Österreich: Das Duell verlor der ORF

ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher will Alexander Van der Bellen bei seiner Stimmen-Aufholjagd mit einem Überraschungsangriff auf Norbert Hofer helfen und landet einen Rohrkrepierer.

Ingrid Thurnher, die das Kandidaten-Duell im ORF moderierte, ließ schon körpersprachlich keinen Zweifel daran: von Unparteilichkeit keine Spur. Hoch unprofessionell und obendrein kontraproduktiv. Denn im letzten Duell konnte es nur um die Unentschiedenen gehen, nicht um die festen Anhänger der Duellanten.

Mit einem Einspieler konfrontierte sie Hofer mit dem Vorwurf, gelogen zu haben. Der FPÖ-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten erzählte schon seit einiger Zeit wiederholt, bei einem Besuch in Jerusalem am 30. Juli 2014 selbst Zeuge eines versuchten Terroranschlags geworden zu sein, bei dem die Angreiferin erschossen wurde. Im ORF-Interview-Einspieler mit einem israelischen Polizeisprecher sagte dieser, „dass es keinen Vorfall gab, bei dem eine Frau erschossen wurde.“ Nach der Sendung stellte sich raus, dass der Vorfall zwar stattgefunden hat, die Frau aber angeschossen, nicht erschossen wurde und die Umstände anders waren, als von Hofer dargestellt. Plauschpeperl nennt man das in meiner Heimat: nicht gelogen, aber auch nicht wahr.

Wäre es dem ORF um die Aufklärung gegangen, ob Hofer zu diesem Ereignis von 2014 (!) die Wahrheit sagt, hätte er das spätestens während des langen Wahlkampfs über einen Versuch von Anchor-Man Wolf hinaus klären können.

Der Überraschungs-Konfrontation im letzten TV-Duell der Bundespräsidenten-Kandidaten kann also keine andere Absicht zugeschrieben werden als der Versuch des ORF, dem vermutlich Chancen-Schwächeren Van der Bellen beim Aufholen dem vermutlich Chancen-Reicheren Hofer gegenüber zu helfen. Das Ergebnis: ein Rohrkrepierer.

Wer im Fernsehen „gewinnt“ oder „verliert“, wird ja bekanntlich regelmäßig noch mehr als dort am Tag drauf in den Massenmedien entschieden.

Die österreichische BILD-Zeitung, die Kronenzeitung oder im Volksmund Krone, sagt:

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Die „schwarze“ Tageszeitung Kurier schrieb: „Hofer lieferte sich mit Moderatorin Ingrid Thurnher mehr Auseinandersetzungen als mit seinem Kontrahenten. ‚Sie reden hier mehr als ich, kandidieren Sie auch?‘ konterte Hofer auf bohrende Fragen der ORF-Moderatorin.“

Die Presse, so etwas wie eine österreichische Mischung aus WELT und FAZ titelte:

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Ansonsten war dieses TV-Duell langweilig, meine Landsleute würden sagen eine matte Sache. Angst und Anspannung, bloß nichts falsch zu machen, standen beiden im Gesicht. Ohne das parteiische Vorgehen von Frau Thurnher wäre die Runde unentschieden ausgegangen. Wenn sie doch noch etwas bewegt hat, dann pro Hofer.

Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde
Österreich: Die Gegner des Kandidaten Hofer vereinen sich als Unterstützer
Damit schließt sich für mich der Kreis seit dem Ergebnis der ersten Runde der Abstimmung, in der die Kandidaten der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP kläglich ausschieden, während die einzig tatsächlich unabhängige Kandidatin Irmgard Griss dem nominal unabhängigen Grünen-Kandidaten Alexander Van der Bellen bemerkenswert nahe kam. Sollte Hofer das Rennen machen, wovon inzwischen die meisten ausgehen, wird er das zu einem entscheidenden Teil seinen Gegnern verdanken, die mit ihrem Eifern gegen den FPÖ-Mann ihm Wähler um Wähler zutrieben: Denn die Zahl der Zeitgenossen steigt täglich, die sich von wem auch immer nicht vorschreiben lassen, für und gegen wen und was sie stimmen.

Im MorgenMagazin der ARD war heute der österreichische Kabarettist, Journalist und Politikwissenschaftler Christof Spörk Interviewpartner. Österreichs Gesellschaft, sagt mein steirischer Landsmann, ist tief gespalten. Damit aber, fügt er hinzu, sei sie Teil eines Trends im ganzen Westen, einer Art von gesellschaftlichem Burnout. Der Mann schaut über den Zaun. Wenn Hofer Bundespräsident wird? Dann, vermutet Spörk, kommt die alte österreichische Tradition des Austarierens zur Wirkung. Präsident rot, Kanzler schwarz oder umgekehrt sei meist das Muster gewesen. Also, schließt er, sinken die Chancen von FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, Kanzler zu werden, mit einem Norbert Hofer als Bundespräsidenten. Interessante These, dann hätte Strache mit dem von ihm ins Rennen geschickten Kandidaten Hofer mit Zitronen gehandelt.

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