Asylpolitik: Der lange Lümmel

Jan Fleischhauer fordert nicht weniger, als dass die Deutschen ihre verheerende Flüchtlingspolitik revidieren müssen, schon aus Solidarität zu Europa.

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Also gut, man sollte nicht gleich von Erlösung sprechen, aber es ist doch der Gnade der späten Kolumne zu verdanken, dass dieser wunderbare Jan Fleischhauer mitten hinein in diesen ansteigenden Deutschland-Verachtungswahn der Augstein-Diez-plus-Stokowski, einen so wunderbar direkten wie unaufgeregt passgenauen Artikel hinlegt. Hut ab vor dem Mann! Und die erweiterte Erkenntnis gleich noch dazu gepackt, dass unter den Blinden nicht nur der Einäugige König, sondern der Zweiäugige Kaiser sein muss.

Aber genug geschwärmt. Was hat Fleischhauer veröffentlicht mitten hinein in diese Deutschland-Apokalypse seiner Kollegen? Unter dem Titel: „Ein Zaun für Europa“ hat er das Unaussprechliche auszusprechen gewagt. Und erstaunlicherweise ist der Himmel nicht über ihm zusammengebrochen. Die Sternbilder haben sich nicht zu Hakenkreuzen formiert und an den Autobahnen wurden keine Erinnerungstafeln für ihren Erbauer angebracht. Im Gegenteil, Fleischhauers Artikel hat das Potenzial die Flüchtlings-Debatte wieder zu erden, aus der Hysterie, aus der Eskalationsspirale der Sprachvergewaltigung zurück zu holen an den Verhandlungstisch.

Jan Fleischhauer fordert in „Ein Zaun für Europa“ nicht weniger, als dass die Deutschen ihre verheerende Flüchtlingspolitik revidieren müssen, schon aus Solidarität zu Europa, gegenüber den Entscheidungen und Willensbekundungen Resteuropas. Ein simpler aber geschickter Schachzug auf Helmut-Kohl’schem Niveau: Deutsche Interessen über den Umweg Europa verkaufen!

Zu Beginn seiner Kolumne stellt der Autor noch einmal klar, dass Entscheidungen der Bundesregierung und der Kanzlerin sehr wohl Auslöser für die Krise waren. Diese schlichte Wahrheit wird ja mittlerweile auch schon von der Kanzlerin selbst vakant gestellt. Eine Amnesie, wenn man nicht Lüge sagen mag. Und der Autor geht noch weiter, wenn er die österreichische Durchreiche-Politik („Heuchlerstaaten“) ebenso kritisiert, wie er darauf hinweist, wie tendenziell gesetzlos das deutsche Vorgehen in der Sache ist: „Es gibt kein Gesetz, das von Deutschland verlangt, diese Flüchtlinge aufzunehmen.“

Anschließend skizziert Fleischhauer seine Lösungsansätze zur Asylpolitik und präsentiert sie in drei ebenso einfachen wie schlüssig nachvollziehbaren Punkten:

„Sie erweisen sich als gute Europäer und schließen sich der Meinung an, dass man den Flüchtlingen den Weg verlegen muss. Sie machen so weiter wie bisher, verzichten aber darauf, von ihren europäischen Nachbarn zu erwarten, dass sie sich an dem Hilfswerk beteiligen. Oder sie versuchen mit aller Macht, den Kontinent nach ihrem Bilde von Humanität zu formen, ohne Rücksicht auf die Verwerfungen, die das mit sich bringt.“

Was gibt es dazu noch zu sagen? Na klar: Wenn wir einen Grenzzaun ziehen, wenn wir unsere Grenze bewachen müssen, dann hat das nichts Vergleichbares mit einer Marsflugmission, dann ist das ebenso einfach oder auch mal komplizierter zu handhaben, wie das in den USA Richtung Mexiko funktioniert oder zwischen Israel und dem Westjordanland. Punkt. Betonung hier natürlich auf „funktioniert“.

Und das alles knallt dieser Jan Fleischhauer also den Augstein und Diez usw. zu einem Zeitpunkt ins gemeinsame Kontor, dass man ihn einfach dafür lieben muss. Es ist aber auch bizarr, auf welche Weise seine Apokalyptiker-Kollegen mittlerweile in ihren Kolumnen Politik machen, die so zynisch wie eskalierend wirkt. Der man ein gehöriges Maß an Hetze nur noch schwer absprechen mag.

Und wie mailte mir gerade ein befreundeter niedersächsischer Unternehmer, der sonst recht gemäßigt agiert, wenn es um eine persönliche Positionierung gegenüber den wichtigen Fragen unserer Zeit geht? „Mehr gibt es dazu dann eigentlich auch nicht zu sagen.“ Recht hat er!

Vielleicht noch als Tipp und letzter Hinweis: Schauen Sie sich nach der Fleischhauer-Kolumne mal die letzten fünf Augstein/Diez Scharfmacher-Kolumnen an, um das ganze Ausmaß der Katastrophe zu überblicken. Oder halt, es reichen sogar die Überschriften bei Augstein. Seine letzten fünf gehen so: „Land der Mutlosen“, „Der dunkle Deutsche“, „Deutsche Lügen“, „Der Faschismus lebt“ (klar, für JA in D.) und „Männer, Monster und Muslime“. Letzterer übrigens mein persönlicher Favorit des Grauens, weil sich Augstein hier nicht einmal mehr entblödet, die Sorge der Menschen (hier der Männer) in Deutschland als Penisneid auf Araber und Farbige zu identifizieren. Ich sage Ihnen was: der Fleischhauer muss einen echt langen Lümmel haben, so neidisch wie mich gerade seine aktuelle Kolumne gemacht hat.

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