Wie man sich in Berlin einen Staatsorden erschleicht

Der irakische Rektor einer deutsch-arabischen Sprachschule meldet einen Mordversuch. Der Staatsschutz stellt fest: Der Angriff ist frei erfunden. Dumm nur: Die Stadt hat den Mann für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen.

picture alliance/dpa | Annette Riedl
Hudhaifa Al-Mashhadani, Rektor Ibn-Khaldun-Schule Neukölln, Berlin, 09.02.2026

Als Schnellschütze ist Kai Wegner nun wirklich nicht bekannt. Doch diesmal reagiert der Regierende Bürgermeister von Berlin sofort.

Am Vormittag des 14. November 2025 berichtet Hudhaifa Al-Mashhadani, der Leiter der deutsch-arabischen Ibn-Khaldun-Schule im berüchtigten Bezirk Neukölln, auf seiner Facebook-Seite über einen Mordanschlag. Ein Unbekannter mit einem roten Palästinensertuch habe versucht, ihn vor eine einfahrende U-Bahn zu stoßen. Das klappte nicht. Deshalb habe der Angreifer dann auf ihn eingeschlagen. Als Al-Mashhadani in einen Waggon geflohen sei, habe der Mann noch Todesdrohungen ausgestoßen.

Noch am selben Abend springt der Regierende Bürgermeister und CDU-Landesvorsitzende dem selbsternannten Beinahe-Opfer zur Seite:

Für Wegner-Verhältnisse ist das ultra-schnell. Nach dem linksextremistischen Anschlag auf die Stromversorgung der Hauptstadt Anfang dieses Jahres brauchte der Stadtvater bekanntlich volle zwei Tage, um frierende Bürger in einer Notunterkunft zu besuchen. Zwischendurch, man erinnert sich, hatte er noch ein bisschen Tennis mit seiner Geliebten gespielt.

Diesmal reagiert Wegner schneller. Das hätte er wohl besser nicht getan.

Das Video

Denn die Ermittlungen zeigen: Es war alles ganz anders.

Der Fall wird zunächst vom Staatsschutz beim Landeskriminalamt (LKA) untersucht. Dort geht man davon aus, dass die Sache mit dem religiösen Profil von Al-Mashhadani zu tun hat. Der Mann inszeniert sich seit längerem überaus publikumswirksam als muslimischer Kämpfer gegen Islamismus und Antisemitismus.

Schon kurz nach dem angeblichen Angriff sichern die Ermittler die Videoaufnahmen der Berliner Verkehrs-Betriebe (BVG) vom U-Bahnhof Rathaus Neukölln, wo alles passiert sein soll. Ungefähr genauso schnell gibt es intern erhebliche Zweifel an der Darstellung von Al-Mashhadani.

Denn das Video erzählt eine ganz andere Geschichte. Eine, in der nie ein Mordversuch stattgefunden hat.

Al-Mashhadani hatte der Polizei geschildert, er sei plötzlich von hinten heftig gestoßen worden – genau in dem Moment, als eine U-Bahn in den Bahnhof einfuhr. Die Kamerabilder zeigen etwas völlig anderes. Al-Mashhadani läuft auf den längst eingefahrenen und zum Stillstand gekommenen Zug zu. In der einen Hand hält er einen Kaffeebecher, in der anderen Hand sein Smartphone. Er kratzt sich kurz im Gesicht und blickt über den Bahnsteig. Dann steigt er durch die Tür hinter dem Fahrerstand in den vordersten Wagen.

Kurz darauf geht ein anderer Mann an der Tür vorbei. Er trägt eine helle Hose, einen dunklen Mantel und eine Umhängetasche. Weit und breit ist kein rotes Palästinensertuch zu sehen. Im Vorbeigehen tippt der Mann Al-Mashhadani leicht an. Anschließend zeigt er zunächst mit zwei Fingern auf seine Augen und dann mit einem Finger auf Al-Mashhadani. Es ist die typische Geste für „Ich habe dich gesehen“ oder „Ich habe dich im Blick“.

Niemand wird irgendwie gestoßen. Von einem Mordversuch ist beim besten oder auch beim schlechtesten Willen nichts zu sehen.

Entgegen ihrer sonstigen Übung verzichtet die Berliner Polizei darauf, eine Pressemitteilung zu dem angeblichen Mordversuch herauszugeben. Nach außen bleibt es in dem Fall deshalb monatelang ruhig. Hinter den Kulissen wächst aber mit jedem Tag der Verdacht, dass die Geschichte nicht stimmen kann.

Der Schulleiter legt öffentlich nach. Eine Woche nach dem vorgeblichen Angriff sagt er in einem Interview: „Ich hätte so etwas im Irak erwartet – aber nicht in Berlin.“ Anfang Januar fordert Al-Mashhadani dann sogar die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel zum Rücktritt auf: weil sich „schwerwiegende sicherheitsrelevante Vorfälle gehäuft“ hätten.

Allerdings machen bald auch öffentlich Gerüchte über Zweifel an der Sache die Runde. Anfang März bestätigt die Staatsanwaltschaft schließlich, dass gegen Al-Mashhadani ein Ermittlungsverfahren läuft – wegen falscher Verdächtigung.

Das vermeintliche Opfer, gegen das nun als Täter ermittelt wird, weist die Vorwürfe zurück. Berichte über Unstimmigkeiten seien falsch und politisch motiviert. Konkrete Fragen zu den Videoaufnahmen lässt er unbeantwortet.

Der Geschichtenerzähler

Zeitgleich kommen nun immer mehr Dinge an die Oberfläche, die Hudhaifa Al-Mashhadani in einem ganz und gar nicht vorteilhaften Licht erscheinen lassen.

Bis vor wenigen Wochen stand auf der Website der Ibn-Khaldun-Schule ein Dokument mit dem Titel „Lebenslauf Dr. Huthifa“. Die Berliner Tageszeitung „Taz“ hat sich viel Mühe gemacht und die einzelnen Positionen des Lebenslaufs akribisch überprüft. Das Ergebnis ist ernüchternd:

Weder auf Arabisch noch auf Deutsch noch auf Englisch ließen sich unabhängige Belege für die Angaben im Lebenslauf finden. Zahlreiche Angaben waren nachweislich falsch.

Das Studium

Auf der Webseite konnte man nachlesen, der irakische Sohn einer Politikerfamilie habe „sich nach einem abgeschlossenen Medizinstudium dem Studium der Politikwissenschaft“ gewidmet, 2010 in Bagdad einen Master zum Thema „Abbau extremistischer Gesellschaftsformen“ erworben und 2014 am Baker Institute der Rice University in Texas promoviert.

Eine Suche nach einer „National Defense University Bagdad“, wo der Iraker seinen Master erlangt haben will, führt zwar zu einer ähnlich klingenden Militäreinrichtung. Die darf aber keine akademischen Titel vergeben. Und Nachfragen bei der Rice University in den USA ergeben schnell, dass das dortige Baker Institute gar keine Promotionen vergibt. Der Name Al-Mashhadani – auch in unterschiedlichen Schreibweisen – ist offenbar nirgendwo im Universitätsarchiv zu finden.

Der Irak

Von 2006 bis 2008 sei er beim irakischen Staat in der Terrorbekämpfung tätig gewesen, stand im Lebenslauf. Danach habe er für das US-Außenministerium in Afghanistan gearbeitet und von 2014 bis 2016 – wiederum im Irak, diesmal für das Verteidigungsministerium – bei der Zerschlagung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) geholfen.

In Interviews sind außerdem Aussagen von Al-Mashhadani dokumentiert, wonach er im Irak als Kandidat bei einer Parlamentswahl 170.000 Stimmen erhalten habe. Wegen pro-israelischer Äußerungen sei er 2013 inhaftiert und gefoltert worden. Nichts davon lässt sich verifizieren. Amnesty International weiß nichts über die angebliche Verhaftung einer Person mit dem Namen Hudhaifa Al-Mashhadani.

Die Flucht

Verhaftung und Folter – von denen Amnesty nichts weiß – hätten dann nach 2019 zu seiner Flucht nach Deutschland geführt. Das stand im Lebenslauf. Da stand auch, dass er hier dank seiner „medizinischen Expertise“ im Berliner Virchow-Klinikum sowie im Gesundheitsministerium geforscht habe. Weiter hieß es, er lehre deutschlandweit an Hochschulen und stehe der Polizei sowie dem Verfassungsschutz „beratend zur Seite“.

Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport erklärt auf Nachfrage, dass Al-Mashhadani weder für sie noch für „eine ihrer nachgeordneten Behörden gearbeitet oder diese beraten“ habe. Na, sowas aber auch.

Dafür lebt unser offenbar sehr fantasievoller Freund wohl schon seit 2016 in Berlin. Und bereits 2018 erscheinen auf einigen arabischen Foren und Nachrichtenseiten Beiträge unter seinem Namen – mal mit dem Zusatz „Arabisches Bündnis Berlin“, mal mit dem Hinweis auf die Ibn-Khaldun-Schule.

Der Anruf

Der erfundene Mordversuch hat Al-Mashhadani viel bundesweite Aufmerksamkeit eingebracht. Ende 2025 besucht die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) den umtriebigen Iraker. Die Reportage enthält auch diese Passage:

„Ein Mittwoch Anfang Dezember, Hudhaifa al-Mashhadani (45) steht in seinem Büro, Handy am Ohr. Neonlicht knallt von der Decke (…) Er legt auf. Sie glauben ja nicht, sagt er, wer das eben am Telefon war: ,Der Ministerpräsident von Bayern!‘“

Dann zitieren die Redakteure, was Al-Mashhadani ihnen erzählt hat:

„Markus Söder habe gesagt: ,Kommen Sie zu uns nach München, so einen wie Sie brauchen wir hier für die Islamistenbekämpfung.‘ Er könne sofort anfangen, man besorge ihm auch eine Wohnung. Einen Satz, den Söder gesagt haben soll, wiederholt Mashhadani gleich dreimal: ,Die Berliner Polizei schützt Sie nicht.‘“

Die bayerische Staatskanzlei in München ist über den Bericht, nun ja, höchst irritiert. Sie teilt mit:

„Ein solches Gespräch hat es nie gegeben.“

Die SZ hat ihre Reportage inzwischen korrigiert.

Der Betroffene

Zu den seitenlangen Vorwürfen ist von Hudhaifa Al-Mashhadani bisher nur eine direkte Reaktion bekannt: „Das stimmt nicht, was die ‚Taz‘ schreibt. Die machen das, weil ich für Israel bin.“

Ansonsten hat der Mann auf detaillierte Fragen der recherchierenden Journalisten nicht reagiert. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ lässt er die Pressestelle seiner Sprachschule ausrücken:

„Wir haben sowohl Ihre Fragen als auch den in der ‚Taz‘ erschienenen Artikel zur Kenntnis genommen. Einige der dort angesprochenen Punkte sind derzeit Gegenstand rechtlicher Prüfungen. Vor diesem Hintergrund halten wir es für angemessen, einzelne Aspekte zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Rahmen einer öffentlichen medialen Debatte zu kommentieren.“

Die Politik

Die Affäre ist eine einzige große Peinlichkeit für CDU und SPD, die gemeinsam die Hauptstadt regieren – oder zumindest so tun, als ob.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel von den Sozialdemokraten hat noch Anfang 2025 die Ibn-Khaldun-Schule mit großem Medien-Tross besucht. Er würdigte die Arbeit dort als wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Dezember 2025 erhielt Rektor Al-Mashhadani sogar die Ehrennadel des Bezirks Neukölln.

Heute tut Hikel das, wofür Berliner Politiker insgesamt bekannt sind: niemals einen Fehler zugeben. Die Schule und ihr Rektor, lässt der Bezirksbürgermeister mitteilen, würden sich „glaubhaft gegen Antisemitismus“ einsetzen. Daran gebe es „nichts zurückzunehmen“.

Für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner von der CDU ist das alles sogar noch peinlicher. Er hat gerade dafür gesorgt, dass sein Senat den begabten Geschichtenerzähler Al-Mashhadani – den sie in der Hauptstadt mittlerweile „Felix Krull von der Spree“ nennen – für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hat.

Der „Tagesspiegel“ hat dem Landesvater deshalb ein paar durchaus naheliegende Fragen gestellt:

Wie hat sich Wegner am 14. November 2025 über das Tatgeschehen informiert, bevor er sich mit Al-Mashhadani in dem ganz am Anfang zitierten Kommentar solidarisierte? Ist geplant, den Post zu korrigieren? Und soll Al-Mashhadani wirklich das Bundesverdienstkreuz verliehen werden?

Antwort:

„Die Senatskanzlei nimmt grundsätzlich zu laufenden Ermittlungsverfahren keine Stellung. Dies ist zurückzuführen auf die Wahrung der Unabhängigkeit der Justiz und das Prinzip der Gewaltenteilung.“

Scheherazade hätte das vermutlich auch nicht besser sagen können. Nur eleganter.

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Kommentare ( 20 )

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20 Comments
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Udo Zimmermann
39 Minuten her

Ich bin mir sicher, dass uns viele Menschen “ Märchen aus 1001 Nacht“ erzählt haben. Diese glauben wir , müssen wir glauben, sollen wir glauben. Zwischenzeitlich ist Märchenerzähler ein einkommenssicherer Beruf.

OJ
43 Minuten her

Wir brauchen noch mehr, viel mehr von diesen radikal , aggressiv sozialisierten „Menschen“, die nur ein Ziel haben.
Die westliche Welt islamisieren ❗

Neuheide
47 Minuten her

Ein Skandal,ist es erst,wenn es die Linksgrünpropaganda als solches bezeichnet.
Also nie.
So siehts aus in der besten Demokratie aller Zeiten..

fatherted
47 Minuten her

Was ist dumm an dem Vorschlag? Ich dachte genau sowas sei Voraussetzung für „das Messing“ von Steinmeier?

Stefan_73
50 Minuten her

Solange sich eine Sprachschule noch eine eingene Pressestelle leisten kann, kann es einem Lande sooo schlecht nicht wirklich gehen. Oder?

Mike76
53 Minuten her

Ich schlage vor, den Lügenbaron umgehend auszuweisen. Ohne die Option eines Return-Tickets!

Delegro
54 Minuten her

Selbst zum Lügen zu dämlich. Das auf Bahnhöfen Kameras hängen, sollte jedem klar sein. Außer diesem Selbstdarsteller und Lügenbaron. Ausweisen und weg.

ralf12
1 Stunde her

Das Einzige, was ich ihm abnehme ist seine Behauptung, dem Verfassungsschutz „beratend zur Seite“gestanden zu haben. Diese Gurkentruppe nimmt doch garantiert Beratung von jedem Deppen. Unabhängig davon sollte man die Lebensläufe anderer „Freiheitskämpfer“ aus dem arabischen Raum, die hier Zuflucht gefunden haben, mal durchleuchten. Der Mann ist mit Sicherheit kein Einzelfall.

Otto Normal
1 Stunde her

Gegen Islamismus und religiösen Fanatismus bräuchte man in der Tat dringend Leute „von der anderen Seite“ – nur vielleicht welche mit etwas mehr Seriosität

Deutsche
1 Stunde her

Ein „Mann“ mit einem Baerbockschen Lebenslauf und selbstgewährtem „Opferbonus“. Man hilft sich selbst wenn es einem so extrem leicht gemacht wird. Wie vielen ähnliche Storys mit ähnlichem Wahrheitsgehalt (man denke nur mit den „Flüchtlingsorganisationen“ eingeübten Asylgeschichten oder die Abkassierer mit zahllosen „Identitäten) verdanken wir die astronomischen Flüchtlingszahlen angeblicher Schutzbedürftigen. Aber besagter „Hochgebildeter“ geht noch weiter und beschimpft und verunglimpft die aufnehmende Gesellschaft. Durchaus ein weitverbreiteter Wesenszug der Orientalen. Eine „echte Bereicherung“ unserer Gesellschaft. Das Auswachsen von Betrügereien zum riesigen Geschäftsfeld hat sicher „nichts“ mit der Einwanderung zu tun. Und unsere Obrigkeit überschlägt sich wegen dem „Mordversuch an dem armen Mann“.… Mehr