. Als wir als eine der letzten durch die Schleuse gehen, schauen uns mehrere Dutzend Passagiere hinter einer Absperrung entgegen. Bei ihnen wurden mehr als 37,0° gemessen. Zustieg verwehrt. Ich gehe nervös nach meiner Frau durch die Kontrolle. 36,7°. Geschafft. Auf dem Weg zum Flugzeug ziehe ich meinen Mundschutz noch einmal zurecht und die Kapuze meiner Regenjacke bis zur Stirn.

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Der Weg zum Platz ist verstörend. Einige Passagiere tragen Schutzbrillen, andere große Sonnenbrillen, jemand gar eine Art Schweißerbrille, viele Gummihandschuhe. Mundschutz ist hier Standard. Zwei Kinder schauen mich in durchsichtigen Ponchos mit großen Augen an. „Halt, warte!“ Meine Frau desinfiziert hektisch aber akribisch mit einem feuchten Tuch unsere Sitze, Klapptische und Monitore, bevor wir Platz nehmen. Die „Astronauten“ wandeln weiter durch die Kabine und messen jedem noch mal die Temperatur – diesmal im Handgelenk. Plötzlich höre ich Kindergeschrei und sehe, wie eine Mutter aus dem Flugzeug begleitet wird, während ihre beiden Kleinkinder und ihr Mann zurückbleiben. Später erfahre ich, dass das Fieberthermometer bei ihr einen Wert von 37,1° angezeigt hat.

Mit drei Stunden Verspätung hebt schließlich das Flugzeug ab. Aus Sicherheitsgründen werden einzeln in Kunststofffolien abgepackte Speisen serviert – also Brötchen, Muffins, Müsliriegel. Die Passagiere essen freiwillig zeitversetzt, um nicht gleichzeitig ihren Mundschutz abnehmen zu müssen. Auch Getränke gibt es nur aus kleinen Tetrapak-Verpackungen oder Kunststoffflaschen. In Zeiten von Corona trinkt man mit Röhrchen – ebenso aus hygienisch praktischem Plastik. Will uns Brüssel das nicht alles verbieten? Die Passagiere werden gebeten, die Fensterblenden möglichst komplett während des Fluges geschlossen zu halten und zu schlafen. Gefühlt alle drei Stunden laufen die beiden „Astronauten“ durch das Flugzeug und messen jedem die Temperatur. Bei mir zeigt das Gerät beruhigende 36,6°. Schlafen kann ich trotzdem nicht.

Corona und das Ende der Welt ohne Grenzen
Als wir endlich landen, erreicht das Drama seinen vorläufigen Höhepunkt. „Wir bitten als erstes, unsere ursprünglich aus Italien zugestiegenen Fluggäste auszusteigen.“ Es herrscht Totenstille. Aus dem hinteren Teil des Flugzeugs tauchen rund 40 Gestalten auf und ziehen zielstrebig Richtung Ausgang. Die Passagiere in den vorderen Reihen vergraben sich mit ihren Kindern unter ihren Regenjacken, während die Corona-Flüchtlinge aus Italien an ihnen vorbei huschen. „Nun bitte die Fluggäste aus dem Iran.“ Doch niemand ist zu sehen. Sind sie Business geflogen? Endlich sind wir dran und vergessen in dem Verlangen, möglichst rasch den Flieger verlassen zu dürfen, unsere Ersatzjacken mitzunehmen.

Die Sicherheitsschleusen am Flughafen Pudong nehmen die nächste Stufe. Als erstes müssen wir ein Formblatt ausfüllen, um die Aufenthaltsorte der letzten 14 Tage und unseren Gesundheitszustand zu schildern. Bei Falschaussage droht Haft. Jeder Passagier muss sich eine Kontroll-App auf sein Smartphone laden, um identifizierbar und erreichbar zu sein und erhält einen QR Code, den er von nun an als Gesundheits-I.D. überall innerhalb Chinas einscannen muss (z.B. im Taxi, Hotel, Museum). Eine AGB-Klausel zur nachträglichen DSGVO-konformen Zustimmungsverweigerung suchten wir vergebens. Sämtliches Flughafenpersonal ist in weißen Laboranzügen mit Gesichtsschutz gekleidet – das „Astronautenerlebnis“ geht weiter. Auf jeden Pass wird nach dem Ampelsystem ein Sticker geklebt. Grün steht für „keine Quarantäne“, gelb für „Quarantäne zu Hause“ und rot für „Zwangsquarantäne“ in extra zugewiesenen und überwachten Hotels (gilt auch für gelbe Sticker, falls man in Shanghai kein zu Hause hat). Inhaber von Reisepässen mit roten und mutmaßlich auch gelben Aufklebern stehen in einer riesigen weiteren Schlange, um näher ärztlich untersucht zu werden. Dort befinden sich auch die Erstausgestiegenen aus Italien und dem Iran. Unsere Pässe ziert ein grüner Sticker, der uns nach dem gefühlt zwölften Mal Fiebermessen innerhalb der letzten 16 Stunden freien Weg zur Passkontrolle und den Gepäckbändern gewährt. (Seit dem 13. März gibt es übrigens keinen grünen Sticker mehr für Reisende aus dem Hochrisikoland Deutschland.)

Corona-Paradoxien
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Als wir mit unseren Gepäckwagen in die Ankunftshalle fahren, sehe ich überall nur Menschen mit Mundschutz. Das gibt den Leuten ein Sicherheitsgefühl, sich frei bewegen zu können, ohne angesteckt zu werden. In Deutschland hat sich bislang nur die halbe Wahrheit des „Prinzip Mundschutz“ herumgesprochen. Es ist schon richtig, dass ein Mundschutz per se nicht ausreichend schützt, von anderen angesteckt zu werden, sondern nur, dass man selbst andere nicht ansteckt. Es fehlt folglich der Erkenntnis nächster Schritt. Wieso tragen dann wohl alle Chinesen aktuell einen Mundschutz?

Wir haben uns nun freiwillig in eine 14-tägige Quarantäne begeben, um nicht zuletzt unsere hiesigen Freunde und Verwandte zu schützen, die diese Maßnahme letztlich von uns auch erwarten. Immerhin kommen wir aus dem verseuchten Europa. Das Hotel hat unsere Gesundheits-I.D. an die örtliche Polizei gemeldet und überprüft – wie bei allen Hotelgästen – täglich unsere Körpertemperatur. Hier liegt der Grenzwert bei 37,3°, den es nicht zu überschreiten gilt, um nicht weitere ärztliche Untersuchungen einleiten zu müssen. In diesem Falle würden auch unsere Sitznachbarn im Flugzeug über ihren QR Code in ihrer App ermittelt und ebenso näher medizinisch überprüft werden. Und entsprechend unseren Taxifahrer, unseren Hotel-Rezeptionisten oder den Museums-Ticket-Kontrolleur. Oder umgekehrt könnte es uns auch indirekt erwischen. Noch sind wir jedoch freiwillig in Quarantäne, dürfen folglich jederzeit das Hotel verlassen, um uns bspw. mit Essen zu versorgen.

Es ist ein seltsames Bild auf den Straßen Shanghais. Die Stadt erholt sich mühsam von den Folgen von „Covid-19“. Die Schulen sind noch geschlossen, aber die meisten Menschen gehen wieder zur Arbeit. Dieses Wochenende öffnet nach über zwei Monaten der hiesige Zoo zumindest wieder seine Außenanlagen. Weitere Auflage beim Flanieren im Zoo: Mundschutzpflicht, QR Code Angabe sowie eine Abstandspflicht von anderthalb Metern zu anderen Menschen. Diese Abstandsregel macht das Flanieren auf Shanghais sonst so gedrängten Gehwegen gar irgendwie angenehm. Vor allem gegenüber Ausländern wird der Abstand offensichtlich gerne großzügig eingehalten. Ab und zu sticht mir förmlich die Angst aus den Augen meiner chinesischen Mitmenschen entgegen, wenn sie beim Vorübergehen mein blondes Haar bemerken und einen Schritt zur Seite machen. Meine Frau beginnt zu scherzen. „Fühlst du dich auf einmal rassistisch diskriminiert?“ „Wie heißt denn ´was kann ich dafür, dass meine realitätsfremde Bundeskanzlerin nicht mal bei einer bevorstehenden Pandemie die Grenzen schließen will?` auf Chinesisch?“, kontere ich. Sie paraphrasiert: „她不是社会主义民主德国培养的政客吗“ Und ergänzt: „Soll ich uns nach der Quarantäne mal frische Fledermaus oder knuspriges Schuppentier zubereiten?“ Ich lache laut und gebe meiner sarkastischen Frau einen patriarchalen Kuss – selbstredend mit Mundschutz.


Der deutsche Autor ist mit einer Chinesin verheiratet.

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Kommentare ( 10 )

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10 Kommentare auf "Die Odyssee eines „Corona-Flüchtlings“ nach China"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Hoch interessant, das mal so ausführlich zu erfahren. Danke!

Wie ist z.Z. mit deutscher Entwicklungshilfe für China? Wird das Geld rechtzeitig überwiesen?

Ein hochinteressanter Artikel. Besonders gefällt mir das `halbe Prinzip Mundschutz´ und die Desinfektion von Sitzen etc. Die Disziplin dort scheint auch überragend. Ich würde meinen, dass es etwas mit Einsicht in die Notwendigkeit zutun hat und der besonderen Geselligkeit? Was der Eine macht, macht die Andere auch? Jedenfalls trug ich zu einem Termin einen Mundschutz, um die andere Person zu schützen und bat um anschliessende Desinfektion. Es ist eine Frage der Logik, dass eine Handlung, die andere schützt, von allen angewendet auch alle schützt. Und genau davon gibt es nicht ausreichend, von Desinfektionssachen. Das Dankeschöngeld für den Paketboten habe ich… Mehr

Aus dem verseuchen Europa. Aha. Da kann ich nur sarkastisch vermerken:Back to China with love.
Vor zwei Tage kommen noch völlig unbehelligt von Kontrollen Flüge aus dem Iran und anderswo an.
Chinesen lernen sehr schnell, was man von dem hiesigen Pondon nicht behaupten kann.

Das hat uns Ai Weiwei schon in seinen Abschiedsinterviews bestätigt.

Die Selbstbezichtigung von Herrn Lauterbach, dass er das Ausmaß der Krise unterschätz habe und er sich deswegen keinen Zacken aus der Krone bricht, ist gelebte Frechheit. Wenn man sein Versagen nicht mehr vertuschen kann, muß man es verniedlichen. „Da bricht mir kein Zacken aus der Krone“ Ich gehe davon aus, dass Lauterbach vorher von Frau Maischberger über diese Frage an ihn unterrichtet wurde, so das er für seine für die Flucht nach vorne sich bereits vor der Sendung etwas ausdenken konnte. Oder war es sein Imageberater? Die Strategie der Lässlichkeit – also mal ein Nickerchen halten, kann doch jeden mal… Mehr

Toller Artikel, der uns zeigt, wie fahrlässig mit der ganzen Sache in Deutschland umgegangen wird.

Der Artikel zeigt hauptsächlich, was für ein totaler Überwachungsstaat die VR China ist. Die in der aktuellen Situation eingeführten zusätzlichen technischen Möglichkeiten werden mit Sicherheit dort nach dem Ende der Epidemie beibehalten werden. Möchten Sie in einem solchen Überwachungssystem leben? Ich jedenfalls nicht. Desweiteren erinnere ich nochmal daran, dass sich die ganze Chose nie so weit entwickelt hätte, wenn die Behörden in Wuhan die Informationen über das neu aufgetauchte Corona-Virus und die Folgen der Erkrankung für viele Infizierte nicht über Wochen unterdrückt hätten. Den von den chinesischen Behörden veröffentlichten Zahlen schenke ich auch keinen allzu großen Glauben.

Wir sind frei und offen und brauchen das nicht. Sie müssen nur ganz fest glauben, dass das Virus harmlos ist; wer krank wird, war nicht fest genug im Glauben an das Gute (Prinzip der Snake Handlers).

Ich sehe das genau so. Als erstes sollten wir mal unsere sog. sozialwissenschaftlichen Fakultäten aufrufen den Virus ordentlich zu dekonstruieren, und dann mittel der Kraft der Sprache den Diskurs so zusammen zu setzen, daß Corona alsbald in der Realität zurückgetrieben wird. Mir scheint der Weg am effektivsten.