Bei den Flüchtlingen wird „Nächstenliebe“ an den Staat delegiert

Bei seiner Rede vor dem Europaparlament in Straßburg nahm Papst Franziskus im November 2014 zur Flüchtlingsfrage klar Stellung. Er forderte die EU-Staaten sehr energisch zu mehr Engagement und zu stärkerer Zusammenarbeit auf: „Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen.“ In Deutschland forderten jetzt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm „sichere Zugangswege für Migranten und Schutzsuchende.“ 




Etwas anderes ist von Kirchenführern auch nicht zu erwarten. Wenn christliche Nächstenliebe angebracht ist, dann sicherlich bei der Hilfe für Menschen, die vor Krieg, Hunger und Elend fliehen. Doch die Forderungen des Papstes und der deutschen Bischöfe richten sich nicht in erster Linie an die eigenen Gläubigen. Nein, die Kirchenmänner verhalten sich da nicht anders als andere Interessenvertreter: Sie fordern viel – von anderen.

Es ist unbestritten, dass beide christliche Kirchen viel Gutes tun. Auch darf man davon ausgehen, dass unter den Menschen, die sich hierzulande in Flüchtlingsinitiativen engagieren, Christen beider Konfessionen sind. Die Amtskirchen hingegen sind bei der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen nicht sonderlich engagiert. Im Vatikanstaat jedenfalls stehen keine Zelte und Container, in denen Flüchtlinge untergebracht werden. Auch sind in Deutschland noch keine kirchlichen Begegnungsstätten und noch keine kirchlichen Bildungseinrichtungen zumindest auf Zeit geschlossen worden, um Flüchtlingen ein Bett und ein Dach über dem Kopf anzubieten. Richtig aktiv werden einzelne katholische und evangelische Gemeinden erst dann, wenn es darum geht, abgelehnten Asylbewerbern „Kirchenasyl“ zu gewähren. Nächstenliebe etwas außerhalb der Legalität verspricht in jedem Fall mediale Aufmerksamkeit.

Die Appelle der Kirchen an die Politiker, mehr für Flüchtlinge zu tun, also mehr Flüchtlinge aufzunehmen, wären glaubwürdiger, wenn die Kirchen das Bibelwort „An ihren Taten sind sie zu erkennen“ selber beherzigten. Dazu eine einfache Rechnung: In Deutschland gibt es rund 15.000 evangelische und 11.000 katholische Pfarrgemeinden, zusammen 26.000. Wenn jede dieser Pfarreien sich verpflichtete, zehn anerkannte Flüchtlinge aufzunehmen und zu betreuen, wären 260.000 versorgt.
Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr sind rund 200.000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen, von denen maximal 30 bis 40 Prozent ein Aufenthaltsrecht erhalten dürften. Würden die Kirchen also handeln, statt in erster Linie nach dem Staat zu rufen, ließe sich auch ihre Forderung, „mehr Flüchtlinge“ bei uns aufzunehmen, leichter verwirklichen. Wenn man unterstellt, dass die meisten Flüchtlinge nach einem Jahr auf eigenen Füßen stehen können, könnten die beiden großen Kirchen – falls erforderlich – Jahr für Jahr einen entscheidenden Beitrag zur Aufnahme und Integration von politische Verfolgten, Kriegsopfern und Armutsflüchtlingen leisten.

Die christlichen Kirchen fordern von Staat und Gesellschaft mehr Mitmenschlichkeit gegenüber Menschen, die es aus Afrika und Asien wegzieht. Von den hier lebenden Muslimen und ihren Verbänden ist zum Thema Flüchtlinge nichts zu hören. Dabei befinden sich unter den Menschen, die es nach Europa drängt, viele ihrer Glaubensgenossen. Was läge eigentlich näher, dass bei uns Zuflucht suchende Muslime auch von den hiesigen Moscheegemeinden aufgenommen und betreut würden. Freilich scheinen die unter uns lebenden Muslime bereits sehr deutsch zu denken und zu handeln: Der Staat soll’s richten.

Übrigens: Sankt Martin hat seinen Mantel mit dem Bettler geteilt. Er hat ihn nicht ans Sozialamt verwiesen.




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