Selenskyjs nächste Personalrochade: Vierter Verteidigungsinister in drei Jahren

In der Ukraine hält sich ein Verteidigungsminister aktuell nur wenige Monate: Der vierte Verteidigungsminister innerhalb von nur drei Jahren ist bereits designiert. Die jüngste Rochade ist Teil einer umfassenderen Neuordnung im Machtzentrum von Kiew, mit der Präsident Wolodymyr Selenskyj auf politischen Druck reagiert.

picture alliance / Chris Emil Janßen | Chris Emil Janssen

Auch in seinem Präsidialamt wird nun von Selenskyj die erwartete Neubesetzung durchgezogen. Der ukrainische Präsident hat den bisherigen Chef des Militärgeheimdienstes HUR, Kyrylo Budanow, zu seiner neuen „rechten Hand“ gemacht. Budanow übernimmt den Posten des Stabschefs im Präsidialamt und folgt damit auf Andrij Jermak, der im November zurückgetreten war. Der Rücktritt erfolgte nach dem Auffliegen eines weitreichenden Korruptionsskandals im Energiesektor, der das politische Establishment des Landes erschüttert hatte.

Selenskyj begründete den Schritt mit der aktuellen Lage des Landes. Die Ukraine müsse sich stärker auf Sicherheitsfragen, den Ausbau der Verteidigungs- und Sicherheitskräfte sowie auf diplomatische Prozesse konzentrieren. Das Präsidialamt solle sich künftig vorrangig diesen Aufgaben widmen. Budanow verfüge über besondere Erfahrung in genau diesen Bereichen und habe die notwendige Durchsetzungskraft, um Ergebnisse zu erzielen, erklärte der Präsident.

Budanow gilt als einer der bekanntesten Sicherheitsexperten des Landes: Seit 2020 leitete er den Militärgeheimdienst und war an zahlreichen verdeckten Operationen beteiligt, darunter Aktionen gegen militärische Ziele auf der von Russland annektierten Krim sowie Einsätze gegen hochrangige russische Militärs. Gleichzeitig spielte er eine Rolle bei Verhandlungen über den Austausch von Kriegsgefangenen. Der General überlebte mehrere Anschläge, wurde mehrfach verwundet und als „Held der Ukraine“ ausgezeichnet. In Kiew gilt er als Symbol für den militärischen Widerstandswillen des Landes.

Parallel zur Neubesetzung im Präsidialamt wird auch das Verteidigungsministerium neu aufgestellt. Der bisherige Digitalminister Mychajlo Fedorow soll neuer Verteidigungsminister werden und damit Denys Schmyhal ablösen, der das Amt erst im vergangenen Sommer übernommen hatte. Selenskyj dankte Schmyhal für seine Arbeit und kündigte an, ihn an anderer Stelle in der Regierung einsetzen zu wollen. Fedorow bringt vor allem technologische Expertise mit: Er gilt als treibende Kraft hinter der Digitalisierung staatlicher Prozesse und dem verstärkten Einsatz von Drohnen im Krieg. Seine Ernennung, die noch vom Parlament bestätigt werden muss, soll die Modernisierung der Streitkräfte beschleunigen.

Auch beim Militärgeheimdienst selbst gibt es einen Führungswechsel: Neuer HUR-Chef wird Oleh Iwaschtschenko, bislang Leiter der Auslandsaufklärung. Selenskyj betonte, der Fokus bleibe auf der wirtschaftlichen Schwächung Russlands, insbesondere durch die Einschränkung von Ölexporten und die Bekämpfung von Sanktionsumgehungen. Weitere personelle Änderungen, etwa an der Spitze des Grenzdienstes, seien angekündigt.

„Operation Midas“

Ein gewaltiger Korruptionsskandal war der Auslöser dieser Personalrochaden: Unter dem Namen „Operation Midas“ ermitteln ukrainische Antikorruptionsbehörden gegen ein mutmaßliches Schmiergeldsystem im staatlichen Energiesektor. Nach Angaben der Ermittler geht es um Bestechungszahlungen in Höhe von mehr als 100 Millionen US-Dollar im Zusammenhang mit Energieverträgen und Beschaffungen.

Mehrere hochrangige Manager und Beamte wurden festgenommen, zwei Minister mussten zurücktreten, Vermögenswerte wurden beschlagnahmt und interne Kontrollmechanismen verschärft. Auch wenn Selenskyjs bisheriger Präsidial-Chef Andrij Jermak nicht als Beschuldigter gilt, hat der Fall eine erneute Debatte über die massive Korruption in der Ukraine auf höchster Ebene ausgelöst. Der selbst mit dem Skandal politisch schwer belastete Präsident will mit der weiteren Personalrochade der ukrainischen Bevölkerung und auch internationalen Unterstützern zeigen: Er ist noch handlungsfähig, und es gibt Konsequenzen – trotz des Krieges.

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Kommentare ( 12 )

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AlexR
2 Stunden her

Zum Thema Korruption passt er doch wunderbar in die EU zu UvdL. Hier erhöht man sich etwa alle vier Monate die Gehàlter. Natürlich sind alle dieser Beamtenblase dafür. Ein Hoch auf Uschi!

Ich frage mich immer, wer legalisiert diese Erhöhungen und auch die Milliarden für den Komiker in Kiev?

Hans Wurst
2 Stunden her

Na zumindest wird in der Ukraine Korruption noch als etwas, das es zu bekämpfen gilt, angesehen. In Deutschland ist sie Staatsräson. Oder wie nennt man das Verschieben von Millarden an parteinahe Organisationen und Stiftungen, um von den ganzen Subventions- und Maskenskandalen während und nach Corona mal garnicht erst anzufangen.

Last edited 2 Stunden her by Hans Wurst
AmitO
3 Stunden her

Das war abzusehen. Die Verteidigungsminister werden des Sieges so schnell müde, dass sie immer wieder ausgetauscht werden müssen. Das ist normal.

Hieronymus Bosch
3 Stunden her

Ja, die Ukraine ist ein wahrhaftes Korruptionsparadies mit einem Staatschef an der Spitze!

verblichene Rose
3 Stunden her

Das ist wie Montag nach einem Sonntag. Also nicht der Rede Wert!
Das hier ist viel spannender:
Stromausfall in Teilen Berlins!
Was ist dagegen schon ein ausgetauschter Verteidigungsminister in der Ukraine?
Ach ja, in Venezuela herrscht gerade ein „Bombenwetter“… Das hat allerdings mal ausnahmsweise nichts mit dem Klimawandel zu tun.

Kraichgau
3 Stunden her

macht Sinn,der,der russische Generäle hat liquidieren lassen,wird demnaechst für diplomatische Geschäfte zuständig sein….
so wird das ukrainische „Verhandlungsteam“ bestimmt toleriert vom Gegenüber

Laurenz
4 Stunden her

Was tut ein Minister oder Präsident, wenn der Krieg aus Ausland finanziert wird & trotzdem verloren ist? Er bringt seine Schäfchen ins Trockene, solange noch Geld aus dem Ausland kommt.

Gartheo
4 Stunden her

Na ja, jeder sollte ja sein Anteil bekommen.

Eddy08
5 Stunden her

Oh ist jetzt noch einer in der ukrainischen Regierung der an der Sprengung der Pipeline beteiligt war, noch einer der die Nato in Artikel5 treiben wollte? Ich glaube diesen ukrainischen Musterbürgern nichts. Es ist schon merkwürdig, als die Amis im Irak unterwegs waren oder in afghanistan da kamen keine Laufschriften über Verletzte oder zerstörte Häuser, schon garnicht 4 Jahre nach Kriegsbeginn. Hier wird künstlich etwas aufrecht erhalten, anstatt Frieden zu schaffen. Es stützt auch den Eindruck, dass Butcha und der Beschuss des Atomkraftwerkes nicht der Russe war

humerd
5 Stunden her

„…hat der Fall eine erneute Debatte über die massive Korruption in der Ukraine auf höchster Ebene ausgelöst.“
nicht in Deutschland. Es gab nur ein paar Randnotizen /- bemerkungen und dann wurde das Thema ganz schnell unter den Teppich gekehrt. Immerhin gilt es die Bereitschaft der Bevölkerung zu den Milliardenzahlungen an die Ukraine aufrecht zu erhalten.

Tom Engel
4 Stunden her
Antworten an  humerd

Richtig: Es könnte sogar so sein. Das S. den Krieg zulasten der Bevölkerung weiterlaufen lassen will. Es geht um Milliarden, deren Verwendung oft „Rätselhaft“ ist. (Korruption in der Ukraine )

Laurenz
4 Stunden her
Antworten an  humerd

Dann sollen doch jene die Milliardenzahlungen leisten, die dafür sind.