Verfilmung einer Graphic Novel: „V wie Vendetta“

Angesichts des erdrückenden Marathons von Margaret Thatcher und ihrer Tories an der Macht schrieb Alan Moore Anfang der 80er Jahre einen Roman, der damals ein Weckruf gegen den Konservativismus in Großbritannien sein sollte.

© Junko Kimura/Getty Images
General view of the audience wearing masks during the Japanese premiere of "V for Vendetta" at Kokusai Forum on April 17, 2006 in Tokyo, Japan

Wie wird man eine autoritäre Regierung wieder los, die scheinbar unverrückbar im Sattel sitzt und alle Fäden eisern im Griff zu haben scheint? Angesichts des erdrückenden Marathons von Margaret Thatcher und ihrer Tories an der Macht schrieb Alan Moore Anfang der 80er Jahre einen Roman, der damals ein Weckruf gegen den Konservativismus in Großbritannien sein sollte. Die Wachowski Brüder (Matrix-Trilogie) haben das Buch 2005 verfilmt, allerdings haben sie es nicht geschafft, den Verfasser mit ins Boot zu holen, der sich sogar öffentlich von dem Film distanziert und auf alle Tantiemen verzichtet hat.

Die Verfilmung dieser „Graphic Novel“ ist keine leichte Kost, nicht der üblicherweise abgespulte Faden, entlang dem ein Superbösewicht von anderen Superguthelden besiegt wird. Man kommt nicht umhin, die Geschichte sogar als versteckten Aufruf zum bewaffneten Aufstand zu verstehen. Zumindest könnten bombastisch inszenierte Anschläge gegen „Sachen“ wie das älteste Gerichtsgebäude Großbritanniens, welches der Protagonist zu gediegener Musik („1812“ von Tschaikowski) als Beweis seiner Macht öffentlichkeitswirksam in die Luft sprengt, als Verherrlichung von Terroranschlägen interpretiert werden. Fast eine Straftat.

Vor dem Hintergrund, dass London im Sommer 2005 von offenbar islamistisch motivierten Anschlägen auf die U-Bahn und einen Stadtbus erschüttert wurde, verschob man den Kinostart des Films auf Anfang 2006. Schlüsselszenen wurden in ebendieser U-Bahn (stillgelegter Teil) gedreht, der Waggon voll Sprengstoff, mit dem Guy Fawkes‘ Plan, das Britische Parlament zu sprengen, mit 400 Jahren Verspätung anläuft, rollt auf den Schienen der„Underground“.

„V“ kann nicht nur linken Umstürzlern, sondern allen Kritikern einer alternativlosen Politik als Anregung für Aufstandsphantasien dienen. Folglich hat der Film Lob, aber auch harsche Kritik aus verschiedenen Ecken abbekommen. Es ist ein politischer Film, in dem man viele Texte findet, die unzufriedenen Wählern, die sich von einer scheinbaren Mehrheit apolitischer Nichtwähler und Gewohnheitsteilnahmslosen erdrückt fühlen, heute aus dem Herzen sprechen würden. Was auf den ersten Blick nur eine weitere Comic-Verfilmung von der Westküste zu sein scheint, enthält wesentlich mehr Tiefgang und politische Brisanz als alle Super-Fledermaus-Spinnen-Filme der letzten Jahre zusammen. „USA Today“ spricht davon, dass der Film “ernste und tiefgehende Bezüge zum hier und heute“ habe.

Viele der medialen Methoden, die in dem Film vom „Kanzler“ der Britischen Inseln und seiner Regierungspartei „Norsefire“ eingesetzt werden, erinnern an heutige Instrumente zur Beherrschung der öffentlichen Meinung. Gottlob sind heutige westliche Regierungen Lichtjahre davon entfernt, ähnliche Inszenierungen von Massenmord, Internierung und Überwachung zum eigenen Machterhalt im Stile Norsefires auch nur zu erwägen.

Auch die anarchistisch revolutionären Methoden, mit denen der geisterhafte „V“ seine Ziele unterstreicht und die Bürger aus der Lethargie weckt, sind nicht eben zimperlich. Er zieht seine rücksichtslose Motivation aus dem eigenen Schicksal, ist durch den Brand in seinem Gefängnis, der ich ihn zugleich auch befreite, fürs Leben entstellt.

Die Geschichte dreht sich in erster Linie um seinen Aufstand gegen den übermächtigen Staatsapparat und gegen mehrere seiner Repräsentant(innen) im besonderen, mit denen der Held eine sehr private Rechnung offen hat: Sie hatten ihn und viele andere in einem Biowaffenprojekt als lebende Versuchskaninchen missbraucht, und den tödlichen Bio-Gau danach als das Werk von Terroristen hingestellt.

Der Mann der sich selbst „V“ nennt und dessen Gesicht den ganzen Film über hinter der Maske  verborgen bleibt, übt zwar nach und nach blutige Rache an seinen Peiniger(innen) und deren politischen Hintermännern (innen), tritt parallel dazu aber einen friedlichen Aufstand der Bevölkerung los, der in einem fulminanten Marsch zehntausender Menschen in Guy Fawkes Masken gegen die Regierung und die anschliessende Sprengung des Parlamentes durch „V“ gipfelt, der bei diesem letzten Anschlag auch selbst ausgelöscht wird. Für die Aufnahmen wurde Whitehall mehrere Stunden abgesperrt, ein enzigartiges Zugeständnis, das Gerüchten zufolge nur möglich wurde, weil der Sohn von PM Blair als Mitarbeiter der Filmcrew angestellt war.

Seinen Aufstand gegen die gesamte Staatsmacht, die verantwortlich ist für eine bodenlose und verbrecherische Irreführung der Gesellschaft (Vortäuschung eines Terroranschlags zur besseren Rechtfertigung der Unterdrückung) weiss der Held in Schwarz stets mit gut gewählten und eloquenten Argumenten zu rechtfertigen. Hier brilliert Schauspieler Hugo Weaving als Sprecher in bestem Oxford-English, hinter der Maske seiner Mimik beraubt. Weaving hielt diese Abstinenz durch, nachdem er die Rolle von einem Kollegen übernommen hatte, dem die Maske eine zu große Behinderung war. Die Maske des Guy Fawkes (gut bekannt als Symbol für die Anonymus-Bewegung) wurde erst mit dem Film „V“ in dieser Optik zum Symbol von anonymen Regimekritikern. Kreiert wurde sie von David Lloyd.

Nachdem er Teile der staatlichen Überwachungs und Kontrolltechnik übernommen, deren Macht erfolgreich vor aller Augen herausgefordert und deren mächtige Gebäude spektakulär gesprengt hat, läuft er zu seiner größten Leistung auf: Mit einem grandiosen Plädoyer und einer unwiderstehlichen Überzeugungskraft bringt er die Bevölkerung genau zum Jahrestag des Anschlags von Fawkes zu einer friedlichen Massendemonstration gegen die Regierung auf die Straße. Die Waffen bleiben stumm, das Volk triumphiert, eine neue politische Ära kann anbrechen.
Zentraler Punkt in dem Film ist die – dem öffentlichen Rundfunk und aller Medienkontrolle abgepresst – Ansprache V‘s an die Bevölkerung (You tube):

Hier zunächst die Übersetzung, die beim deutschsprachigen Wikiquote nicht zu finden ist:

„Die Wahrheit ist, dass etwas in diesem Staate schrecklich in Unordnung ist, nicht wahr? Grausamkeit und Ungerechtigkeit, Intoleranz und Unterdrückung. Und wo ihr ehemals frei widersprechen, denken und das aussprechen durftet, was ihr wolltet, habt ihr nun Zensoren und Überwachungssysteme, die euren Gleichlauf mit dem System erzwingen und eure Unterwerfung einfordern. Wie konnte das geschehen? Wer ist dafür verantwortlich? Ja, es gibt wohl die, die mehr Verantwortung tragen, als andere, und die werden sich noch verantworten müssen. Aber, um ehrlich zu sein, wenn ihr nach Schuldigen sucht, dann müsst ihr nur in den Spiegel schauen. Ich weiß, warum ihr es getan habt. Ich weiß, dass euch die Angst im Griff hielt. Und wer hätte sich da nicht geängstigt? Krieg, Terror, Epidemien. Eine unüberschaubare Masse von Problemen, die alle zusammenwirkten, um eure Vernunft zu vergiften und euren Verstand zu rauben. Die Furcht hat euch überwältigt, und in euer Panik wandtet ihr euch dem Hochkanzler zu …“ „Er versprach euch Ordnung, er versprach euch Frieden, und alles, was er als Gegenleistung verlangte, war euer stilles, gehorsames Einverständnis.“

Hier der Originaltext auf Wikiquote:

And the truth is, there is something terribly wrong with this country, isn’t there? Cruelty and injustice, intolerance and oppression. And where once you had the freedom to object, to think and speak as you saw fit, you now have censors and systems of surveillance coercing your conformity and soliciting your submission. How did this happen? Who’s to blame? Well, certainly, there are those who are more responsible than others, and they will be held accountable. But again, truth be told, if you’re looking for the guilty, you need only look into a mirror. I know why you did it. I know you were afraid. Who wouldn’t be? War, terror, disease. They were a myriad of problems which conspired to corrupt your reason and rob you of your common sense. Fear got the best of you, and in your panic, you turned to the now high chancellor … He promised you order, he promised you peace, and all he demanded in return was your silent, obedient consent …

Und diese Stille, so der Revolutionär, habe er mit einem großen Knall (Bombenanschlag auf den Old Bailey) zerreissen wollen. Anschließend lädt er die gesamte Bevölkerung, jene, die ihm zustimmen, dazu ein, sich an einem bestimmten Tag (Jahrestag des Anschlages von Guy Fawkes auf das Britische Parlament) mit ihm zu treffen, um ein Zeichen zu setzen. Er verschickt an alle Haushalte Fawkes-Masken und tatsächlich: Die Revolution nimmt ihren Lauf, und da alle wesentlichen Machthaber ausgeschaltet wurden, bleibt das Militär ohne Schießbefehl und das Volk triumphiert. Still und andächtig beobachtet es, wie V sein letztes Versprechen einlöst und das Parlament (samt Big Ben) in Mitten eines riesigen Feuerwerks sprengt.

Für deutsche Zuschauer mag der Film etwas gewöhnungsbedürftig sein, da die faschistische Diktatur (nicht von ungefähr heißt der Kanzler Sutler) diesmal auf der Britischen Insel verortet ist. Darüber tröstet aber die trotz aller Unwahrscheinlichkeit überzeugende filmische Darstellung hinweg.

Prädikat: wertvoll.

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Kommentare ( 4 )

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„Gottlob sind heutige westliche Regierungen Lichtjahre davon entfernt, ähnliche Inszenierungen von Massenmord, Internierung und Überwachung zum eigenen Machterhalt im Stile Norsefires auch nur zu erwägen.“ Neil Postman hat 1988 „Wir amüsieren uns zu Tode“ geschrieben: Er vergleicht darin Orwells „1984“ mit Huxleys „Brave New World“ und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Menschen mittels „Unterhaltung“ weitaus besser kontrollieren lassen als durch Schmerzen. „Die Gier der Menschen nach Unterhaltung ist schier unendlich“. Das ist der einzige Grund, warum wir uns keine Sorgen darüber machen müssen, dass unsere Regierung uns auch zukünftig nicht „internieren“: Das „Rutschi-putschi“ ist einfach effektiver, auch wenn… Mehr

Textzitat: „Gottlob sind heutige westliche Regierungen Lichtjahre davon entfernt, ähnliche Inszenierungen von Massenmord, Internierung und Überwachung zum eigenen Machterhalt im Stile Norsefires auch nur zu erwägen.“
Hm, habe das Buch zwar nicht gelesen und den Film nicht gesehen, gebe aber zu bedenken: Las Vegas Shooting vor ca 1 Jahr war ein Fake, Totalueberwachung der Kommunikation existiert schon, durch Bargeldabschaffung auch des Geldverkehrs aller bald Realtitaet. Und Internierungsplaene haben alle Regierungen bzw Ueberwachungsapparate in den Schubladen. Das hatte sogar schon die Stasi vor 30 Jahren, die gegen die heutigen Moeglichkeiten ein Kinderspiel waren.

Das Prädikat wertvoll verdient eher die Graphic Novel, die auch den Preis sichtbar macht, den Evey zahlen muss.
Dazu schmälert der Film die Figur des Finch, wodurch der Film leider zu einer linkischen und somit typisch linken Anarchokitsch Verfilmung degeneriert.

Lest.
Guckt den Kappes danach, als Hirnauscomic durchaus wertvoll, als Kritik an irgendwas nicht.

Tiefere Begründung verbittet leider die Spoilergefahr.

Kein Wunder das Alan Moore nicht einverstanden war mit der Version der ehemaligen Brüder. Deren Entscheidung keine Brüder mehr zu sein könnte man zur Kenntnis nehmen, wirkt dann beim informierten Leser so als kennte man sich aus. V war kein Held in der Graphic Novel, anders als im kitschigen Film. Warum die Verfilmung keine Leichte Kost sein sollte, in einer Zeit in der Nerflix ohne Kindersicherung Snuff (das ist der Porn bei dem Menschen getötet werden) im Programm hat (scifi hit altered carbon) oder anale Vergewaltigung mit Besenstill (so ne Teenyserie deren Werbung mir zumindest ständig auf YT auf’s Auge… Mehr