Neuer Lockdown? Wie ein Umfrage-Institut manipuliert

„Sollte Deutschland sofort wieder in einen Lockdown zurückkehren, um eine heftige dritte Corona-Welle zu verhindern?“ ist eine klassische Suggestivfrage. Eine Politik, die sich darauf stützt, ist so unserös wie die Umfrage.

Getty Images | Screenprint: Civey

Soll Deutschland nach einer kurzen und vorsichtigen Öffnung gleich in einen dritten Lockdown? Genau das fordern Politiker wie Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) und Virologen wie Melanie Brinkmann. „Wir müssen möglichst schnell wieder auf einen wissenschaftlichen Weg kommen“, meinte Kretschmer am Dienstagabend. Er hält die Öffnungsversuch schon für einen „gescheiterten Versuch“.

Ganz ähnlich argumentieren Brinkmann und andere Lockdown-Anhänger auf Twitter:

Das Umfrage-Institut Civey scheint dafür die passenden Zahlen zu liefern. Auf dessen online gestellte Frage „Sollte Deutschland sofort wieder in einen Lockdown zurückkehren, um eine heftige dritte Corona-Welle zu verhindern?“ antworten 41,4 Prozent: „Ja, auf jeden Fall“, weitere 12,5 Prozent „eher ja“, deutlich mehr als diejenigen, die einen neuen Lockdown klar oder eher ablehnen (32,2 und 9,6 Prozent).

Screenprint: civey

In seiner Frage suggeriert Civey, eine „heftige dritte Corona-Welle“ sei eine schon feststehende Tatsache. Die „dritte Welle“ hatte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach bereits am Beginn der Öffnung diagnostiziert („wir lockern in die dritte Welle“).

Erst seit dem 8. März dürfen Geschäfte im Nicht-Lebensmittelbereich wieder unter Auflagen öffnen und Schulen zum regulären Unterricht zurückkehren.

Für eine neue Welle, die sich in den vergangenen zehn bis 14 Tagen aufgebaut hätte, sprechen die Corona-Daten allerdings nicht. Weder die Zahl der mit Covid-19-Fällen belegten Intensivbetten stieg merklich an, noch die Zahl der Todesfälle. Die Zahl der mit Covid-19-Kranken belegten Betten betrug am 16. März 2.851, am 17. März 2.859. Zum Vergleich: am 1. Januar 2021 waren es 5.598. Und auch damals stand das Gesundheitssystem nicht vor einer Überlastung. Der Sieben-Tages-Durchschnitt der Todesfälle an und mit Corona lag per 17. März bei 249. Am 6. März, also kurz vor der Teilöffnung, waren es noch 300.

Der R-Wert, die Zahl, die angibt, wie viele andere ein Infizierter rechnerisch ansteckt, sank in den vergangenen Tagen sogar. Am 17. März lag er bei 1,06, am 14. 3. stand er noch bei 1,19. Auf seinem letzten Höhepunkt im Oktober 2020 betrug er 1,44. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil Lockdown-Befürworter die Maßnahme damit begründen, die verschiedenen neuen Mutationen seien ansteckender als die alten Viren-Varianten.

Auch bei der 7-Tages-Inzidenz – für die Politik derzeit das Maß aller Corona-Dinge – bewegte sich wenig. Sie lag laut RKI am 17. März bei 86,2, am 18. März bei 90. Das sind zwar mehr als in der Vorwoche (8. März: 68) – sie schlägt sich allerdings weder in der Krankenhausbelastung noch in den Todeszahlen nieder. Die 7-Tages-Inzidenz für über 85-jährige, also die besonders gefährdete Gruppe, sinkt sogar seit mehreren Wochen deutlich. Für eine „heftige Welle“, die nach noch nicht einmal zwei Wochen Teilöffnung schon wieder eine Totalschließung mit Milliardenkosten pro Monat erfordern würde, spricht derzeit keine Zahl.

Politiker, die einen neuen Lockdown wünschen, können sich allerdings nur auf Umfrageergebnisse wie das von Civey berufen – auch, wenn es überhaupt erst durch eine Suggestivfrage zustande kommt.

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Kommentare ( 79 )

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RandolfderZweite
26 Tage her

Uns fliegt alles um die Ohren, nicht unbedingt durch Corona, sondern durch die fehlende politische Weichenstellung nach den „fetten“ Jahren. Die Sachpolitik wurde mit dem Fukushima-Unfall aufgegeben, hier kommt „Corona“ gerade recht, um alles zu kaschieren. Für die Regierung gilt heuer: blinder Aktionismus in allen Bereichen! Die Flüchtlingspolitik war der gefühlte Startschuss in eine neue trügerische Weltordnung, hier (2015) begann auch die offensichtliche Abkehr der Medienschaffenden von seriöser Arbeit (abgesehen von wenigen Ausnahmen). Das Experiment neue „Weltordnung“, bisher auf Deutschland und seine Gesandten, wie Ursula von der Leyen, Rackete und Neugebauer beschränkt, sieht den kompletten Umbau der heutigen Gesellschaft vor.… Mehr

Oberster Souveraen
27 Tage her

Am 20. März ab 12.00 Uhr in Kassel im Staatspark Karlsaue gegen diesen Corona-Wahnsinn demokratisch zu protestieren ist eine Möglichkeit, dieser völlig irren unverhältnismässigen Politik des Great Reset vermehrt die Grenzen aufzuzeigen. Demos für Freiheits- und Grundrechte gibt es an diesem Samstag übrigens weltweit.

Deutscher
27 Tage her

Interessant ist bei den Ergebnissen immer der Unterschied zwischen Rohdaten und „repräsentativen Daten“ (sofern die erstgenannten überhaupt zur Ansicht angeboten werden). Da müsst Ihr mal drauf achten! Es ist erhellend.

Last edited 27 Tage her by Deutscher
Aqvamare
27 Tage her
Antworten an  Deutscher

Rohdaten wurden letzte Woche entfernt.

elly
27 Tage her

Das Umfrageergebnis zeigt mir die Dummheit der Leute. Sich durch einen Halbsatz manipulieren und in Panik versetzen lassen.

Dr. Michael Kubina
27 Tage her

Warum fragt man nicht einfach: Sind sie für einer Verschärfung bzw. Verlängerung des Lockdown oder dagegen? Alles andere ist Manipulation. Gerade bei Civey gibt es fast nur Suggestivfragen, da ist die zum Lockdown hier noch recht neutral. Oft wird gefragt: Sind Sie dafür, dass für das Ziel X mehr getan werden muss oder finden Sie, dass genug getan wird. Die Möglichkeit, das Ziel X abzulehnen oder nicht für sinnvoll zu halten, wird gar nicht gegeben

Wolfgang M
27 Tage her

Nun warten wir einfach ab, ob die 3. Welle kommt. Meines Erachtens hat Lauterbach recht. In 14 Tagen wissen wir mehr.
Ganz abgesehen davon:
Im letzten Sommer lag die Zahl der Corona-Intensivpatienten in Norddeutschland bei 30. Aktuell liegt sie bei 450. Die Zahl der Beatmeten lag bei 16, aktuell bei 250. Man kann sich alles schönreden.
https://www.ndr.de/nachrichten/info/Corona–Intensivbetten-Norddeutschland-Deutschland-Kapazitaet-Auslastung,intensivbettenhintergrund100.html

John Beaufort
27 Tage her
Antworten an  Wolfgang M

1. Sie vergleichen Sommer mit Winter, was das ganze Argument sofort ad absurdum führt. Eine zunahme der Grippepatienten (darunter viele durch Coronaviren verursacht) ist jeden (!) Winter zu beobachten. Und 2. Ist ihnen klar, dass ein „Corona-Intensivpatient“ jeder ist, der auf Corona positiv getestet wird, nicht jeder mit entsprechenden Symptomen? Wieviele Patienten positiv auf CoVid19 getestet sind und wieviele Beatmete positiv sind, ist völlig egal. Beispiel: Wenn statt 100 CoVid19-Toten 100 Menschen an älteren Coronaviren stürben, wäre das Ergebnis dasselbe. Was zählt ist, wieviele Menschen insgesamt auf Intensiv liegen und wieviele insgesamt beatmet werden oder an Atemwegserkrankungen sterben. Nur daran… Mehr

Last edited 27 Tage her by John Beaufort
Michael Palusch
27 Tage her
Antworten an  John Beaufort

die Erkrankungsrate an Atemwegserkrankungen normal.

Sehr richtiger Kommentar!
Kleine Korrektur:
Sie ist nicht „normal“ im Sinne von „wie immer“, sondern „normal“ im Sinne von „auf der niedrigsten Stufe“. Absolut ist sie sogar wesentlich niedriger als 2019 und 2020.

Last edited 27 Tage her by Michael Palusch
MagicTE
27 Tage her

Glaube keiner Umfrage, die du nicht selbst designed hast. Wie wär’s mit ,,Sollte Deutschland sofort wieder in einen Lockdown zurückkehren, um der Kultur-, Fitness- und Gastrobranche endgültig das Genick zu brechen?“
Diese als Umfragen getarnte Meinungsbildung langweilt mich.

Der Prophet
27 Tage her

Bis vor kurzem konnte man sich bei Civey auch immer die Rohdaten ansehen. Das ist nun leider nicht mehr möglich. Warum man diese Transparenz jetzt scheut, liegt wahrscheinlich an der häufig großen Diskrepanz zwischen Rohdaten und räpresentativem Ergebnis, das vermutlich auch bei dieser Umfrage weit auseinanderklaffen wird. Vielleicht kommt TE ja an die Rohdaten ran!?

Nix fuer ungut
27 Tage her

Journalisten sollten nicht mehr verniedlichend von Lockdown schreiben, sonder sich die Zeit nehmen und stattdessen „Zwangsschliessung und Berufsausübungsverbot“ schreiben.

Vielfahrer
27 Tage her

Dazu passt, dass Civey neuerdings nicht mehr die Rohdaten der Umfragen sichtbar macht, sondern nur noch die Ergebnisse der Altersgruppen. Noch Fragen?