Aussitzen

Von Aussitzen und Aufstehen, Sitzen und Stapfen, Stillstand und Bewegung und so weiter und so weiter.

© Odd Andersen/AFP/Getty Images

Der Begriff „Aussitzen“ ist ein Erbe Helmut Kohls. Aussitzen auf das Verhalten seiner nachfolgenden Kanzlerin zu übertragen, ist eine der Oberflächlichkeiten des heutigen Medienbetriebes. Mit diesem Aussitzen sei die Kanzlerin in die Fußstapfen Kohls getreten, klagte gestern ein Journalist am Telefon.

Erst danach sagte ich mir, mit Aussitzen kann man doch in keine Fußstapfen treten. Beim Aussitzen sitzt man ja und stapft nicht. Stapfen ist eine Bewegung und Aussitzen nicht. Dass mir das nicht sofort während des Telefonats einfiel, war das ein Aussetzer? Jedenfalls kein Aussitzer.

Reitersleute wissen, dass beim wundervollen Leben mit Pferden Aussitzen die Kunst stilvoller Körperhaltung bei Trab und Galopp ist, also der Inbegriff von Bewegung als einmaligem Erlebnis voller Freude und Kraft. – Bei der Kanzlerin liegt der Genuss im Aussitzen darin, dass sich politisch nichts bewegt, rein gar nichts. Damit das nicht allen auffällt, wechselt die Aussitzerin ab und zu die Beisitzer aus. Vortäuschung von Bewegung, weil Beisitzer beim Beisitzen auch nur aussitzen.

Aussitzen als politisches Verhalten bedeutet auch bei Kohl und Kanzlerin etwas ganz anderes. Kohl wusste, was er nach dem Aussitzen tun würde, deshalb saß er etwas ja aus. Die Kanzlerin, also jedenfalls die jetzige, sitzt ihre Amtszeit aus, ohne die Absicht, das Aussitzen je zu beenden oder mit der Absicht, nach dem Aussitzen etwas anderes zu tun als Auszusitzen. Sie sitzt ihr Amt gern voll aus.

Am unangenehmsten findet sie das Aussitzen der Phasen des Aussitzens auf dem Amt der geschäftsführenden Aussitzenden zwischen den Phasen des ordentlichen Aussitzens. Das wäre auch so, wenn sie eine Phase zwischen dem Amt des Bundeskanzlers und einem anderen wie des Präsidenten der EU-Kommission aussitzen müsste, bevor sie dann das ordentliche Aussitzen im Kommissionstuhl fortsetzen könnte.

Dabei scheint den Bürgern der Berliner Republik, jedenfalls einer großen Mehrheit von ihnen – einer zu großen, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf – völlig unbewusst zu sein, dass die Kanzlerin ihrer Lieblingstätigkeit, ja dem Sinn ihres Lebens, dem Aussitzen des Amtes also, nur nachgehen kann – halt, halt, das ist wie mit dem Stapfen, nachgehen wäre eine Bewegung. Also das Aussitzen nur fortsetzen kann, weil es diese Bürgermehrheit selbst ist, die diese Kanzlerin schon ein Dutzend Jahre aussitzt und die Restsitzlaufzeit der Kanzlerin wohl auch aussitzen will.

Das Aussitzen des Aussitzens der Aussitzerin ist also die Folge des fortgesetzten Aussitzens der aussitzenden Kanzlerin durch das aussitzende Volk.

Verehrte Leser, irgendwie drängte es mich, das Phänomen des Aussitzens uns allen nahezubringen – am Tage nach dem großen Fest der Auferstehung. Heute, am Ostermontag zeigte sich der Auferstandene seinen Jüngern.

Ich wünsche uns allen, dass diesen Ostern mehr folgt als sonst. Ich schlage vor, dass ausreichend viele Bürger mit dem Aussitzen der Aussitzerin aufhören und sich erheben. Stapfen ist besser als aussitzen.

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Kommentare ( 125 )

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Vielen Dank Herr Goergen! Ich habe herzhaft gelacht bei diesem wirklich traurigen Thema. Und ich bin ohne Quatsch furchtbar neidisch, ob Ihres wunderbaren Wortwitzes!

Frage an den Autor: Haben Sie bei der Wahl im September 2017 der Kanzlerin beim Aussitzen geholfen, indem Sie zu den 87 % gehörten?
Dann sollten Sie sich nicht beschweren!

… er beschwert sich nicht, er sitzt aus … 😉

Stapfen wird nicht reichen.
Da ist schon Dauerlauf und Sprint angesagt, um diesen Kuckucksei abzuhängen und in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen.
Wenigstens gibt es davon keine direkten Nachkommen, die Mitsitzer reichen schon.

Merkel wird 2021, wenn nicht mit CSU und SPD, dann mit allen anderen, ausser AFD, wieder kandidieren und, wer wettet mit mir? wieder Bundeskanzlerin werden!

Unsere Qualitätsregierung kauft uns jetzt schon in Israel gebrauchte Illegale ein.

War das Aussenministerchen nicht neulich dort.
Teurer Spass, so eben mal ein paar tausend Afrikaner zu buchen.

Wenn schon dann sollten die “Neuen” ausnahmslos nach Bayern in den Wahlkreis von Söder gebracht werden.

Viel Spass

Merkel hat eine vollkommen neue Strategie zu Problemlösung gefunden: Schaffen eines neuen, größeren Problems, um die schon vorhandenen Probleme in den Hintergrund treten zu lassen. Euro-Rettung, Energiewende – alles in die Zukunft verschoben. Wer redet heute noch über Griechenland? Griechenland bekommt seine Milliarden mittlerweile einfach so über den Tisch geschoben – ohne lästige Diskussionen. Mit der Grenzöffnung 2015 hat sich Merkel allerdings verkalkuliert. In ihrer politischen Kurzsichtigkeit hat sie nicht erkannt, daß es sich hierbei um ein tagtäglich verschärfendes Problem handelt, welches längerfristig den Bestand unseres Staates gefährdet.

Wenn es nur simples Aussitzen wie bei Kanzler Kohl wäre: Bei Madame kommt ihr häufiges Schweigen hinzu. Dies ist nicht nur rein taktischer Natur oder weil sie sich ertappt fühlt oder angeblich die Dinge bis zum (bitteren) Ende denkt. Nein, es ist meist ein arrogantes, majestätisch-überhebliches Schweigen. Diese Dame will nicht einfach nur dienen und regieren, sie will herrschen, das ist ihre wahre Natur. Demokratie stört diese Dame nur.

Auch wenn es vermutlich viele nicht gerne lesen. Das Angela Merkel in der CDU überhaupt bis an die Spitze kommen konnte ist das Resultat dessen was Helmut Kohl aus dieser Partei gemacht hat, einen abnickenden, jasagenden Kanzlerwahlverein. Nach Kohls verlorener Wahl 1998 brauchte sie (Merkel) ihn nur noch wegschnippen sich einsetzen und den ganzen Laden im laufe der Jahre nach Links rücken. Widerstand gab es da schon lange Zeit vorher nicht mehr. Entkernt hat Kohl die Partei, dem luftleeren Raum hat Merkel aber eine rotgrünlinke Füllung verpasst.

Betonköpfe sitzen auch aus weil sie versteinert sind. Die Unbeweglichkeit genießt sie und schlägt die Raute mit einem seufzen um sie herum dreht sich ja alles, aber sie sitzt aus, das Wesen des Funktionärs. Leider ist weit und breit keine wirkliche Abrißbirne auszumachen um diese sozialistische in Beton gegossene Monumentalstatue politisch zu Kieselsteinchen zu verarbeiten. Dem Brückenbau täte es gut…

Einfach köstlich dieses Wortspiel Herr Goergen!
Nur kann ich mich an keine Kanzlerschaft erinnern, die aktiv arbeitend so viel Schaden anrichtete wie diese Aussitzkanzlerin!

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