Grünen-Chefin Franziska Brantner fordert die Abschöpfung von Übergewinne, die Mineralölkonzerne angeblich erzielen, und unterlegt ihre Forderung mit einer irreführenden Grafik. Das Narrativ der Übergewinne lässt sich als Fiktion entlarven. Brantners Grafik ist ein Lehrstück politischer Desinformation durch gezielte Auslassung. Von Christoph Canne
picture alliance / dts-Agentur | -
Als Reaktion auf die jüngsten Spannungen im Persischen Golf und die daraufhin gestiegenen Kraftstoffpreise haben mehrere politische Akteure öffentlich mobilisiert, dass Mineralölunternehmen sich an der Krise bereichern würden. Vertreter unterschiedlicher Parteien suggerieren, die Preisbewegungen an den Tankstellen seien ‚überzogen‘ oder ‚nicht nachvollziehbar‘. Während diese Vorwürfe oft pauschal bleiben, greifen andere zu einem scheinbar objektiven Werkzeug: dem direkten Vergleich zwischen Rohöl- und Tankstellenpreisen. Die unterstellte Kausalität: Jede Bewegung des Rohölpreises müsse sich spiegelbildlich an der Zapfsäule niederschlagen. Diese Annahme ist so populär wie ökonomisch falsch – erst recht in Krisenzeiten, wenn die Lieferketten unter Stress stehen.
In diese hitzige Debatte klinkte sich die Bundesvorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, mit einem vielbeachteten Social-Media-Beitrag ein. Die von ihr geteilte Grafik stellt den Rohölpreis und die Steuern dem Dieselpreis gegenüber. Die optische Botschaft ist simpel wie irreführend: Die wachsende Kluft zwischen den Kurven wird kurzerhand als ‚Überschuss‘ etikettiert, was nahelegt, dass diese Größe oder deren Zunahme eins zu eins in die Kassen der Mineralölkonzerne fließt.
— Franziska Brantner (@fbrantner) April 10, 2026
Die Grafik vermittelt zwei Botschaften: Die Mineralölindustrie erwirtschaftet gewaltige Überschüsse, die durch den Konflikt am Persischen Golf kräftig gewachsen sind, woraus sich für Frau Brantner die Notwendigkeit der Besteuerung dieser Übergewinne ergibt.
Als Beleg dient die Seite benzinpreis.de – ein nützliches Portal für die Schnäppchenjagd im Alltag, aber keine wissenschaftliche oder amtliche Referenz. Während die Daten für den Autofahrer Orientierung bieten, sind sie methodisch ungeeignet, um die komplexen Preisbildungsprozesse der globalen Energiemärkte zu sezieren.
Die Wahl dieser Quelle ist mehr als erstaunlich: Als ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium (BMWK) unterstanden Franziska Brantner genau jene Behörden, die über die tiefste Expertise im deutschen Kraftstoffmarkt verfügen. Das BMWK führt die Fachaufsicht über das Bundeskartellamt und die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe. Dass eine Spitzenpolitikerin mit diesem Hintergrund fundierte Behördendaten ignoriert und stattdessen eine Grafik eines Drittanbieters teilt, wirft Fragen nach der fachlichen Ernsthaftigkeit auf.
Und genau hier beginnt das Problem: Weder die Datenbasis noch die Logik des verbreiteten Posts halten einer fachlichen Überprüfung stand.
Warum der Brantner-Post fachlich falsch ist
Der zentrale methodische Fehler des Brantner-Posts besteht darin, dass er den falschen Referenzwert verwendet. Der Beitrag stellt den Brent-Rohölpreis dem Dieselpreis an der Tankstelle gegenüber. Dieser Vergleich wirkt auf den ersten Blick plausibel, ist aber ökonomisch falsch und führt zwangsläufig zu irreführenden Schlussfolgerungen. Denn an der Tankstelle wird Diesel getankt, nicht Rohöl und der Dieselpreis an der Zapfsäule orientiert sich nicht am Rohölpreis, sondern am Großhandelspreis für fertigen Diesel, dem sogenannten Diesel-Spotpreis am ARA-Markt (Amsterdam–Rotterdam–Antwerpen). Dieser wird nicht zuletzt von der Importabhängigkeit Deutschlands – rund 30 Prozent des Dieselbedarfs müssen aus dem Ausland gedeckt werden – bestimmt. Diese Importabhängigkeit hat sehr viel mit der Klimapolitik der letzten Dekaden zu tun.
Die Marktbewegungen am Spotmarkt waren in den vergangenen Wochen der eigentliche Taktgeber – ein Faktum, das auch das Bundeskartellamt in seinem Newsletter vom 27. März 2026 bestätigt. Die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTSK) stellt dort fest, dass die Diesel-Großhandelspreise in der fraglichen Phase deutlich stärker gestiegen sind als der Brent-Rohölpreis. Es kam zu einer klaren Entkopplung zwischen Rohöl und Diesel. Ursache war eine physische Knappheit bei Mitteldestillaten wie Diesel und Heizöl, ausgelöst durch die Krise im Persischen Golf. Raffinerien mussten Diesel und Vorprodukte zu erheblich höheren Spotpreisen einkaufen, während der Brent-Future diese reale Knappheit nur unzureichend widerspiegelte.
Damit wird klar: Der Brantner-Post ist schon deshalb fachlich falsch, weil er den falschen Referenzwert verwendet und die stärkere Reaktion des Dieselmarkts auf die Krise ignoriert. Die behaupteten „Übergewinne“ entstehen nur, wenn man die Marktmechanik ausblendet und Rohölpreise mit Dieselpreisen vergleicht, obwohl Diesel ein eigenständiges, knappes und teurer gewordenes Produkt ist.
Aber dies ist nicht das einzige Problem mit diesem Post.
Wesentliche Preisbestandteile bleiben unberücksichtigt
Die Grafik von Frau Brantner suggeriert eine übersichtliche Welt aus Rohöl, Steuern und Profit. Dabei unterschlägt sie ausgerechnet jene Kostenblöcke, die die Handschrift der grünen Partei tragen: die massiven Aufschläge durch die deutsche Klimapolitik.
Ein wesentlicher Bestandteil des Dieselpreises ist inzwischen der CO₂-Preis, der seit 2021 im Rahmen des Brennstoffemissionshandelsgesetzes erhoben wird. Für das Jahr 2026 liegt er zwischen 55 und 65 Euro pro Tonne CO₂. Da ein Liter Diesel rund 2,65 Kilogramm CO₂ verursacht, ergibt sich daraus ein Preisaufschlag von etwa 15 bis 17 Cent pro Liter. Dieser Betrag fließt vollständig an den Staat. Er ist gesetzlich fixiert, unabhängig vom Rohölpreis und hat mit dem Gewinn der Mineralölunternehmen nichts zu tun.
Noch weniger bekannt ist die Treibhausgasminderungsquote (THG Quote), die seit Jahren einen erheblichen Preiseffekt ausübt. Sie verpflichtet Mineralölunternehmen, die durchschnittlichen Treibhausgasemissionen ihrer Kraftstoffe zu senken. Diese Vorgabe kann nur erfüllt werden, indem Unternehmen THG-Zertifikate zukaufen oder teure biogene Komponenten einsetzen. Der Zertifikatemarkt ist volatil, die Preise schwanken stark, und hinzu kommen Risikoaufschläge sowie umfangreiche Prüf- und Nachweispflichten. In der Summe führt die THG-Quote zu zusätzlichen Kosten von 12 bis 20 Cent pro Liter.
Zusammen erzeugen CO₂-Preis und THG-Quote eine Preislast von bis zu 37 Cent pro Liter, allein zum Jahreswechsel sorgten die Verschärfung beider Instrumente für eine Preissteigerung an den Zapfsäulen von durchschnittlich 9 Cent pro Liter. Das Pikante: Diese Gelder fließen als direkte Finanzierung an die Akteure der Energie- und Verkehrswende – doch in der Brantner-Grafik werden sie kurzerhand dem ‚Überschuss‘ der Mineralölkonzerne zugeschlagen. Es ist eine bemerkenswerte Form der politischen Kommunikation, staatlich gewollte Kostensteigerungen erst zu beschließen und sie dann in einer Infografik als ‚Übergewinne‘ privater Akteure zu brandmarken
Der reale Bezugspreis von Diesel
Wenn man die staatlichen und regulatorischen Kosten korrekt berücksichtigt, ergibt sich ein völlig anderes Bild als das, was die Brantner-Grafik suggeriert. Die folgende Grafik zeigt dies sehr deutlich: Sie stellt den von benzinpreis.de implizit angenommenen Preisaufbau dem tatsächlichen, um alle relevanten Preisbestandteile bereinigten Preisaufbau gegenüber.

Aufgliederung des Tankstellenpreises vom 13. April 2026 nach Bestandteilen. Quellen: benzinpreis.de, en2x.de – eigene grafische Darstellung
Die erste Säule zeigt, wie stark die Darstellung in Frau Brantners Quelle den Produktpreis unterschätzt und gleichzeitig einen unrealistisch hohen „Rohgewinn“ von 85,8 ct/L ausweist. Dieser Wert ist jedoch eine rein rechnerische Fiktion: Er kommt nur dadurch zustande, dass man so tut, als fielen für die Veredelung von Rohöl zu Diesel keine Kosten an und als gäbe es keine CO₂-Abgaben oder THG-Quoten. Es ist eine Rechnung, die die Realität an der Zapfsäule schlichtweg verweigert. Die beiden rechten Säulen zeigen den tatsächlichen Preisaufbau, wie er sich ergibt, wenn man den korrekten Diesel-Spotpreis ARA (94,6 ct/L) vom 13. April 2026 und alle staatlichen Abgaben berücksichtigt. Im Best Case ergibt sich ein Block aus Steuern und Abgaben von 110,7 ct/L, im Worst Case von 121,4 ct/L. Verglichen mit dem realen Tankstellenpreis bleibt damit ein Rohgewinn von 24,4 ct/L im Best Case und 13,7 ct/L im Worst Case.
Wichtig ist: Dieser Rohgewinn ist nicht der Nettogewinn der Mineralölwirtschaft, der eine Bezugsgrundlage für eine „Übergewinnsteuer“ darstellen könnte. Von diesen 13 bis 24 Cent müssen noch eine Vielzahl von Kosten bezahlt werden, darunter Logistik, Personal, Pacht und Technik. Viele Tankstellenbetreiber berichten seit Jahren, dass der reine Kraftstoffverkauf kaum noch profitabel ist und der eigentliche Ertrag aus Shop-Umsätzen stammt.
Die Grafik macht damit zweierlei sichtbar: Was am Ende als tatsächlicher Nettogewinn übrig bleibt, liegt um Größenordnungen unter den von Frau Brantner suggerierten Werten und bietet keinerlei Basis für eine populistische Übergewinnsteuer-Debatte.
Fazit
Die detaillierte Nachrechnung entlarvt das Narrativ der „Übergewinne“ als ökonomische Fiktion. Die von Franziska Brantner verbreitete Grafik ist kein Beitrag zur Aufklärung, sondern ein Lehrstück politischer Desinformation durch gezielte Auslassung.
Es ist eine Paradoxie der besonderen Art: Ausgerechnet jene Preisbestandteile, die durch staatliche Klimapolitik – namentlich CO2-Preis und THG-Quote – induziert wurden, werden hier in einer „Blackbox“ versteckt und als unverschämte Marge der Mineralölwirtschaft umetikettiert. Wer Kostensteigerungen der eigenen Gesetzgebung verschweigt, um sie anschließend als „Gier“ privater Akteure zu brandmarken, verlässt den Boden einer seriösen Debatte.
Gerade in einer Zeit geopolitischer Instabilität wäre es die Pflicht der Politik, Marktmechanismen zu erklären, statt sie durch methodisch unhaltbare Grafiken zu diskreditieren. Wer Politik auf Basis von Milchmädchenrechnungen betreibt, erntet vielleicht kurzfristigen Applaus in den sozialen Medien, verspielt aber langfristig das Vertrauen in eine faktenbasierte Energiepolitik. Eine ehrliche Diskussion über Kraftstoffpreise beginnt nicht bei der Empörung, sondern bei der korrekten Preisbildung am Spotmarkt.
Dr. Christoph Canne
Pressesprecher Bundesinitiative Vernunftkraft

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Franziska Brantner! Geht es noch inkompetenter? Anscheinend ja.
Natürlich gibt’s Übergewinne an der Zapfsäule – das sind keine Märchen, sondern schlichte REALITÄT!!! Und zwar gänzlich unabhängig davon, ob dies irgendwelche geistig verkorksten Politdarsteller erzählen oder irgendwer anderes – es ist FAKT!!! Ganz besonders nach dieser „großartigen“ 12-Uhr-Idee unserer CDU-Bonzen. Bei denen fragt man sich nur noch: war das Absicht oder Blödheit!?
Man muss halt auch klar benennen über wen man eigentlich spricht. EIn Tankstellenbetreiber ist kein Rohölförderkonzern – genauso wenig wie eine Raffinerie oder ein Transportunternehmer. Auch wenn viele „Ölkonzerne“ mehrere Bereiche der versorgungskette abdecken, bieten die wenigsten alles aus einer Hand an. Die Ölförderkonzerne machen schon mehr Gewinn wenn der Ölpreis steigt. Das zeigt ja allein schon der Anstieg ihrer Börsenkurse der 1:1 mit dem Ölpreis korreliert und eine klare Kausalität aufzeigt. Das ist auch logisch, denn gestiegene Ölpreise sind eine Folge von Verknappung. Die Raffinerie dagegen wird genauso wie der Tankstellennetzbetreiber einfach nur ihre gestiegenen Kosten weiterreichen. Der deutsche… Mehr
Man sollte sich nicht diese dummen Begrifflichkeiten der Linksgrünen zu Eigen machen. Wer von „Übergewinnsteuer“ faselt, der will lediglich, dass sich der Staat noch mehr in die Preispolitik der Unternehmen einmischt. Der will, der der Staat willkürlich festlegt, wieviel „Gewinn“ diese Unternehmen maximal machen dürfen. Das muss für diese Leute perspektivisch auch nicht auf Mineralölkonzerne beschränkt bleiben. Das ist auch nichts weiter als ein ideologischer Kampfbegriff, dessen Verlogenheit sich schon darin zeigt, dass gerade diese Linksgrünen hohe Spritpreise wegen ihres ideologisch geprägten Klimawahns befürworten. Aber wehe dem, die Unternehmen schöpfen ab, was der Staat begehrt. Keiner von denen, die von… Mehr
Wie wahr, es gibt keinen Übergewinn.
Es gibt Gewinn und Verlust, that’s it❗
Dass es Extraprofit (aka Surplusprofit, Übergewinn) gibt, das ist unstrittig.
Und natürlich könnte man den etwaigen Übergewinn auch berechnen, indem man den Durchschnitt der Gewinne der Perioden vergleicht.
Das ist genau so einfach machbar wie mit der Übersteuer, die Klingbeil jetzt auf Mineralöl kassiert.
Währenddessen schafft die EU weitere Voraussetzungen für das Abschöpfen von Übergewinn: Strafsteuer für Verbrenner. Schließlich haben die Menschen und die Unternehmen – die immer am Ende Menschen als Eigentümer haben – immer noch zu viel Geld in den eigenen Taschen.
Das Geldvermögen und Ersparnisse der Deutschen beträgt aktuell über 10 Billionen Euro.
Da will natürlich selbst der dümmste Politiker dran ❗
Und schon wieder eine Quotent……, die den Untergang Deutschlands exponentiell beschleunigt ❗
Wenn der Staat Übergewinne durch die (hoch besteuerten) Spritpreise kassieren wil, steht er dann auch für die Überverluste der Industrie durch die hohen Energiepreise und die falsche Energiepolitik ein?
Google erklärt auf Nachfrage: „Ein Parasit ist ein Organismus, der auf Kosten eines anderen Lebewesens (Wirt) lebt, diesen schädigt, aber meist nicht sofort tötet. (…) Der Begriff wird biologisch für Schmarotzer, metaphorisch für Nutznießer („Nassauer“) (…) verwendet.“ Es ist nicht erforderlich, dass ein Parasit besonders intelligent ist – vielmehr ist ein Parasit der evolutorischen Dynamik weitgehend entzogen, da er in seiner Nische sehr sicher zu leben vermag und Anpassungsleistungen durch den Wirt erbracht werden. Warum fällt mir das Bild bloß immer wieder ein, wenn ich die unser Land zerstörenden Bildungs- und Berufsversager-Politiker so sehe, die nur Geld vernichten und von… Mehr
Der einzige Abschöpfer und Ausbeuter ist der Staat – wie immer, wenn linke Radikale am Ruder sind.
Sicher schweben Brantner & Co schon tolle neue „Investitionen“ mit der zusätzlichen Knete vor; Waffen für Gaza, queere Projekte in Jakarta, Wärmepumpen für Bangladesh, so was in der Richtung. Und natürlich Sonderbeauftragte für jedes Vorhaben, vorzugsweise reiselustige Leute aus der eigenen Partei.
Vielen Dank Herr Canne, die Auswirkungen der THG Quote waren mir so gar nicht bekannt. Das haben die Steuervampire gut versteckt.