Das Recht in der Krise – Und am Ende kam ich dort an, wo ich nie hinwollte …

In diesen Zeiten einer ideologischen Radikalisierung unserer Gesellschaft singen die beiden christlichen Kirchen im Chor mit linksgrünen Politiker-Innen, die Moral des Neuen Testamentes stünde von nun an über dem Gesetz. Uli Weber mag keinen Fundamentalismus wg. Herrschaftsanspruch.

Uli Weber

Eine meiner ersten Aktionen nach der Rückkehr von einem längeren Arbeitsaufenthalt im Nahen Osten Ende der 1970-er Jahre war der Kirchenaustritt. Nein, Ursache dafür waren nicht die mehrheitlich freundlichen Menschen, an die ich noch manchmal zurückdenke. Beispielsweise erinnere ich mich noch sehr gut an einen etwa 8-jährigen Jungen und ein etwa 6-jähriges Mädchen, die bei über 40 Grad im Schatten eine alte Dodge-Wasserpumpe bewachen mussten und die mich mit erwachsenen Augen um eine Zigarette anbettelten …

Es war die dortige Gesellschaft, in der ich als einfacher Mitbürger ohne meinen „Fremdenbonus“ die christlich-abendländischen Ideale des Neuen Testamentes, beziehungsweise die mir sehr viel näher stehenden Kant’schen Maxime, niemals hätte leben können; es waren die patriarchalischen Strukturen, der strenge Zwang zu Konformität und die enge Verknüpfung von Hierarchie, Macht und Recht – es war ganz einfach die gelebte Realität jenseits meiner basisdemokratisch geprägten Vorstellungswelt, in der menschliches Zusammenleben täglich neu ausgehandelt werden musste.

Fundamentalistischer Glaube und Terrorismus standen damals noch gar nicht auf der Tagesordnung – und auch heute schreckt mich ein ehrlicher religiöser Fundamentalist eigentlich wenig; denn Fundamentalismus ist zunächst einmal nur ein ganz persönlicher Ausdruck der eigenen Religiosität. So hatte ein fundamentalistischer Taxifahrer mittleren Alters meinen Kollegen und mich vor etwas mehr als einem Jahrzehnt durch Kairo chauffiert. Auf unseren schon sehr niedrig angesetzten „lokalen“ Fahrpreis gab er uns dann auch noch Geld heraus. Mir soll jetzt niemand im Ernst erzählen, dass ein religiöser Fundamentalist, der einem Fremdgläubigen unaufgefordert einen ehrlichen Fahrpreis berechnet, diesem am liebsten den Kopf abschneiden würde.

Eine grundsätzliche Gleichsetzung von fundamentalistischem Glauben und Terrorismus erscheint mir daher eher fragwürdig. Es müssen zusätzlich zu einem religiösen Fundamentalismus offenbar auch noch radikalisierende Faktoren hinzukommen und diesen majorisieren, um schließlich Andersgläubige oder Andersdenkende zu Freiwild zu machen, beispielsweise ein jugendliches Alter und ein fanatisches Sendungsbewusstsein für eine bessere neue Welt – und Letzteres findet man recht ausgeprägt auch hier bei uns. Oder sind etwa staatsnahe Blogwarte und unrechtsbefreite Moralaktivisten für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft wirklich nachhaltig zukunftsweisend?

Das wirkliche Problem ist, dass wir in jugendlich radikalisierte Fundamentalisten jeglicher Couleur nicht hineinsehen können. Aber wir sollten ihnen dann wenigstens nicht auch noch verständnisvoll eine beschönigende Opferrolle hinterhertragen, sondern konsequent die Grenzen unseres Rechtsstaates aufzeigen. Aber stattdessen predigen uns in diesen Zeiten einer ideologischen Radikalisierung unserer Gesellschaft die beiden christlichen Kirchen im Chor mit linksgrünen Politiker-Innen, die Moral des Neuen Testamentes stünde von nun an über dem Gesetz …

Fundamentalisten mögen Fundamentalisten

Am Ende muss ich heute also feststellen, dass sich in diesem unserem Lande mit seiner ursprünglich einmal freiheitlich-demokratischen Grundordnung jetzt genau solche Strukturen krebsartig von oben hineinfressen, die ich ehemals nicht akzeptieren mochte. Und ich mag mir überhaupt nicht ausmalen, wie es später einmal aussehen wird, wenn wohlbehütete, ökologisch und genderkorrekt erzogene Wohlstandskinder und -enkel ohne „Fremdenbonus“ ihr Zusammenleben mit Kindern, die viel zu früh erwachsene Augen hatten, täglich neu aushandeln müssen, wie das die Integrationsbeauftragte unserer gewählten Bundesregierung öffentlich von uns fordert – zu finden hier im letzten Absatz.

Auf weltfremd moralisierende Politiker-Innen, auf staatstragende Lücken-Medien und auf die klerikalen Schönredner beiderlei Konfession würde ich deshalb in Zukunft gerne verzichten wollen.

Sie etwa auch?

Aber wenn man sich die Berichterstattung unserer Qualitätsmedien aus den vergangenen Monaten ansieht, dann könnten unsere demokratisch gewählten Bundestagsabgeordneten tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass sie bei der Wahrnehmung ihrer verfassungsmäßigen Aufgaben in den Augen der Bürgerinnen und Bürger alles richtig gemacht haben und die momentane Politik unserer Bundesregierung nur von einer Minderheit am äußersten rechten Rand abgelehnt wird. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt im März 2016 lautete die „brillante“ Wahlanalyse, dass 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler hinter der Flüchtlingspolitik von Frau Dr. Merkel stünden. Daran dürfte auch das aktuelle Ergebnis der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern wenig geändert haben, der überwältigende Zustimmungswert für Frau Dr. Merkel reduziert sich dort lediglich um eine erhöhte Wahlbeteiligung von 10 Prozent …

Kommunikation ist ja keine Einbahnstraße, und vielleicht könnte etwas Kritik aus der bürgerlichen Mitte zu einem Umdenkprozess im Raumschiff Berlin führen. Warum schreiben Sie nicht einfach mal an Ihren Bundestagsabgeordneten? Ihre Wahlkreisabgeordneten finden Sie hier und deren E-Mail Adresse können Sie hier ermitteln. Schließlich wäre es doch nur fair, wenn unsere Bundestagsabgeordneten rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2017 erführen, was die Wählerinnen und Wähler wirklich bewegt – und dass es in unserem Lande nicht nur linientreue Volksgenossen und rechtsextreme Dunkelnazis gibt, sondern auch noch ein paar mündige Damen und Herren Bürger aus der gesellschaftlichen Mitte …

Uli Weber ist Geophysiker und Publizist.

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