Leonardo da Vincis Geheimnis

Er war nicht nur Maler, sondern Erfinder, autodidaktischer Wissenschaftler, Techniker und gilt als Schlüsselgestalt der Renaissance. Klaus-Rüdiger Mai macht Leben und Schaffen Leonardo da Vincis mit hoher Empathie, ansteckender Begeisterung und enormen Sachverstand neu zugänglich

Unter den großen Künstlern der Renaissance hat Leonardo da Vinci Kenner wie gebildete Laien gleichermaßen lange Zeit in ganz besonderer Weise fasziniert. Zwar ist sein Oeuvre als Künstler im Grunde genommen sehr überschaubar – man besitzt von ihm kaum mehr als fünfzehn mehr oder weniger vollendete Ölgemälde – aber einerseits haben bestimmte seiner Werke wie die Mona Lisa oder das Letzte Abendmahl einen enormen Bekanntheitsgrad erlangt und gelten als Ikonen der Renaissancekunst schlechthin, zum anderen scheint Leonardo ganz und gar den uomo universale der Renaissance, das allseitig begabte und interessierte Universalgenie zu verkörpern. Diesem klassischen Bild des Renaissancemenschen, wie es schon Jacob Burckhardt in seiner Kultur der Renaissance in Italien zeichnete, entspricht er auch durch die leidenschaftliche Suche nach persönlichem Ruhm, die, wie Klaus-Rüdiger Mai hervorhebt, sein ganzes Leben bestimmte. Und in der Tat gelang es Leonardo, der zwar aus einer wohlhabenden Familie stammte, aber nur ein unehelicher Sohn war, sich schon zu Lebzeiten als Genie, ja als eine Art Magier, zu inszenieren.

Er war nicht nur Maler, sondern Erfinder, autodidaktischer Wissenschaftler und Techniker, der unter anderem zahlreiche Kriegsmaschinen entwarf, aber auch Flugapparate mit dem Zeichenstift konstruierte. So wenig vollendete Werke er hinterließ – keine seiner ehrgeizigen Ideen für gewaltige Standbilder und Bronzegüsse kam wirklich zur Ausführung – so umfangreich ist das Corpus seiner Zeichnungen und Entwürfe, wohl an die 4000 Skizzen. Dass Leonardo die Arbeit an so vielen Projekten vor ihrer Vollendung abbrach – oft zur Enttäuschung seiner Auftraggeber – und anderes bloßer Einfall blieb, hat freilich mit dazu beigetragen, wie Mai in seiner Biographie hervorhebt, ihn für die Nachwelt zu einer Schlüsselgestalt der Renaissance werden zu lassen. Das Ungeordnete und Andeutungshafte des Werkes, das er hinterließ, wohl auch eine Folge seiner Suche nach Vollkommenheit, machte ihn zu idealen Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Deutungen der Renaissance und seiner eigenen Biographie.

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Manche Interpreten sehen in ihm einen Vorläufer der modernen Naturwissenschaft mit ihrem Willen, sich die Welt durch Wissen vollständig zu unterwerfen, andere wiederum haben in jüngster Zeit die große Rolle betont, die Frauen für ihn spielten, obwohl – oder weil? – er homosexuell war. In der Tat nehmen in seinen wenigen vollendeten Werken Bildnisse von Frauen einen zentralen Platz ein, und auch weiblichen Mäzenatinnen und Patroninnen verdankte Leonardo ohne Zweifel viel, etwa Isabella von Este, der Markgräfin von Mantua (1474-1539), einer der gebildetsten Frauen ihrer Zeit.

Mai wählt jedoch einen anderen Zugang. Er weist ganz zu Recht darauf hin, dass Leonardos Naturverständnis ein ganz anderes war als das der mathematisch argumentierenden Naturwissenschaft, deren Siegeszug im 17. Jahrhundert begann. Leonardo war stark vom Neuplatonismus eines Marsilio Ficino und eines Pico dello Mirandola beeinflusst; er dachte in Analogien, die den Mikrokosmos des menschlichen Körpers mit dem Makrokosmos des gesamten Weltgebäudes verbanden. In welchem Maße er sich damit noch auf den Bahnen eines rechtgläubigen Christentums bewegte, könnte man sich durchaus fragen, obwohl Mai seine christliche Religiosität betont. Sicher ist, dass Leonardos Werke wie seine berühmte und zutiefst rätselhafte Anbetung der Magier (die Heiligen Drei Könige, die dem Christuskind ihre Geschenke bringen) – die nur als Entwurf existiert, da das entsprechende Fresko nie zur Ausführung kam – ihrerseits christliche Künstler inspiriert haben, in diesem Fall den russischen Regisseur Andrei Tarkowski und dessen spätes Filmwerk Das Opfer (1986).

Ein zentrales Thema des Schaffens von Leonardo sieht Mai in dessen Suche nach der vollkommenen menschlichen Gestalt. Viele Figuren Leonardos, etwa die Heilige Anna im Gemälde Anna Selbdritt (Louvre, ca. 1510), aber auch sein Johannes der Täufer (Louvre, ca. 1513 -16) tragen androgyne Züge. Leonardo, so Mai, nahm einen Gedanken auf, der sich bei Plato findet, dass der vollkommene Mensch die Eigenschaften beider Geschlechter in sich vereint und die Zweigeschlechtlichkeit den Menschen eigentlich schwäche. Das Ungewöhnliche und Faszinierende vieler Gemälde Leonardos, ein wichtiger Teil seines Geheimnisses, mag in der Tat auch darauf beruhen, dass in der Physiognomie und im Körperlichen insgesamt die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen.

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Mais Biographie beeindruckt durch die intensive Auseinandersetzung mit den Werken des Künstlers, aber auch durch die kenntnisreiche Darstellung des historischen und geistesgeschichtlichen Kontextes. Er lässt sehr deutlich werden, dass Leonardo im damals noch republikanischen Florenz, seiner Heimat, nicht die notwendige Unterstützung für sein Werk fand und sich auch selber nicht der harten Konkurrenz mit anderen Künstlern, denen es leichter fiel, ihre Projekte zu vollenden, aussetzen wollte. Er brauchte einen großzügigen und nachsichtigen fürstlichen Patron, den er dann in Mailand in Gestalt von Ludovico Moro (1452 -1508) aus der Familie der Sforza fand. Für einen solchen Förderer war Leonardo wertvoll, auch wenn er wenig an Kunstwerken schuf, nicht nur, weil er am Hofe als geistreicher Unterhalter, Impresario und Regisseur von großen Festen auftrat, sondern auch, weil sein Ruf als genialer Ausnahmemensch auf seinen Patron abfärbte. Leonardo selber war freilich nicht sehr wählerisch in der Wahl seiner Mäzene und ließ sich zeitweilig auf eine Zusammenarbeit mit dem skrupellosen Papstsohn Cesare Borgia ein, für den er in den Jahren 1502 – 1503 Kanäle konstruierte und Festungen inspizierte oder ausbaute. Nach dem politischen Scheitern Borgias fand Leonardo in Charles d’Amboise, dem französischen Statthalter von Mailand, und später im französischen König Franz I. neue Förderer. Er starb im hohen Alter in Amboise.

Für Mai verkörpert Leonardo alles, was wir noch heute an der Renaissance bewundern, das unaufhörliche Streben nach Wissen etwa, das sich nicht mit der Kenntnis äußerer Zusammenhänge begnügen, sondern die tieferen Geheimnisse der Natur verstehen will, aber auch die Fähigkeit, das eigene Leben als vollendetes Kunstwerk zu inszenieren. Wenn es eine europäische kulturelle Tradition gibt, auf die wir stolz sein können, dann wird sie für Mai von Menschen wie Leonardo verkörpert.

Er lässt dabei durchaus anklingen, dass Leonardos Faszination durch die Technik und wissenschaftliche Fragen eine andere war als die des modernen Rationalismus, der erst in der Epoche eines Kepler und eines Galilei seinen Siegeszug antrat. Dies ist freilich ein Punkt, den man vielleicht noch stärker hätte betonen können. Der amerikanische Renaissance-Historiker John Jeffries Martin hat einmal geschrieben, die Renaissance möge wohl der Beginn der Moderne sein, „but we are no longer modern“, wir seien selbst nicht mehr modern, denn das Weltbild der klassischen Moderne, in dessen Mittelpunkt das autonome, vernunftbegabte Individuum stand, sei nicht mehr das unsere. Damit meinte Martin, dass in der Gegenwart der Mensch vielfach nur noch als Objekt anonymer vorrationaler Kräfte erscheint, die sein Leben bestimmen, und dass es uns zunehmend schwerfällt, sinnstiftende historische Narrative zu formulieren, die unsere eigene Epoche als Vollendung der Bestimmung des Menschen erscheinen lassen.

Während die Naturwissenschaften mit ihrer radikalen Entzauberung der Welt heute anders als zur Zeit Leonardos kaum noch einen Platz für den Menschen als autonomes Vernunftwesen lassen, lösen sich die Geisteswissenschaften in ihren Erzählungen oft in der postmodernen Beliebigkeit willkürlich konkurrierender Interpretationen auf, soweit nicht das Gebot der richtigen politischen Gesinnung als einzig verbleibendes erkenntnisleitendes Prinzip Ordnung ins Chaos des „anything goes“ zu bringen vermag.

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Das mag eine polemische Zuspitzung sein, aber könnte heute wirklich noch ein Philosoph eine fulminante Rede von der Würde des Menschen (De dignitate hominis) formulieren, wie es Giovanni Pico della Mirandola, Leonardos Landsmann und älterer Zeitgenosse, in den 1490er Jahren tat – ein Schlüsseltext der Renaissance, dessen Gedanken auch Leonardo nicht fremd waren? Für Pico war der Mensch ein Lebewesen, dessen Gottesähnlichkeit sich in seinem Schöpfertum manifestierte. Aber der Platoniker Pico postulierte seine Thesen von der besonderen Würde des Menschen in einer Welt, in der er das Göttliche überall gegenwärtig sah, wie wohl auch Leonardo es tat. Dieses Weltbild ist nicht mehr das unsere und damit wird es schwer, für die Sonderstellung des Menschen unter den Lebewesen noch eine befriedigende Erklärung zu geben oder ihm in fundierter Weise jene Würde zuzusprechen, die er für Pico und Leonardo besaß.

Der Graben zwischen unserer Welt und der Leonardos ist daher tief, vielleicht noch tiefer als Mai meint, aber das ändert nichts daran, dass ihm eine faszinierende Biographie gelungen ist, die Lesbarkeit mit historischer Detailgenauigkeit verbindet, und der man die Begeisterung des Autors für sein Sujet anmerkt.


Klaus-Rüdiger Mai, Leonardos Geheimnis. Die Biographie eines Universalgenies. EVA, 400 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, 25,- €


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Kommentare ( 7 )

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In aller Kürze: im Gegensatz zu dem tiefgehenden platonisch-idealen Einfluss der Antike zeigt die in den unfassbar umfangreichen und präzisen technischen, naturwissenschaftlichen und anatomischen Studien zum Ausdruck kommende „Methode“ Leonardos dessen Modernität. Die ästhetische Schönheit des Werkes ist weder antik noch modern – sie gehört nur ihm.

Mona Lisa, das Bild dem ich zutraue, die Hyperinflation der Reichen auf 2 Milliarden EURO zu steigern, sollte Es jemals versteigert werden.

Was anderes fällt Ihnen dazu nicht ein? Sie armer!

Ich habe nicht dieses unvergleichliche Bild bewertet, sondern den fiktiven Geld-Wert dieses Bildes! Trotzdem bin ich der Meinung, das kein Bild der Welt, mehr wert sein sollte als ein Mensch, sofern sich der Mensch nicht schädlich gegenüber anderen Menschen verhält.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Jedem seine Meinung, egal ob arm oder reich, arm dran oder arm ab.
😉 mancher Seemann steht eher auf „die Katze“ als auf das Lächeln der „Mona“
Gina Lisa.

Ich glaube 100 Milliarden würden nicht reichen, auch 1000 nicht. Das Bild ist unschätzbar und unverkäuflich. Manche Sachen kann man nicht kaufen. Bei der Entstehung des Werkes, sass nämlich Gott mit dabei.

Also, mit Verlaub, ich finde das allererste Gänseblümchen, das ich jeden Frühling wieder aus dem Boden kommen sehe, wesentlich schöner.
Aber Sie haben Recht, der Schöpfer hat auch wunderbar „Rippen“, – liebe Evas
verzeiht mir diesen Pfahl im Fleische des Feminismus‘ , geschaffen!