Wo es die große Freiheit wirklich gibt

In welchem Land lebt man wirklich frei? Und was ist „Freiheit“ tatsächlich, wie misst man Freiheit für ein Länderranking? Christoph Heuermann hat einen radikalen Freiheitsindex vorgestellt – mit gänzlich neuen Kriterien und überraschenden Ergebnissen

Was heißt eigentlich frei? Institute wie die Heritage Foundation, das Cato Institute oder das Fraser Institute veröffentlichen jedes Jahr ihre Rankings der „freiesten Länder der Welt“. Jedes Jahr werden diese Listen – sehr zum Gefallen der Mainstream-Medien – von Ländern wie Neuseeland, der Schweiz oder skandinavischen Staaten angeführt. Doch nach welchen Kriterien werden diese Rankings erstellt, und wie nützlich sind sie für den Einzelnen?

Der Unternehmer Christoph Heuermann ist der Ansicht, dass diese Indizes den Begriff der Freiheit konsequent mit staatlicher Funktionalität, effizienter Steuerverwaltung und sozialer Stabilität verwechseln. Kann ein System, so fragt er sich, das in Echtzeit die Hälfte einer Lebensleistung konfiszieren kann und jeden Schritt des Einzelnen überwacht, tatsächlich ein freies Land sein? Oder ist es eher ein technisierter Hochsicherheitstrakt mit mehr oder minder offenen Türen?

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Aus freiheitlicher Perspektive wäre ein Rechtsstaat ideal, der für die innere Sicherheit sorgt und über eine schlanke und effiziente Verwaltung verfügt. „Ideal“ bedeutet hier – wie überall –, dass es so etwas nicht gibt. Aber natürlich gibt es das Gegenteil von „ideal“: kaum innere Sicherheit, mangelnde bis fehlende Rechtssicherheit, eine überbordende und dysfunktionale Verwaltung sowie maximale Steuer- und Abgabenlast. In den USA gibt es das – Kalifornien – genauso wie in Europa – Deutschland und Belgien.

Heuermann hat deshalb die Initiative staatenlos.ch gegründet, die Freiheitsliebenden Hilfestellung geben will. Das „Staatenlos Freedom Ranking 2026“ betrachtet das Thema Freiheit aus einer anderen Perspektive. Das Freiheitsranking bewertet sechs Kriterien auf einer Skala von 0 (Dystopie) bis 10 (Utopie):

1. Steuern & Expat-Arbitrage (Gewichtung: 20 %)
2. Geld & Zentralbanken (15 %)
3. Wirtschaft & Innovation (15 %)
4. Eigentum & Bauhürden (15 %)
5. Selbstbestimmung & Pflichten (15 %)
6. Resilienz & Raum (20 %)

Im Ranking werden die einzelnen Parameter mit einer Gewichtung von jeweils 15 oder 20 Prozent veranschlagt. Das ist Heuermanns persönliche Einschätzung. Jeder kann – und soll – die Kriterien nach seinen Bedürfnissen und Wünschen gewichten. Der Freiheitsindex wird damit nicht oktroyiert, sondern kann nach eigener Vorstellung gestaltet und anschließend ermittelt werden.

Menschen, die Eigenverantwortung übernehmen, sollen auch die Möglichkeit dazu haben. Freiheit beginnt mit der Benennung und Gewichtung der Freiheitsindikatoren. Selbstverständlich kann und soll das Ranking auch durch eigene Kriterien ergänzt werden.

Spannend ist das Ranking, das aus der Bewertung dieser Kriterien hervorgeht, allemal. An erster Stelle liegt mit Próspera eine private „Start-up-Stadt“ und Sonderwirtschaftszone (ZEDE) auf der honduranischen Insel Roatán. Sie operiert mit eigener Gesetzgebung, geringen Steuern (circa ein Prozent Unternehmenssteuer) und unabhängiger Gerichtsbarkeit, um Investoren und Techunternehmen anzulocken. Das Projekt wird von US-Investoren unterstützt, von einem Teil der honduranischen Regierung allerdings kritisch gesehen.

In der Tat ist Próspera das erste Modell einer libertären Bewegung, die weltweit „Freie Privatstädte“ gründen will. Es ist eine Sonderverwaltungszone mit eigenem Rechts- und Steuersystem auf Minimalstaatsbasis, eigenem Zivil- und Wirtschaftsrecht, in der die Verwaltung wie ein „Dienstleisterstaat“ organisiert ist.

EU taucht erst im Mittelfeld auf

An zweiter Stelle steht ebenfalls ein mittelamerikanisches Land: El Salvador. Bis vor Kurzem von gewalttätiger Bandenkriminalität geplagt, hat es durch ein radikales Programm, das die Rechte der Nichtkriminellen über die der Kriminellen stellt, ein zuvor nicht vorstellbares Maß an Freiheit und Sicherheit zurückerobert.

Die ersten europäischen Länder auf Heuermanns Liste sind – wenig überraschend – Monaco und Liechtenstein. Ebenfalls wenig überraschend tauchen die ersten EU-Länder erst im vorderen Mittelfeld der 235 Plätze umfassenden Liste auf:

• Luxemburg (Platz 79)
• Bulgarien (80)
• Rumänien (81)
• Estland (84)
• Tschechien (86)
• Italien (120)

Berücksichtigt man auch steuerliche Ausnahmeregelungen, die allerdings an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sind, sind die ersten EU-Länder:

• Irland (37)
• Malta (51)
• Italien (53)
• Griechenland (54)
• Polen (61)
• Portugal (61)

Deutschland liegt auf Platz 158, knapp vor Kalifornien auf Platz 164. Schlusslicht ist – ebenfalls wenig überraschend – nach Somalia und der Demokratischen Republik Kongo Nordkorea auf Platz 235.

Ein weiteres nützliches Werkzeug auf staatenlos.ch ist die Flaggentheorie. Sie umfasst 13 maßgebliche Bereiche, die für die eigene Lebensgestaltung von Bedeutung sind. Wer seine Freiheit optimieren will, kann auf einer Landkarte Flaggen in die jeweils günstigsten Länder setzen und gewinnt dadurch einen Überblick:

• Wo kann man sein Kapital sicher unterbringen?
• Welches Land eignet sich für die Unternehmensgründung?
• In welchem Land sollten Server stehen, um den Zugriff Dritter zu unterbinden?
• Welche Länder bieten die besten Möglichkeiten für Urlaub und Freizeit?
• Wo sollte man seine Kinder zur Schule schicken?
• Wo lohnt es sich zu investieren?
• Wo sollte der Altersruhesitz sein?

Die von Heuermann vorgeschlagenen Parameter sind:

1. Pass oder Staatsbürgerschaft
2. Dauerhafter Aufenthalt in einem Steuerparadies
3. Geschäftssitz in einem Steuerparadies
4. Vermögenszuflucht in einem Land ohne Kapitalsteuern
5. „Spielplätze“, wo man sein Leben genießen kann
6. Onlineanbindung
7. Versicherungen
8. Führerscheine
9. Nachzugsmöglichkeiten für Ehepartner und Kinder
10. Bildung
11. Medizinische Versorgung
12. Investitionsmöglichkeiten
13. Optionen für den Ruhestand

Auch wenn nicht jeder frei über jeden einzelnen der vorgeschlagenen Aspekte entscheiden kann, bietet der Katalog Anhaltspunkte, die Wünsche und Optionen sichtbar machen und Entscheidungen erleichtern. Im Grundsatz gilt: Nur wer bereit ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, kann seine Freiheit erhöhen.

Gerade in Deutschland ist ein solcher Ansatz eher unüblich. Denn hierzulande bevorzugt man traditionell kollektivistisches Denken und stellt Sicherheit über Optimierung. Dass Deutschland zumindest zeitweise zu einem Vorposten der freiheitlichen Ordnung wurde, hat historische Gründe.

Deutschland kapitulierte 1945 bedingungslos. Die Alliierten hatten sich – trotz diametral verschiedener Gesellschaftssysteme – verbündet, um die Gefahr zu beseitigen, die das deutsche Terrorregime für die Welt darstellte. Allerdings mussten sich die USA und das Vereinigte Königreich, die die Hauptlast des Krieges trugen, dafür mit einem anderen, nicht weniger schrecklichen Terrorregime verbünden: der UdSSR.

Immer noch frönen die Deutschen ihrer Vorliebe für kollektivistische Systeme und bauen die soziale Marktwirtschaft um

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  Stalin hatte – wie das nationalsozialistische Regime – ein kollektivistisches und totalitäres System errichtet und stand Hitler in Terror und Menschenverachtung in nichts nach. Nach dem Krieg wurden die USA und die UdSSR, nachdem der gemeinsame Feind besiegt war, wieder das, was sie zuvor gewesen waren: Feinde.

Das war jedoch Westeuropas und Westdeutschlands Glück. Als Frontstaat war die Bundesrepublik nun wichtig und wurde mithilfe der Amerikaner sowie durch Fleiß und Fähigkeiten der eigenen Bevölkerung zu einem wirtschaftlichen Erfolgsmodell. Dass sich Deutschland ohne den Kalten Krieg ähnlich entwickelt hätte, ist mehr als fraglich.

Voraussetzung für das „Wirtschaftswunder“ war ein demokratisches und zugleich weitgehend kapitalistisches System, das die Amerikaner mithilfe von Ludwig Erhard einführten – gegen den Widerstand fast aller Deutschen. Deren Denken überlebte in der Idealisierung sozialistischen Gedankenguts bis heute – trotz des Zusammenbruchs der DDR und der Sowjetunion. Es prägt Deutschlands Eliten bis heute.

Immer noch frönen viele Deutsche ihrer Vorliebe für kollektivistische Systeme, indem sie das erfolgreiche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell der sozialen Marktwirtschaft sukzessive umbauen. Zu einem Staat, der unter dem Vorwand von Gerechtigkeit und Solidarität dem Einzelnen immer mehr Freiheit nimmt und Methoden gefunden hat, die Macht jenen zu sichern, die in Wahlen keine Mehrheit gewinnen. Das neue „Wir“ ist Ausdruck der Liebe der Deutschen zum Kollektivismus.

Dass Menschen – und insbesondere die Deutschen – glauben, der Kollektivismus sei ihr Glück, beschrieb der aus Österreich stammende Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August Hayek bereits zwischen 1940 und 1943 im britischen Exil in seinem Buch „Der Weg zur Knechtschaft“. Darin erläuterte er, warum Kollektivismus zwangsläufig zur Planwirtschaft führt und diese wiederum notwendigerweise im Totalitarismus endet. Das Buch erschien 1944 – etwa ein Jahr vor der Niederlage Deutschlands.

Was Hayek damals beschrieb – die Rückkehr zu einem kollektivistischen System mit all seinen Folgen –, werde heute wieder zunehmend Realität. Ein Grund mehr, „Der Weg zur Knechtschaft“ zu lesen und sich über staatenlos.ch zu informieren. Die Plattform sei gewissermaßen der Nullpunkt maximaler Freiheit, von dem aus sich Unfreiheit wie auf einem Thermometer ablesen lasse. Zugleich sei sie eine Messlatte: Wie viel Freiheit erträgt man? Wie viel Selbstverantwortung übernimmt man? Und ist man bereit, auf die Wärme und Sicherheit der Herde sowie auf die Peitsche des Hirten und seine scharfen Hunde zu verzichten?

Christoph Heuermann. Staatenlos. Ein globales (steuer)freies Leben mit der Flaggentheorie. Next Level Verlag, Paperback, 336 Seiten, 20,00 €


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