Die Angst vor Teuerung und überforderten Politikern wächst

Alles wird teurer, es gibt aber kaum mehr Gehalt: Die Teuerung wird für viele Menschen in Deutschland zur Bedrohung, und mit der Politik sind sie so unzufrieden wie schon lange nicht mehr – das zeigen die Ergebnisse der neuen Studie "Die Ängste der Deutschen" der R+V-Versicherung.

Vizekanzler Lars Klingbeil und Kanzler Friedrich Merz. Imago dts Nachrichtenagentur
Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil und Kanzler Friedrich Merz.

Die größte Angst der Deutschen steht auf dem Kassenbon: 59 Prozent der Befragten haben große Angst, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht. Das ist das Ergebnis der Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“, die die R+V-Versicherung am Donnerstag in Berlin vorstellte. Gegenüber 2025 sind es sieben Prozentpunkte mehr, denen die Teuerung große Angst macht. Zum 16. Mal in 35 Erhebungen seit 1992 führt die Teuerung die Liste an.

Der allgemeine Angstindex steigt aber nur von 37 auf 38 Prozent und bleibt weit unter dem Höchstwert von 52 Prozent im Jahr 2016.

Vier der fünf größten Sorgen drehen sich um das Geld: Auf Platz zwei stehen Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen mit 53 Prozent (plus vier Punkte). Platz drei nimmt die Massenmigration ein: 52 Prozent fürchten eine Überforderung des Staates durch den Zuzug von Migranten (plus drei Prozentpunkte). Dahinter folgen eine schlechtere Wirtschaftslage mit 51 Prozent – plus zehn Punkte, der stärkste Anstieg aller abgefragten Themen – und unbezahlbarer Wohnraum mit 50 Prozent.

Studienleiter Grischa Brower-Rabinowitsch sagte, die Menschen erleben täglich, wie kostspielig der Alltag für alle geworden sei. Die Marburger Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki, Beraterin der Studie, nannte die Schlüsselpreise: Energie, Wohnen, Lebensmittel. Der Spielraum für Freizeit, Urlaub und neue Anschaffungen schrumpfe.

Die Interviews für die Umfrage liefen von Mitte Mai bis Ende Juli, also vor dem September-Preisschub. Das Statistische Bundesamt schätzt die Inflation für September auf 3,3 Prozent, den höchsten Stand seit Ende 2023. Energie verteuerte sich um 14,9 Prozent zum Vorjahr. In Nordrhein-Westfalen etwa lag der Preis für Diesel 48,7 Prozent über dem Vorjahresmonat, für Benzin 33,8, für Heizöl 49,9. Nahrungsmittel stiegen nur um 0,4 Prozent, die Kerninflation blieb bei 2,4. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski nannte die Teuerung ein Energiepreisphänomen des Iran-Kriegs.

ANREIZ ZUM VERSAGEN
Bundesregierung halbiert Konjunkturprognose – der Finanzminister freut sich über neue Schulden
Mit dieser Angst vor einer weiteren Teuerung bricht das Vertrauen in die Politik ein: 48 Prozent fürchten, dass Politik mit ihren Aufgaben überfordert ist, sechs Punkte mehr als 2025. Regierung und Opposition erhalten im Schnitt die Note 4,1, nach 3,8 im Vorjahr. Schlechter war die Note zuletzt 2018 unter Angela Merkel. Brower-Rabinowitsch nannte das Ergebnis miserabel. Und Isabelle Borucki zog die politische Linie: Nach dem Ende der Ampel hätten viele mit Schwarz-Rot mehr Führung, weniger Streit und eine schnelle wirtschaftliche Wende verbunden. Das habe sich nicht erfüllt. Zwischen Ankündigung und spürbarem Ergebnis klaffe eine Lücke.

Klimawandel macht deutlich weniger Angst

Allerdings zeigt die neue Umfrage: Die Angst vor Naturkatastrophen fällt von 36 auf 27 Prozent, die vor dem Klimawandel von 36 auf 30 – trotz Hitzesommer, Niedrigwasser und Ernteausfällen. Das Studienergebnis erinnert an den Satz aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Auch die Angst vor Terrorismus sinkt trotz der sehr aktuellen Bilder von islamistischen Anschlägen in Deutschland von 39 auf 34 Prozent, ein Krieg mit deutscher Beteiligung von 41 auf 34, die Macht autoritärer Herrscher von 47 auf 41. Vor dem Ukraine-Krieg lag die Kriegsangst bei 16 Prozent. Der eigene Jobverlust erreicht ein Tief: Nur 20 Prozent der Erwerbstätigen fürchten ihn. Das steht im Widerspruch zur Rezessionssorge. Die Leute trauen zwar der Konjunktur nicht, aber sehr wohl noch dem eigenen Arbeitsvertrag.

Befragt wurden 2400 Personen ab 14 Jahren, 1600 im Westen, 800 im Osten, in persönlichen Interviews. Auf der Skala von 1 bis 7 gelten die Werte 5, 6 und 7 als große Angst.

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 13 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

13 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Brauner Bodensatz
6 Tage her

Befragt wurden offenbar nur schon länger hier Lebende die mit dem auskommen müssen das sie sich täglich erarbeiten. Wer Stütze kassiert kann sich entspannt zurücklehnen. Seit den RUS-Sanktionen verdreifachte Gas- & mehr als verdoppelte Strompreise, dank allerlei „Wenden“ nötige indes unbezahlbare Wärmepumpe, zusammenbrechende Brücken und ausfallende Züge auf den Arbeitswegen etc. – alles egal! Immerhin spart man automatisch am Ausgehen o.ä., da man abends ohnehin nicht mehr ins „Stadtbild“ sollte…

Sonny
6 Tage her

„Der eigene Jobverlust erreicht ein Tief: Nur 20 Prozent der Erwerbstätigen fürchten ihn. Das steht im Widerspruch zur Rezessionssorge. Die Leute trauen zwar der Konjunktur nicht, aber sehr wohl noch dem eigenen Arbeitsvertrag.“
Da kann man mal wirklich gut erkennbar sehen, wie dumm ein Großteil der Deutschen ist. Und dann wundert es auch nicht mehr, warum so viele immer noch diese Altparteien wählen.

Haba Orwell
6 Tage her

> und mit der Politik sind sie so unzufrieden wie schon lange nicht mehr Das scheint in etlichen westlichen Ländern ähnlich zu sein: >>>Werden wir den Fall westlicher Hauptstädte erleben? – uncut-news.ch<<< > „… Regierungen, die mehr Probleme verursachen, als sie lösen, verdienen es nicht, zu überleben. … Betrachten Sie diese aktuellen Schlagzeilen: (1) „NYC kehrt zu Gasbussen zurück, nachdem man auf die harte Tour herausgefunden hat, dass die elektrischen Versionen große Probleme haben“, (2) „Als ehemaliger MI6-Chef ist mir klar, dass die britische Klimapolitik uns unseren Feinden gegenüber gefährlich verwundbar macht“, und (3) „Spanien: 74 % der Verdächtigen bei… Mehr

Haba Orwell
6 Tage her

> Die größte Angst der Deutschen steht auf dem Kassenbon: 59 Prozent der Befragten haben große Angst, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht.

Und dennoch wählt man westlich der Elbe fröhlich Kartellparteien, die „für Klima“ alles teurer machen? Ähnlich übrigens in Österreich: >>>Österreich führt Paketsteuer ein: 2 Euro pro Sendung ab 1. Oktober 2026 – Amazon stellt 2,40 Euro in Rechnung<<<

Rasio Brelugi
6 Tage her

„… , und mit der Politik sind sie so unzufrieden wie schon lange nicht mehr …“ Dass die deutsche Wählerschaft „so unzufrieden wie schon lange nicht mehr“ mit der Politik sei, kann ich den aktuellen Wahlprognosen nicht entnehmen. (Fast 70% sind für ein „Weiter-So“.) Wenn das oben Zitierte das seriöse Ergebnis einer Umfrage sein sollte, muss unbedingt ergründet werden, wie das zu einem Umfrageergebnis bzgl. Parteien so kommen kann, wie es ist. Darüber erwarte ich Informationen in einem Artikel, der sich den Problemen der Zeit stellt. Die Journalisten müssten somit nicht nur Politikwissenschaftler befragen, sondern offensichtlich unbedingt auch Psychologen, Sizialpsychologen… Mehr

heinrich hein
6 Tage her

aber man hat zunehmend den Eindruck, Herr Merz ist mit sich im reinen und hält sich für einen guten Kanzler. Ich frage mich immer, was in deren Köpfen vorgehen muss!

Brauner Bodensatz
6 Tage her
Antworten an  heinrich hein

Ist auch mein Eindruck. Er meint sicher, er sei ein ganz Fleißiger, und dass DE kaum einen fleißigeren Kanzler haben könne.

Man muss aber auch anerkennen, sich beim Gipfel ich glaube in Ägypten wo Merzel keine Rolle spielte sich dennoch mitm Trump aufs Foto zu schleichen, das kostet schon einige Mühe;-)

Reinhard Peda
6 Tage her

„59 Prozent der Befragten haben große Angst, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht.“
Des wegen wählen Masochisten ja die Altparteien. Jammern und Meckern geht immer, aber sein Wahlverhalten ändern, niemals!

P.Schoeffel
6 Tage her

„59 Prozent der Befragten haben große Angst, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht.“

Da kann ich nur sagen: Wählt anders oder hört auf zu jammern.

Astrid
6 Tage her

Ich kann das in meinem Umfeld nicht bestätigen. Die meisten Leute tun zumindest nach Außen so, als würde sie alles aus der Portokasse bezahlen. Es jammert oder stöhnt niemand, so dass man sich schon die Frage stellt, was müssen für finanzielle Spielräume da sein, um die extremen Preissteigerungen an jeder Ecke zu bezahlen. Ich habe schon so oft gedacht bei den Benzinpreisen muss doch langsam mal etwas ins Rutschen geraten, aber da habe ich mich geirrt. Die Straßen sind voll mit Autos und das sind sie auch bei 3,50 € pro Liter. Die Schraube kann also ruhig noch weiter nach… Mehr

JamesBond
6 Tage her

Bei dieser ReGIERung braucht es immer einen Plan B und der muss nicht in Absurdistan ausgeführt werden 😂😂😂