Deutschland besteuert nicht nur besonders hoch, sondern auch unsozial und kinderfeindlich

Der deutsche Staat belastet gerade diejenigen mehr als andere Länder, die es sich am wenigsten leisten können. Besonders unverhältnismäßig hoch sind Steuern und Abgaben für wenig verdienende Alleinerzieher. In anderen Ländern zahlen die gar keine Steuern – oder kriegen sogar noch Geld zusätzlich.

IMAGO / Ralph Peters

Deutschland hat seinen Weltmeister-Titel souverän verteidigt. Keiner der 37 Industriestaaten in der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) knöpft einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener so viel Steuern und Abgaben ab wie der deutsche. Selbst der langjährige Spitzenreiter Belgien kann da nicht mehr mithalten. Aber das ist noch nicht einmal die wichtigste Nachricht aus der alljährlichen OECD-Studie „Taxing Wages“. In der Presseberichterstattung sind die deutschen Regierenden, die diese traurige Spitzenposition zu verantworten haben, dennoch relativ glimpflich davongekommen. Denn die konzentrierte sich eben ganz auf die Steuerbelastung für kinderlose Durchschnittsverdiener. 

Viel brisanter ist die Belastung der unterdurchschnittlich verdienenden Alleinerzieher. Und das ist gerade für ein Land, dessen politmediale Klasse den Anspruch auf Solidarität und soziale Gerechtigkeit so sehr betont, blamabel.

Wer den deutschen Staat für besonders effizient oder sozial oder gerecht hält, der findet in den sehr gut aufbereiteten Online-Statistiken der OECD reichlich Gelegenheit, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Eine Vergleichszahl gibt es da in der OECD-Statistik, die eigentlich für jeden Sozial- und Steuerpolitiker gerade der SPD oder der Linken ein dauernder Stich ins links schlagende Herz sein sollte.

Die Zahl, die die OECD für die Länder berechnet, nennt sich „Steuerkeil“. Der misst die Differenz zwischen den Arbeitskosten des Arbeitgebers und dem Nettoverdienst, der dem Arbeitnehmer bleibt, also nach Abzug aller direkten Steuern und Abgaben und zuzüglich Vergünstigungen und Transfers.

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Besonders interessant ist der Steuerkeil für Alleinerziehende mit zwei Kindern und einem Bruttoverdienst von 67 Prozent des nationalen Durchschnitts – also etwa einer verwitweten Krankenschwester mit zwei Kindern oder einem Busfahrer, dem die Frau davongelaufen ist und der nun sich und seine zwei Kinder durchbringen muss. Kurz: Menschen, für die Sozialdemokraten früher Politik gemacht haben.

In Deutschland zahlt jene Krankenschwester oder jener Busfahrer von seinem deutlich unterdurchschnittlichen Gehalt trotzdem noch 28.1 Prozent Steuern und Abgaben. In Kanada aber zahlt er Minus 17.9 Prozent. Ja richtig: Er zahlt per Saldo gar keine Steuern und Abgaben, sondern erhält 17.9 Prozent seines Lohns obendrauf. Und da ist Kanada nicht einmal Spitzenreiter. In Neuseeland erhält er sogar 18,1 Prozent seines Lohns zusätzlich. In Australien erhält der imaginäre alleinerziehende Busfahrer zwar nichts oben drauf, muss aber auch nur läppische 1,2 Prozent Stern und Abgaben zahlen. Auch in Irland zahlt er immerhin nur 

Das sind angelsächsische Staaten mit traditionell wenig ausgebautem Sozialstaat und vergleichsweise niedrigen Zahlungen für Arbeitslose. Aber auch im EU-Mitgliedsland Irland zahlt der alleinerziehende Geringverdiener nur 1,3 Prozent, also so gut wie gar nichts. Und ausgerechnet im von Konservativen (unter deutschen Linken gar nicht geschätzten) EU-Mitgliedsland Polen zahlt ein nur zwei Drittel vom Durchschnitt verdienender Alleinerziehender mit zwei Kindern unterm Strich keine Steuern und Abgaben, sondern erhält einen Zuschuss von 3,4 Prozent seines Bruttolohns. Was soziale Gerechtigkeit betrifft muss sich die PiS-Regierung in Warschau wahrlich nichts von deutschen Sozialdemokraten vormachen lassen.

In der Schweiz zahlt derselbe gering verdienende Alleinerzieher zweier Kinder auch nur nur 4,4 Prozent, in Großbritannien 9,2. In Frankreich, oft als besonders steuerfreundlich für Eltern angesehen, sind es immerhin schon 17,3 Prozent – immerhin noch sehr viel weniger als ein Vergleichsfall in Deutschland 

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Aber nicht nur Alleinerzieher werden in Deutschland vergleichsweise stark geschröpft. Auch eine vierköpfige Familie mit einem Durchschnittsverdiener und einem Geringverdiener (67 Prozent des Schnitts) hat in Deutschland einen Steuerkeil von 41,5 Prozent des Bruttoeinkommens zu zahlen. Ohne Kinder zahlen sie 47,2 Prozent. Die gleichen Steuerkeile in Polen liegen bei 22,0 und 34,5. Die Kinder „lohnen“ sich also steuerlich in Polen doppelt so stark wie in Deutschland. In Neuseeland zum Beispiel ist der Unterschied zwar noch geringer als hierzulande, allerdings zahlen sowohl kinderlose als auch Doppelverdiener mit zwei Kindern dort weit unter 20 Prozent (17,6 und 17,1).

Bei solchen Zahlen wundert man sich nicht mehr, warum in Deutschland einerseits so wenige Kinder geboren werden und andererseits für viele Menschen in prekären Verhältnissen die Attraktivität von Hartz-IV-finanzierter Arbeitslosigkeit deutlich größer sein kann als die eines gering bezahlten Jobs.

Das steuergünstigste OECD-Land ist übrigens Chile (Den Sonderfall Kolumbien mit seiner Null-Besteuerung für Alleinstehende wollen wir außer Acht lassen, da dort andere Zahlungen für Versicherungen verpflichtend sind, die die Vergleichbarkeit verhindern). In Chile jedenfalls macht es allerdings kaum einen Unterschied für den Steuerkeil, wie viel man verdient, oder ob man Kinder hat. Die Belastung variiert in dem südamerikanischen Land nur zwischen 6,1 Prozent für den alleinerziehenden Geringverdiener mit zwei Kindern und 8,3 Prozent für den kinderlosen Besserverdiener (167 Prozent des Landesdurchschnitts).

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Kommentare ( 67 )

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Holger Wegner
5 Monate her

Durch hier möglich Spitzeneinkommen gibt es ein Durchschnittseinkommen, das der Durchschnittsbürger, nämlich 2/3, nicht erreicht. Auf der Basis werden dann evtl. die deutsche Mitte der Gesellschaft mit dem unteren Rand anderswo verglichen. Und nebenbei können die hier doch recht gut bezahlten Berufsgruppen über ihre unterdurchschnittliche Bezahlung jammern.

Wolfgang M
5 Monate her

Der Spitzensteuersatz gilt ab einem Wert, der seit 60 Jahren konstant geblieben ist. Früher waren es 120.000 DM, heute sind es 60.000 Euro. Die Inflation wurde nicht berücksichtigt. Der Mindestlebensunterhalt, für den keine Steuer zu bezahlen ist, wurde natürlich ständig angepasst. So wurde die Lücke zwischen Steuerfreiheit und Spitzensteuersatz immer kleiner. Inzwischen gibt es zwar einen 2. Wert, ab dem die Reichensteuer gilt. Das macht es nicht viel besser. Früher lag der Spitzensteuersatz bei 52%. Schröder hat ihn auf 45% gesenkt und inzwichen wurde er wieder auf 47% angehoben. Eigentlich hätte man die Steuerkurve in regelmäßigen Abständen an die Inflation… Mehr

holuschi
5 Monate her

Um besteuert zu werden, muss erst mal ein Verdienst da sein. Für Leute, die weder die Ausbildung noch die Absicht haben Geld zu verdienen, ist Deutschland nach wie vor ein Schlaraffenland. Oder wie ist sonst zu erklären, dass Menschen ohne wesentliche Ausbildung und Sprachkenntnisse tausende Kilometer in ein (noch) hochtechnisiertes Land einreisen und genau dort Asyl haben wollen. Weil die Bio Michel so nett sind?

Holger Wegner
5 Monate her

Der Alleinerziehende Busfahrer bekommt von seinen 2676.- Brutto 2398.- netto inkl. Transfers raus. Dafür müsste der Single 3827.- Bruttolohn haben.

country boy
5 Monate her

Das Ziel unserer Eliten scheint zu sein, dass Biodeutsche aussterben. Deutschen Frauen soll es so schwer wie möglich gemacht werden, Kinder zu bekommen. Für Einwanderer ist jedoch Geld in Hülle und Fülle vorhanden.

Memphrite
5 Monate her

Wo ist das Problem? Jeder Diktator und Weltverbesserer bzw. Eroberer wünscht sich solch ein „Schafsvolk“.
Arbeiten, arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten und ohne Widerstand sich mindestens 50% des Lohns wegnehmen lassen.
Und das Beste daran, mit dem abgepressten Geld wird fast nichts in die Zukunft oder in das eigene Land investiert 🙂
Und das Sahnehäbchen: Das „Schafsvolk“ will genau das. Jede Wahl bestätigt es.

Daimondoc
5 Monate her

Das Deutschland Kinderfeindlich und auch Bürgerfeindlich ist wissen wir doch schon seit Jahren. Die Politnix setzen doch nur ihre Interessen durch und das muss sofort aufhören.

Holger Wegner
5 Monate her

Im Gegenteil fördert der Staat das Alleinerziehendsein. Zusätzlich zu den normalen Freibeträgen gibt es noch einen Entlastungsfreibetrag von 4008.- p.a. dazu, der 2. Partner einer Familie ist also statt 9744.- im Umkehrschluss nur 5736.- „wert.“ Das muss er machen, weil es bei H4 einen Alleinerziehendenzuschlag gibt, der übrigens zur Trennung animiert, die ca. 200.-/Monat mehr bringt plus gratis 2tWohnung. Auch da wäre der Partner beim Verbleib nur ca. 250.- „wert“. Das Spiel ist hier der typisch linke Nörgelkreis: Die Leistungen müssen hoch, dann stellt man empört fest, dass sich Arbeit nicht mehr lohnt, also höherer Freibetrag nötig und Lohnerhöhungen, dann… Mehr

DieSonne
5 Monate her

Und dann blöken die linken Schlaumeier, dass der Mindestlohn zu niedrig ist.
Die Frage, ob nicht einfach die Steuern darauf zu hoch sind, versteht diese Klientel im Allgemeinen nicht.

Texel
5 Monate her

Betrifft nicht genau das Thema, hat mich allerdings umgehauen, als ich gestern die vom Steuerbüro erstellte Steuerklärung 2020 meiner amerikanischen Freundin (Retired, Single) zum Lesen bekommen habe. Bruttoeinkommen 122 T$ aus Dividenden, Zinsen, Veräußerungsgewinnen, Rente. Abzugsposten 34 T$, also 88 T$ zu versteuerndes Einkommen. Darauf 11.400 $ EKSt.

Oliver Koenig
5 Monate her
Antworten an  Texel

Ich kenne die Zahlen eines Freundes in Luxemburg. Da kommen Dir die Tränen, sowohl was den Bruttoverdienst, als such die geringe Steuerbekastung angeht.