Der Verlust von Notre Dame ist kaum zu ertragen

Die Zukunft Europas wird sich an unserer Haltung gegenüber den bedeutenden Kirchen und anderen kulturell wertvollen Bauwerken entscheiden, die das Herzstück unseres Erbes sind.

Nicolas Liponne/NurPhoto via Getty Images

Unsere Kultur ist ein zartes Gewebe. Gestern ist ein Teil dieses Gewebes gerissen. Die Bilder, die aus Paris gesendet werden, sind kaum zu ertragen, mehr als zu stöhnen und den Blick abzuwenden ist nicht möglich. Es ist unerträglich zuzusehen, wie der Spitzturm von Notre Dame kollabiert und diese grandiose Kathedrale von Feuer verzehrt wird.

Evelyn Waugh sagte einmal, wenn er sich bei einem Brand im Haus zwischen der Rettung seiner Kinder oder seiner Bibliothek entscheiden müsste, würde er die Bibliothek wählen, weil diese unersetzlich sei. Allein in einem Augenblick wie dem gegenwärtigen ist es möglich, in dieser Bemerkung ein Quäntchen Wahrheit zu entdecken.

Selbstverständlich ist mit einer Suche nach Schuldigen zu rechnen. Es wird kritische Prüfungen von Budgets, Überstunden und Sicherheitsstandards geben. Schon vor zwei Jahren berichtete dieser lesenswerte Artikel von den Finanzierungsproblemen für die Restaurierung der Kathedrale. Doch wenn Notre Dame durch einen Brand zerstört werden kann, dann ist gegenüber diesem unerträglichen Ereignis all das belanglos.

Paris
Notre Dame: Europas Seele brennt
Wie ich schon vor ein paar Jahren in einem Buch schrieb, wird sich die Zukunft Europas mehr oder minder an unserer Haltung gegenüber den bedeutenden Kirchen und anderen kulturell wertvollen Bauwerken entscheiden, die das Herzstück unseres Erbes sind. Werden wir um sie kämpfen oder sie vernachlässigen? Sind wir gewillt, uns für ihre Pflege und Erhaltung einzusetzen?

Politiker scheinen zu glauben, Epochen würden nach den Einzelheiten der Entscheidungen von Regierenden beurteilt werden. Das ist nicht der Fall. Sie werden danach beurteilt, was sie hinterlassen haben; am meisten danach, wie sie mit dem umgegangen sind, was die Geschichte in ihre Obhut übertragen hat. Selbst wenn die aktuelle Katastrophe nur ein extrem außergewöhnlicher Unfall wäre – unsere Epoche muss sich eingestehen, dass sie Notre Dame nicht vor einer unfassbaren Schädigung bewahren konnte.

Wir werden künftigen Generationen Auskunft geben müssen über diesen Schatz, den wir nicht beschützt haben und wie es war, mit ihm zu leben. Zu Beginn dieses Jahrzehnts pendelte ich jede Woche für ein paar Tage zwischen London und Paris, wo ich in einer kleinen Wohnung am Rande von Le Marais lebte. Jedes Mal, wenn ich am frühen Montagmorgen auf die Straße trat, um zum ersten Eurostar zu eilen, fiel mein Blick als Erstes auf die berühmte Kathedrale. Eines Wintermorgens, es schneite heftig, hielt ich auf meinem Weg zum Bahnhof abrupt inne: ich war ganz allein auf der Straße mit der Kathedrale vor mir und saugte dieses Bild eines Bauwerks ein, dass ich schon hunderte Male zuvor gesehen hatte. Als ich in London eintraf, konnte ein Freund erkennen, dass ich noch immer leuchtete und für einen Wochenanfang viel zu viel Freude ausstrahlte. Er fragte, wie es mir gehe und ich erinnere mich, ihm nur geantwortet zu haben: „Heute morgen habe ich Notre Dame im Schnee gesehen.“

So war es.

Dieser Beitrag von Douglas Murray erschien zuerst am 15. April 2019 in The Spectator. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zur Übernahme.


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Kommentare ( 132 )

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Was mir bei dem Brand besonders auffällt ist, dass die Ursache noch ungeklärt scheint. Hallo bei jedem Einfamilienhaus ist das nach einem Tag klar.

„Evelyn Waugh sagte einmal, wenn er sich bei einem Brand im Haus zwischen der Rettung seiner Kinder oder seiner Bibliothek entscheiden müsste, würde er die Bibliothek wählen, weil diese unersetzlich sei“

Ich rede hier nicht von Evelyn Waugh, die mir unbekannt ist. Aber AUCH jemanden, der es für möglich hält, hierin „ein Quäntchen Wahrheit zu entdecken“, den kann ich subjektiv nur noch als Zyniker empfinden.

Dazu wäre ich zwar intellektuell im Grundsatz auch fähig, wie ich gestehen muss und nicht sehr stolz darauf bin, aber danach war mir zumindest die Lust auf das Weiterlesen schon vergangen…

Dass der Autor damit etwas völlig anderes ausdrückt und Waugh nicht etwa zustimmt, ergibt sich aus dem Text nicht eindeutig für Sie?

Bitte rücken Sie mich nicht allzu sehr ins Triviale und richten danach Ihre Antwort aus. Die dann eben auch trivial wird. Und dem „völlig anderes“ widerspreche ich. Wie ich über mich selbst geschrieben hatte („…zwar intellektuell im Grundsatz auch fähig, …nicht sehr stolz darauf bin“, und danach explizit, dass ich deshalb nicht mehr weitergelesen habe), empfand ich Waughs Meinung als relative Erniedrigung des Menschlichen. So weit so klar, und für mich nicht akzeptabel. Soweit war ich bei Murray ja erkennbar nicht gegangen und wollte es auch nicht. Aber nachdem ich seinen Artikel jetzt doch gelesen habe, empfinde ich auch seine… Mehr
Rémi Brague zum Brand von Notre Dame LE POINT: Ist Notre-Dame von Paris nach diesem Brand, zusammen mit allem, was sich vor unseren Augen abspielt, auch eine Inkarnation der besonderen Beziehung zwischen Frankreich und dem Katholizismus? RÉMI BRAGUE: Ja, genauso wie die vielen anderen bescheidene Kirchen und Wegkreuze. Und wie so viele Spuren und Zeugnisse. Sowie mehr oder weniger bewusst: unsere Feiertage (die die CGT 1905 gegen die Antiklerikalen verteidigte, als diese sie abschaffenen wollten), unsere Vornamen, die nicht aus amerikanischen Fernsehserien stammen, und vor allem viele unserer spontan gewordenen Verhaltensweisen. Zum Beispiel ist der Respekt, den wir Frauen gegenüber… Mehr

Um mal etwas Positives, auch wenn es schwer fällt, aus dieser Brandkatastrophe zu ziehen: die Betroffenheit, der Schrecken, die Solidarität ist gesamteuropäisch. Ich habe in den Berichten/Reaktionen kein einziges mal „EU“ gehört. Es braucht eben kein Behördenmonster wie die EU, um sich europäisch zu fühlen. Oder um ein „wahrer Europäer“ zu sein. Und dieses Gefühl ist ganz eng an ein einendes Element gebunden, dem Christentum. Europa ist ein christlicher Erdteil. Noch.

Politiker „werden danach beurteilt, was sie hinterlassen haben; am meisten danach, wie sie mit dem umgegangen sind, was die Geschichte in ihre Obhut übertragen hat“

Das kann nicht gut ausgehen fuer Merkel.

…richtig, aber diese interesiert es nicht !

Das Schlimmste waren für mich due vielen feixenden Muslime in den sozialen Medien und die Alua Akbar-Rufe an der Seine. Der wirklich abschließende Beweis für mich, dass Europäer und ihre Kultur, ihre Art zu leben in Todesgefahr sind. Jetzt.

Vermutlich sehen nicht wenige Christen, diesen Brand als Fanal. Es war in der Geschichte schon oft so, dass der Brand von bedeutenden Gebäuden eine neue Epoche einleitete.

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…hoffen wir es !

Nach meiner Meinung wird hier, genau wie im Rest des deutschen Blätterwaldes mit einem unangemessenen Pathos über diesen Kirchenbrand berichtet und kommentiert. Sorry, aber ein Kirchenbauwerk ist weder die Seele Europas noch ist der Brand ein epochales Ereignis. Das ist schliesslich nicht die erste Kirche die brennt, noch wird es die letzte sein. Und im Vergleich mit anderen Bränden wie z.B. am Flughafen in Düsseldorf scheinen ja zum Glück keine Menschen umgekommen zu sein. Und wenn ich höre und lese, dass EU- und sonstige Staaten Frankreich finanzielle Hilfe zum Wiederaufbau anbieten, dann frage ich mich schon, ob Frankreich ein Land… Mehr

So ähnlich haben sich wohl nicht wenige beim Reichstagsbrand (1933) geäußert.

Ihr Meinung zeigt von wenig kulturellen und historischen Verständnis, gescheige denn religiösen „Respekt“. Ich hoffe, dass sie sich auf gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften so „tapsig und flapsig“ äußern.

Ich weiss nicht, wieso sie den Brand in Notre Dame ausgerechnet mit dem Reichstagsbrand in Verbindung bringen, war doch letzterer der offizielle Startschuss und Begründung für die Beseitigung der Demokratie in Deutschland.

Denken Sie, dass das jetzt auch in Frankreich ansteht? Starten jetzt die regierenden Parteien in Frankreich oder im EU-Parlament die Kampagnen um (ähnlich wie 33) die lästige Demokratie und den doofen Rechtsstaat los zu werden?

Spräche das nicht eher gegen den Pathos und die überfrachtete Symbolik in Sachen Notre Dame?

Rein im äußerlichen stecken geblieben. Es geht nicht in erster Linie um den bejammerten Verlust eines wundervollen Kirchenbauwerks, sondern vielmehr um die (durchaus „göttlichen“) Wunder seiner Entstehungsgeschichte und worauf diese Wunder der Künste wiederum HINDEUTEN sollten. Damit ist jener GEIST gemeint, der sich nicht – wie im heutig-reinen Rationalismus – im HIER UND JETZT erschöpft, sondern wohl auch von einer gänzlich anderen – sprich der metaphysisch-transzendentalen Dynamik des Christentums getrieben war. Ein Geist, der inspiriert durch die „Schwingungen der Ewigkeit“, wie Ratzinger schrieb, eben zu anderen, tollkühneren Wundern der Geschichte aufbrechen konnte, als einer, der in der reinen Ratio-Logik verharrte.… Mehr

Der Artikel und die Kommentare vom Verlust lassen hier den Eindruck entstehen, dass die Kirche nicht mehr existiert. Liebe Leute , lasst mal die Kirche im Dorf . Bis auf das Dach steht die komplette Kirche noch und kann wieder aufgebaut werden . Ob der ganzen Tragik sollte man doch sachlich bleiben . Eine Katastrophe ist es allemal.

Mit den Flammen, die aus dem Dach von Notre Dame schlugen, scheint eine Ära zu Ende zu gehen. Ebenso wie die Kathedrale brennt , brennt das Gebälk auf dem unsere europäische Zivilisation ruht. Die Aussenmauern des grossartigen Gotteshaus stehen noch, ein Wiederaufbau erscheint mit großen Anstrengungen und Willen möglich. Das allein wird aber nicht annähernd ausreichen wenn wir nicht zum Glauben, ich meine das weniger religiös, an unsere europäischen Werte, an die Einzigartigkeit unserer Kultur und an die Leistungen unserer Zivilisation zurück finden. Wenn uns das gelingt, löschen wir auch den Brand im erwähnten Gebälk unserer Zivilisation und werden es… Mehr
Aber die „Einzigartigkeit unserer Kultur u. europäischen Werte“ fußen nun mal schlussendlich auch ganz entscheidend auf dem theologisch-philosophischen Fundament bzw. Geist des christlichen Glaubens. Wie Ratzinger (Benedikt) schrieb, wird der Versuch der Moderne, die Welt „abseits von Gott“ zu gestalten, scheitern und in einem Szenario von Chaos und Kontrollverlust enden. Damit ist keine Proklamation zur Wiederbelebung einer (für die heutige Zeit natürlich völlig überholten) einstig-christlichen Glaubenspraxis gemeint. Gemeint ist eine vernünftige Verbindung zwischen reiner Ratio-Logik-und Meta-transzendentaler (auf Basis des christl. Wertekanons / Bergpredigt NT) Ebene. „Der Mensch lebt nicht von Brot allein“ und der Kampf gegen die Einnahme durch den… Mehr

Meine volle Zustimmung.